Projekt: Neues Leben aus "Ruinen"


"Aus der Not geboren" wurde 1989 die Gründung einer Genossenschaft, um das Wohnviertel am Beutelweg in Trier-Nord und seine Bewohner zu "retten". Statt Armut, Arbeits- und Perspektivlosigkeit gibt es heute hier ein funktionierendes Gemeinwesen.

Trier

Neues Leben aus „Ruinen“

oder Mit vereinten Kräften zu Wohnung und Arbeit


Es ist ein Teufelskreis: die Schule abgebrochen, keine Ausbildung – keine Arbeit, die Stütze kommt vom Sozialamt. Die Wohnung klein und dringend sanierungsbedürftig in einer Siedlung am Rande. Da, wo auch die anderen „Asozialen“ leben. Kinder werden geboren und sind schon in Kindergarten und Schule als die „vom ...“ gezeichnet. Als Kinder vom Beutelweg zum Beispiel. Eine Siedlung aus ehemaligen preußischen Kasernen in Trier-Nord, in denen um 1940 provisorisch Wohnungen eingerichtet wurden. An eine Grundsanierung hatte der Besitzer (der Bund) seitdem weder Gedanken noch Gelder verschwendet und mit dem langsamen Verfall auch den Einzug von Armut und Perspektivlosigkeit in Kauf genommen. Weil sich das aber nicht rechnet, bot der Bund 1989 diesen Besitz zum Verkauf an. Den Zuschlag bekam, nach zähen Verhandlungen, die „Wohnungsgenossenschaft Am Beutelweg“, einem Projekt des Bürgerhauses Trier-Nord in eigener Trägerschaft. Die hatte zwar keinen Pfennig Geld, dafür aber ein umso überzeugenderes Sanierungskonzept.


Integrative Sanierung, kurz ISA heißt das Zaubermittel, das sich aus drei wichtigen Bestandteilen zusammensetzt: der Schaffung von Wohnraum mit dem Recht, hier ein Leben lang zu wohnen; der Möglichkeit, mit Arbeit selbst für sein (Über)Leben zu sorgen und sich damit auch als vollwertiges Mitglieder der Gemeinschaft zu fühlen, das nicht nur nimmt, sondern ebenso auch gibt. Dass ein solches Projekt auf lange Zeit ausgerichtet ist, liegt in der Natur der Sache. Schon die Sanierungszeit für die Wohnungen wurde auf 8 bis 10 Jahre angelegt, die Baukosten beliefen sich auf rund 20 Millionen Mark. Davon sollten etwa 22 Prozent durch „Muskelhypothek“ von den Mietern geleistet werden, die mit 100 Mark zu Genossenschaftsmitgliedern und damit zu Bauherren geworden waren. Damit aber auch diejenigen, deren Wohnungen erst zum Ende dieser Zeit „dran“ waren, sich mit dem Projekt identifizieren konnten, wurden schon vor der eigentlichen Sanierung alle 300 Fenster in dem entsprechenden Bau erneuert. Die Mieter arbeiteten auch hier, natürlich unter professioneller Anleitung, mit: 382 Stunden gingen auf ihr Konto.

Professionelle Anleitung war während der gesamten Sanierungszeit gefragt, doch auch Architekten, Bauleiter und Handwerksprofis hatten dabei einiges zu lernen. Nämlich, die hier lebenden Langzeitarbeitslosen in ihre Arbeit einzubeziehen, sie anzuleiten und „auszubilden“ und sie so für den „ersten“ Arbeitsmarkt fit zu machen. Ein Erfolgserlebnis nicht nur für die Menschen vom Beutelweg. Auch für die Kommune hat sich das gerechnet: Sie sparte in 5 Jahren allein im Sozialhilfeetat 4,4 Millionen Mark (und es wurde jedes Jahr mehr). 1993 wurde der auch auf dem freien Markt aktive Handwerksverbund „Haus-, Verwaltungs- und Sanierungs-GmbH“ gegründet, in dem heute 15 ehemals langzeitarbeitslose Stadtteilbewohner (insgesamt etwa 40 Beschäftigte) fest angestellt sind. Das sozial verpflichtete Unternehmen, in dem Arbeitszeit und Leistungsansprüche auf den einzelnen Mitarbeiter zugeschnitten sind, arbeitet erfolgreich: so konnte der Umsatz kontinuierlich gesteigert werden und lag 1997 bei 2,9 Millionen Mark.

