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Kompetenz vor Ort aufbauen
 

Fortbildungen für die Lokale Agenda 21

Einen stadtweiten Dialogprozess zu initiieren, zu koordinieren und mit der Kommunalpolitik zu verknüpfen gehört normalerweise ebenso wenig zum Standardrepertoire einer Kommunalverwaltung wie die Moderation von Arbeitskreisen. Ein Grund, warum solche Tätigkeiten von den Kommunen gerne nach außen vergeben werden, an darauf spezialisierte Büros. Das mag zwar die regionale Wirtschaft beleben, ist aber in Zeiten knapper öffentlicher Kassen für viele Kommunen nicht machbar.

Bei der Unterstützung der Lokalen Agenda 21 durch das Land Rheinland-Pfalz geht es darum, Kapazitäten und Kompetenzen aufzubauen. Dafür bietet die LZU in Kooperation mit Partnern wie ICLEI, der Evangelischen Landjugendakademie in Altenkirchen und dem Umweltforschungsinstitut Tübingen Fortbildungen an.

Das Fortbildungskonzept zur Lokalen Agenda 21 ist dabei ganzheitlich im Sinne eines kommunalen Gesamtentwicklungskonzeptes. Alle wesentlich neuen Aufgaben der lokalen Agenda-21-Arbeit werden eingeübt, die Sach- und Facharbeit bleibt hingegen unberührt, da sie in den verschiedenen Abteilungen der Verwaltungen bestens etabliert ist. Der Schwerpunkt liegt nicht auf Themen der Umwelt-, Wirtschafts- oder Sozialpolitik, sondern auf ihrer Verknüpfung durch neue Verfahren: Moderationstechniken, Prozessmanagement, Öffentlichkeitsarbeit, Konfliktlösungsstrategien, Evaluationsmethoden. Im Sinne einer breiten Beteiligung richten sich die Seminare nicht nur an Verwaltungsangestellte, sondern an sämtliche Agenda-Aktiven.

Die angebotenen Fortbildungen sind geprägt von einem für viele Teilnehmende neuen Stil: Nicht Vorträge von Experten zum Mitschreiben stehen im Mittelpunkt, sondern "Learning by doing", Übungen, bei denen die Inhalte durch aktives Ausprobieren vermittelt werden. Selbstverständlich werden da Fehler gemacht, die in der Fortbildungsgruppe jedoch aufgearbeitet werden und damit Erfahrungen "am eigenen Leib" ermöglichen.

Die dahinter stehende Erkenntnis ist so einfach wie überzeugend: Wo Menschen nicht nur dasitzen und zuhören, sondern selbst neue Dinge ausprobieren, entsteht zwischenmenschliche Verbindung und kann Begeisterung entstehen. Beides ist nötig, damit diese Menschen das Gelernte "zu Hause" weiter anwenden.

Fortbildungen zur Lokalen Agenda 21 gibt es in drei verschiedenen Formaten:

  • Die Moderationsausbildung ist als längerfristiger Lehrgang in vier Blöcken zu je vier Tagen konzipiert und findet zentral für das ganze Land an der Evangelischen Landjugendakademie in Altenkirchen statt.
  • Als Intensivtraining zu einzelnen Aspekten der Lokalen Agenda werden anderthalbtägige Workshops jeweils mehrmals in den verschiedenen Regionen von Rheinland-Pfalz angeboten.
  • Daneben gibt es Einzelveranstaltungen für bestimmte Zielgruppen, wie beispielsweise Förster, Landfrauen oder Unterrichtende an Volkshochschulen, die in Zusammenarbeit mit ihren jeweiligen Fachverbänden zustande kommen.

So kann auf unterschiedliche Fortbildungsbedürfnisse, Zeitbudgets und finanzielle Mittel der Teilnehmenden eingegangen werden.

Solides Fundament: Grundkurs Moderationstraining

Rheinland-Pfalz bietet im Rahmen seiner Unterstützung für die Lokale Agenda 21 die im Vergleich mit anderen Bundesländern fundierteste Moderationsausbildung an. Dies zeigt sich schon am Zeitumfang der Fortbildung: Bereits die Grundausbildung umfasst acht Kurstage - moderieren lernt man eben nicht mal schnell an einem Wochenende. Die Fortbildung ist primär konzipiert für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Kommunalverwaltungen, und tatsächlich gehörten die meisten Teilnehmenden der bisher seit 1998 insgesamt fünf durchgeführten Grundkurse dieser Zielgruppe an. Jedoch finden sich unter ihnen ebenso auch Verantwortliche aus Verbänden, Parteien und ehrenamtlich in lokalen Agenda-21-Prozessen Engagierte: Menschen, die die Initiative für die Lokale Agenda 21 vor Ort ergriffen haben, den Prozess aktiv unterstützen, und dafür neue Kompetenzen erwerben wollen.

Ziel des Grundkurses ist es zuallererst, ein gemeinsames Grundverständnis über die zentralen Begriffe und Konzepte herzustellen, die im Rahmen der Lokalen Agenda Verwendung finden:

  • Worin liegt der Unterschied zwischen Nachhaltigkeit und Umweltschutz? Was heißt es, ökologische mit wirtschaftlichen und sozialen Fragen zu verknüpfen?
  • Was ist neu an der Lokalen Agenda 21? Wie unterscheidet sie sich von anderen kommunalen Entwicklungsprozessen wie Stadtmarketing, Dorfentwicklung oder Stadtentwicklungsplanung? Warum werden Bürgerbeteiligung und Öffentlichkeitsarbeit zu zentralen Instrumenten?
  • Was ist Moderation und welche Rolle nimmt im lokalen Agenda-21-Prozess der Moderator ein? Was ist anders als bei der Fernsehmoderation?

Um all dies nicht theoretisch behandeln zu müssen, basiert das von ICLEI und dem Umweltforschungsinstitut Tübingen (ufit) entwickelte Grundkurskonzept auf einem Planspiel: Die Teilnehmenden übernehmen in verschiedenen Rollen die Initiative für den Start eines lokalen Agenda-Prozesses in der fiktiven Gemeinde "Lokagen". Sozusagen vor Ort werden die oben genannten Fragen praktisch angegangen und geklärt, um letztlich zu einer gemeinsamen Strategie für den Lokagener Agenda-Prozess zu gelangen. Das Einüben grundlegender Moderationstechniken mit intensiven, teils Videounterstützten Rückmeldungsphasen seitens der Trainer ist also stets gekoppelt an die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema.

