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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Allerheiligen (1. Nov. 2011) 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Mt 5, 2-10 (11-12)

Offb 7, 2-4.9-14

1 Joh 3, 1-3

Mt 5, 1-12a

 

Der Autor geht auf das Thema des Feiertags – Heilige, Heiligsein – ein, mit dem Schwerpunkt auf den konkreten Hinweisen, die der Evangeliumstext für die Ausrichtung und Einstellung mitgibt. Stichworte zur Nachhaltigkeit: „nachhaltige Heilige“ im Einsatz gegen Ausbeutung und Zerstörung – der Umwelt, der Menschen ... Menschen wie du und ich – es sind Plätze frei, das „Casting“ hat begonnen

 

Im Himmel ist noch Platz!

Der November ist nicht gerade der beliebteste Monat: Das triste Wetter, der graue Himmel: November, das ist der so genannte „Totenmonat“. Gleich mit einem traurigen Auftakt: In vielen katholischen Gegenden geht man heute an Allerheiligen auf den Friedhof zu den Gräbern. Erinnert sich an die Toten, ist vielleicht auch noch traurig über den Verlust. Dabei ist der Tag heute ein Fest: Allerheiligen. Alle Heiligen haben ihren Festtag. Sozusagen: Halleluja in himmlischer Höchstform.

„Heilige“, das sind Menschen, die auf ihre Art etwas Besonderes vollbracht haben, die Vorbild sein können, Orientierung geben. Heilige, das sind die, von denen man annimmt, dass sie Gott ganz nah sind. Manche davon wurden von der Kirche offiziell „selig gesprochen“ oder sogar „heilig gesprochen“. Das bedeutet, dass sie von der Weltkirche als besonders verehrungswürdige Vorbilder anerkannt werden. Das sind dann auch über die Jahrhunderte hinweg oft „Kinder ihrer Zeit“, und damit sind menschliche Vorlieben und Sichtweisen inbegriffen. Nicht alle Heiligen sind heilig gesprochen – und bei manchen Heiliggesprochenen fragt man sich vielleicht heute, was sie so verehrungswürdig macht. Alleine Papst Johannes Paul II. hat in seiner Amtszeit mehr Menschen selig und heilig gesprochen als alle Päpste vor ihm zusammen. Nur verständlich, dass bei der Masse nicht jeder mit jedem Heiligen etwas anfangen kann.

Dabei haben es manche durchaus verdient, nicht vergessen zu werden. Das sind im besten Sinne des Wortes „nachhaltige Heilige“, also solche, die über die Jahrhunderte hinweg Bedeutung haben – und auch heute für das Glaubens- und Alltagsleben noch etwas zu sagen haben. Zum Beispiel der heilige Franziskus. Für den gilt die „Nachhaltigkeit“ sogar doppelt. Er ist nämlich auch der Patron für den Umweltschutz. Der Legende nach soll er den Tieren gepredigt haben – und sie haben ihn verstanden. Sein besonderes Verhältnis zur Natur, zur Umwelt, den Tieren und Menschen, also der Schöpfung, in der er lebte, drückt sich auch in seinem bekannten „Sonnengesang“ aus, der auch als „das Lob der Schöpfung“ bekannt ist: Sei gepriesen, Gott, für die Gaben der Schöpfung: die Sonne, den Mond, die Sterne, den Wind, das Feuer, die Erde, die Kräuter und vieles mehr. Franziskus betrachtete sie als „Schwestern und Brüder“ in der einen Schöpfung Gottes. Ebenso erging es wohl dem heiligen Wendalinus, der besonders im Saarland, etwa in dem nach ihm benannten St. Wendel, verehrt wird. Er war Hirte – und wurde später zum Abt der Abtei Tholey im Saarland. Als naturverbundener Hirte wusste er um die besondere Bedeutung und Abhängigkeit des Menschen von der Natur und Umwelt.