Während mit jedem Pinselstrich und jeder Fliese die Wohnqualität verbessert wurde, arbeiteten die Verantwortlichen im Bürgerhaus Trier-Nord ebenso an der Verbesserung der Lebensqualität im Stadtteil. So gibt es neben kulturellen und anderen Veranstaltungen, neben Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung und Qualifizierung auch eine Beratungsstelle für Familien mit schwierigen psychosozialen Problemen und eine Anlaufstelle für Frauen. Gefördert vom Sozialministerium wurde 1997 schließlich PROLOG (Projekt Lokale Ökonomie und Gründungsinitiativen) gegründet: Verarmung, Verschuldung und Ausgrenzung sollen mit neuen wirtschaftlichen Tätigkeiten bekämpft werden: Eine Kindertagesstätte und ein Dienstleistungs- und Versorgungsunternehmen haben sich inzwischen etabliert. Die ebenfalls 1997 gegründete „Wohnungswirtschaftliche Service Gesellschaft mbH“ übernimmt seitdem die Verwaltungsaufgaben im Wohngebiet.

Ein weiterer Schritt gegen den baulichen und sozialen Niedergang des Wohngebietes hin zu einer ausgewogenen sozialen Durchmischung erfolgte durch den Zukauf von neun Einfamilienhäusern, sechs Doppelhäusern, und sechs Vierfamilienhäusern in den angrenzenden Strassen. Auch diese Häuser wurden mit viel „Bauherren“-Hilfe renoviert, vor allem junge Familien fanden ansprechenden Wohnraum.

Noch sind nicht alle Probleme in und um den „Beutelweg“ gelöst, doch das Image und noch wichtiger, das Klima hat sich geändert. Es war und ist ein Lernprozeß für alle Beteiligten aus der Bewohnerschaft, dem Kreis der Haupt- und Ehrenamtlichen, der Kooperationspartner anderer Organisationen sowie aus Politik und Verwaltung. Dieser Prozeß ist nach dem Verständnis der Verantwortlichen eine der zentralen Aufgaben von Gemeinwesenarbeit in einem reifen Projekt. „Genossenschaft ist gemeinwohlorientiert und demokratisch, ist weder durch trägerspezifische Interessen noch durch sektorales Denken und Entscheidungshierarchien beieinflußbar“, heißt es in der Broschüre „Aus der Not geboren“ der Genossenschaft vom Beutelweg.

Die Bekämpfung der Armut – nachhaltig, ökologisch, ökonomisch und sozial – wurde 1992 als zentraler Punkt in der Agenda 21 festgeschrieben. In Trier-Nord hat man sich schon drei Jahre früher auf den Weg gemacht. Orientiert haben sich die Verantwortlichen dabei an Jane Addams, die schon hundert Jahre zuvor in einem Armenviertel Chicagos erfolgreich die Armut bekämpfte: Mit besseren Wohnungen, Hilfe zur Selbsthilfe, Qualifizierungsmaßnahmen, Kulturangeboten ... Eben mit einer modernen Gemeinwesenarbeit. In Chicago wie in Trier - ganz im Sinn der Agenda.

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Projektträger:
Wappen
Wohnungsgenossenschaft
Am Beutelweg 10
54292 Trier
Telefax: 0651/140696

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Heinz A. Ries
Mitinitiator der Wohnungsgenossenschaft
Trier
Telefon: 0651/9930180