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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

13. Sonntag nach Trinitatis / 25. Sonntag im Jahreskreis (18. Sep. 2011)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Mk 3, 31-35

Jes 55, 6-9

Phil 1, 20ad-24.27a

Mt 20, 1-16a

 

Der Autor betrachtet in seinem Text alle Predigtperikopen des Tages. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Im Zusammenhang des Textes sind eine Fülle von sozialen, ökonomischen und ökologischen Bezügen zur Nachhaltigkeit enthalten, so dass es einer Engführung gleichkäme, einige davon besonders hervorzuheben. Einen Schwerpunkt bilden jedoch die Analogien zwischen den Anpassungen der Juden an die babylonische Herrschaftskultur und heutigen Anpassungen der Christen an „unabänderliche“ Herrschaftsstrukturen und dazugehöriges Machtgebaren..

 

Das Reich Gottes setzt neue Maßstäbe. Immer wieder stellen diese neuen Maßstäbe, die Gott selbst setzt, Bestehendes und bislang für unwiderruflich gültig Gehaltenes auf den Kopf. (wie auch das gesamte Kapitel 19 und 20 bei Matthäus oder auch das gesamte Kapitel 3 bei Markus). Erst wenn die biblischen Botschaften heute gegen den Strich herrschender bürgerlicher Vorerwartungen gebürstet werden, wird anderes sichtbar, was viele sonst nicht an sich heranlassen würden. Wenn wir dann hier und da spüren dürfen, "unnütze Knechte" für die Sache Gottes zu sein, die ganz folgerichtig damals wie heute nach dem Herzen, nach unserer geteilten Zeit, den Freundschaften und auch unseren finanziellen Möglichkeiten greift und sie durchsäuern will, kommt dem Evangelium nahe.

 

Homiletische Situation

Die Familienbande, die doch im Alten Orient alles waren und Überleben garantierten, geraten auf einmal ins Hintertreffen, wenn es darauf ankommt, den Willen Gottes, so wie er sich in Jesus Christus zeigt, zu tun. (evangelischer Predigttext Mk 3, 31-35) Der Neuheitswert davon ist verblüffend. Das illustriert eindringlich das Gleichnis der Arbeiter im Weinberg, das die katholische Liturgie der Gemeinde vorstellt. Der Gutsbesitzer, der am Ende eines Arbeitstages seinen Arbeitern den verdienten Lohn im „Gottes-Reich-Tarif“ ausbezahlt, ist damals wie heute gängigem Geschäftssinn zufolge von allen guten Geistern verlassen. Ihm aber geht es um die Letzten mehr als um die Ersten, um die Tagelöhner, die Minderleister und Ausgegrenzten mehr als um die Versorgten, die Rechtgläubigen und Angepassten. Es stimmt schon, was Jesaja in der Lesung ausspricht: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken; meine Wege sind nicht eure Wege!“ Inmitten des Lesejahres A gelegen bietet die katholische Leseordnung an den kommenden vier Sonntagen in Form einer kleinen "lectio continua" des Briefes an die Philipper (2. Lesung) eine Strategie dafür an, wie es gelingen kann, sich auf Gottes neue Maßstäbe einzuschwingen: Christliche Zuversicht für einen neuen Umgang mit der Welt speist sich aus der allgegenwärtigen Freude im Herrn. Sie allein ist es wert, dass wir unser Leben an ihr festmachen. Nichts anderes ist ihr gleich. Dann kann sich ohne ständigen Hang zur Selbstüberforderung zeigen: Schöpfungsglaube ohne Nachhaltigkeit ist ethisch blind. Nachhaltigkeit ohne Schöpfungsglauben ist in Gefahr, ethisch zu verflachen.1

 

