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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

17. Sonntag nach Trinitatis / 29. Sonntag im Jahreskreis (16. Okt. 2011)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Mk 9, 17-27

Jes 45, 1.4-6

1 Thess 1, 1-5b

Mt 22, 15-21

 

Der Autor betrachtet alle Predigtperikopen des Sonntags. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Aufruf, sich für das Beenden der Erderwärmung zu engagieren (Mk 9); Friedenssicherung heute, Überlegungen: Wo ist Segen des Einen Leid des Anderen? (Jes 45); beten unterstützt beim Engagement, es befreit nicht davor (Thess 1); Steuergerechtigkeit, Verteilung und Verwendung finanzieller Ressourcen, für die Steuerausgaben als Christ mitverantwortlich fühlen (Mt 22)

 

Die für den 17. Sonntag nach Trinitatis vorgeschlagenen Predigttexte könnten unter dem Stichwort „Nachhaltigkeit“ für die Hörerinnen und Hörer im Gottesdienst noch einmal neu und anders Relevanz erlangen. Die in den Texten immer wiederkehrenden Themen „Glauben“ und „Vertrauen“ helfen und vergewissern auch im persönlichen und gemeindlichen Einsatz für eine nachhaltig bewirtschaftete Schöpfung Gottes.

 

Mk 9, 17-27

Die Heilungsgeschichte des besessenen Knaben bei Markus zielt auf den Glauben an den heilenden Jesus Christus. Er schafft, was andere Exorzisten, seine Jünger, nicht vermochten. Der nach seiner Verklärung (9, 2-13) vom göttlichen Licht gezeichnete Gottessohn begibt sich wieder an die Seite der notleidenden Menschen. Im Unvermögen der Jünger spiegelt sich auch die Frage der markinischen Gemeinde: Wieso können wir nicht alles heilen? Was machen wir falsch? Wohin mit unserem Zweifel und unserer Resignation?

Die Wundererzählung ist von einem dämonistischen Weltbild geprägt. Den Ausführungen des Vaters zu den Symptomen der Erkrankung seines Sohnes gibt Markus breiten Raum (V.17f.20-22), wohl um die Macht des sprachlosen Geistes und dann vor allem die Wirkmächtigkeit des Geistes Gottes in Jesus zu betonen. Gerade dieser Exorzismus macht es schwer, diesen Text ungebrochen in unserer Zeit zu predigen, wo immer wieder mit vermeintlich Geistgewirktem, die Ängste und Hoffnungen von körperlich und / oder psychisch Kranken in Geld umgesetzt werden. Epilepsie gehört heute vor allem in ärztliche Behandlung, Kirche und Gemeinde sollten die Welle des Okkulten und Irrationalen heute nicht zusätzlich befeuern.

Im Folgenden nun einige Hinweise, wie der Predigttext mit Blick auf „nachhaltiges Predigen“ verfremdet und dabei vielleicht auch neu erschlossen werden könnte:

Gibt es – ohne zu dämonisieren – solche „sprachlosen Geister“ (V. 17) nicht auch in unserer Gesellschaft: Themen, die einfach nicht gehört, geschweige denn angepackt werden. Denkbar wäre hier eine Vertiefung des Themas „Erderwärmung und Steigen des Meeresspiegels“. Während aktuelle Umweltkatastrophen meist breit thematisiert werden, schaffen es diese schleichenden Prozesse nur selten ins Licht der Aufmerksamkeit, obwohl die Gefahr für Menschen in flachen Küsten- und Inselregionen (z.B. in Mittelamerika und Südindien) heute schon genauso existentiell sind wie der lebensgefährliche Geist in dem Knaben (V. 18.22). Vielleicht könnte der Klimawandel mal einen ähnlich breiten Raum in der Predigt bekommen, wie die Beschreibung der Erkrankung des Knaben bei Markus.

So könnte noch einmal etwas spürbar werden von der Dynamik, die in dieser Geschichte steckt: Der völlig verobjektivierte Sohn könnte eine Stimme bekommen in Statements betroffener Menschen und Kirchen aus den Krisenregionen (aktuelle Berichte unter www.eed.de oder www.kirche-klimaschutz.de). Auch die Ohnmacht des Vaters (V. 22b.24), als einer, der das Leiden so hautnah erlebt, der sicherlich manches Mal mit Erschöpfung ringt und trotzdem so leidenschaftlich kämpft und schreit. Wie sehr spiegelt sich darin das langwierige, oft zähe Ringen der auf diesem Feld Aktiven – auch die Emotionen im konziliaren Prozess engagierter Gemeinden? Wenn du aber etwas kannst (V.22), so beginnt heute auch der verzweifelte Ruf, der in der Südsee bedrohten Kirchen an uns hier im Norden.

