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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Letzter Sonntag im Kirchenjahr / Christkönigssonntag (20. Nov. 2011) 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Lk 12, 42-48

Ez 34, 11-12.15-17

1 Kor 15, 20-26.28

Mt 25, 31-46

 

Der Autor legt das kath. Evangelium mit Blick auf die biblisch voraufgegangenen Gleichnisse unter der Perspektive solidarischer Nachhaltigkeit hin aus. Ergänzung findet dieser Ansatz im ev. Predigttext, der die Verantwortlichkeit des Einzelnen für das ihm Anvertraute noch stärker zeichnet und zur Übertragung auf nachhaltige Ökonomie einlädt. Die erste (kath.) Lesung wird vom Autor als Kontrastfolie kooperativer Mitarbeiterführung (um-)gedeutet.

 

Stellung im Kirchenjahr

Das Christkönigsfest beschließt alljährlich das Kirchenjahr. Die Herausforderung der diesjährigen Leseordnung liegt in der so genannten Endgerichts-Perikope. Bei angemessener Deutung kann sie unter Umständen dazu verhelfen, das Besondere dieses Königs zu vertehen: Christus, der im Mitmenschen uns Begegnende.

 

Vom Endgericht – ein Lehrstück über das Hier und Jetzt (Mt 25, 31-46)

Rabbi Jehoshua ben Levi traf (einst den Propheten) Elija, der als Vorbote des Messias vom Himmel hernieder steigt, am Eingang der Höhle des Rabbi Schimon ben Jochai ... Da fragt er den Elija: Wann wird der Messias kommen? Er antwortete ihm: Geh, frag ihn selbst! – Wo befindet er sich denn? – An den Toren Roms. – Und woran erkennt man ihn? – Er sitzt unter den mit Krankheiten behafteten Armen, und alle nehmen, wenn sie ihre Verbände wechseln, die Verbände von ihren Wunden auf einmal ab und legen sie wieder an; er aber löst jedesmal bloß einen Verband und legt diesen einen wieder an (und so der Reihe nach), denn er sagt sich: Vielleicht wird man meiner (unversehens) bedürfen, und so soll keine Verzögerung entstehen. Da ging Rabbi Jehoshua ben Levi zum Messias und begrüßte ihn mit den Worten: Friede mit dir, mein Herr und Meister! Dieser erwiderte: Friede mit dir, Sohn Levis! Er fragte ihn: Wann wird mein Herr kommen? Der Messias antwortete: Heute! Daraufhin kehrte Rabbi Jehoshua ben Levi zu Elija zurück, und dieser fragte: Was hat dir der Messias gesagt? Er sagte: Friede mit dir, Sohn Levis! Und Elija fragte weiter: Hat er dir und deinem Vater das Leben der zukünftigen Welt verheißen? Da sagte Rabbi Jehoshua ben Levi voller Zorn: Belogen hat er mich, denn er sagte zu mir: Heute werde ich kommen, und bis heute ist er nicht gekommen! Da sagte ihm Elija: Du hast ihn nicht verstanden. Er hat es so gemeint: Heute, wenn ihr auf seine (= Gottes) Stimme hört.“1

