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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

19. Sonntag nach Trinitatis / 31. Sonntag im Jahreskreis (30. Ok. 2011)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Mk 1, 32-39

Mal 1, 14b - 2, 2b.8-10

1 Thess 2, 7b-9.13

Mt 23, 1-12

 

Der Verfasser betrachtet alle Predigttexte des Sonntags. Stichworte zur Nachhaltigkeit: ganzheitlicher Lebensstil und solidarischer Umgang miteinander (Mk 1); mit einer „Kirche des Dienens“ bewusst ökologische und weltanschauliche Zeichen setzen (Mt 23); Authentizität in Glaubens- und Lebensstil (Mal 1, 1 Thess 2)

 

A Bezug zum Kirchenjahr

Der 19. Sonntag nach Trinitatis in der Predigtreihe III hat die ganzheitliche Heilung zum Thema. „Ganzheitlich" ist ein Schlagwort unserer Zeit, und es wäre hilfreich, wenn eine Verbindung zum heutigen Verständnis von den Predigttexten her abgeleitet werden könnte.

Der 31. Sonntag im Jahreskreis nach der Leseordnung A hat die Übereinstimmung von Reden und Tun zum Thema. „Authentisch“ würde hier heißen, dass man nicht nur viele Worte macht, sondern durch gemeinsames Engagement sich für ein nachhaltiges Leben einsetzt und dadurch einander „dient“.

 

B Gedanken zu den Perikopen

Mk 1, 32-39 – Unterwegs zur ganzheitlichen Weltsicht

Markus nutzt seine Überlieferung, um zunächst anhand des Beispiels einer Stadt (hier: Kapernaum am See Genezareth) zu zeigen, wie Jesu Tätigkeit die Menschen erfasst und wie sich Gottes Herrschaft als helfende und rettende Macht an Kranken und Besessenen erweist. Erlösung konkretisiert sich hier „auch im physischen Bereich und erfasst die Wurzeln der Bedrohung, die das damalige Weltbild in den Dämonen erblickte“ (Gnilka, EKK II/1, S. 87).

Jesus löst sich im weiteren Verlauf des Berichtes von der „Stadt“ seines ersten Auftretens und wendet sich dem ganzen Gebiet Galiläa zu. Der Weggang aus dem Haus des Simon darf nicht überinterpretiert werden: es ist weder eine Flucht vor einer begeisterten Menge noch eine Verweigerung weiterer Heilungen. Vielmehr will Markus herausstellen, dass bei Jesus Gebet und Verkündigung in einem unauslöslichen Zusammenhang stehen.

Die ihm nachfolgenden Menschen ruft Jesus auf, ihn in seiner Verkündigungstätigkeit in die anderen Orte zu begleiten. Das hier vorkommende „Dorf“ meint ein „stadtähnliches Dorf oder eine Stadt, die verfassungsmäßig nur die Stellung eines Dorfes hat“ (Gnilka, dto., S. 89). Auch hier im Umland ist das Wirken Jesu „ganzheitlich“. Neben der mutigen Verkündigung des „Himmels“ steht die tätige physische Solidarität mit den „dämonisch“ Belasteten.

 

Mt 23, 1-12 – Dienen statt Bevormunden

Eine Kirche ohne oben und unten, eine „Kirche des Dienens“ (Luz, EKK I/3, S. 314), eine Kirche von solidarischen Geschwistern ist es, was Matthäus vorschwebt. In der Kirche Christi darf es keine Hierarchie, also keine heilige Herrschaft, sondern nur den wechselseitigen Dienst geben. Man könnte hier das Programm entdecken, den Tendenzen zur Institutionalisierung und Hierarchisierung in Kirche und Gesellschaft entgegenzuwirken.

Jesus rät in seinem Spruch der Volksmenge und den Jüngern, alles zu halten, was die Schriftgelehrten und Pharisäer „sagen“. An das, was sie „tun“, also das gelebte Leben, sollen sich die Hörer Jesu nicht halten, denn die Schriftgelehrten und Pharisäer täten selbst nicht, was sie sagen. Matthäus zeigt hier also im Sinne Jesu den Widerspruchzwischen Wort und Tat auf, ein in der gesamten Antike verbreiteter Topos (Mt 23, 4). Ob es auch gute Pharisäer und Schriftgelehrte gibt, ist Matthäus nicht wichtig.