Und wie viele Gemeindeglieder könnten sich noch einmal neu in den Jüngern wieder finden: Sie würden ja gerne helfen. Sie probieren es ja auch – allein: Die andere Kraft, andere Interessen sind zu stark, der Erfolg des eigenen Engagements oft nicht zu sehen.

Alle genannten Personen teilen mit uns die Sehnsucht und die Hoffnung auf Heil und Heilung. Für die Jünger war es ein ihnen unbekannter Knabe, für uns heute sind es auch die uns unbekannten Menschen auf den Fidschi-Inseln oder anderswo in der Südsee. Und genau wie damals bei den Jüngern und auch in der markinischen Gemeinde korrespondiert unsere Sehnsucht mit dem lähmenden Gefühl: Wir vermochten / vermögen es nicht. Wir können nicht helfen!

Gegen diesen (menschlichen) Kleinglauben richtet sich Jesu zornige Schelte (V.19), nicht ohne im Umgang mit dem Vater des Knaben auch die Jünger wieder auf den Weg des Glaubens zu führen. Den Vater, in seiner Verzweiflung zwischen Zweifel und Glaube hin und her gerissen (V.24), hörte er und half ihm aus seiner Not. In der Heilung Jesu stärkt sich der Glauben des Vaters und auch der Jünger und aller, die dieses damals sahen oder hörten.

Neben dem, was der oder die Einzelne oder die Kirchengemeinde ganz konkret gegen die Erderwärmung tun könnte (CO2-Emissionsrechner für jede Familie, zu bestellen unter: Diakonie Katastrophenhilfe, Postfach 101142, 70010 Stuttgart), wäre dies für mich der Fokus einer „nachhaltigen Predigt über Mk 9, 17-27“: Wir sind bei all unseren Bemühungen, auch bei all unserem Versagen und Zweifeln nicht allein. Wir sollen uns engagieren – Beten und Handeln gehören zusammen –, aber bei all unseren Bemühungen können wir uns Gott anvertrauen, der „seine Liebe zu uns auf vielfältigste Art und Weise, am deutlichsten aber in der Gestalt Jesu Christi, verwirklicht hat“ (Martin Ferel, PSt III/2, 1987, 241). An dieser Liebesbewegung Gottes zu allen Menschen, konkret und politisch, mitzuwirken – dazu ist die Gemeinde Jesu Christi gesandt. Beauftragung und Bestärkung in dieser Sendung erfährt sie in der gottesdienstlichen Anrufung Gottes.

 

Zum Klimawandel:
www.germanwatch.org/download/klak/fb-ms-d.pdf

http://www.bund.net

Liedvorschläge: EG 445 Gott des Himmels und der Erde, EG 272 Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen

Liturgie: Psalm 118

 

Jes 45, 1.4-6

„Nachhaltig predigen“ heißt für mich auch, dem Frieden das Wort zu reden. Zu oft sind Völker „gesegnet“ (mit Gürtelschnallen: Gott mit uns!) in grausame Feldzüge gezogen. Zu selten ist Gott den mordenden Horden in den Arm gefallen.

Für Israel war der Kriegsherr Kyrus ein Segen. Mit ihm und seinem Edikt war für das Volk Israel ein Neuanfang möglich. Aber er war auch ein Kriegsherr, und die wenigsten Völker werden sich ihm auf seinen Eroberungszügen kampflos ergeben haben (anders V.1). Auch sein Reich ist später wieder von anderen erobert worden, und die Spirale von Krieg und Gewalt drehte sich weiter.

So ist es auch nur die Sicht Israels, dass Kyrus von ihrem Gott um Israels willen erwählt und unterstützt wurde (vgl. V. 5b). Mit Kyrus verband sich für Israel die Hoffnung auf ein friedliches Leben im eigenen Land bei gleichzeitiger Zusammenführung der Exilierten mit den Daheimgebliebenen im zerstörten Land. Es ist die Hoffnung eines von einer Großmacht viele Jahre unterdrückten und zerstreuten Volkes.

Gott erwählt sich einen Kriegsherrn. Diese Vorstellung ist heute meines Erachtens nicht mehr zu predigen. Lohnenswert wären Überlegungen, wo Umstände, die wir als segensreich empfinden, für andere Leid und Unglück bedeuten. Dem militärischen Rüsten zur Bekanntmachung Gottes (V. 6) könnten friedensethische Überlegungen gegenübergestellt werden, wie wir heute Frieden sichern, Segen erfahrbar und den Gott des Friedens und der Gerechtigkeit auf der Welt bekannt machen könnten. Ein Beispiel: Gemeinden könnten sich beispielsweise zu einer Unterstützung des internationalen, christlichen Friedensdienstes EIRENE entschließen, der meist junge Menschen als Freiwillige in Entwicklungsprojekte in aller Welt schickt, um Frieden und Gerechtigkeit in unserer Welt zu mehren.