Erneuerung der Herzen – Ruf in die Welt

Für die in und trotz aller Krisen gesellschaftlich derzeit nach wie vor unumstößlich herrschende Logik der Finanzwelt ist und bleibt das Evangelium der katholischen Leseordnung empörend: Nicht nur, dass der Weinbergsbesitzer im Gleichnis Jesu geschäftlich völlig widersinnig handelt und zum eigenen Nachteil einen Teil der Angestellten überbezahlt! Schlimmer noch: Er verletzt auch noch das Gerechtigkeitsgefühl! Sein Verhalten empört. Scheinbar gibt er zu alledem auch noch eine recht autoritäre Antwort, um sein Tun zu rechtfertigen. Luise Schottroff hat zeigen können, dass es hier, wie in so vielen Gleichnissen Jesu (wie auch im evangelischen Predigttext Mk 3, 31-35), nicht einfach nur um ein abstraktes Beispiel für die bleibende menschliche Abhängigkeit von göttlicher (und mitmenschlicher) Vergebung und Erbarmen geht, die aller menschlichen Verbundenheitserfahrung vorausgeht, sondern nicht zuletzt auch darum, ob grenzenlose Solidarität für Wenige wie gehabt oder wirkliches Genüge für Alle im Vordergrund stehen sollen.2 Auch und gerade in dieser Hinsicht hat Jesus uns ein Beispiel gegeben.

Auf den zweiten Blick wird also klar, worum es (vor allem) geht: Alle sollen Auskommen und Genüge haben. Diesem Primärziel dient die Wirtschaft des Weinbergbesitzers, die "oikonomia Gottes". Diesem Primärziel jagt seit einigen Jahren die oikoumenische (=ökumenische) Basisbewegung in Deutschland nach; leider meist fernab kirchenamtlicher Aufmerksamkeit, geschweige denn Anerkennung.3 Wer ihm nachfolgen will, darf und kann sich nicht den Maßstäben dieser Welt angleichen (Röm 12, 2), sondern muss "sein Herz erneuern". Es erübrigt sich dann die Frage: Was werden wir dafür bekommen? (Mt 19, 27) Dies führt außerhalb dessen, was Familie und Sitte von sich aus fassen können. (evangelischer Predigttext, Mk 3, 31-35). Wer sich aber darauf einlässt, den Geist Gottes als eigentlichen Beweggrund menschlicher Fortschritte in der Geschichte nicht zu lästern (Mk 3, 29), sondern seinen neuen Wegen zu trauen, dem wird reiche Frucht verheißen, 30-fach, 60-fach, 100-fach.

 

Auszug woraus – Befreiung woraufhin?

Der beiden katholischen Lesungstexte vermögen interessante Fingerzeige dafür zu geben, wo und wie all dies situiert werden muss und welche Sinnlinien es auszuziehen gilt. Der alttestamentliche gehört zum „Nachwort“ des Deutero-Jeseia. Er stammt aus der letzten Phase des babylonischen Exils. Viele Exil-Israeliten hatten sich längst schon den fremden Verhältnissen angepasst. Babylon hatte sich zur prächtigsten Stadt des ganzen Orients entwickelt. Staunend muss der Zeitgenosse vor dem Ischtartor gestanden haben, das Nebukadnezar II. mit herrlichen blauglasierten Ziegeln verkleiden ließ. Welcher Glanz wird ihn erst im Innern der Stadt erwartet haben, wenn er vor dem Tempel Marduks stand? Ihm, dem weltbeherrschenden göttlichen Übervater, war der größte Tempel der Stadt geweiht. Dort ragte auch die berühmte "Zikkurat" (terrassenförmiger Stufenturm) neunzig Meter hoch in den Himmel, der die Bibel in ihrer Erzählung vom Turmbau zu Babel einen feierlich-dramatischen Abgesang widmet. Dorthin hat sich die große und prachtvolle Götterprozession bewegt, die Babylon jedes Jahr mit prunkvollem Aufwand zum Neujahrsfest feierte. Es liegt nahe, an die unbestreitbare Herrschaft des Gottes (Götzen) „Kapital“ und jene Verkehrsformen und Verehrungspraktiken zu denken, die er sich heute geschaffen hat.