Der Blick auf den richtigen Start wird schließlich ergänzt durch die Frage nach dem "gelungenen Ende" des Agenda-Prozesses. Teilnehmende müssen lernen, bereits frühzeitig strategisch auf die Art von Ergebnis hinzuarbeiten, die die Gemeinde sich aus dem Prozess erwartet. Ein umfassender Plan erfordert beispielsweise andere Schritte als ein Bündel konkreter Projekte, ein Set von Nachhaltigkeitsindikatoren andere Beteiligte als ein Leitbild.

Eine wesentliche Erkenntnis aus den bisherigen Grundkursen: Die Lernbedürfnisse der Teilnehmenden waren selten ausschließlich auf Moderation im engeren Sinne ausgerichtet. Stattdessen rückte mehr und mehr das Prozessmanagement in den Vordergrund. Gerade die Tätigkeit der so genannten "Agenda-Koordinatoren" oder "Agenda-Beauftragten" in den Kommunalverwaltungen des Landes besteht vor allem darin, den gesamten Agenda-Prozess zu skizzieren, zu steuern, zu koordinieren - und möglicherweise die Moderatoren der Arbeitsgruppen zu betreuen.

 

 

Warum brauchen Agenda-Aktive Moderationskenntnisse? 5 Gründe:

  • Sie haben laufend mit der Moderation von Gruppen und Prozessen zu tun.
  • Sie sollten externen Moderatoren ein kompetenter Partner sein.
  • Moderationstechniken helfen, den Arbeitsalltag effektiver zu gestalten.
  • Moderationskenntnisse helfen, die Kommunikation mit BürgerInnen zu verbessern.
  • Machen mehrere Menschen in einer Agenda-Gruppe gemeinsame Moderationserfahrungen, werden sie professioneller und menschlicher miteinander umgehen.
   
Gerhard Schaa

Gerhard Schaa, Leiter der Ordnungs-, Schul-, Sozialabteilung und Agenda-Anlaufstelle der Verbandsgemeinde Dannstadt-Schauernheim

Herr Schaa, was war Ihre Motivation, das Moderationstraining zu absolvieren?
Als klar war, dass ich die Funktion des Agenda-Beauftragten für unsere Verbandsgemeinde übernehmen sollte, musste ich mich erst einmal orientieren, was da auf mich zukommen würde. Beteiligungsorientierte Arbeitsweisen, der Aufbau neuer Kommunikationsstrukturen, die Auswahl von Moderatoren für die Arbeitskreise. Ich suchte nach einer geeigneten Fortbildung, um diese neuartigen Aufgaben kompetent angehen zu können.

Sie haben sowohl den Grund- als auch den Aufbaukurs absolviert und sind jetzt zertifizierter Moderator. Was hat Ihnen das Training gebracht?
Die Ausbildung zum Moderator war persönlich und fachlich eine wertvolle Erfahrung. Die konzentrierte Arbeit über mehrere Tage und in mehreren Phasen war eine intensive, fruchtbare Lernsituation für mich. Gleichzeitig habe ich die komplexen Anforderungen an Agenda-Arbeit verstehen gelernt. Und die Übung im Umgang mit Konfliktsituationen ist mir auch bei meinen Aufgaben jenseits des Agenda-Prozesses nützlich.

Wo arbeiten Sie heute als Moderator?
Hier in der Verbandsgemeinde unterstütze ich die verschiedenen Verwaltungsabteilungen in der Begleitung des Agenda-Prozesses und helfe bei der Suche und Auswahl von Moderatoren für Arbeitskreise. Als eigentlicher Moderator trete ich vor Ort nur in Notfällen auf, denn ich möchte die Funktionen Verwaltung / Moderation nicht vermischen. Aber ich moderiere einzelne Arbeitskreise in Agenda-Prozessen in der Region übrigens zusammen mit meinem Kollegen Pit Knoth, den ich auf dem Moderationstraining kennen gelernt habe. Wir sind auch Mitglieder im Moderatorennetzwerk Rheinland-Pfalz.

 

Stefan Kuhn
Stefan Kuhn ist Direktor des Europäischen Lokalen-Agenda-21 Programms bei ICLEI.
"Die Leute, die da sitzen, haben Sachverstand und sind in der Lage, Probleme zu lösen wenn der Moderator sie nur lässt, wenn die Moderatorin sie anleitet. Die dazu nötigen methodischen Hilfestellungen wollen wir den Teilnehmenden in unseren Kursen beibringen.
Auf der inhaltlichen Seite geht es mir vor allem um ein fundiertes Verständnis davon, was Lokale Agenda 21 bedeutet: Ein Agenda-Projekt ist eben nicht einfach entweder ein rein ökologisches, oder ein soziales oder ein Wirtschaftsförderungsprojekt. Wenn es mehr Nachhaltigkeit für die Gemeindeentwicklung bewirken soll, muss es Synergien schaffen zwischen den gesellschaftlichen und ökologischen Erfordernissen. Dafür müssen erst einmal alle, die hierzu beitragen könnten, an einen Tisch gebracht werden, womit wir wieder bei der Moderation wären."
   
 

Helmut Bauer (ufit - umweltforschungsinstitut tübingen), Moderator und Trainer.

"Erfolgreiche Agenda-Prozesse benötigen erfolgreiche Bürgerbeteiligungsverfahren. In der Bundesrepublik bestehen diese vorwiegend aus Bürgerversammlungen und der Arbeit mit Bürgergruppen wie Arbeitskreise oder Projektgruppen. Belegbar ist, dass deren Ergebnisse ganz wesentlich von den Moderationsleistungen der "Gruppenleitung" abhängen: Je besser die Moderation, desto effektiver die Arbeit. Dem Vorurteil, diese Gruppen seien nur "Schwätzerrunden", kann also dadurch begegnet werden, eine gute Moderation zu sichern. Das unterstützt die LZU mit der Förderung einer fundierten, speziell auf die Agenda-Anforderungen konzipierten Moderationsausbildung. Hintergründe und Ziele der Agenda 21 sind ebenso Lernmodule wie gruppentheoretische Grundlagen und Konfliktbewältigungsstrategien. Unser Training empfiehlt sich übrigens nicht nur für angehende ModeratorInnen. Auch für Agenda-Beauftragte lohnt sich die Teilnahme. Sie können Moderationsleitungen besser beurteilen oder die Ko-Moderation übernehmen."