Wer die Natur in diesem Sinn als Gottes gute Schöpfung sieht, der wird sie auch erhalten wollen, sie nicht ausbeuten und zerstören: weder die Pflanzen, noch die Tiere und schon gar nicht die Menschen, mit denen er zusammen lebt. Andere in diesem Sinn „nachhaltige“ Heilige sind etwa Antonius von Padua, der für eine gute Ernte angerufen wird, oder Gregor der Jüngere, Isidor von Madrid, Johannes, Markus, Medardus oder Vitus. Es gibt auch besondere Patronate für die Tiere: Ambrosius von Mailand für die Bienen etwa, Vincenz von Valencia für das Federvieh, Martin von Tours speziell für die Gänse, Blasius und Erasmus für die Haustiere, Berthild von Chelles für die Pferde, Johannes der Täufer für die Schafe und Lämmer oder Brigida von Kildare für die Kühe. Oft hat es mit Legenden aus dem Leben der Heiligen zu tun, warum sie – mehr oder weniger zufällig – in besondere Verbindung mit verschiedenen Tieren, Lebenssituationen oder Begebenheiten gebracht werden und in diesem Sinn besonders in der früheren landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft als himmlische Fürsprecher gesehen werden. Im Industriezeitalter gilt es, neue Vorbilder für die brennenden und drängenden Fragen der Zeit zu finden. Denn es geht bei den Heiligen nicht um einen magischen Automatismus: Oben Bittgebet rein, unten Wunscherfüllung raus. Nur wer durch die Orientierung an den Heiligen selbst aktiv wird und sich einsetzt, etwa für den Schutz der Umwelt oder für das menschliche Miteinander, hat den Auftrag dieser Heiligen richtig verstanden. Heilige sind keine Ersatzgötter, sondern Menschen wie du und ich.

Die „Heiligen“, die heute als Vorbilder für den Glauben gelten, sind nicht nur solche, die „offiziell“ vom Papst heilig gesprochen wurden. Am Fest Allerheiligen gedenkt die Kirche auch all der Unbekannten, die sich als „Heilige des Alltags“ erwiesen haben und erweisen, ohne dass sie jemals die kirchliche Ehre erhalten. Noch deutlicher wird das, wenn gleich morgen, an Allerseelen, sozusagen alle Menschen, alle Seelen, in das Gebet eingeschlossen werden, besonders die sonst Vergessenen. „Tot ist der, der vergessen ist“, steht auf manchem Grabstein. Und es tut gut, wenn auch durch den Totenkult, die Friedhofskultur und andere Erinnerungsriten gezeigt wird: Das Leben dieses Menschen war nachhaltig. Es hat bleibende Spuren hinterlassen. Es war nicht nur ein Funke im Universum, sondern auch der Name dieses Menschen ist mit seiner ganzen Existenz bleibend in die Hand Gottes eingeschrieben, ist im Himmel verzeichnet. (Jes 43, 1 / Lk 10, 20b)

Die Heiligen hat man zu ihren Lebzeiten nicht unbedingt gleich erkannt, schon gar nicht am Heiligenschein. Das gilt auch heute: Wer den „Heiligenschein“ zu demonstrativ vor sich herträgt, auch im übertragenen Sinn, vor dem sollte man sich eher hüten. „Echte“ Heilige sind eher unscheinbar – gerade deshalb, weil sie als Menschen eben nicht von dieser Welt allein abhängig sind und sich hier beweisen müssen. Und auch heute gibt’s solche unerkannten Heilige, „Engel und Heilige des Alltags“! Immer wieder. Manchmal bleiben sie unerkannt, weil sie nicht auf dem Sockel stehen, keinen Heiligenschein haben und sogar im besten Sinn richtig menschlich rüberkommen.