Man darf annehmen, dass ganz unten an der Peripherie der Stadt, vielleicht dort, wo das Land schon wieder langsam in die Wüste übergeht, das Judäerviertel gelegen hat. Nebukadnezar hatte dort einen Teil der verschleppten Juden angesiedelt. Das Imperium braucht sie für die die harte Arbeit im Steinbruch, der etwas weiter außerhalb der Stadt lag. Ja, es stimmt: Die Juden hatten sich während der 70 Jahre der Exilszeit in die babylonische Gesellschaft, in ihre Lebensart, Religionsauffassung und die gesellschaftliche Ordnung im Dienst der Herrschenden und ihrer Götter integriert. Das sind die „verkehrten Wege“, von denen der Prophet, der katholischen Leseordnung gemäß, aufruft, umzukehren und den wahren Gott zu suchen. Für ein Imperium unmöglich zu begreifen und doch: Die Erneuerung kommt von den Rändern. Allerdings: Gott suchen hieß doch traditionell jüdisch gesprochen: zum Tempel gehen und den Kult vollziehen, oder etwa nicht?

 

Jesaja: Der Thora mehr glauben als jeder normativen Kraft des Faktischen

In Babylon war unter dem Druck einer ungeheueren, ja für den Fortbestand des jüdischen Glaubens katastrophalen Ernst-Situation der Tempel durch die Vision der Rechtleitung Gottes durch die Thora ersetzt worden. Ohne das Aufrechterhalten einer solchen Vision wäre das jüdische Volk wohl zugrundegegangen. Wer nun also Gott sucht, lebt nach der Weisung der Thora. Er versucht sein Leben lang, sie besser und intensiver zu verstehen. (Nur) Dem aber, der nicht der babylonischen Lebensart verfallen ist, für seine Lebensplanungen das eigentlich Unhintergehbare an Anpassung also nicht in Kauf nimmt und der größenwahnsinnigen babylonischen Herrschaftskultur nicht „in die Falle“ geht, ist Jahwe „nahe“, verkündet Jesaja. Ihn sollen die Juden bußfertig anrufen und mit unserer Lebensgestaltung aufsuchen, "solange er noch nahe ist".

Es liegt auf der Hand und mag dem Prediger bei genaueren Hinsehen leichtfallen, die Parallelen zum trostlosen Zustand der Welt im Jahr 2010 nach jenem jüdischen Rabbi, den wir als Christus verehren, auszuziehen. Unter dem Diktat von neokapitalistischer Landnahme, dem automatischem Subjekt überall ebenso unangreifbar wie leer laufender Marktvergesellschaftung, die um der reinen Selbsterhaltung der Kapitalverwertung willen existiert, regiert eine würdelos damit einhergehende transnationale Klassenherrschaft und braucht dazu unzählige Steinbruch-, Arbeits- und Energiesklaven an den vielen Rändern des heutigen Weltenreiches. Es herrscht eine merkwürdige Sprachenverwirrung und die medial besonders nachhaltig inszenierten Prozessionen des Götzen Profit versuchen diese umso größenwahnsinniger zu übertönen. Wie sehr vermissen und brauchen auch wir demgegenüber die biblisch angesprochene Nähe Gottes "solange noch Zeit dafür ist". "Nahe" ist bekanntlich ein Verhältniswort. Es drückt eine Beziehung aus. Jemandem „nahe sein“ heißt: mit ihm vertraut sein, ihm auf der Spur sein.

