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Win-Win beim Schäfer
Schafe

Den Berufsschäfern geht es wirtschaftlich schlecht. Stagnierende oder gar sinkende Preise für Fleisch und Wolle, die Konkurrenz durch Lammfleischimporte, steigende Produktionskosten und rückläufige Subventionen gefährden die Überlebensfähigkeit der Wanderschäfereien im Lande. Wo Schäfer ihren Beruf aufgeben, entsteht eine spürbare Lücke im Natur- und Landschaftsschutz. Denn: Schafe sind Landschaftspfleger. Unsere Kulturlandschaften sind durch extensive Nutzung entstanden. Ohne diese Nutzung würden sie ihr Gesicht verändern. Damit haben auch die Menschen das Nachsehen, die sich an der Landschaft erfreuen und sich darin vom Alltags-Stress erholen. Und die kleinen Menschen, die Kinder, halten sich gern bei Schäfern und Schafen auf. Der Kontakt mit den Tieren baut Agressionen ab, trainiert das Verantwortungsbewusstsein und ist Labsal für die Seele. Diese wichtige Sozialisations-Möglichkeit geht verloren, wenn Schäfereien aufgeben müssen.

Die Landeszentrale für Umweltaufklärung hat deshalb das Projekt "Menschen - Schafe - Landschaft" gestartet. Hierfür wurde ein Expertenteam gewonnen, zu dem auch ein Berufsschäfer gehört. Gemeinsam mit anderen Schäfern aus Rheinland-Pfalz wurde im Rahmen vieler Veranstaltungen nach Wegen gesucht, auf denen sich die wirtschaftliche Lage der Schäfereien verbessern lässt.

Bisher sind eine ganze Reihe von Möglichkeiten erarbeitet worden. Da steht zunächst ein Bündel von Ideen unter dem Stichwort "Soziales Lernen". Dazu gehört die Zusammenarbeit mit Kindergärten oder mit Eltern-Kinder-Gruppen sowie die Arbeit mit gehemmten, kontaktscheuen Kindern in Kooperation mit FachberaterInnen. Ein besonderes Angebot soll es ermöglichen, Lämmer, die noch mit der Flasche ernährt werden, auszuleihen, damit Kinder durch die regelmäßige Pflege der Tiere Pflichtbewusstein und Verantwortung lernen. Wenn die Tiere älter sind, werden sie wieder zurückgenommen.

In den Bereichen Tourismus und Marketing soll die Zusammenarbeit intensiviert werden. Beispielsweise dürfte die Werbung sowohl für touristische Angebote als auch für Fleischprodukte kostengünstiger und auch effektiver sein, wenn mehrere Schäfereien sie gemeinsam betreiben. Für die Fleischvermarktung soll die direkte Kooperation mit Metzgereien und Gastronomiebetrieben gesucht werden.

Ein Anfang ist gemacht, die Chancen stehen nicht schlecht, dass einige Ideen verwirklicht werden. Das Team der Arbeitsgemeinschaft "Menschen - Schafe - Landschaft" hat in den gemeinsamen Besprechungen eine Aufbruchstimmung bei den beteiligten Schäfern ausgemacht. Aber damit nicht genug. Der Dialog ist nicht nur untereinander, sondern auch mit möglichen Partnern wie Sozialarbeitern, Juristen, Psychologen, Erziehern sowie Vertretern von Verwaltungen und sonstigen Institutionen in Gang gekommen. Kontakte wurden zu unterschiedlichen Heimen und zum Landesjugendamt geknüpft. Lokale Tourismus- und Vermarktungsorganisationen sind die nächsten Ziel-Partner. In einem zweiten Schritt wird jetzt nach Wegen gesucht, wie in ganz konkreten Modellprojekten die Ideen umgesetzt werden können. Dabei gilt immer der Anspruch, wirtschaftlich tragbare Produkte zu entwickeln, um den Schäfern zusätzliche Einnahmequellen zu erschließen. Der Gewinn für die Schäfer scheint vorprogrammiert - und damit auch der Gewinn für die Natur sowie für viele große und kleine Menschen. Auf neudeutsch nennt man so etwas eine Win-Win-Situation.

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