 

Thess 1, 1-5b

Paulus bindet in diesem Predigtabschnitt „Glauben im Wort“ und „Arbeit in der Liebe und in der Kraft des Heiligen Geistes“ sehr eng zusammen. Beides sind in der Tat zwei Seiten einer Medaille und dies könnte der Gottesdienstgemeinde noch einmal deutlich gemacht werden.

Zum Zusammenhang von Beten und Handeln ein Zitat aus dem Erwachsenenkatechismus der Kirchen in der DDR: „Beten ist keine Ersatzhandlung. Denken und Handeln des Betenden gehen dem Beten voraus und folgen ihm. Kann ein ernsthaftes Gebet auf die Länge ohne die entsprechende Arbeit bleiben? Kann man Gott um etwas bitten, das man nicht in den Grenzen seiner Möglichkeiten herbeizuführen im selben Augenblick entschlossen und bereit ist?“ So fragt Karl Barth, und Martin Luther fährt fort: „Wir müssen erkennen, dass es Aberglaube ist, wenn wir annehmen, Gott werde handeln, wenn wir müßig bleiben. Nur auf dem Hintergrund des eigenen Denkens und Handelns an den Stellen, wo es möglich ist, kann und darf auch an solchen Stellen gebetet werden, an denen eigenes Handeln unmöglich ist. So befreit rechtes Beten in hervorragender Weise zu antwortendem und verantwortlichem Handeln.“ (Aufschlüsse, S. 118, zit. n. Reinhard Miethner, PSt III/2, 1978, S. 240)

Die anbetenden Gemeinde wird ermutigt, sich auch im Alltag bei der Bewahrung der Schöpfung zu engagieren. Konkrete Beispiele gibt es genug: fair gehandelten Kaffee kaufen (in der Gemeinde verkaufen?), Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel benutzen, Energiesparlampen kaufen, in der Region einkaufen etc..

 

Mt 22, 15-21

Der sprichwörtlich gewordene letzte Satz des Predigttextes könnte im Sinne der 2-Reiche-Lehre Luthers missverstanden werden: Auf der einen Seite der weltliche Herrschaftsbereich des Kaisers, auf der anderen Seite, davon losgelöst, der Wirkungsbereich Gottes. Jesus antwortet hier aber nur auf eine ganz konkrete Frage: „Ist es recht, dass man dem Kaiser Steuern zahlt oder nicht?“ – „Ja, natürlich! Gebt dem Kaiser, was ihm gehört.“ Damit sind aber weder der Kaiser noch unsere Steuergelder dem Bereich Gottes entwichen.

Natürlich brauchen auch die Regierenden heute unsere Steuergelder, zum Beispiel für neue Infrastrukturmaßnahmen oder die Sozialkassen. Damit ist aber noch nicht gesagt, dass nicht auch wir Christinnen und Christinnen mit deutlicher Stimme mitreden könnten, wofür unsere Steuergelder ausgegeben werden. Sich dort im Einzelfall kommunal einzumischen fördert den demokratischen Prozess. Welche Gruppen haben in der Kommune eine gute Lobby und welche werden nicht gehört? Muss wirklich der dringend benötigte Jugendtreff schließen, das neue Luxushotel bekommt aber einen saftigen Zuschuss? Gibt es nicht auch andere Lösungen und Kompromisse? So und anders könnte die Steuerfragen vor Ort lauten.

Darüber hinaus lohnt es natürlich, auch die bundesdeutsche Steuermittelverteilung ins Bewusstsein der Gottesdienstgemeinde zu rufen. Bei allem Sparen darf die Frage, „Wofür wie viel?“ nicht unter den Tisch fallen. Es kann beispielsweise nicht sein, dass die gemachten Zusagen im Bereich Entwicklungspolitik nun als Erstes dem Rotstift zum Opfer fallen.

Die Steuern nicht einfach weggeben, sondern sich mitverantwortlich fühlen für ihre Verwendung im Sinne einer nachhaltigen Investition. Das könnte der Sinn einer nachhaltigen Predigt über die Frage nach dem Zinsgroschen sein.

Tilmann Raithelhuber, Neuwied

 

Literatur

Seim, Michael: 17. Sonntag nach Trinitatis, in: Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Dialog III, München 2004, 292-297

Dschulnigg, Peter: Das Markusevangelium, ThKNT Bd. 2, Stuttgart 2007

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