Noch einmal zur Vergewisserung: Zur Umkehr aufgerufen wurden jene, die dem Druck der Verhältnisse, der normativen Kraft der babylonischen Kultur und des pompösen Kultes, den man der Göttin Ischtar und dem Gott Marduk einst feierte, erlegen sind. Es ist noch nicht zu spät. Als Besucher des Berliner Pergamonmuseums kennen wir die Wirkung der prächtig angelegten Prozessionsstraße im Zentrum jener großen Stadt. Dieses Babylon enttarnen die biblischen Erzähler immer wieder als "große Hure". Das ist hilfreich. Denn in Wahrheit steht all dies auf tönernen Fäßen und liegt auf lange Sicht in den letzten Zügen. Jahwe plant die große Befreiung des Volkes – dies ist der zentrale Inhalt der Verkündigung des Deutero-Jeseia – und gewährt all jenen die große „Vergebung“, den Reich Gottes-Vorschuss sozusagen, die an der neuen großen Zukunft des Gottesvolkes mitzuwirken bereit werden. Jetzt, vor dem bevorstehenden Fall Babylons, ist der Kairos der großen Amnestie für die unter Babylon Verbannten zum Greifen nahe. Der Gesalbte Gottes geht durch seinen Weinberg und heuert Arbeiter an. Und am Horizont leuchtet der Silberstreifen Hoffnung auf, wonach Jahwe mit dem „Rest Israels“ einen neuen Anfang plant.

 

Die Botschaft sucht sich zeitgemäße Dienststrukturen – wenn wir Gottes Geist nicht hindern

Szenenwechsel: Auf seiner 2. Missionsreise setzt der noch immer unentwegt für den Glauben an den messianisch wirksam werdenden Geist Gottes kämpfende, verlierende und neu aufbrechende Paulus auf einen Traum hin zum ersten Mal nach Europa über. Philippi war die erste Stadt, in der er auf europäischem Boden eine Gemeinde gründen konnte. Die gottesfürchtige reiche Purpurhändlerin Lydia war es, die ihm dabei zu Hilfe kam. Wie die biblischen Schreiber nicht müde werden zu betonen, öffnet sie dem Neuheitscharakter der frohen Botschaft aber nicht einfach aus gutem Willen, sondern durch ein geheimnisvolles Berührt-sein von Gottes Gnade, ihr Herz (Apg 16, 8-15). Aber dabei bleibt es nicht: Ist das Herz erst einmal gewonnen und der "neue Bund" durch die Taufe besiegelt, "drängt sie Paulus", öffnet sie schließlich auch ihr Haus, ihre Zeit und ihren Geldbeutel. Auf diese Weise wird sie so etwas wie Ansprechpartnerin für den geistgetriebenen Missionar Paulus, danach auch ganz praktisch Hausherrin für die ersten gottesdienstlichen Feiern der Christen, schließlich eine Art erste christliche Gemeindeleiterin in Philippi: Missionarische Gemeindebildung ist keineswegs Wachstum um der Zahlen willen. Christliche Sendung beginnt vielmehr damit, dass sich jemand ganz gewinnen lässt, um ganzheitliches Heil für die vielen weiterzugeben. Lydia hat es nicht in der Hand, noch nicht einmal Paulus. Es ist Gottes Geist, der wirkt. Wenn wir Instrument sein dürfen für etwas Größeres, sei uns dies genug. Das Evangelium ereignet sich und ihr Dienst wird wahr, weil es der Bedarf dessen, was heranreifen will, so an Lydia heranträgt – und weil ihre herzliche Bereitschaft mit Gottes geheimnisvoller Gnade zusammenwirkt, von dem die biblischen Schreiber achtungsvoll und ahnend spüren, dass sie hier mit ihm Spiel ist. Da kommt Freude auf – und so entsteht die Operationsbasis für eine "Mission durch Attraktion", die das Angesicht Europas prägend verwandeln wird.