Was bleibt von den Heiligen? Was ist nachhaltig? Sind es die Reliquien („Überbleibsel“), die sich im katholischen Bereich lange Zeit – und bis heute – großer Beliebtheit erfreuen, wohin Wallfahrten unternommen werden und vor denen Andachten abgehalten werden? Oder sind diese „Überbleibsel“ nicht eher gerade ein sichtbares Zeichen für etwas Unsichtbares: Dass es nämlich etwas gibt, was die Zeit überdauert, was also wirklich nachhaltig ist: Das Lebensbeispiel des Menschen, der oft vor vielen Jahren gelebt und gehofft, gezweifelt und gelitten hat? Sind nicht gerade die Reliquien sichtbare Zeichen, dass die Heiligen nicht abgehoben auf der Himmelswolke daherschweben und weit weg von der Erde und den Menschen unerreichbar sind, sondern Menschen aus Fleisch und Blut waren, die im wahrsten Sinn des Wortes „Bodenkontakt“ hatten und halten? Dann sind Heilige auch nicht nur „verehrungswürdige Gestalten“, sondern Weggenossen auch unserer Zeit. Und dann ist der scheinbare Graben zwischen Himmel und Erde überwunden, weil Jesus Christus selbst durch sein Erdenleben und seinen Tod und die Auferstehung diesen Graben ein für allemal – nachhaltig – überwunden hat.

Das mag ja alles noch ganz „nett“ klingen. Aber wie geht das? Heilig sein? Heilig werden? Ist das nur was für die anderen – oder bin ich selbst damit gemeint? Das Evangelium von heute hat da eine Antwort. Das ist kein Patentrezept, aber ein Orientierungsrahmen, eine „Magna Charta“, die schon oft – leider auch missbräuchlich – herangezogen wurde, weil sie es kurz und knapp – und nachhaltig! – auf den Punkt bringt.

 

Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.

Das heißt auch:

Diejenigen, die wissen, dass sie nicht alles selbst machen und aus eigener Kraft vollbringen können, dürfen sich glücklich schätzen, denn sie haben erkannt, dass Gott allein der Geber aller Gaben ist. Das hat dann auch Auswirkungen auf ihre Weltsicht, auf den Umgang mit den Ressourcen der Erde und mit den Schätzen der Schöpfung. Das hat Auswirkungen auf das Bestreben von Wissenschaft und Technik und die Erkenntnis, dass nicht alles, was technisch machbar ist, auch gut ist für die Zukunft der Menschen und der Welt.

 

Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.

Das heißt auch:

Diejenigen, die trauern, lassen Gefühle zu. Sie wissen, was sie verloren haben, sind nicht hart und obercool. Deshalb dürfen sie sich letztlich glücklich schätzen, denn sie haben den unschätzbaren und wahren Wert erkannt, den Menschen und die Schöpfung Gottes haben. Wer den Verlust betrauert, der wird – wo immer ihm das möglich ist – bei der nächsten Chance dazu sorgsamer umgehen – mit Menschen, Tieren und der Natur.

 

Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.

Das heißt auch:

Diejenigen, die nicht um jeden Preis ihren eigenen Willen durchsetzen, dürfen sich glücklich schätzen, denn sie ermöglichen den Dialog, ohne den der Mensch zugrunde geht. Kriege und Terror – im Großen wie im Kleinen – zerstören nicht nur konkrete Menschenleben, sondern auch die Grundlagen für die künftigen Generationen.

 

Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.

Das heißt auch:

Diejenigen, die den inneren Wertemaßstab nicht verloren haben, dürfen sich glücklich schätzen, denn sie sind freier und unabhängiger als die, die ihre eigene Meinung aus der Zeitung „erfahren“. Hunger und Durst sind Antriebsmotoren. Wer nach Gerechtigkeit hungert und dürstet, der setzt sich selbst ein und überlässt die Zukunft der Welt nicht anderen. Nur selber essen macht satt. Nur wer selbst anpackt und sich dabei nicht abbringen lässt durch die vorherrschende (vielleicht anderslautende) Meinung, kann etwas bewirken.

 

Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.

Das heißt auch:

Diejenigen, die sich dem scheinbar unausweichlichen Gesetz von Macht, Karriere und Ruhm widersetzen, dürfen sich glücklich schätzen, denn sie stehen nicht unter dem vernichtenden Erfolgsdruck, mit dem sie sich vom Urteil anderer abhängig machen. Wer gegen allen Trend und gegen alle Erfolgskriterien barmherzig ist, der unterscheidet sich vom Gros derer, die nur sich selbst sehen können und so einen äußerst beschränkten Radius haben, der sie gefangen hält.

 

Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.