 

 

Kompetenz für Qualitätssicherung: Aufbaukurs Moderationstraining

 

Eleonore Hefner
Eleonore Hefner hat das Agenda-Büro der Initiative "Lokale Agenda 21 Ludwigshafen e.V." mit aufgebaut und ist im "Forum EineWelt" in der Lokalen Agenda 21 aktiv. Sie hat Grund- und Aufbaukurs des Moderationstrainings in Altenkirchen besucht.
"Bürgerbeteiligung ist für mich in mehrerlei Hinsicht ein ganz zentraler Punkt im Agenda-Prozess. Jedoch kann man nicht einfach in eine BürgerInnenversammlung gehen und sagen: "Bestimmt jetzt mal selbst!" - Man muss die Bedingungen dafür schaffen, damit Beteiligung der Bürger wirklich klappt. In den unterschiedlichsten Bereichen, in denen ich berufliche Erfahrungen habe - als städtische Angestellte, als Geschäftsführerin einer NGO (Kultur Rhein-Neckar e.V.) im Ballungsgebiet Rhein-Neckar, als Dozentin, habe ich immer wieder feststellen müssen, wie schwierig es ist, Formen zu finden, die wirklich Beteiligung ermöglichen. Mein Anliegen war daher, in der Fortbildung Techniken der Moderation zu verbessern und zu entwickeln, neue Methoden kennen zu lernen, um damit positiv im Agenda-Prozess wirken zu können."
 

 

Mehr noch als der Grundkurs verfolgt der Aufbaukurs das Ziel, die Teilnehmenden zu Moderatoren zu machen im Sinne einer inneren Grundhaltung. Was auch immer ihre Tätigkeit innerhalb oder außerhalb der Kommunalverwaltung sein mag, die Erarbeitung gemeinsamer Ergebnisse mit verschiedenen Beteiligten wird in einer sich immer stärker ausdifferenzierenden Gesellschaft zunehmend wichtiger. Und Persönlichkeiten, die mit einer gewissen Selbstverständlichkeit moderierend auf solche Ergebnisse hinarbeiten können, werden immer mehr zu gesuchten, aber nicht immer leicht zu findenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Zum zweiten Teil der Moderatorenausbildung gehört auch die Beschäftigung mit speziellen Moderationsmethoden für punktuelle Veranstaltungen wie etwa Zukunftswerkstätten, Zukunftskonferenzen oder Open Space-Konferenzen. Den Teilnehmenden wird klar, dass Moderation nicht "Budenzauber" zur Auflockerung langweiliger Sitzungen ist, sondern Handwerkszeug zur Erreichung eines ganz bestimmten und in jeder Phase des Agenda-Prozesses neu zu definierenden Zieles, das ohne Moderation kaum erreicht werden kann.

Im Mittelpunkt der Beschäftigung mit dem Management des Gesamtprozesses steht das Thema Evaluation. Die Teilnehmenden lernen die unterschiedlichen Evaluationsziele im lokalen Agenda-21-Prozess - wie beispielsweise Erfolgsmessung, Nach haltigkeitsbewertung, Prozessqualitätssicherung - zu unterscheiden und die jeweils richtigen Methoden und Hilfsmittel zu wählen.
Das Ergebnis aus bisher drei Aufbaukursen ist ermutigend: Nach 16 Tagen Moderationstraining ist jedes Mal eine Gruppe entstanden, die sich als starkes Netz trägt. Moderationen werden untereinander beraten, man hilft sich gegenseitig aus, kennt die jeweiligen Stärken und Schwächen der anderen. Aber es gibt auch ein eher unerwartetes Nebenergebnis: Manch ein Teilnehmer stellt am Ende des Kurses fest, dass er lieber die Finger vom Moderieren lässt und stattdessen die erlernten Fähigkeiten dazu einsetzt, beauftragte Moderatoren zu beurteilen und mit ihnen eng zusammen zu arbeiten. Ein gar nicht hoch genug zu schätzender Beitrag zur Qualitätssicherung in Agenda-Prozessen.

 

Hans-Heiner Heuser
Hans-Heiner Heuser, Evangelische Landjugendakademie in Altenkirchen.
"Agenda-Prozesse brauchen eine zielorientierte Moderation, die das zusammenführt, was Akteure und Beteiligte sagen, vorschlagen, durchführen. Aktive kommunale Agenda-ModeratorInnen haben lernen müssen, mit der Gruppe als Souverän zu arbeiten, mit dem Selbstverständnis umzugehen, das die Gruppe entwickelt. In den Kursen wird deutlich, dass Partizipation und Konsens nicht leere Worthülsen bleiben dürfen, sondern Werte sind, die durch Moderation mitgefördert werden. Das Ergebnis des Dialogs ist offen und wird durch die Gruppe bestimmt.
Das Konzept einer landesweiten Ausbildung für ModeratorInnen in Rheinland-Pfalz hat sich bewährt. Für Kommunen und Verbände konnte ein Potential von MitstreiterInnen für eine nachhaltige Entwicklung qualifiziert werden. Auch die Resonanz von den Teilnehmenden ist eindeutig: Moderationstraining macht Spaß und ist eine persönliche Bereicherung."
   
 
Mechthilde Wipfler, Diplom-Pädagogin und Trainerin im Moderationskurs:
"Die Lokale Agenda 21 bietet Frauen die Chance, auf kommunaler Ebene verstärkt ihre Kompetenzen und Interessen einzubringen. Und dies nicht nur als Akteurinnen in Arbeitsforen, sondern auch als Mitinitiatorinnen von Agenda-Prozessen, kompetente Mitwirkende in Gremien zur Prozess-Steuerung oder auch als (Ko-)Moderatorinnen von Agenda-Arbeitsgruppen."
   
 
Helga Seelbach, Diplom-Pädagogin mit Schwerpunkt Landfrauenarbeit, ist Trainerin des Moderationskurses.
"Landfrauen können ideale Multiplikatorinnen auf dem Weg einer nachhaltigen Entwicklung sein. Sie sind auf der kommunalen Ebene engagiert, in die sozialen und ökonomischen Verhältnisse vor Ort eingebunden und haben oft eine hohe Sensibilität für die Probleme und Entwicklungschancen einer Kommune."
 

 

Von der Lobbyistin zur Moderatorin - Moderationstraining für Landfrauen

Landfrauen sind an zahlreichen örtlichen Entwicklungs- und Entscheidungsprozessen beteiligt oder bringen sich und ihre Interessen ein, so auch in lokale Agenda-21-Prozesse. Sie sind organisiert in der Arbeitsgemeinschaft der Landfrauenverbände, der mitgliederstärksten Vereinigung im ländlich strukturierten Rheinland-Pfalz, die Frauen-Interessen im ländlichen Raum vertritt. Ein Schwerpunkt der Aktivitäten liegt auf der Qualifizierung von Mitgliedern und anderen Frauen für eine verstärkte Beteiligung an kommunalen Entscheidungsprozessen. Neben dem Moderationstraining finden dazu Fachtagungen und Weiterbildungen statt. Mit dem Moderationstraining sollen Landfrauen zunächst in die Lage versetzt werden, ihre Interessen in auf Konsensfindung angelegten Prozessen angemessen einbringen zu können. Hierfür ist es hilfreich, die Philosophie der Agenda 21 zu kennen und lokale Agenda-21-Prozesse von anderen - vor allem traditionell konfrontativ angelegten - örtlichen Beteiligungsprozessen unterscheiden zu lernen.