Für eine sozialgeschichtliche Erdung nicht zu vergessen bleibt indessen: Es handelt sich ganz offenbar um eine Ernst-Situation. Anhand der etwas disparaten Forschungslage lässt sich doch so viel erkennen: Das erste Kapitel des Briefes an die Philipper ist ein "Gefangenschaftsbrief", von Paulus möglicherweise schon in fortgeschrittenem Alter geschrieben. Die Fürsorge der (Groß-) Stadtgemeinde für den gefangenen Paulus – es handelt sich nicht zuletzt um einen Dankesbrief des Paulus – setzt eine räumliche Nähe zwischen der bedeutenden römischen Garnisons- und Hafenstadt Philippi und dem Ort voraus, wo Paulus in Haft festgehalten wurde. Durchgängiges und wiederkehrendes Hintergrundmotiv des Briefes ist die noch frische und immerzu mit Mut erfüllende "Freude im Herrn", die Paulus ganz offensichtlich besonders mit Philippi, dem "Tor in die neue Welt Europas" verbindet. (Fritz Rienecker) Das Motiv der Freude taucht schon im Briefeingang auf: „in jedem meiner Gebete bitte ich mit Freude für euch alle“ (Phil 1, 4). Dabei muss sich Paulus gerade dem Gericht stellen. Das kann für ihn im schlimmsten Fall das Todesurteil bedeuten. Und auch seine Anhänger und Freunde in Philippi leben dann gefährlich. Er muss also mit allem rechnen, bekennt aber offenbar voll der Neuheitserfahrung des Evangeliums, wie sie in Ernst-Situationen des Lebens wohl erst ernstlich begriffen werden kann:„Wenn mein Leben dargebracht wird... freue ich mich, und ich freue mich mit euch allen! Ebenso sollt auch ihr euch freuen und sollt euch freuen mit mir“ (Phil 2, 17 f.) Zudem schlägt sich die Gemeinde auch noch mit einer ganzen Menge hausgemachter Probleme herum. Zwar sind es nicht gerade Veröffentlichungen über sexuellen Missbrauch und auch nicht eine länger schon anhaltende Dialogverweigerung nach innen. Damals sind selbstsüchtige Weisheitslehrer aufgetaucht (Verse 15-18) und versuchen, das Glaubensprofil der Gemeinde in den hellenistischen Synkretismus der Zeit hineinzuziehen! Existenznot und Orientierungsnot sind groß. Und da schlägt Paulus den Grundton der „Freude im Herrn“ an?

 

Freude im Herrn – damit Hoffnung geschaffen wird und Heil sich ereignen kann

Diese Art der Freude bezieht Paulus nicht aus irgendeiner romantischen oder nur noch esoterisch verdünnt nach innen gewendeten Tagträumerei. Sie wird aus anderer Quelle gespeist. Er spricht von Freude im Zusammenhang mit der Gotteskraft Jesu Christi, von der er felsenfest überzeugt ist, dass sie die Kraft hat, sich auch im Außen durchzusetzen, wenn Menschen innerlich und äußerlich bereit dafür werden. Das gibt ihm einen unbesiegbaren Optimismus. Die Widrigkeiten der Zeit waren damals schon mehr als entmutigend. Paulus verbrachte mehrere Jahre in Haft: 2 Jahre in Cäsarea; weitere 2 Jahre in Rom und Ephesus. Nach heutigem "natürlichem" Ermessen, das sich an Effektivität zu orientieren gelernt hat, war das für das Evangelium eine lange verlorene Zeit.

Es scheint, als ließe der winterliche Zustand unserer Kirchen und unserer Weltgesellschaft von ferne grüßen. Den kirchlichen Winter hatte schon der große Theologe Karl Rahner in seinen letzten Lebensjahren wahrgenommen und beklagt. Er hat sich unterdessen offenbar – da dialogisch unbehandelt – zu einer offenen Führungskrise ausgeweitet. Vom Winter einer imperial zugerichteten Welt ist biblisch gesprochen hingegen eher als Normalzustand auszugehen. Aber mit Paulus wissen wir, dass nicht unser eigenes Engagement und auch nicht unser guter Wille die Kraft abgeben, aus der die gute Nachricht Gottes unter den Völkern lebt. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Die Geistkraft Gottes ist es, aus der Paulus damals und wir als Christen heute leben. Sie trägt ihn und setzt sich in der Völkerwelt durch. Das bedeutet gute Nachricht: Blinde und blind Gemachte dürfen wieder sehen. Die Schöpfung schreit nicht länger vergebens nach Erlösung. Die Beziehungen heilen wieder, so dass Leben in Fülle sich ergießen kann auf die vielen Verhältnisse, die zum Himmel schreien. Wenn wir eines mitnehmen dürfen aus den Texten des heutigen Tages, dann dies, dass nichts und niemand den Geist Gottes wird aufhalten können, wenn es erst einmal mittels dieses geheimnisvollen Zusammenspiels von Gnade und Wille in Fahrt gekommen ist.

