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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

15. Sonntag nach Trinitatis / Erntedank / 27. Sonntag im Jahreskreis (2. Okt. 2011)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

15. So. n. T.: Lk 18, 28-30
Erntedank: Jes 58, 7-12

Jes 5, 1-7

Phil 4, 6-9

Mt 21, 33-44

 

Der Autor betrachtet den Erntedankpredigttext aus der ev. Perikopenordnung und die 1. kath. Lesung. Stichworte zur Nachhaltigkeit: aktiver Einsatz ersetzt weltabgeschiedene Frömmigkeit (Jes 58); nicht ständig von Gott reden, sondern für Recht und Gerechtigkeit eintreten als den eigentlichen Früchten des Glaubens (Jes 5); Brot, Obdach und Kleidung; Solidargemeinschaft Menschheit

 

Erntedank

In vielen Gemeinden wird am 1. Sonntag im Oktober das Erntedankfest gefeiert. Dank für die Ernte begegnet uns in allen Religionen. Sowohl der jüdischen Festkalender (Fest der ungesäuerten Brote, Laubhüttenfest), als auch das christliche Rom verbinden bestimmte Tage (Quatembertage) mit Erntedank. Der Anblick der farbenprächtigen Erntegaben, die in vielen Kirchen zum Altar gebracht werden, verstärkt eher noch die Tatsache, dass im Zeitalter der Industriekultur, der unmittelbare Erfahrungsbezug zum Erntedank verlorengegangen ist. Trotz des Klimawandels ist unser Leben hier weniger von den Jahreszeiten, von Sonne, Wind und Regen bestimmt als durch die Vorgänge auf dem Weltmarkt, dem Arbeitsmarkt und der Börse. In vielen städtischen Gemeinden ist aus dem Erntedankfest eher eine folkloristische Veranstaltung geworden. Die durch die Industriekultur geprägten Erfahrungen werden nur in Ansätzen in Gottesdiensten thematisiert.

Während früher das Fest auf kleine Wirtschaftsgemeinschaften bezogen war, stellt sich ihm heute eine neue Herausforderung: Der Welthandel, die Folgen des Klimawandels, der Hunger in vielen Regionen dieser Erde, unser Umgang mit Energie und Schöpfung sind nur einige Themen und Herausforderungen, die diesem Fest eine neue weltweite und soziale Dimension geben.

 

Die biblischen Texte

Jes 5, 1-7

Wirklich alles hat Gott für Israel getan, davon ist Jesaja in seinem Weinbergslied, einem Meisterwerk hebräischer Poesie, überzeugt. Er hat den Weinberg bestellt und ihn mit Reben auf fruchtbaren Boden bepflanzt. Im Weinberg sollte sich der Reichtum und der Segen Gottes, der auf seinem Volk liegt, widerspiegeln (vgl. auch Dtn 8, 8). Doch all die Mühe war umsonst.

In der Bildwelt der erotischen Dichtung der Zeit ist das Verhältnis Weinbergsbesitzer / Weinberg als Liebhaber / Geliebte zu deuten (vgl auch Hld 1, 6; 2, 15; 8, 11 f.).

So beginnt der Text wie ein Liebeslied, das ein Liebhaber über die wunderbare Vergangenheit mit der Geliebten singt und schlägt urplötzlich um in eine furchterregende Gerichtsrede. Was in Jesaja 5, 7 nur angedeutet wird, benennt der Prophet einige Verse später (Jes 5, 20 ff.) mit voller Wucht: Korruption des Rechtswesens, soziale Ungerechtigkeit und ein unwürdiger Lebenswandel haben sich eingestellt und sind an der Tagesordnung. Die gescheiterte Liebesmühe des Weinbergsbesitzers wird zur Parabel einer Beziehung und ihrer enttäuschten Hoffnung.