Daneben steht die intensive Beschäftigung mit dem Thema Nachhaltigkeit und seiner Bedeutung für Landfrauen und ihre Themen, die weit über den Bereich Landwirtschaft hinausgehen.

Damit das Engagement der Landfrauen sich im Rahmen der Lokalen Agenda 21 jedoch nicht auf das Einspeisen "landfrauenspezifischer" Sichtweisen beschränkt, werden grundlegende Kenntnisse in Moderationstechniken und Prozessmanagement vermittelt. Sie sollen die Teilnehmerinnen dazu ermutigen, Arbeitsgruppen zu ihnen nahe liegenden Themen zu moderieren. Ein wesentlicher Inhalt des Moderationstrainings für Landfrauen ist denn auch der Umgang mit einem kaum zu vermeidenden Rollenkonflikt: Wie kann die bisher vor allem als Interessenvertreterin Aufgetretene und Wahrgenommene nun zur Moderatorin werden, die die Interessen anderer aufeinander abstimmen hilft?

Der Grundkurs des Moderationstrainings zur Lokalen Agenda 21 wurde hierfür sowohl inhaltlich als auch in seinem Format auf die Bedürfnisse der Frauen zugeschnitten und in drei Einheiten zu je drei Kurstagen durchgeführt. Dazu gab es ein besonderes "Schmankerl": Im Rahmen einer bestehenden Partnerschaft der rheinland-pfälzischen mit den oberschlesischen Landfrauen nahmen am Moderationstraining einige Frauen aus Oberschlesien teil - und entschlossen sich spontan, die ganze Gruppe zum zweiten Kursteil zu sich nach Polen einzuladen. Dieser Einladung folgten die rheinland-pfälzischen Frauen zusammen mit dem Trainerteam von ICLEI, ufit und der Evangelischen Landjugendakademie Altenkirchen freilich gern - und erlebten gleich einmal, was Lokale Agenda mit "über die eigene Kirchturmspitze blicken" zu tun hat.

 

 

Christel Kretzer lebt in Döttesfeld/VG Puderbach und arbeitet als Lebensberaterin und Schriftstellerin. Sie ist nach dem Moderationstraining in den Landfrauenverband eingetreten, den sie unter anderem durch Lesungen unterstützt.

"Mich hat der Lehrplan des Kurses angesprochen: Gleichzeitig meine Moderationsfähigkeit zu stärken und über die Agenda zu lernen, das war für mich eine interessante Kombination. Natürlich bedeutete das auch, dass der Kurs recht anspruchsvoll war. Uns wurde viel und komplexe Information geboten, und wir mussten das Gelernte auch gleich selbst anwenden."

   
Volker Krauth

Volker Krauth (ICLEI), Mediator und Trainer.

"In vielen Kommunen macht sich Agendamüdigkeit breit. Vormals motivierten BürgerInnen fehlt die Motivation, sich dauerhaft für eine nachhaltige Zukunft in ihrer Gemeinde zu engagieren. Ich denke, dass genau hier einer der wesentlichen Punkte für den Erfolg oder Misserfolg von Agenda-Prozessen liegt. Wie aber erziele ich dieses zumindest mittelfristige Engagement der Menschen? Hier ist eine kompetente Moderation der Bürgerbeteiligungsforen zentrale Anforderung. Professionelle Moderationstechniken, neben den inhaltlichen Bausteinen der Lokalen Agenda, sind ein unerlässliches Handwerkszeug, um dieser Agendamüdigkeit Paroli zu bieten. Die Leute sind ohne Frage bereit sich für ihr Dorf, ihre Gemeinde oder ihr Stadtviertel zu engagieren. Sie sind aber garantiert nicht bereit, ihre wertvolle Freizeit mit schwammigen, ziellosen Diskussionen zu verschwenden. Die Trainingsseminare sollen den potentiellen ModeratorInnen Methoden vermitteln, die ihnen helfen, BürgerInnen "wach zu halten", damit der Agenda-Prozess nicht in einen Dornrös-chenschlaf fällt. Es ist aber sicher auch eine verlockende Aufgabe einen eingeschlafen Prozess wach zu küssen."

 

 

Arbeitskreise lernen laufen
Workshop zur Organisation und Begleitung von Bürgerforen, Arbeitskreisen, Runden Tischen

Wie sämtliche dezentralen Seminare ist auch "Arbeitskreise lernen laufen" das, was man landläufig einen "Crashkurs" nennen würde: Eineinhalb Tage lang intensives Prozessmanagement-Training für Leute, die mit der Koordination eines lokalen Agenda-21-Prozesses betraut sind und das Ziel verfolgen, nicht nur nette Gesprächsrunden in ihrer Gemeinde abzuhalten, sondern arbeitsfähige Dialogprozesse aufzubauen und damit zu Ergebnissen zu kommen.

Häufig ist festzustellen, dass Arbeitskreise initiiert werden, ohne dass wesentliche Vorüberlegungen abgeschlossen sind:

  • Welche Aufgaben haben die Arbeitskreise genau? Sollen sie Ideen für die Kommunalpolitik liefern, ganze Entwicklungskonzepte für die Gemeinde erarbeiten oder eigenständig Projekte durchführen?
  • Wie wird die Arbeit der Arbeitskreise eingebunden in das tägliche kommunalpolitische Geschehen? Wann und in welcher Weise beschäftigen sich Gemeinderat und Verwaltung mit den Ergebnissen?
  • Wer soll an einem Arbeitskreis teilnehmen? Werden die Teilnehmenden aktiv angesprochen und nach Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe ausgewählt? Oder sollen alle Bürgerinnen und Bürger, die Interesse daran haben, teilnehmen dürfen?
  • Wie sollen die Arbeitskreise arbeiten? Genügt es, ihnen einen Raum zur Verfügung zu stellen oder braucht es Absprachen über Ablauf, Dauer, Häufigkeit und Gesamtzahl der Sitzungen, Ergebnissicherungsroutinen, Moderation und so scheinbar einfache Dinge wie Getränke?

Die Beteiligungsangebote seitens der Kommunalverwaltung an ihre Bürgerinnen und Bürger werden außerdem selten zielgruppenspezifisch entwickelt. Ist der gute alte Arbeitskreis wirklich die beste Methode, um wichtige gesellschaftliche Gruppen wie Jugendliche, Migranten, Arbeitslose, Unternehmerinnen oder Senioren zu erreichen? Die geringe Repräsentanz solcher Gruppen in den meisten Arbeitskreisen spricht da eine deutliche Sprache.

