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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

4. Sonntag nach Trinitatis / 16. Sonntag im Jahreskreis (17. Jul. 2011)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

1 Mose 50, 15-21

Weish 12, 13.16-19

Röm 8, 26-27

Mt 13, 24-43

 

Die Autorin betrachtet den ev. Predigttext. Nachhaltigkeitsbezüge: wie Frieden gelingen kann – in der Familie, einer Beziehung oder der Welt

 

1 Mose 50, 15-21

Exegetische Hinweise

Das letzte Kapitel des 1. Mose (Genesis) schließt den Kreis der gesamten Josefsgeschichte. Es lohnt sich deshalb auf jeden Fall, unbedingt Kap. 37 noch einmal zu lesen, um all die Vor- und Rückverweise dieser dichten Erzählung wahrzunehmen. Die in V. 21 versprochene Versorgung der Kinder Israels leitet schon über zur Ausgangssituation im 2 Mose (Exodus). Israel ist in Ägypten ein starkes Volk geworden (2 Mose 2, 6 f.).

Häufig wird V. 15 als Indiz für literarische Wachstumsprozesse interpretiert – der Vater Jakob wurde ja gerade (vgl. 50, 1-13) mit einer beeindruckenden Zeremonie bestattet. Gleichwohl ist es doch auch eine ganz menschliche Erfahrung, dass das volle Bewusstsein über den Verlust und dessen Konsequenzen oft erst lang nach den Trauerfeierlichkeiten einsetzt. Der Text der Lutherübersetzung macht diesen Trauerprozess leider komplett unsichtbar. Sehr schön übersetzt Ebach (650): „Da kam es Josefs Brüdern zu Bewusstsein: Ihr Vater war nun tot. Da sagten sie: ..“

Die folgenden Verse 16-17 verrätseln mehr, als sie wirklich die Situation erhellen. Die Brüder lassen Joseph per Boten ausrichten, dass Jakob ihnen noch gesagt hätte, sie sollten ihm sagen …, deshalb lassen sie ihm jetzt sagen … Sehr viel komplizierter kann eine Kommunikation über eine so entscheidende Frage (zwischen Brüdern!) kaum organisiert werden. (vgl. 37, 32 ff. – auch hier kommen die Brüder nicht gleich selbst zu Jakob, sondern schicken erstmal den Ärmelrock und ein Botschaft an Jakob.) Worum sich die Brüder drücken ist: 1. Sich dem Bruder wirklich zu stellen – ohne die vermittelnde und schützende Instanz des Vaters. 2. Ihre Schuld an Josef klar einzugestehen und auszusprechen. Die Brüder bleiben in Deckung. Hat Jakob das hier Zitierte wirklich gesagt, und es wurde nur nicht erzählt, weil es eben erst jetzt Bedeutung erlangt? Oder legen die Brüder ihrem Vater eine Notlüge in den Mund, jetzt, da nach dem Tod des Vaters die Situation erneut gefährlich für sie werden könnte? Vom Text her lässt sich das nicht entscheiden, es gibt beide Varianten in der Auslegung.

Egal welche Variante man wählt, die umständlichen V 16-17 provozieren auch die Frage, haben die Brüder eigentlich ihrem Vater je gestanden, was damals wirklich passiert ist? Wie Josef nach Ägypten kam? Im Text wird es jedenfalls nie erzählt. Nicht nur gegenüber Josef, auch gegenüber ihrem Vater scheinen die Brüder nie wirklich ihre Schuld ganz eingestanden zu haben. Ist es das, was Josef nur zu gut weiß und was ihn zum Weinen bringt? Oder hört er in der umständlichen Botschaft doch ein Schuldgeständnis und das lässt ihn Weinen? In dieser Familie (und nicht nur in dieser) gibt es auf jeden Fall zu viel Unausgesprochenes.

Interessant ist auch das Verb, das meist mit „vergeben“ übersetzt wird. Ebenso gut könnte eine Übersetzung lauten: „Trage/Ertrage doch das Verbrechen und die Sünde …“ Auch Josef – so ahnen vielleicht die Brüder – muss sich der Vergangenheit noch in einer anderen Weise als bisher stellen.

Als es nun endlich zur Begegnung der Brüder kommt, spricht Josef es aus: „Bin ich den an Gottes Stelle?“ (anders Luther: „denn ich bin unter Gott“) Vielleicht ist das der Moment, in dem auch Josef erkennt: Bisher hatte er letztlich nur den Spieß umgedreht und nun an den Brüdern seine Macht ausgelassen. Das Niederfallen gebührt allein Gott. Auch wenn Josef schon in Kap. 37 von diesem Niederfallen der Brüder geträumt hatte … Jetzt ist die Zeit, die das Voreinander-in-die-Knie-gehen der Geschwister beendet. Und auch das Urteil gebührt allein Gott. Was aber Sache der Menschen ist, ist Verantwortung zu übernehmen für ihre Schuld. Vom Text bleibt offen, ob Josef wirklich vergeben hat. Vielleicht ist das nicht so wichtig, er hat für die Brüder gesorgt und er hat sie getröstet (wörtlich: sie aufatmen lassen), er hat dafür gesorgt, dass für die ganze Familie das weiterleben möglich wird – ohne dass das Vergangene ungeschehen gemacht werden könnte.

Mit dieser Schuld ist weiterleben möglich, weil Gott die Lage gedreht hat. Aber auf keinen Fall wollte Gott die Schuld und das Leiden Josefs, um damit etwas Gutes zu bewirken. Das wäre zynisch. Wer V. 20 so interpretiert, handelt sich das Bild eines Gottes ein, der mit den Menschen spielt wie mit Marionetten und bei dem das Leid der einzelnen nichts gilt.

 

Assoziationen

Wie gelingt Frieden? Das ist wohl die entscheidende Frage – Frieden in den Familien und Beziehungen, Frieden im globalen Zusammenhang.

Interessanterweise wird in der jüdischen Tradition Gen 50, 16 auch als Argument für gerechtfertigte Notlügen interpretiert. Gerechtfertigt sind solche Lügen nur, wenn sie dem Frieden dienen. Einem wirklichen Frieden und keinem, der nur darauf beruht, dass Wissen vorenthalten wird.

 

Erlaubte Lüge

Die Brüder erzählten Josef von Jaakows letzten Anweisungen, von denen jedoch nichts berichtet wird (Gen 50, 16.17). Rabbi Ilea sagte ...:“ Man darf um des Friedens willen (von der Wahrheit) abweichen.“ Rabbi Schim’on ben Gamliël lehrte: „Groß ist der Friede, denn sogar unsere Stammväter wichen von der Wahrheit ab, um den Frieden zwischen sich und Josef zu bewahren.“ (Tora 407)

Frieden in den eigenen nächsten Beziehungen sichern, das ist der erste und vielleicht schwerste Schritt. Es ist tröstlich, dass Josef nicht sagen muss: „Ich verzeihe euch alles.“ Vielmehr – das Tragen der Schuld, das gemeinsame Wissen darum, in dem doch die Kraft steckt, jetzt anders zu handeln. Und vor allem: die Schuld nicht in die nächsten Generationen als Unausgesprochenes zu vererben. Das wirkt nachhaltig.

 

Literatur

Jürgen Ebach, Genesis 37-50, Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament, 2007.

Die Tora in jüdischer Auslegung, Band 2: Schemot. Exodus, hrsg. von W. Gunter Plaut, Gütersloher Verlag 2000.

Dr. Katrin Brockmöller, Mainz

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