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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Moderne Kommunikation: Sozialer Gewinn oder soziale Herausforderung?

Mobile Kommunikationsformen haben uns eine uneingeschränkte Erreichbarkeit beschwert. Gleichzeitig werden immer mehr Lebensbereiche durch das Internet gestaltet, mit der Entwicklung von Web 2.0. und Social Media rückte die interaktive Gestaltung des Internets in den Vordergrund. Diese veränderten Kommunikationsformen wirken sich massiv auf unser Zusammenleben aus – im Privaten, Beruflichen und auch Politischen.

Permanente Erreichbarkeit und ihre Folgen
Über Smartphones, Internet & Co. erreichen uns jederzeit SMS, E-Mails und Telefonanrufe. Alle Funktionen, die bei der Arbeit benötigt werden, haben wir damit auch privat. Arbeitgeber versuchen, Mitarbeiter auch in ihrer Freizeit oder im Urlaub zu kontaktieren und diese haben das Gefühl, ständig, also auch in unserer Freizeit, für den Chef erreichbar sein zu müssen. „Die Entwicklung führt dazu, dass man in der Freizeit schlecht abschalten kann und gedanklich immer noch in beruflichen Fragestellungen verhaftet ist“ (Frankfurter Rundschau). Regenerationsphasen schwinden und die Gefahr von stressbedingten Krankheiten nimmt zu. Auch die sozialen Kontakte von Freundschaften bis hin zu Paarbeziehungen, können unter der ständigen Beschäftigung mit den Geräten leiden.

Das reale Leben – verschoben ins Internet
Im Internet geht es nicht mehr vorrangig darum, Informationen abzurufen, sondern mithilfe von blogs, social software, social bookmarking, Wikipedia, Video-Portalen und Online-Treffpunkten mit zu gestalten, zu bewerten und zu kommentieren, zu interagieren und zu kollaborieren. „Zunehmend erfolgen Aktivitäten des realen Lebens, wie die erste Kontaktaufnahme bei Verabredungen oder das Betrachten von Fotoalben, allein am jeweiligen Computer. Junge Menschen nutzen das Internet und die sozialen Medien wie Facebook & Co. als Kommunikationsmittel, um den Herausforderungen des Heranwachsens, wie das Knüpfen neuer Beziehungen und die Suche nach Gruppenzugehörigkeit und Unterstützung, zu begegnen“ (woher kommt dieses Zitat??). Dies führt zu einer Verschmelzung der realen und der digitalen Welt. Nicht nur bei Freundschaften, auch bei der Partnerwahl vertrauen immer mehr Menschen auf idas Internet mit seinen Partnervermittlungen und Flirt- oder Dateportale– fast ein Drittel der Beziehungen beginnen dort. Es gibt Dutzende. In sozialen Netzwerken entwerfen wir Existenzen, die an keinen Ort mehr gebunden sind. Die Aufmerksamkeit für das, was sich gerade hier und real ereignet, fehlt (vgl. http://www.capurro.de/web20.html).

Angst vorm Alleinsein
Neben allen positiven Aspekten dieser Kommunikationsmöglichkeiten führen Sie auch dazu, dass unser Wohlbefinden und unser Gefühl sozialer Dazugehörigkeit in immer stärkerem Maße von den elektronischen Geräten abhängt. Erhalten wir keine Mail, SMS, Freundschaftsanfrage o.ä. fehlt uns Selbstbestätigung und Angst vorm Alleinsein entsteht. „Die bittere Ironie daran ist, dass genau diese Angst vor dem Alleinsein einen dazu treibt, konstant zu texten und zu twittern, dass aber dieses Tun genau diese Angst verstärkt“ (http://www.sueddeutsche.de/kultur/staendige-erreichbarkeit-jenseits-der-stille-1.118258-2).

Bezahlen mit der Privatsphäre
Mit der Nutzung von sozialen Netzwerken ist die Hinterlegung der Nutzerdaten im Internet verbunden. Der Umgang mit diesen Daten ist zu einem großen Diskussionsthema geworden. Einerseits, weil Nutzerinnen und Nutzer häufig ein leichtsinniges und zu offenherziges Kommunikationsverhalten zeigen. Andererseits weil die Verwertungspraxis der Daten oft nicht transparent ist. So ist Facebook Ende 2011 erneut wegen mangelnden Datenschutzes und Intransparenz der Datenverwendung in die Kritik geraten. Das Unternehmen legte daraufhin im Mai 2012 eine neue Formulierung zum Datenschutz vor. „Besser als die jetzige Version ist der Vorschlag aber nicht, sagen Kritiker – im Gegenteil“ (Die Zeit). Noch immer können nicht alle Daten gelöscht werden und verzögere sich der Löschvorgang. Externe Anwendungen, die einmal verwendet wurden, behalten Zugriff auf die Nutzungsdaten, ebenso Cookies (kleine Dateien auf meinem Rechner, in denen meine Besuche auf anderen Webseiten gespeichert werden und die Daten aus dem Nutzungsverhalten gewinnen) Außerdem will Facebook Nutzungsdaten länger als bisher speichern, nämlich solange „wie dies erforderlich ist, um den Nutzern und anderen Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen." Dazu gehören auch Daten, die Facebook für Werbezwecke sammelt.