Das Seminar "Arbeitskreise lernen laufen" zielt darauf, Verwaltungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter sowie andere Agenda-Verantwortliche dabei zu unterstützen, arbeitsfähige Strukturen für die Lokale Agenda zu schaffen, ihren BürgerInnen eine sachgerechte Unterstützung anzubieten und ohne falsche Hemmungen eine ergebnisorientierte Steuerung zu übernehmen.

 

Rainer Feldhoff

Rainer Feldhoff, Agenda-Beauftragter in der Verbandsgemeinde Kirn-Land.

Das Seminarangebot der LZU war eine gute Gelegenheit, erst einmal selbst zu verstehen, worum es geht und was wichtig ist. Die Arbeit in Bürgergruppen ist ja Dreh- und Angelpunkt eines lokalen Agenda-21-Prozesses und der Aufbau dieser Strukturen ist eng mit der Prozessorganisation verknüpft. Die Bildung von Arbeitskreisen stand in unserer Verbandsgemeinde unmittelbar an da konnte ich die Inhalte des Seminars fast 1:1 umsetzen. Heute gibt es in der VG Kirn-Land zwei Arbeitsgruppen, die ich selbst leite eine dritte ist in Planung. Wenn schwierige Situationen in den Gruppen entstehen, helfen mir die im Workshop gelernten Methoden der Moderation, damit umzugehen.

 

 

Presse, Poster, Postwurfsendung Workshop zur kreativen Öffentlichkeitsarbeit für die Lokale Agenda 21

Nachhaltigkeit ist ein großes Wort, Lokale Agenda ein sperriger Begriff. Die Arbeit der Kommunalverwaltungen setzt ausgerechnet mit diesen Begriffen auf die Mitarbeit der gesamten Gemeinde. Es ist klar, dass hier eine nicht zu unterschätzende Vermittlungsarbeit zu leisten ist: Wer Bürgerinnen und Bürger zum längerfristigen Engagement für die "zukunftsbeständige Gemeinde" motivieren will, wird mit einem moralischen Appell allein nicht viel bewegen. Die Lokale Agenda 21 konkurriert mit dem Kino-, dem Fernseh- und dem abendlichen Freizeitprogramm. Nur wenn sie attraktiver ist als diese, wird sie Menschen zusammen bringen. Da für die entsprechende Werbung jedoch vor allem in kleineren Gemeinden nur begrenzte Mittel bereit stehen, muss mit umso kreativeren Angeboten gearbeitet werden - die Notiz im örtlichen Amtsblatt reicht dazu nicht aus. Ziel des Seminars ist, Ideen zu sammeln und Anregungen zu geben für eine zielgruppenorientierte Gestaltung von Medien auch bei knappem Budget.
"Presse, Poster, Postwurfsendung" ist demnach ein echter "Workshop" im wörtlichen Sinne: Eingebettet in einen theoretischen Rahmen, steht die exemplarische Erarbeitung und Gestaltung von Medien für die Lokale Agenda 21 im Mittelpunkt:

Ausstellung:

Durch eine Fülle von Praxisbeispielen und Anschauungsmaterialien werden Anregungen zum Nachahmen gegeben, Ideen weiter genutzt und gelungene Beispiele für Öffentlichkeitsarbeit weniger gelungeneren gegenüber gestellt.

Analyse:

Wie Werbung wirkt, lässt sich mit einfachen Analysemodellen untersuchen und auf die eigene Öffentlichkeitsarbeit übertragen. So wird gute Öffentlichkeitsarbeit nicht zum Glücksspiel.

Auswahl:

Kein Medium ist prinzipiell geeignet oder ungeeignet. Die Plakatserie, die bei der Auftaktveranstaltung noch erfolgreich war, kann sich bei der Bekanntmachung des erarbeiteten Leitbildes als völliger Flop erweisen. Die Teilnehmenden lernen daher, Anlass und Zielgruppe zu Schlüsselkriterien bei der Auswahl des Mediums zu machen.

Umsetzung:

Beim konkreten Ausgestalten von Medien entstehen während des Seminars nicht selten (Roh-)Produkte, die von den Teilnehmenden direkt im Anschluss daran im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit für die Lokale Agenda 21 "daheim" tatsächlich eingesetzt werden.

Verständliche Sprache:

Mindestens so wichtig wie der richtige Medieneinsatz ist die Übersetzung der Lokalen Agenda 21 in eine örtlich angepasste, verständliche Sprache. Was in der Produktwerbung über so genannte "Claims" wie "da weiß man was man hat" für Wiedererkennungseffekte sorgt, kann auch für den Gemeindeentwicklungsprozess Identität stiften. Übungen zur Erarbeitung eines passenden, griffigen Slogans für die Lokale Agenda 21 runden deshalb das Programm des Seminars ab.

Neben diesen handwerklichen Fähigkeiten geht es auch darum, geeignete Bündnispartner und Informationsträger auszumachen und anzusprechen, die helfen können, mediale Meilensteine zu setzen. Denn nur im Bündnis mit lokalen Medien kann es gelingen, die Lokale Agenda zum öffentlichen Thema zu machen und dadurch dauerhafte politische Unterstützung zu finden. Die dauerhafte Präsenz in der Tageszeitung erhöht den "Druck" auf die Politik, die Lokale Agenda ernst zu nehmen.

 

Katja Teichert
Katja Teichert, Umweltberaterin und Agenda-Beauftragte in der Kreisverwaltung Alzey-Worms und Agenda-aktiv in der Verbandsgemeinde Wörrstadt:
"Auf dem Workshop ist mir klar geworden, wie wichtig eine von Anfang an durchdachte Strategie für die Öffentlichkeitsarbeit ist. Zielgruppen müssen abgegrenzt und je nach ihren Anliegen angesprochen werden. Der konkrete Nutzen einer Beteiligung muss für jeden sichtbar sein."
   
Ernst Pendl

Ernst Pendl, Agenda-Beauftragter der Verbandsgemeinde Haßloch:
"Gut war, die Vielfalt von Medien vor Augen geführt zu bekommen und zu verstehen, wie PR-Arbeit nach den Prinzipien der Werbung funktioniert. Unsere Kleingruppe hat auf dem Workshop mit einer Broschüre ein ganz konkretes Produkt entwickelt, das ich direkt für meine Arbeit zu Hause verwenden kann."

 

 

 

Wenn's klemmt, wird's spannend Problemlösungswerkstatt Lokale Agenda 21

Was tun, wenn keiner mehr kommt, wenn die Presse nicht mehr schreibt, wenn Arbeitskreise zu Privatfehden werden, wenn Einzelne die Diskussion bestimmen, wenn Störer auftauchen, wenn keine Ergebnisse erzielt werden, die Politik mauert, wenn, wenn, wenn...?