Der Midrasch bietet sich als Einführung in die Predigt an, weil er Aspekte betont, die – im Vergleich mit der Markusvorlage (Mk 13, 1-37) – speziell matthäisch sind und sich so die Aussage der Perikope sehr gut fokussieren lässt: Matthäus steigert die Aufforderung zur Wachsamkeit („Seid also wachsam“) des Markus, da er der Überzeugung ist: „Wachsamkeit muss in der Tat umgesetzt werden!“2 Die mögliche Umsetzung dessen wurde in den vier voraufgehenden Gleichnissen verdeutlicht. Auch ein Rückblick darauf scheint für eine Predigt interessant, da die Endgerichtsrede aus dem matthäischen Sondergut quasi den Abschluss dieser Gleichnisse bildet. Auffällig sind hier mehrere Aspekte: Den Anspruch an ein Gericht durch den wiederkehrenden Menschensohn bezieht sich universell auf alle Völker (V 32), nicht nur auf das „Haus Israel“ oder die Jüngerinnen und Jünger Jesu. Das Scheiden der „Schafe von den Böcken“ (V 32) scheint dabei seinen lebensgeschichtlichen Kontext in der „Scheidung der weißen Schafe und der schwarzen Ziegen“ zu haben, „die in Palästina zwar tagsüber zusammen weiden, nachts aber getrennt werden, da die Ziegen Wärme, die Schafe jedoch frische Luft suchen“3. Die im Judentum bekannten Liebeswerke – u.a. Besuche bei Kranken, Beerdigung der Toten und Trösten der Trauernden – werden nun, bei Matthäus, nicht nur aufgeführt, sondern klar auf den Menschensohn hin bezogen, indem sich Christus eindeutig mit den Bedürftigen identifiziert. Ferner fällt auf, dass jene, die Hilfe leisteten – wie auch jene, die sie unterließen –, um den Adressaten ihrer Tat nicht wussten. In seiner ganzen Tiefe scheint diese Christusbegegnung im Geringsten (V 40) Franziskus verstanden zu haben, als er sich aufmachte, sein Heil im Mitleid (Compassio) mit den Aussätzigen, den in seiner Gesellschaft – und sieht es heute anders aus? – Ausgegrenzten, den körperlich und seelisch Krummen zu sehen. Nirgends wird – über den Poverello hinaus – diese Parteilichkeit Gottes so deutlich wie in der Befreiungstheologie, in der z.B. Jon Sobrino konstatiert: „Die Entstellungen im Antlitz der Dritten Welt sind der Preis für das Make-up der anderen Welten; ihre Armut der Preis für deren Überfluss; ihr Tod der Preis für deren Leben.“4 Die in Arm und Reich, Nord und Süd ökonomisch zerrissene Welt scheint wie das absolute Gegenprogramm zu dieser biblischen Klarheit, als ob sich die Definition des Anderen aus der terretorialen Grenzziehung oder der ethnischen Herkunft ergäbe. Die Perikope begründet in eindrücklichen Bildern, weshalb es theo- und christologisch evident ist, an Strukturen mitzuwirken, die die Eine Welt zum Ziel haben und alles tun, der Kluft entgegen zu arbeiten: Der wiederkommende Herr begegnet hier und heute im armen, unterdrückten, benachteiligten Gegenüber – unabhängig von Hautfarbe und Sprache. Diese Botschaft der so genannten diakonischen Realpräsenz ist radikal und mit Blick auf den Nachhaltigkeitsaspekt folgenschwer. Zielfrage: Würde uns, wäre diese Wahrheit präsenter, mehr Solidarität gelingen: im Hinblick auf weltweite Gerechtigkeit, die Verteilung der Güter, einen fairen Handel?

Wo sich ein Rückgriff auf eines der Gleichnisse anbietet, sei das letzte empfohlen, das sich sowohl im übertragenen Sinne als auch realwirtschaftlich deuten lässt: Im ‚Gleichnis vom anvertrauten Geld‘ (25, 14-30) werden – anders als bei der lukanischen Parallele (19, 12-27) – die Talente entsprechend der zugetrauten Fähigkeiten übergegeben. Entsprechend unterschiedlich beginnen die Diener auch, mit dem Geld umzugehen: es zu verfünffachen, zu verzweifachen – oder eben es durch Konservieren zu sichern. Hier fällt auf, dass der Verwalter nach seiner Abwesenheit – sie wurde (in V 19) explizit als „lange Zeit“ bezeichnet – die ersten beiden wortwörtlich gleich behandelt (V 21.23), obwohl im Gewinn ein deutlicher Unterschied besteht. Hierum kann es ihm also nicht (ausschließlich) gegangen sein. In der Reaktion auf den dritten besteht die Auflösung dessen, was der Verwalter als problematisch sieht: “Weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt“, rechtfertigt sich dieser (in V 25), der daraufhin als „schlechter und fauler Diener“ (V 26) bezeichnet wird. Dies wird er als ungerecht im Sinne rabbinischer Rechtssprechung verstanden haben, nach der er das Sicherste getan hat, was zu tun möglich war – womit er rechtlich nicht haftbar ist. Die deutliche Reaktion des Verwalters trotz des rechtlichen Rahmens macht die wesentliche Aussage deutlich: „Wer überängstlich um sein eigenes Bestehen besorgt ist und gar nicht merkt, dass er damit die Gabe seines Herrn brach liegen lässt (...), der hat versagt wie der dritte Knecht. Vom Gleichnis getroffen werden sollen also die, die auf ihre persönliche Integrität und Sekurität aus sind, im Bestehen im Gericht statt auf Gottes Sache, die in der Welt wirken will.“5 Dieser Blick mag eine mögliche einseitige Deutung des Gerichtsgedankens in der angeschlossenen – hier zu Grunde liegenden – Perikope nach dem Tun-Ergehens-Zusammenhang verhindern. Zielsatz: (Wann) Lassen wir von Vorhaben aus purer Angst, aus fehlendem Gottvertrauen ab, anstatt uns - wissend um die Richtigkeit des Tuns - auf diese Sache zu konzentrieren?