 

Jes 58, 7-12

Im Jesajatext, den die evangelische Leseordnung für das Erntedankfest vorsieht, wird das Volk Israel, das nach der Rückkehr aus dem Exil (537) enttäuscht ist, weil nichts vorangeht und die Hilfe Gottes bei all dem Fasten und Beten ausbleibt, vor einer bloß rituellen Frömmigkeit gewarnt. Jesaja führt diese Enttäuschung auf den Mangel an Nächstenliebe und Solidarität zurück. Dem Fasten, das in Kasteiungen gipfelt, stellt Jesaja das Fasten gegenüber, das Gott gefällt. Der Arme steht dann im Zentrum, der notleidende Mensch, der keine Nahrung, keine Kleidung und keine Heimat hat. Gott wird sich seinem Volk erst wieder zuwenden und die Wunden der Deportation heilen, wenn sich das Volk den Notleidenden zuwendet.

 

Mögliche Predigtthemen

Abwehr einer weltfremden Religiosität und religiöse Innerlichkeit

Unsere Hinwendung zu Gott ist zutiefst verbunden mit unserer Zuwendung zum Mitmenschen. Es gibt kein wahres Fasten und keine Umkehr zu Gott ohne eine entschiedene Hinkehr zum Menschen. Es gibt keine Einsicht in die Höhen und Tiefen unserer Beziehung zu Gott ohne Einsicht in die Höhen und Tiefen unserer Beziehungen zu den Menschen und zur Schöpfung insgesamt. Das asketische und liturgische Abmühen des Volkes in Form von offiziellen Fast- und Bußtagen und Selbstkasteiungen ist korrumpiert durch asoziales und profitsüchtiges Verhalten (vgl. Jes 58, 3 f.)

Die Jesajapredigt in Kapitel 58 führt weg vom idyllischen Sonntagsglauben, weg von der Sorge ums eigene Seelenheil, weg von der auf mich fixierten Sorge um Wohlstand, weg vom Stillhalten und Aussitzen und nicht zuletzt weg von einer weltabgeschiedenen Frömmigkeit beim Gottesdienst. Erlösung darf sich „nicht nur auf die Seele des Menschen, auf seine übernatürliche Dimension, sie kann sich nicht nur auf die Heilswirklichkeit der Kirche und ihre Sakramente beziehen, sondern sie zielt auf die umfassende Befreiung des Einzelnen und der Gesellschaft in umfassender Hinsicht.“ (Greinacher, 1985, 301)

 

Glaube und Politik

Politisch Lied, ein garstig Lied. Dieses Wort drückt die ablehnende Haltung mancher Menschen aus, durch Musik und Gesang mit politisch brisanten Themen konfrontiert zu werden. Der Prophet Jesaja setzt bewusst ein Lied ein (Jes 5, 1), das er wohl auch in aller Öffentlichkeit gesungen hat. Sein Thema ist, bei aller Fremdheit seines Gottesbildes für uns heute, Gottes Gericht über sein undankbares Volk. Sein anfängliches Liebeslied entpuppt sich als politisches Lied.

Auch heute findet es nicht überall Zuspruch wenn kirchliche Stellen und PredigerInnen politische Stellungnahmen von der Kanzel aus vortragen.

Jesaja beschreibt in seinem Lied eine Verhältnisbestimmung von Glaube, Religion und Politik, von Erlösung und Befreiung, die es in sich hat. Poltische Stellungnahmen lassen sich nicht dadurch begründen, dass man nur verbal auf Gottes Willen hinweist. Als Christen, die sich in die Politik einmischen, müssen wir nicht ständig von Gott reden. Es reicht, wenn wir für Recht und Gerechtigkeit eintreten, denn dies sind die eigentlichen Früchte des Glaubens.

Kirche war und ist immer schon ein politisches Faktum. Vom Gottesdienst gilt, was von der Kirche insgesamt von Bedeutung ist. „Selbst und gerade einer Kirche, die sich betont apolitisch versteht und verhält, kommt eine große politische Bedeutung zu. Ein Gottesdienst und eine Kirche, die sich völlig supranaturalistisch verstehen, welche die gesellschaftliche und politische Situation gar nicht zur Kenntnis nehmen, sondern sich allein auf das Jenseits beziehen, haben gerade darin ihre politische, in diesem Fall die Gesellschaft stabilisierende, antireformerische und antirevolutionäre Wirkung. Unter solchen Voraussetzungen kann die Religion dann wirklich zum Opium des Volkes, zur imaginären Blume an der Kette der Unterdrückung, zum Heiligenschein des Jammertals ... werden, wie Karl Marx es ihr vorgeworfen hat.“ (Greinacher, 1980, 23)

