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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

10. Sonntag nach Trinitatis / 22. Sonntag im Jahreskreis (28. Aug. 2011)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

2 Mose 19, 1-6

Jer 20, 7-9

Röm 12, 1-2

Mt 16, 21-27

 

Der Verfasser betrachtet alle Predigtperikopen des Tages. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Reflexion der unser Leben tatsächlich bestimmenden Werte – die zur Zerstörung der Möglichkeiten des Lebens führen, im Winter bei 25 Grad ohne Pullover am Schreibtisch sitzen (Ex 19); weiter klagen und beschweren aus dem Gefühl des Gehaltenseins (Jer 20); Kernenergie, Strafvollzug, Entwicklungspolitik, Integration, etc. als „Orte für Gottesdienst“ und Möglichkeit, zum Leib Christi zu gehören (Röm 12); unerkanntes Leiden, das eigene individuelle Leiden, dass die Schöpfung leidet, auch aussprechen (Mt 16)

 

2 Mose 19, 1-6

Am sogenannten Israelsonntag haben wir im Buch Exodus das inhaltliche Zentrum der Pentateuchüberlieferung mit den zwei Hauptthemen vor uns: Herausführung aus Ägypten und Bundesschluss am Sinai. Die hier geschilderten Ereignisse gehören zu den fundamentalen Urdaten der Geschichte Israels. Sie sind in der Folge zentrale Ereignisse der „Theologie der Befreiung“ geworden, die in Lateinamerika entwickelt dann in den 70er Jahren zu uns nach Europa kam. Charakteristisch ist die Verbindung von Erzählung und Recht, historisiert und deshalb – weil eine schöne Geschichte – so eingängig.

Der weitere Aspekt ist das Verhältnis des Volkes zu seinem Gott. Das nomadische Israel und der wohnsitzlose Gott, der unterwegs ist mit seinem Volk und dieses erwählt und keinen Bund als zweiseitigen Vertrag geschlossen hat. Der Bundesschluss ist einseitig: Erwählung. Das Volk ist heilig, weil es unter die Zusage Jahwes gestellt ist; Exodus 19, 6 wurde zu einem alttestamentlichen Referenztext des christlich-protestantischen Postulats einer allgemeinen Priesterschaft aller Glaubenden.

Das Verhältnis des Volkes Israel zu seinem Gott wirft die Frage nach den Gottesbildern auf. Im Umfeld Israels galten verschiedene Kulturen mit verschiedenen Gottesbildern und Göttern, die unterschiedliche Funktionen zu erfüllen hatten und letztlich immer Forderungen an den Menschen gestellt haben; Forderungen zur Anbetung, ohne die negative Folgen wie Niederlagen, Verluste oder ähnliches vorprogrammiert waren.

Jahwes hingegen positiv: Gott als Adler, der seine Kinder trägt, behütet und rettet. Gott als Lebensbegleiter durch die dürren Zeiten, Gott als Streiter, der sich für sein Volk einsetzt. Nicht der strafende, fordernde Gott – hier gibt es den Behütenden, der sich kümmert, der um die Menschen wirbt.

Welche Bilder von Gott haben wir heute in unseren Köpfen? Der strafende Gott (wie konnte Gott das zulassen?, „kleine Sünden straft der liebe Gott sofort…“?) oder ist Jahwe, der Gott des alten und neuen Bundes, nicht mehr unserer? Sondern es ist das Geld, der Besitz, die Überlegenheit und Macht?

Zwar haben wir sehr viele Gestaltungselemente unserer Gesellschaft aus christlichem Hintergrund und entsprechenden Überlegungen destilliert; die unser Leben vielfach bestimmenden Werte sind aber durchaus nicht mehr biblische, sondern sehr egoistische. Der Endpunkt dieser Entwicklung wird die Zerstörung der Lebensmöglichkeiten auf unserer Erde sein.

Umkehr und Besinnung ist not – wendig. Es ist eben ziemlich bequem, bei Regen die zwei Kilometer mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, den Wäschetrockner zu benutzen, obwohl Platz zum Aufhängen der Wäsche auf dem Dachboden ist; es ist so schön, an Weihnachten die Trauben sich leisten zu können, die über tausende von Kilometern mit dem Flugzeug eingeflogen werden müssen. Natürlich ist es schöner, im Winter bei 25 Grad ohne Pullover am Schreibtisch zu sitzen – man kann ja das Fenster aufmachen, wenn es zu warm wird. An die Folgen denken wir wenig. Jesus lehrte uns, unseren Nächsten zu lieben und die Schöpfung auch.