Die "Spezialität" der Problemlösungswerkstatt zur Lokalen Agenda 21 ist, dass das Programm von den Teilnehmenden bestimmt wird. Konflikte und strukturelle Probleme lassen sich nur bedingt auf andere örtliche Gegebenheiten übertragen, und die Agenda-Beauftragte, die die Lösung "ihres" Problems am Beispiel einer anderen Gemeinde vorgeführt bekommt, muss deshalb noch lange nicht in der Lage sein, den eigenen Konflikt anschließend selbst zu lösen.

Da ist die Mitarbeiterin einer Verwaltung, seit einem halben Jahr als ABM-Kraft für die Lokale Agenda 21 eingestellt, die nicht erfährt, dass der Bürgermeister parallel mit dem Wirtschaftsförderer gerade einen Stadtmarketing-Prozess mit umfassender Bürgerbeteiligung startet. Da ist der ehrenamtliche Arbeitskreismoderator, der als langjähriger Vorsitzender der BUND-Ortsgruppe jedes Mal, wenn er die Ergebnisse seines Arbeitskreises präsentiert, zu hören bekommt, diese seien "doch geschönt". Da ist die Koordinatorin eines schon seit zwei Jahren laufenden Agenda-Prozesses, die unter dem Druck steht, die Vorschläge der beteiligten Bürgerinnen und Bürger in den Gemeinderat einzubringen - der jedoch klar signalisiert, dass er Wichtigeres zu tun hat.

Sie alle werden in der "Problemlösungswerkstatt" dazu angeleitet, ihre jeweilige Situation unter Einsatz von Hilfsmitteln zunächst genau zu beschreiben und so besser zu durchschauen. Häufig liegt in diesem Schritt bereits die mögliche Lösung. Wenn nicht, können nun gemeinsam mit den anderen Teilnehmenden Lösungsschritte und -alternativen erarbeitet werden.

Wichtig ist, wie auch schon in den anderen dezentralen Seminaren, vor allem die gesunde Mischung aus Praxisbezug und Vermittlung von Methoden, die auch in Zukunft und außerhalb des Seminars angewendet werden können. Diese Techniken werden in den eineinhalb Tagen exemplarisch eingesetzt, sozusagen "ausprobiert". Später in der Arbeit vor Ort können sie dazu beitragen, Konflikte frühzeitig zu erkennen, möglichst exakt zu lokalisieren und angemessen darauf zu reagieren. Dies wiederum ist die Voraussetzung dafür, dass wertvolle Energie nicht im Sich-Abarbeiten an Barrieren und Konflikten verloren geht, sondern in die inhaltliche Arbeit am kommunalen Zukunftsprogramm fließt.

 

Roland Beek

Roland Beek ist mit der Geschäftsführung des Agenda - Büros der Stadtverwaltung Ingelheim beauftragt.
"Im Verwaltungsalltag sind die Moderationstechniken und Problemlösungsmethoden, in die ich auf dem Seminar eingeführt wurde, Gold wert. Zum Beispiel habe ich eine interne Klausurtagung zur Optimierung von Arbeitsprozessen in der Verwaltung moderiert, auf der wir alltägliche Probleme im Arbeitsablauf analysiert und Lösungen gefunden haben."

 

 

 

Die Spreu vom Weizen trennen
Workshop zu Indikatoren und Kriterien für Nachhaltigkeit im lokalen Agenda-21-Prozess

"Nachhaltigkeit" ist in aller Munde, doch: Was ist nun nachhaltig und was nicht? Welches Projekt taugt zum Agenda-Projekt und welches nicht? Ebenfalls in aller Munde ist daher die Forderung nach "Indikatoren" und "Kriterien" für die Messung oder Beurteilung von Nachhaltigkeit. Keine leichte Aufgabe für diejenigen, die die Lokale Agenda 21 vor Ort steuern. Zahlreiche fertig ausgearbeitete Indikatorensysteme werden den Gemeinden zur Anwendung angeboten. Ebenso zahlreiche Beratungsbüros werben für ihre Unterstützung bei der Entwicklung ortsspezifischer Indikatoren. Verschiedene Abteilungen der Verwaltung winken ab.

Indikatoren sind ihr tägliches Brot und der Umweltbericht erscheint schließlich alle zwei Jahre. Mitarbeiter stöhnen, sie könnten die erforderlichen Daten ohnehin nicht zusätzlich beschaffen. Dazwischen kommen immer wieder Projektvorschläge von Arbeitskreisen, deren Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit sich niemandem auf den ersten Blick erschließt.

Was Indikatoren sind und was nicht, wozu sie nützlich sind und wozu nicht, wie sie aufgestellt werden und was man dabei beachten muss, ist deshalb Inhalt dieses Seminars.

  • Zunächst wird Klarheit geschaffen über die Unterschiede zwischen Nachhaltigkeitsindikatoren für die Gemeinde, Erfolgsindikatoren für den lokalen Agenda-21-Prozess und Nachhaltigkeitskriterien für Projekte. Damit wird auch geklärt, wann welches der genannten Hilfsinstrumente zum Einsatz kommt und - vor allem - wer hierfür geeigneterweise die Federführung übernimmt.
  • Einer der wichtigsten, in der gängigen Diskussion über Indikatoren leider völlig unterbelichteten Grundsätze ist das Verhältnis zwischen Indikatoren und Zielen. In gemeinsamen Übungen werden die Teilnehmenden dafür sensibilisiert, dass jede Diskussion über Indikatoren immer auch eine Diskussion über Ziele ist - entweder ganz explizit oder nur verkappt. Hinter der Frage, ob man beispielsweise die Anzahl der Fahrradständer als Indikator für eine nachhaltige örtliche Verkehrspolitik einsetzen möchte, verbirgt sich schließlich vor allem die Frage, was die Menschen in einer Gemeinde unter einer nachhaltigen Verkehrspolitik verstehen.
  • Aufbauend darauf werden den Teilnehmenden anhand von Übungen Schritte aufgezeigt, anhand derer im Rahmen eines lokalen Agenda-21-Prozesses Indikatoren erarbeitet werden können. Dabei werden allerdings auch die Fallstricke und Schwächen eines solchen Vorgehens thematisiert.
  • Die am weitesten verbreiteten Sets von Nachhaltigkeitsindikatoren und Kriterienkataloge werden schließlich genauer unter die Lupe genommen. Insgesamt geht es in dem Workshop niemals einfach um Werbung oder Ablehnung für den einen oder anderen Indikatorenset oder das eine oder andere Verfahren im Umgang mit Indikatoren. Vielmehr sollen die Teilnehmenden in die Lage versetzt werden, selbst zu beurteilen, welche der verfügbare Indikatoren, Kriterien und Methoden ihnen für welche Zwecke ihrer Arbeit unter den ganz konkreten Bedingungen vor Ort nun mehr oder weniger dienlich sind.
Gertrud Wipfler
Gertrud Wipfler ist Gleichstellungsbeauftragte in der Kreisverwaltung Birkenfeld und im Agenda-Prozess als Moderatorin eines Arbeitskreises aktiv.
"Das Seminar fiel in eine Phase, in der wir in unserem Arbeitskreis dabei waren, erste konkrete Projekte zu entwickeln. Da war es für mich wichtig, beurteilen zu können, inwieweit unsere Vorhaben tatsählich eine nachhaltige Entwicklung in Gang setzen können Indikatoren sind dazu ein nützliches Handwerkszeug. Während es relativ einfach ist, sich auf Ziele zu einigen, ist es schwer, sich auf geeignete Indikatoren festzulegen, die den Zielerreichungsgrad anzeigen können. Denn mit der Auswahl eines Indikators legt man immer auch eine bestimmte Sichtweise auf das Projektergebnis fest. Ich stelle immer wieder fest, wie schwierig es ist, sich auf die Seminarsituation einzulassen und von den eigenen Vor-Ort-Erfahrungen loszulösen. Allerdings ist gerade dieser Austausch über die Praxis mit anderen Agenda-Aktiven immer wieder fruchtbar."
 