Eine Untersuchung von test.de (Juni 2012) zeigte, dass auch viele Apps persönliche
Daten ihrer Nutzer weitergeben – meist ungefragt und teils gar unverschlüsselt. So erhalten die Nutzerinnen und Nutzer zwar neue Funktionen ohne Geld dafür zu bezahlen. „Bezahlen muss der Nutzer die heruntergeladenen Programme aber doch: mit seiner Privatsphäre“ (http://www.test.de/Datenschutz-bei-Apps-Wer-Ihre-Daten-ausspaeht-4378643-4378645/).

Selbstdarstellung statt Informationen
Das Allensbacher Institut hat in seiner Studie von 2008 ein sinkendes Bedürfnis nach kontinuierlicher Information über Politik oder Wirtschaftliche Entwicklung festgestellt. Im Vergleich zu 2003 sank der Anteil von 61% auf 56 Prozent. Deutlich ausgeprägter ist dieses mangelnde Informationsbedürfnis bei den Digital Natives, den nach 1980 geborenen, die mit den Neuen Medien und Internet aufgewachsen sind. Nur noch ein Drittel will wissen, was in der Welt passiert. Informationsmüdigkeit auch eine große Politikmüdigkeit festgestellt. Themen wie Umweltschutz, die vor 20 Jahren noch junge Erwachsene zu tausenden auf Anti-Atomkraft Demonstrationen getrieben haben, stoßen bei der Jugend auf wenig Resonanz.“ (süddeutsche.de)

Die Informationsfülle, der die Digital Natives ausgesetzt sind, führt zu einer Flucht vor der Überflutung. Sie sind zwar deutlich häufiger im Netz, nutzen aber das Internet weniger zur Informationsbeschaffung. Stattdessen ist ihre Internetnutzung durch eine  stärkere Bezogenheit auf das eigene Leben gekennzeichnet. Dies zeigt sich im Anspruch, eigene Informationen wie Fotos oder Texte einzustellen, zu kommunizieren und zu bewerten - auch wenn die Kommunikation dabei oft nur aus banalen Mitteilungen wie "Ich bin jetzt wieder zuhause und sitze am Computer", besteht“ (süddeutsche.de). Den Inhalt der Botschaft scheinen Nutzerinnen und Nutzer bei einer Vervielfältigung der Übertragungsmedien vergessen zu haben“ (Peter Sloterdijk).

Veränderung der Demokratie?
Die Piratenpartei hat es geschafft, die Jugend für Politik zu interessieren „Die Piraten sind so etwas wie eine digitale Polisierungsmaschine. Sie ziehen eine Generation in die Politik, die als genetisch unpolitisch abgeschrieben worden sind, als Generation von Daddelspielern und Facebookern.“ Kennzeichnend für die Piraten sind eher „Verfahren“ als „Inhalte“: „Mit ihrem Mitmach-Kult treffen sie ein Grundgefühl der Gesellschaft, ein verbreitetes Bedürfnis nach Partizipation“. Jedes Parteimitglied soll die Parteilinie mitbestimmen können, in dem Vorschläge in „Liquid Feedback“ zur Diskussion stellen und mitentscheiden darf. „Liquid Feedback ist eine Software, die von Piraten entwickelt wurde, um das neue Demokratiekonzept der Liquid Democracy (»Flüssige Demokratie«) umzusetzen. (www.piraten-partei.de) Für die Zukunft der Piraten als Mitmachpartei dürfte der künftige Umgang mit der Software entscheidend sein. Kann das Konzept auch beibehalten werden, wenn die Partei möglicherweise im Bundestag vertreten ist? Wird die Piratenpartei die Demokratie verändern oder verändert die Demokratie die Piraten-Partei?

Zum Weiterlesen:
Datenschutz bei Apps: Wer ihre Daten ausspäht, Stitung Warentest, 24.05.2012

Soziale Netzwerke und Datenschutz: Was Facebook alles erfährt, Stiftung Warentest 06.10.2011

Datenschutz auf Facebook: 10 Tipps, wie Sie Ihre persönlichen Daten schützen können, www.e-recht24.de

Gesellschaftliche, mediale und politische Auswirkungen, Rafael Capurro, 2009

Neue Allensbach-Studie Selbstdarstellung statt Information 16.10.2008, von Mirjam Hauck. Das Netz informiert schneller als Tageszeitungen und das Fernsehen. Doch die meisten User suchen im Internet etwas ganz anderes.

Wenn alle mit allen über alles reden. Immer. Über die Software Liquid Feedback sollen die Piraten die Parteilinie mitbestimmen. Wie funktioniert das? In: Die Zeit, 26. April 2012, S. 3

Arbeitspsychologe: Keine Erholung bei Handy-Stress. Arbeit ist Arbeit und Freizeit ist Freizeit. Das war einmal. Heute verschwimmen die beiden Bereiche immer mehr In: Frankfurter Rundschau vom 15.07.2011

Ständige Erreichbarkeit. Jenseits der Stille, Handy und Mail sind eine Art Nuckelflasche, aus der man sich süßen Brei holt: Wie wir verlernen, mit uns selbst alleine zu sein, 21.06.2009, Von Alex Rühle .

Fast ein Drittel aller Beziehungen beginnt im Internet. Die Kuppelbörse Parship hat schon Ehen gestiftet, aber auch Suchende einsam gemacht. In: Der Spiegel, Nr. 14/2012, 2.4.2012 S. 54 ff

Letzte Änderung: 17.03.2014

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