Das heißt auch:

Diejenigen, die sich nach bestem Wissen und Gewissen bemühen, dürfen sich glücklich schätzen, weil sie ruhiger schlafen als die, die ständig etwas verstecken müssen. Wer ständig damit beschäftigt ist, seine „krummen Geschäfte“ zu verheimlichen, weil es seinem Ansehen, seiner Karriere oder seinem Konto schadet, und dabei sprichwörtlich über Leichen geht, kann nur nach seinen eigenen Maßstäben oberflächlich glücklich werden. Den letzten Maßstab, an dem alle gemessen werden, kann er nicht verbiegen. Wer mit sich und der Welt ins Reine kommen will, braucht Ehrlichkeit – zunächst gegenüber sich selbst. Gott ist größer als unser Herz! (1 Joh 3, 20).

 

Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.

Das heißt auch:

Diejenigen, die es zum tausendsten Mal versuchen, auch gegen scheinbar ausweglos verhärtete Fronten, können sich glücklich schätzen, denn sie haben sich einen Schatz bewahrt, der unermesslich ist: die Hoffnung. Wer nur beklagt und lamentiert, was alles nicht (mehr) geht, der übersieht vielleicht den schmalen Steg, der zum Großen führt. Wer die Erde schon abgeschrieben hat, für den wird sie keine Zukunft bieten.

Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.

Das heißt auch:

Diejenigen, die sich einsetzen für eine bessere Welt, dürfen sich glücklich schätzen, auch wenn sie von anderen dafür belächelt und als naive Weltverbesserer verspottet werden. Am Ende zeigt sich, worauf es wirklich ankommt. Der Erfolg erweist sich nicht immer direkt, und oft genug sieht es frustrierend so aus, dass sich doch der Kaltschnäuzigere, der Mächtigere, der Eiskalte durchgesetzt hat. Aber es gibt eine andere Gerechtigkeit! Das ist die christliche Hoffnung über den Tag hinaus.

Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein!

Aber lehrt die Erfahrung nicht eher das, was der Theologe Heinz Zahrnt einmal fast zynisch für unsere „Leistungsgesellschaft“ formuliert hat, dass die Armen, die Leidtragenden, die Sanftmütigen und Barmherzigen gerade nicht „selig“ sind, sondern vielmehr „verraten sind“, weil sie in diese Leistungsgesellschaft nicht hineinpassen; weil sie vom Undank gebeutelt und vom Geld der anderen regiert und unterdrückt werden? Das bliebe zynisch, wenn darin nicht auch ein Appell stecken würde: Der Gedanke, dass Solidarität eine Ausdrucksform der Nächstenliebe ist. Wer entdeckt hat, dass in einer solchen Gesellschaft Menschen unter die Räder kommen, gemobbt und krank werden, der ist aufgerufen, sich dem entgegen zu stellen, wo immer es ihm möglich ist. Auch das ist ein Weg zur „Heiligkeit“, weil es gängige Muster und Machtstrukturen durchbricht – für eine gute Zukunft. Die Bibel verspricht das glückliche Ende für den, der sich mutig darauf einlässt und auch Widerstände und Hindernisse aushält und überwindet: „Euer Lohn im Himmel wird groß sein!“ Das ist keine bloße Vertröstung auf den Sankt-Nimmerleins-Tag, sondern Ermutigung, es wenigstens zu versuchen – in der Zuversicht auf Gottes Rückenwind und Segen.

An der Kathedrale von Reims in Frankreich sind am Portal Nischen, in denen Heiligenfiguren stehen. Manche Nischen sind frei geblieben. Ich finde das ein schönes Bild: Es ist noch Platz! Der Himmel ist noch nicht ausgebucht. Im Haus des Herrn sind viele Wohnungen (Joh 14, 2). Auch das wird an einem Festtag wie heute deutlich: Allerheiligen ist auch so etwas wie die Ausschreibung für das himmlische Casting. Die Spielregeln sind bekannt. Gesucht werden: „Germany’s / World’s next Heilige“! Hier und heute – und für die Ewigkeit.

Dr. Michael Kinnen, Bingen

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