 

Bei den Nachhaltigkeits-Experten zu Gast: Agenda-Weiterbildung für Förster

Mit der Agenda-Weiterbildung für Förster unterstützt die LZU ein Bildungsangebot der Landesforstverwaltung. Bisher haben vier zweitägige Seminare zum Themenkomplex "Lokale Agenda 21" stattgefunden, für die das Forstliche Bildungszentrum in Hachenburg jeweils das Konzept entwickelte. Eine eintägige Einführung bereitet den Teilnehmern den Weg in das komplexe Thema "Lokale Agenda 21". Der Theorieblock wird abgerundet durch ein Referat aus der Agenda-Praxis einer rheinland-pfälzischen Kommune. Umsetzungsbeispiele zum Thema Regenerative Energien (Hackschnitzelheizung, Blockheizkraftwerk, Windkraftanlage) am zweiten Seminartag bilden den praktischen Exkursionsteil.

Das Angebot stößt auf große Resonanz alle bisherigen Seminare waren ausgebucht und zeigt damit das wachsende Interesse der Forstwirtschaft, ihre Anliegen in lokalen Agenda-Prozessen zu artikulieren. Woran liegt es, dass Förster, die mit dem Ziel der Lokalen Agenda 21, einer nachhaltigen Entwicklung wohlvertraut sind, ein so großes Interesse an dieser Weiterbildung zeigten? "Mir ist es wichtig zu erfahren, wo und wie ich mich und meine Fähigkeiten als Förster in den Agenda-Prozess einbringen kann", beschrieb ein Teilnehmer seine Motivation. Und ein anderer ergänzte: "Man bekommt mit, dass immer mehr Kommunen Agenda-Prozesse starten oder starten wollen. Da ist es für mich als Förster wichtig Bescheid zu wissen, damit ich die Belange des Forstes rechzeitig einbringen kann".

Zunächst werden gemeinsam begriffliche und strukturelle Grundlagen erarbeitet, um das ABC eines Agenda-Prozesses verstehen zu lernen. In Kleingruppen entstehen dann "Übersetzungen" des Begriffes "Nachhaltigkeit", aus der rein forstlichen Fassung ("Im Wald nicht mehr Holz einschlagen als nachwächst") ins Gesellschaftlich-Politische. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf den Rollen und Aufgaben, die ein Förster aufgrund seiner lokalen Kenntnisse, der vielfältigen Kontakte und seiner Erfahrung in der Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern im Agenda-Prozess übernehmen kann: als Initiator auftreten, an Arbeitskreisen teilnehmen, als Sprecher fungieren, als Experte gehört werden, als Vermittler bei inhaltlichen Konflikten agieren, als Projektleiter oder Aktionspartner beispielsweise für öffentlichkeitswirksame Aktionen rund ums Holz zur Verfügung stehen.

Für die Teilnehmer ist es mitunter spannend zu erkunden, in welche Rolle sie im Agenda-Prozess schlüpfen könnten. Förster als vielseitig ausgebildete und ganzheitlich denkende Menschen, so das Fazit der meisten Teilnehmer, könnten dem Agenda-Prozess vor Ort durchaus einen qualitativen Schub geben.

Die Lokale Agenda 21 bietet zudem die Chance, den Arbeitsbereich der Forstwirtschaft, den Lebens- und Wirtschaftsraum Wald, stärker im gesellschaftlichen Bewusstsein zu etablieren: Holz als lokaler Energieträger und nachwachsender Baustoff, Wald als Erlebnis- und Erholungsraum, als Lebensraum für Flora und Fauna. Eine Chance, auch Marketing für den Wald zu betreiben - ein Tätigkeitsfeld im spannenden Kräftedreieck zwischen Ökologie, Wirtschaft und Gesellschaft.

 

 
Bernd Schaefer ist Revierförster im Forstamt Kirchen.
"Ich hatte mich schon sehr intensiv mit der Lokalen Agenda auseinandergesetzt. Trotzdem entstand ein interessanter Austausch auch durch die auf Exkursionen und durch Referenten vorgestellten Praxisbeispiele aus anderen Kommunen. Die meisten Themenbereiche berühren in irgendeiner Form das Ökosystem Wald. Ob es um die Errichtung von Passivhäusern in Holzrahmenbauweise oder um die energetische Nutzung des Holzes etwa in Blockheizkraftwerken geht, die Forstwirtschaft ist der Rohstoffproduzent des besten Ökostoffes und viele Themen gehören zum Tagesgeschäft des Försters. Die Förster sind als Experten für Wald und Umwelt wichtige Vertreter des öffentlichen Lebens. Ich versuche, mein Fachwissen in möglichst vielen relevanten Bereichen in die Agenda einzubringen - nicht zuletzt auch für die Zukunft, als Grundstein für meine Kinder."
   
Landkreis Rhein-Hunsrück

Zum Beispiel ...
Landkreis Rhein-Hunsrück

Moderation mit Qualität war und ist Erfolgsfaktor in der Lokalen Agenda 21 im Landkreis Rhein-Hunsrück. Das ist nicht zuletzt Folge der Nutzung des Fortbildungsangebots der LZU. nicht nur der Agenda-Beauftragte, sondern auch einige Arbeitskreis-ModeratorInnen nahmen am Moderationstraining in Altenkirchen teil.

