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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

7. Sonntag nach Trinitatis / 19. Sonntag im Jahreskreis (7. Aug. 2011)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Joh 6, 30-35

1 Kön 19, 9a.11-13a

Röm 9, 1-5

Mt 14, 22-33

 

Der Verfasser erkennt Nachhaltigkeitsbezüge an diesem Sonntag nur im ev. Predigttext. Stichworte:

Unterernährung von Millionen von Menschen ein globaler Skandal, da Möglichkeiten der Bekämpfung existieren; weltweiter Hunger nach materiellen und spirituellen / geistigen Existenzgrundlagen (Joh 6)

 

Johannes 6, 30-35

Es geht ums Brot!

Der Predigttext ist mitten aus einem Gespräch mit Jesus herausgeschnitten. Es kreist wesentlich um die verschiedenen Bedeutungen des Wortes „Brot“ und gipfelt in dem Spitzensatz Jesu: „Ich bin das Brot des Lebens“ (V.35). Der besondere Reiz des Textes besteht nun darin, dass der Begriff „Brot“ von Jesus mehrdeutig verwandt wird. Eine Bedeutung liegt auf Brot als Nahrungsmittel, zur Zeit Jesu Hauptnahrungsmittel. Es geht in dem Text also auch um’s Essen. Und vor allem um die Frage: was macht uns eigentlich satt?

Die Frankfurter Rundschau vom 24.03.2010 berichtet auf ihrer Titelseite über eine Studie von US-amerikanischen Forschern. Sie untersuchten Abendmahlsdarstellungen über die Jahrhunderte hinweg, insbesondere die Größe der Teller, der Portionen und des gebrochenen Brotes. Ergebnis: Die Menschheit wird immer gefräßiger! „Die Größe der Teller nahm auf den Darstellungen zwischen dem 11. und dem 21. Jahrhundert um 66 Prozent zu, die der Portionen um 69 Prozent und die der Brotlaibe um 23 Prozent.“ Die menschliche Geschichte, die sich darin widerspiegelt, ist auch eine Geschichte der Herausbildung von Wohlstand, Gefräßigkeit und Überfluss.

Die andere Seite der Medaille wird von Jean Ziegler, dem ehemaligen UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, treffend auf den Punkt gebracht: „Das Massaker an Millionen Menschen durch Unterernährung und Hunger ist und bleibt der größte Skandal zu Beginn des dritten Jahrtausends. (…) Es handelt sich um ein immer wieder von Neuem begangenes Verbrechen gegen die Menschheit. Heute stirbt, wie ich bereits sagte, alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren an Hunger oder an mit Unterernährung verknüpften Krankheiten. Im Jahr 2005 hat der Hunger mehr Menschen getötet als alle in diesem Jahr geführten Kriege zusammen.“ (Das Imperium der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung, München 32005, S. 102). Offensichtlich waren alle Anstrengungen der Hungerbekämpfung, wozu ja auch die kirchlichen Hilfswerke, wie Brot für die Welt und Misereor einen wesentlichen Beitrag leisten, nur Tropfen auf den heißen Stein. Denn, wie Ziegler berichtet, hat sich die Zahl der Opfer chronischer Unterernähung zwischen 1995 und 2005 um 28 Mio. erhöht. Es stellt sich also heute immer noch die Frage, wie wir den Hunger wirksam bekämpfen können, wozu wir, so stellt Ziegler fest, die Möglichkeiten eigentlich hätten.

Dieser Gegensatz scheint im Hintergrund auf, wenn ich zu Beginn des 21. Jahrhunderts den johanneischen Text vom „Brot des Lebens“ lese und dabei an unser tägliches Brot denke, für das wir im Vater Unser bitten. Kirchenjahreszeitlich liegt der 7. Sonntag nach Trinitatis in diesem Jahr Anfang August, d.h. zeitlich nahe an der Getreideernte. Auch dies ist ein Anknüpfungspunkt an die Brot-Metaphorik.