 

Ein einfaches prophetisches Programm: Brot, Obdach und Kleidung

„Die Propheten sind die Linken, Streiter für die Armen, mit dem Kompass der Gerechtigkeit, der seine Nadel nach dem Höchsten ausrichtet. ... Der prophetische Kompass offenbart immer die Abweichung vom einfachen Programm göttlicher Gerechtigkeit. ... Nicht das Opportune herauspressen, ... sondern den Blick fest auf die ohne Brot gerichtet, ohne Obdach, ohne Kleidung. Ein Kompass, der nie irrt. Einfacher geht es nicht.“ (Üeberschär, Ellen, aus einer Predigt im Berliner Dom vom 5. April 2009)

Mit feierlichen Fastenumzügen will das Volk das Göttliche herbeiflehen. Doch Jesaja ist und bleibt Anwalt der Realität und schiebt immerzu den Riegel des WENN davor: Wenn du einen Nackten siehst, so kleide ihn, wenn du in deiner Mitte niemand unterdrückst, wenn du das Brot teilst und wenn du Obdachlose ins Haus führst, dann wird die Herrlichkeit des Herrn erscheinen. Göttliche Gegenwart macht Jesaja abhängig von scheinbar banalen Dingen. Allein die Armen halten die göttliche Gegenwart zurück.

 

Option für die Armen

Partei ergreifen für die Armen und Unterdrückten und Einfordern von Recht und Gerechtigkeit für die Opfer unserer rücksichtslosen Wirtschaft des freien Marktes sind offenkundiger Tenor der gesamten Bibel. Dem Christentum käme ein Herzstück abhanden, wenn es die Armen und ihre Suche nach Gerechtigkeit aus den Augen verlöre. Option für die Armen bedeutet immer „eine Haltung der Solidarität mit den Armen, einen Protest gegen die Armut und ein Engagement in dem Kampf der Armen für ihre Rechte.“ (Greinacher, 1985, 45)

Die Forderung nach einer Kirche der Armen (besonders entfaltet in der Theologie der Befreiung) sieht ihre Grundlage in den alttestamentarischen Traditionen, die Armut als Skandal verurteilen, der der Würde des Menschen und dem Willen Gottes radikal widerspricht. Unterdrückung und Ausbeutung sind ein Vergehen gegen Gott selbst, weil der sich die Sache der Armen zueigen gemacht hat. Armut offenbart einen Bruch in der Solidarität der Menschen und in ihrer Gemeinschaft mit Gott.

Jesus, der im Abendmahl nicht nur Brot, sondern sein ganzes Leben teilt, will keine Menschen, die ihr Brot, ihren Wohlstand, ihren Arbeitsplatz und ihr Leben für unteilbar halten. Wer vom Tisch des Herrn geschmückt mit den Erntegaben aufsteht, der weiß, für wen er draußen in der Welt einzustehen hat. Der weiß, wofür er einsteht in der Diskussion um Sozialabbau auf allen Ebenen, um nationale Interessen und sozialen Egoismus, um Umkehr zu mehr Frieden mit der Schöpfung auf unbestimmte Zeit, weil sonst Arbeitsplätze in Gefahr kommen.

Klaus Scheunig, Mandelbachtal

 

Literaturempfehlungen

Eckhard Bieger. Das Kirchenjahr zum Nachschlagen. München 1985

Clodovis Boff und Jorge Pixley. Die Option für die Armen. Düsseldorf 1987

Norbert Greinacher, Die Kirche der Armen, München 1980

Norbert Greinacher, Konflikt um die Theologie der Befreiung, Zürich 1985

Huub Oosterhuis. Ich steh vor dir. Freiburg im Breisgau 2004

Gerhard Lohfink. Gottes Volksbegehren. München 1998

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