Es zeigt sich hier, wie Matthäus das Grundbekenntnis des Glaubens an der Praxis orientiert: „Nicht darauf kommt es an, dass man den Glauben an den einen himmlischen Vater und den einen Lehrer Christus mit Worten richtig formuliert, sondern darauf, wie man ihn im Alltag der Gemeinde bewährt“ (Luz, dto., S. 309).

 

Mal 1, 14 - 2, 10 + 1 Thess 2, 7b-13 – Gelebter Glaube

In den weiteren Lesungen wird einerseits die alttestamentliche Opferkritik aufgegriffen, um deutlich zu machen, dass Gott keine Opfer möchte, sondern einen „vernünftigen“ Gottesdienst; andererseits macht der urchristliche Missionar Paulus deutlich, dass er für die Verkündigung des Evangeliums bereit war, sein Leben mit den Menschen in der kleinasiatischen Stadt Thessaloniki zu teilen. Beides Male geht der Skopus der Texte hin zu einem authentischen Glaubens- und Lebensstil.

 

C Ansätze für nachhaltiges Predigen

Von den biblischen Texten für den Sonntag nehme ich zwei wesentliche Anregungen für eine nachhaltige Predigt auf: 1. Die Ermutigung zu einem ganzheitlichen Lebensstil und zu einem solidarischen Umgang miteinander, der den Leib-Seele-Dualismus überwindet. 2. Den Aufruf zu einer Kirche des Dienens, in der die Menschen durch gemeinsame Aktionen und einem authentischen Lebensstil bewusst ökologische und weltanschauliche Zeichen setzen.

In der umweltpolitischen Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ (2009) des Wuppertal-Institutes wird unter „Bausteine“ die herausfordernde These geäußert, dass das „Private politisch“ sei. Es heißt: „Auch durch die eigene Lebensführung kann Einfluss genommen werden – zum Beispiel als Konsument, der bei seinen Kaufentscheidungen politisch, also als Bürger denkt und Umweltbelastungen und die Solidarität mit Menschen, denen es schlechter geht, berücksichtigt. Grundbedürfnisse nach Essen, Wohnen und Mobilität können auch auf eine Art und Weise befriedigt werden, die weniger schädlich für Umwelt und Produzenten ist als bislang“ (Wegmarken für einen Kurswechsel, S. 35).

Hier zeigen sich die Individuen oft als „Gefangene“ des jeweiligen wirtschaftlichen oder ordnungspolitischen Systemzwanges. Die konkreten Lebensbedingungen werden als „unveränderbar“ angenommen und es wird nicht mit der Möglichkeit gerechnet, dass man durch engagierte Verkündigung und Zeichen der Solidarität einen „Systemwechsel“ wagen kann. Hinzu kommt, dass in Deutschland immer mehr Menschen an psychischen, familiären oder beruflichen Belastungen leiden. Diese Belastungen wirken sich auch auf das Wohlbefinden der Menschen aus. Die Zahl der psychisch Kranken nimmt stetig zu. Es wäre hier eine sehr schwere Last, wenn man dem Menschen allein die Verantwortung für das Gelingen seines Lebens aufbürden würde, ohne ihm selbst die Hilfsmittel für ein „nachhaltiges Leben“ in die Hand zu legen.

Das private Engagement für einen nachhaltigen Lebensstil braucht also notwendig auch ein gesellschaftliches Umfeld, das einen bei der Umsetzung der für richtig erkannten Ziele nicht alleine lässt. Deshalb muss der persönliche Lebensstil direkt in einer Gemeinschaft verortet sein. Unter der Überschrift „Bürgerinnen und Bürger nehmen Einfluss“ wird dieser Gedanke als „Mitgestaltung“ bezeichnet: „Nachhaltige Entwicklung braucht die Mitgestaltung durch Bürgerinnen und Bürger. Neue bürgerschaftliche Initiativen sind notwendig, um auf den verschiedensten Ebenen ein Gegengewicht zu den Segmenten von Privatwirtschaft und Verwaltung zu schaffen, für die Nachhaltigkeit nicht immer ein vorrangiges Anliegen ist.“ (Wegmarken, dto., S. 34)