 

Harrend der Rückkehr des Herrn – vom treuen und vom schlechten Knecht (Lk 12,42-48)

Die Mahnung zur Wachsamkeit ergeht in Form des Gleichnisses auch im heutigen ev. Predigttext, im Kontext der sich (in V 38) andeutenden Parusieverzögerung. Die Naherwartung ist noch präsent in den Gemeinden, so dass sich das Gleichnis leicht auf das Wiederkommen des Menschensohnes übertragen lässt. Die diesbezügliche Frage des Petrus (V 41) gilt als lukanischer Einschub. Sie bildet den Auftakt für das nun folgende Gleichnis, in welchem jene – buchstäblich – Prügel abbekommen, die in Abwesenheit des Hausherrn mehr an sich als an die ihnen Anvertrauten gedacht und ihre Stellung maß- und schamlos ausgenutzt haben. Dem Hörer drängt sich angesichts dieser drastischen Bilder („Schläge bekommen“) eine ebenso deutliche Vorstellung von der lukanischen Gemeinde auf, zumal in den abschließenden – wieder aus dem lukanischen Sondergut bestehenden – Versen (V 47.48) das unwissentliche Tun des Unguten weniger sanktioniert werden soll als die bewusste Verweigerung des Auftrages: „Vielleicht wird damit die gesetzeskundige Heuchelei der Schriftgelehrten der Unwissenheit des Volkes gegenüber gestellt. Im Endgericht fordert Gott von den Begabten viel zurück und von hohen Verantwortungsträgern wird um so mehr gefordert.“6 Übertragen auf unsere Zeit ließe sich schlussfolgern: Die der Menschheit anvertraute Schöpfung wird mit Füßen getreten. Raubbau bestimmt vieler Orten eine für nachkommende Generationen unerträgliche Form der Nachhaltigkeit. Kurzweiliges Kalkül prägt die Strategien weltweite einflussreicher Konzerne. Die "Knechte" in der Politik, in den entsprechenden Banken und im Management, die uns an die Schwelle zur Weltwirtschaftsdepression geführt haben, und dennoch dem Götzen Casinokapitalismus weiterhin die Ehre geben, leben vor, wie man mit grober Fahrlässigkeit - oder gar mit Vorsatz - und ohne Sanktion moralisch - oder gar strafrechtlich - schuldig werden darf. Und „Otto Normalverbraucher“ ist oft der Einblick in die ökonomischen und ökologischen Zusammenhänge verwehrt. Er spielt das „Spiel“ mit, indem er sich seinerseits für das im Moment Günstigste und Schnellste entscheidet – „Geiz ist geil“. Zielsätze: Was würde der wiederkehrende Herr zum Haushalten der Menschheit (Oikonomos = Hausverwalter) hinsichtlich seiner Schöpfung sagen? (Interessant ist dabei das Fehlen einer verbalen Reaktion im Gleichnis, das vielmehr die Logik zeichnet: Handlung - wenn auch die verpasste - verdient Handlung: der Herr als der Re-agierende.) Und wenn man nicht davon ausgehen kann, dass sich Verantwortliche in Wirtschaft und Politik von einem biblischen Gleichnis den Spiegel vorhalten oder gar „drohen“ lassen, ließe sich doch zusätzlich die Frage stellen: Nach welchen Maximen lassen wir uns leiten, und bieten sich Möglichkeiten, diese in einem offenen Diskurs zu hinterfragen?