 

Zwei Sorten Brot

Um es gleich vorweg zu sagen: Der Text gibt keine Antwort auf die Frage, wie wir den Hunger aus der Welt schaffen können. Gleichwohl bildet jedoch die Erzählung von der Speisung der 5.000 (Joh.6, 1-15) den Anlass und damit das Vorspiel zu diesem Gespräch. Interessant an diesem Gesprächsgang ist nun, wie Johannes die Bedeutungsebenen des Begriffes „Brot“ gezielt verändert. Dabei bedient er sich eines produktiven Missverständnisses. Die Menschen, mit denen Jesus spricht, halten ihn für den neuen Mose. Denn dieser gab dem Volk Israel Brot in der Wüste zu essen (V.31). Das ist für den johanneischen Jesus die Steilvorlage, um nicht nur klarzustellen, dass Gott („mein Vater“, V.32) der Geber der Gaben in der Wüste war, sondern auch um zu verdeutlichen: er selbst und die Gabe sind ein und dieselbe Sache. Er wurde vom Vater vom Himmel herabgesandt, um den Menschen das Leben zu geben. Er ist also „die“ entscheidende Lebensgabe Gottes, die den Hunger der Menschen wirklich stillt. Damit ist die Semantik des Wortes Brot von Brot als Nahrungsmittel überschritten auf die Bedeutung als „Lebens-mittel“ schlechthin. Wenn Jesus von sich selbst nun als dem „Brot des Lebens“ (V.35) spricht, dann steht nicht mehr das Essen im Mittelpunkt. Vielmehr geht es im übertragenen Sinn darum, dass wer von diesem Brot isst (m.a.W.: wer an ihn glaubt) das ewige Leben hat.

 

Was ist wichtiger?

Das „Brot zum Essen“ und das „Brot zum Leben“ stehen sich in diesem Gespräch also gegenüber. Der Evangelist Johannes lässt keinen Zweifel daran, dass es auf Jesus Christus als das Brot zum Leben ankommt. Erst der Glaube an ihn macht wirklich satt. Das Brot als Nahrungsmittel ist insofern nur die hermeneutische Brücke, die auf die entscheidende Aussage des Textes hinführt. Damit ist jedoch keine Abwertung von Brot als Nahrungsmittel verbunden; ebensowenig die Herabstufung von Ernährung und materiellen Aspekten des Lebens gegenüber Religion und christlichem Glauben.

Deshalb kann man in der Predigt durchaus an die semantische Mehrdeutigkeit des Brotwortes im Text anknüpfen. Die Beantwortung der Frage „was macht uns wirklich satt?“ kann dabei behilflich sein. Die Antwort lautet dann jedoch nicht, dass es bei diesem Text auf materielle Aspekte des Lebens nicht ankomme, oder dass das Brot, das wir essen, nur eine Durchgangsstufe zu einem spirituellen Verständnis des Brotes sei. Jesus macht die Menschen satt, indem er bei der Speisung der 5.000 das Brot vermehrt und den Hunger der Menschen stillt. Vor diesem Hintergrund ist der Hunger von Millionen Menschen auf der Welt eine Schande und Verweigerung von Leben. Das Verständnis von Jesus als dem „Lebensbrot schlechthin“ darf deshalb nicht gegen das materielle Verständnis von Brot ausgespielt werden. Es gilt nicht die christliche Umkehrung von Brechts Diktum „erst kommt das Fressen, dann die Moral“ im Sinne von „erst der Glaube, dann das Essen!“

Es geht im Christentum nicht um ein Ranking von materiellen und spirituellen Aspekten des Lebens, auch nicht um die Vorrangstellung der „Glaubensgerechtigkeit“ vor der „Verteilungsgerechtigkeit“. Vielmehr ist geradezu auf die Untrennbarkeit beider Dimensionen hinzuweisen. „Brot“ und „Glaube“ sind keine Gegensätze. Vielmehr ist Jesus derjenige, der beides verbindet: nicht zuletzt das Speisungswunder macht deutlich, dass es für alle Menschen genug zum Essen gibt. Und er selbst ist es, der die Menschen satt macht, materiell wie spirituell. Dies ist auch die Grundlage für ein aufgeklärtes Verständnis von Mission. Es bietet sich an, den Gottesdienst als Abendmahlsgottesdienst zu feiern und die Zusammengehörigkeit beider Aspekte in der Predigt anzusprechen.

Dr. Gunter Volz, Frankfurt am Main

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