Für vernetzt denkende Menschen gibt es viele Handlungsmöglichkeiten – Maßnahmen zur Energieeinsparung und die Gestaltung eines lokalen Verkehrssystems, das die Lebensqualität und das Mobilitätsverhalten positiv beeinflusst, Partnerschaften mit Menschen in anderen Teilen der Erde oder ökologische und werteorientierte Bildungsarbeit. Ganzheitlichkeit heißt hier, die „Herrschaft Gottes“ als helfende und rettende Macht zum Wohl aller Menschen durch gelebte Worte und sprechende Taten in die dörflichen und städtischen Strukturen einzubringen, wie es Jesus mit seiner Verkündigung vorgelebt hat (Heilung und Heil, Glaube und Leben).

Hier kommt auch die Marktmacht der Kirche ins Spiel. Es wird geschätzt, dass die großen Kirchen einschließlich von Organisationen wie Caritas, Johanniter und Diakonie etwa 120.000 Fahrzeuge im Jahr beschaffen. Würden sie diese Marktmacht nutzen und sparsamere Fahrzeuge kaufen, könnten sie damit ihrem Aufruf, die „Schöpfung zu bewahren“ mehr Glaubwürdigkeit verleihen und gleichzeitig ein Zeichen für eine Trendwende setzen. Das ökumenische Projekt „Zukunft einkaufen“ hat hier ja schon eigene Akzente gesetzt und zu einem nachhaltigen Lebensstil eingeladen (www.zukunft-einkaufen.de).

Eine Kirche des Dienens könnte sich genau dieses Grundproblems des bürgerschaftlichen Engagements im dörflichen und städtischen Kontext annehmen: Es ist für den christlichen Glauben notwendig, ein soziales Netzwerk zu bilden. Zu einem dienenden Miteinander in der Kirche gehört die Einsicht in die „Lebensqualität“, die durch Nähe entsteht. Man könnte es auch die bürgerschaftliche „Partizipation“ an den kirchlichen und gesellschaftlichen Handlungsprozessen nennen. Das dienende Miteinander, das von Solidarität und Authentizität geprägt ist, befähigt zu einem ökologisch verantworten Lebensstil und setzt persönliche Kräfte frei, für die erkannten Ziele vor Ort einzutreten. Dazu gehört es, dass das Individuum sich als Teil einer „organischen“ (leiblichen) Gemeinschaft versteht. Das Miteinander in den Kirchengemeinde könnte dann zu einer solchen „neuen Familie“ werden, in der man verstärkt auf einander achtet, füreinander betet, Jesu Worte hört und gemeinsam überlegt, wie man den Auftrag Jesu an seine Kirche „dienend“ verwirklichen könnte: durch eine Hilfe von Haus zu Haus, eine ortsnahe Rundum-Versorgung, ehrenamtliches Engagement über Altersgruppen hinweg (Zeitbank 55+) oder das freundliche Grüßen („Grüß Gott“). Nähere Informationen über das kirchliche Projekt „Lebensqualität durch Nähe“ gibt es im Internet (www.spes-zukunftsmodelle.de).

Thomas Herrmann, Radolfzell am Bodensee

Literatur

Gnilka, Joachim: Das Evangelium nach Markus (MK 1,8,26), EKK Bd. II/1, 4., durchges. und um Literatur erg. Aufl., Neukirchen-Vluyn 1994

Luz, Ulrich: Das Evangelium nach Matthäus (MT 18-25), EKK Bd. I/3, Neukirchen-Vluyn 1997

Wegmarken für einen Kurswechsel, Eine Zusammenfassung der Studie „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“ des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, 2009

(im Internet: http://www.zukunftsfaehiges-deutschland.de/fileadmin/zukunftsfaehigesdeutschland/PDFs/ZDII-Kurzfassung_090422.pdf)

Anm. d. Red.: Zum Projekt „Zukunft einkaufen“ s. a. Band V „Nachhaltig predigen“, Einleitungsteil S. 10-15

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