 

Der gute Hirt – oder: wem man den kleinen Finger reicht ... (Ez 34, 11-17)

Milder, weicher in der Fürsorge wie auch in der Reaktion, mutet die erste Lesung an – zumindest auf den ersten Blick. Im Bild des guten Hirten – und welches bietet sich am Christkönigssonntag besser an – scheint alles enthalten, was einer guten, gesunden Beziehung zuträglich ist: Der Hirt delegiert seinen Arbeitsbereich nicht an Helfer (V11), er ist in der Mitte der Anvertauten (V 12) und er führt sie nicht zu beliebigen Futterstellen, sondern nur zu den besten (V 14). Er zeigt sich derart einfühlsam, dass er für das Ruhebedürfnis der Umhergeführten Verständnis hat (V 15), und er geht den Verlorengegangenen nach, stärkt die Schwachen, verbindet die Verletzten (V 16) – auch hier klingen wieder die o.g. Liebeswerke an. Dann aber – nach der Zäsur zwischen V 16 und 17 und dem alles zusammenfassenden Resümee (V 17b) – schlägt der Ton um: Nun ergehen Vorwürfe, Anklagen – und nicht gerade emotionslos: Es klingt nach der Szene, in der ein Vater seinem heranwachsenden Sohn Undankbarkeit vorwirft, wo er doch alles erdenklich Gute für diesen getan habe. Doch ist das Motiv hier nicht – wie bei Jugendlichen – eine andere Vorstellung vom Leben und ein notwendiges Rebellieren gegenüber Vertrautem, als eng Empfundenem, um sich überhaupt selbst zu „finden“, sondern es besteht in der Maßlosigkeit. Doch wann werden – in der Übertragung des Gleichnisses – Menschen maßlos? Wann reicht ihnen ihr Gebiet, ihr „Futter“ nicht mehr aus? Freilich legt es die Perikope nahe, in dem guten Hirten Jesus zu sehen: Dann verbietet es unser gängiges Jesusbild, die Maßregelungen nicht in Menschen zu suchen. Doch warum sollte das Gleichnis nicht auch als Spiegel für unkooperatives Führungsverhalten dienen – im Sinne nachhaltiger Mitarbeiterführung? Denn: Menschen „nehmen“ sich mehr als ihnen zusteht, überschreiten Befugnisse und maßen sich mehr an, wenn sie wiederholt spüren, dass ihren Fähigkeiten keine Beachtung geschenkt wird, dass sie „klein gehalten“ werden – dass ihnen, allgemein formuliert, das Leben nicht genügend bietet. Zielsatz: Es gibt auch eine missverstandene Form von Fürsorge, sie erdrückt anstatt zu befähigen. Ebenso Solidarität, die keine Subsidiarität kennt, ohne Vertrauen in die eigenen Ressourcen und deren zielgerichtete Förderung auszukommen glaubt. Ein guter „Hirte“ weiß darum und achtet feinfühlig auf die Signale der „Schafe“.

Dr. Thomas Hanstein, Tübingen

 

Anmerkung

Inhaltlich passend zum Evangelientext bzw. als Zwischengesang oder Antwortspsalm wäre – in Anlehnung an E. Zenger – Ps 95, 7 zu empfehlen: „Ach würdet ihr doch heute auf seine Stimme hören!“

 

Literatur

Limbeck, M., Matthäus-Evangelium (Stuttgarter Kleiner Kommentar, Neues Testament 1), Stuttgart 1986.

Müller, P.-G., Lukas-Evangelium (Stuttgarter Kleiner Kommentar, Neues Testament 3), Stuttgart 1984.

Schweizer, E., Das Evangelium nach Matthäus (Das Neue Testament, Deutsch 2), Göttingen 31981

Sobrino, J., Christologie der Befreiung, Bd. 1, Mainz 1998.

Zenger, E., „Gib mir ein hörendes Herz!“ Von der messianischen Kraft des rechten Hörens, in: Vogel, Th. (Hg.), Über das Hören. Einem Phänomen auf der Spur, Tübingen 1996, 27-43.

 

Fußnoten

(1) Zenger, 27.

(2) Limbeck, 281.

(3) Ebd., 285.

(4) Sobrino, 354.

(5) Schweizer, 309.

(6) Müller, 124.

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