Es ist diese optimistisch-weltzugewandte Zuversicht auf das Gelingen der „neuen Welt Gottes“, die in Weltdistanz und Auszugsbereitschaft der Juden aus der Herrschaft Babylons nicht minder geheimnisvoll Gestalt annimmt, als sie in der Freude des Paulus inmitten existentiell bedrängender Not wieder anklingt. Sie soll die Europäer in Philippi dauerhaft animieren und motivieren. Wie er selber, so mögen auch seine fernen Glaubensgeschwister in Deutschland aus dieser großen Zuversicht leben. Sie ruft eine unbezwingbare Hoffnung wach – selbst noch wider alle messianische, kirchliche, soziale und ökologische Hoffnungslosigkeit an der Durchsäuerungsarbeit festzuhalten – und das Amnestieangebot der göttlichen Gnade entschlossen und mit ganzem Herzen zu ergreifen.

Ja, und ich werde mich weiter freuen, denn ich weiß, dass mir das zur Erlösung ausschlagen wird, weil ihr für mich betet und weil ich von Jeschua, dem Messias, jede Hilfe des Geistes habe. Darauf warte und hoffe ich… (Phil. 1, 18 ff.)

 

Peter Schönhöffer, Ingelheim

Literatur

Imhof P. / H. Biallowons (Hg.), Glaube in winterlicher Zeit. Gespräche mit Karl Rahner aus den letzten Lebensjahren, Düsseldorf 1986

Rienecker, Fritz / Werner de Boor et al., Wuppertaler Studienbibel – Epheser, Philipper, Kolosser, Thessalonicher, Timotheus, Titus, Philemon, Wuppertal 1989

 

Anmerkungen

(1) Markus Vogt, Nachhaltigkeit – eine theologische Kategorie, in: Nachhaltig predigen, Reihe II/ Lesejahr C, Bd. 5, 7.

(2) Vgl. bereits hellsichtig: Ulrich Duchrow, Grenzenloses Geld für wenige oder Leben für alle in den Grenzen des Wachstums. Kirche und Kapitalismus angesichts der Schuldenkrise. (= Sonderdruck der "Jungen Kirche" 9/1988)

(3) Vgl. jüngst z.B. Plädoyer für eine ökumenische Zukunft (Hg.), Globalisierung und die ökumenische Bewegung. Porto Alegre: kritisch-kreative Nachlese und Mut machende Ausblicke, Hofgeismar 2007, sowie dies. (Hg.), Gerechtes Wirtschaften als Beitrag zum Frieden. Solidarische Ökonomie als Gegenbewegung, Breklum 2009; darin jeweils ein Artikel des Autors über römisch-katholische Quellen unseres Engagements bzw. das ökumenische Großprojekt einer Akademie Solidarische Ökonomie (www.akademie-solidarische-oekonomie.de. Vgl. mit Gewinn ferner auch dies. (Hg.), Sehnsüchtig nach anderem Land. Ökumenisch leben für eine erneuerte Christenheit und eine gerechtere Welt, Bad Boll 2008 und Katholische Arbeitnehmerbewegung, Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit. Bibelgespräche der KAB im Kontext kapitalistischer Globalisierung, Trier 2006. Systematisch dazu pax christi Kommission Weltwirtschaft (Hg.), Der Gott Kapital. Anstöße zu einer Religions- und Kulturkritik, Münster 2006, bes. 11-59 sowie noch immer bedenkenswert: "Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit…" Ein Arbeitsinstrument für pastorales Handeln im Bistum Basel, Solothurn 1993.

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