Der Kreistag des Rhein-Hunsrück-Kreises war 1998 einer der ersten, die den Beschluss zur Aufstellung einer Lokalen Agenda 21 fassten. Dieser zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass er gute Voraussetzungen für die Verankerung des Agenda-Prozesses in Verwaltung und Politik schuf. Mit der Einrichtung eines Agenda-Büros in der Kreisverwaltung und der Bildung eines Ausschusses für Umwelt und Lokale Agenda wurden arbeitsfähige und verbindliche Strukturen etabliert.

Gleichzeitig gab der Beschluss die Strukturen für den Dialog- und Konsultationsprozess mit der Bevölkerung vor und definierte die Themen der Arbeitskreise, die im Zuge der Auftaktveranstaltung gegründet wurden:

  • Klima, Energie, Verkehr, Lärmschutz
  • Bauen/Umwelt, Natur und Landschaftsschutz, Land- und Forstwirtschaft
  • Wasser und Abfallwirtschaft
  • Arbeit, Soziales und Wirtschaft.
  • Koordination und Öffentlichkeitsarbeit wurden dem Agenda-Büro übertragen.

Gemäß Vorgabe der Verwaltung die im Zuge der Einführung des Neuen Steuerungsmodells erste Erfahrungen mit Schulungen in Moderationstechnik gemacht hatte - sollten die Arbeitskreise jeweils von einem eigenen Moderator geleitet werden. Der erste LZU-Kurs zum Moderationstraining kam da gerade recht. Um die Arbeit der Arbeitskreise methodisch fundiert begleiten zu können, ließ sich der Agenda-Beauftragte Karl-Heinz Muders zum Moderator fortbilden. Dadurch konnte er Ideen und Methoden weitergeben, den Moderatoren bei der Vorbereitung helfen und zur Not auch mal selbst einspringen.

Die ModeratorInnen wurden in den ersten Sitzungen der Arbeitskreise gewählt und bekamen von der Verwaltung das Angebot, bei Kostenübernahme durch den Kreis selbst am Moderationstraining teilzunehmen. Ebenfalls auf Initiative des Agenda-Beauftragten wurden Spielregeln für die Arbeit der Arbeitskreise diskutiert, die in schriftlichen Prozess- und Gruppenordnungen festgelegt wurden. Diese erwiesen sich vor allem in schwierigen Situationen als hilfreich für die ModeratorInnen, die hieran erinnern konnten. Besonders wichtig war auch die darin festgeschriebene Verpflichtung der TeilnehmerInnen, sich auf die Sitzungen vorzubereiten so wurde gewährleistet, dass auf einheitlicher Basis und informiert und effizient diskutiert werden konnte.

Nach zweieinhalb Jahren Diskussion in den Arbeitskreisen waren Leitziele und Vorschläge für Agenda-Projekte in vier Themenfeldern erarbeitet und vom Kreistag im Oktober 2001 verabschiedet. Im folgenden Frühjahr wurde in einer Prioritätenliste festgelegt, welche ersten Projekte konkret umgesetzt werden sollten: zum Beispiel die Erstellung eines Katasters zu erneuerbaren Energien oder die Publikation einer Broschüre zu Kriterien einer nachhaltigen Bauleitplanung. Der Landkreis war damit wieder unter den ersten kommunalen Gebietskörperschaften in Rheinland-Pfalz, die einen Agenda-Aktionsplan verabschiedeten.

Karl-Heinz Muders: "Agenda-Aktive brauchen einen langen Atem. Natürlich sind nach zwei bis drei Jahren nicht alle Probleme gelöst. Lokale Agenda ist eine permanente Aufgabe. Umso mehr freuen wir uns in der Kreisverwaltung, dass Mitglieder der Arbeitskreise bereit sind, sich weiter zu treffen und die Umsetzung der Vorschläge zu begleiten und auch aktiv zu unterstützen".

Förderungswürdig: Beteiligung von Frauen.

Spezielle Förderung erhielt der Landkreis Rhein-Hunsrück für seine Bemühungen, Frauen verstärkt an der Lokalen Agenda 21 zu beteiligen. Im Sinne des Kapitels 24 der Agenda 21 sollte damit die Bedeutung von Frauen als gesellschaftliche Handlungsträgerinnen anerkannt werden. Da sich zunächst nur wenige Frauen zu den Arbeitskreisen angemeldet hatten, wurden Frauen mit einer Veranstaltung besonders eingeladen, sich an der Lokalen Agenda 21 zu beteiligen. Dabei wurde beschlossen, Frauen sollten keinen eigenen Arbeitskreis bilden, sondern sich in die bereits bestehenden Strukturen einbringen. Eine übergreifende Gruppe verband sich aber mit dem bestehenden Frauen-Forum Rhein-Hunsrück und brachte ein Papier mit frauenspezifischen Leitlinien innerhalb des Agenda-Prozesses in die Beschlussvorlage für den Kreistag ein.

Unter dem Titel "Partnerschaft ist unsere Zukunft" stellt der Text das Leitbild Geschlechtergerechtigkeit vor, benennt Handlungsfelder und formuliert Maßnahmenvorschläge für den Landkreis. Die Einrichtung einer Agentur für bürgerschaftliches Engagement, die Einrichtung einer Gender-Mainstreaming-Stelle und die Finanzierung eines Notrufs für Frauen und Mädchen stehen dabei ganz oben auf der Prioritätenliste der Forderungen.

Im Laufe des Agenda-Prozesses haben bisher über 40 Frauen in der Arbeitsgruppe mitgearbeitet. Die Leitlinien wurden in einer Broschüre veröffentlicht. Um die Leitlinien, aber auch die Agenda insgesamt in die Öffentlichkeit zu transportieren, werden eine Reihe von Veranstaltungen mit verschiedenen Gruppen organisiert: so zum Beispiel mit einer deutsch-türkischen Kaffeetafel am Internationalen Frauentag, mit kirchlichen und politischen Frauengruppen, mit Landfrauengruppen und Elternausschüssen, im Bereich der Friedensarbeit sowie mit Wirtschaft und Handwerk.

 

 
Lokale Agenda 21 auf Kreisebene
Agenda auf Kreisebene sieht sich besonderen Herausforderungen gegenüber. Für konkrete Maßnahmen sind oft andere Verwaltungsebenen zuständig. Außerdem ist es nicht immer leicht, BürgerInnen für ein ehrenamtliches Engagement auf Kreisebene zu motivieren. Sie haben mit dem Kreis nur in bestimmten Lebensbereichen zu tun, da erste Anlaufstelle in Verwaltungsangelegenheiten meist die örtliche Stadt- oder Verbandsgemeindeverwaltung ist. Langfristig wünschenswert ist aus Sicht des Rhein-Hunsrück-Kreises die Etablierung von Nachhaltigkeitskonzepten in sämtlichen Kommunen.
 

 

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