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Regionalentwicklung
Gaytal

"Die Rolle der Arbeit"
war das Thema der federführend von der Landeszentrale für Umweltaufklärung veranstalteten "2. Gaytaler Gespräche" unter dem Sammeltitel "Wege zu einer nachhaltigen Entwicklung in der Region". Den Festvortrag hielt diesmal Dr. Erhard Eppler. Der ehemalige Bundesminister gab Antworten auf die Frage, ob Politik Arbeit schaffen kann. Hier einige Auszüge aus seiner Rede:

"Seit 200 Jahren mindestens, in England schon ein bißchen länger, sind wir in Europa dabei, menschliche Arbeit zu ersetzen, menschliche Arbeit einzusparen, durch Energie zu ersetzen .... Sehr häufig haben wir den Eindruck, daß die Politik gegen diesen Prozeß ziemlich hilflos ist. Und ich glaube, daß diese Hilflosigkeit zumindest gesteigert wird durch ein ökonomisch-politisches Dogma, ... daß nur Wirtschaftswachstum die Arbeitslosigkeit beseitigen, reduzieren könne. ... Wenn heute ein Investitionsboom kommt, dann ... überwiegend zur Rationalisierung, zur Modernisierung, damit Rationalisierung der Produktionskapazität. ... Und deshalb warten wir seit 20 Jahren vergeblich, daß das Wirtschaftswachstum uns die Arbeitslosigkeit beseitigt. ... Das Wirtschaftswachstum schafft Arbeitsplätze und vernichtet Arbeitsplätze ... aber per Saldo vernichtet es mehr, als es schaffen kann. ... Auch Innovation schafft Arbeitsplätze und zerstört Arbeitsplätze, und was per Saldo dabei herauskommt, ist völlig offen, solange man nicht darüber redet, welche Innovation. ... ist denn ein Fax arbeitsintensiver als ein Brief? ... Wir sind permanent dabei, Politik durch den Markt zu ersetzen. Der Markt hat andere Gesetze, der Markt geht nach Rentabilität, der Markt geht nach Profit, und da ist menschliche Arbeitskraft sehr häufig ganz einfach hinderlich ... Was kann sie denn nun wirklich, die Politik? Sie kann durch Steuern die Kalkulationsgrundlagen der Unternehmen verändern. ... Sie kann z.B. durch die Förderung regenerativer Energien eine ganze Menge Arbeitsplätze im Handwerk schaffen. ... es gibt einen großen Bedarf an Arbeit, etwa im Gesundheitswesen. ... Es gibt einen beträchtlichen Bedarf bei der inneren Sicherheit. ... Das Erziehungswesen könnte eine Menge von Arbeitsplätzen schaffen. ... Aber wer bezahlt das? Wie läßt sich das finanzieren? ... Es ist überhaupt nicht anzuzweifeln, daß Arbeitszeitverkürzung insgesamt der Arbeitslosigkeit entgegengewirkt hat ... Die Verkürzung der Arbeitszeit wird weitergehen... Ich glaube, es gibt in den nächsten Jahrzehnten und Jahren zwei Punkte, an denen sich entscheidet, ob Politik noch oder wieder möglich wird. ... Das eine ist die Frage der Arbeit. Kapituliert die Politik vor dieser Frage oder nimmt sie sich dieser Frage direkt an, und zwar nicht auf dem Umweg über das Wirtschaftswachstum, sondern direkt. Und die zweite Frage ist die, die die Brundtland-Kommission als "sustainable development" bezeichnet hat ... Und die höchste Form von Politik wäre, diese beiden zu verbinden."

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