Jesus lebte vor, wie Leben anders gestaltet werden kann. Es geht um die ganze Erde, um die reichen und die armen Länder. Mehr Vorsicht wäre schon gut, es würde Gott durchaus gefallen. Beispiele: Blumen aus fairem Handel, Bio-Lebensmittel aus der Region und der Jahreszeit entsprechend, mehr Rück- und Umsicht in der Straßenbahn, das Auto ist ein Fortbewegungsmittel für Sonderfälle.

Ein Text aus indianischer Tradition (Schwarzer Hirsch): „Wir sollten verstehen, dass alles das Werk des Großen Geistes ist. Wir sollten wissen, dass er in allen Dingen ist: In den Bäumen, den Gräsern, den Flüssen, den Bergen und all den vierbeinigen Tieren und den geflügelten Völkern und in uns; und was noch wichtiger ist: wir sollten verstehen, dass er auch über all diesen Dingen und Wesen ist.“

 

Jeremia 20, 4-9

Der Text gehört zu den sogenannten Konfessionen des Jeremia. Es wurde die Form des Klage- und Dankliedes aufgegriffen, um darin einerseits Klage und Anklage in bisher kaum gekannter Zuspitzung zum Ausdruck zu bringen – und gleichzeitig die Gewissheit, dass Gott nicht nur stärker, gewaltiger ist als man selbst und seine private Not, sondern auch stärker als seine Feinde.

Die Frage bleibt, wie Christen mit dem Vorwurf der Naivität umgehen, wenn sie deutlich ihre Meinung – von Gott und Jesus her – zu bestimmten Vorgängen in der Gesellschaft und auf der Welt darlegen. Oder lassen sie es, weil sie sich nicht exponieren wollen, sich nicht dem Vorwurf der Unruhestiftung aussetzten wollen, Ruhe haben wollen? Beispiel: Welche negativen Gefühle löst es aus, immer wieder nur belächelt zu werden als Idiot, wenn ich – Christ – von Klimawandel, steigendem Meeresspiegel, stärkeren Naturkatastrophen, von Nachhaltigkeit und Ökologie spreche – und dieses permanent und penetrant, wie es eigentlich sein müsste? Dennoch ist es nötig darüber zu reden, genauso wie es für Jeremia nötig war, das Wort Gottes zu sagen, auch wenn er es nicht wollte. Gibt man als Christ auf oder ist man des „Gehaltenseins“ gewiss – wie Vers 11 nahelegt?

In der Lebensgeschichte vieler Menschen liegen Trauer und Hoffnung dicht beieinander. Wer immer wieder darauf hinweist, dass unser Lebensstil in die Zerstörung führt, verliert irgendwann womöglich auch die Hoffnung, dass es nicht so ist. Das ist die Situation des Jeremia, wie er sie in unserem Text schildert.

Lässt sich angesichts der inzwischen weitgehenden Zerstörung unserer Mitwelt die Resignation ganz von der Hand weisen? Woher kommt die Kraft, dennoch weiter zu machen, weiter zu informieren, weiter zu predigen – wenn nicht aus Klage und Gebet?

 

Römer 12, 1 und 2

Die beiden Verse bilden so etwas wie eine Überschrift bzw. ein Leitmotiv für den ganzen folgenden Teil der Ermahnung: „Die Leiber hinzugeben als ein lebendiges, heiliges, gottgefälliges Opfer“. Dass sei der vernünftige Gottesdienst. Dieses Bild des „Opfer des Leibes“ nimmt Paulus einer aus der hellenistischen Philosophie und Religion bekannte polemische Wendung gegen die kultischen Tieropfer auf, gibt ihr aber einen neuen Sinn. Er setzt nicht das schweigende innerliche Lobopfer, sondern die Hingabe des leibhaftigen Lebens dem blutigen Tieropfer entgegen. Wie Vers 2 zeigt, ist damit nicht mehr der Gegensatz von „innerlich“ und „äußerlich“, sondern der zwischen dem alten und dem neuen Äon das entscheidende Kriterium. Den Leib als Opfer hingeben heißt, von der durch den Glauben bewirkten Sinnesäußerung her aus dem Schema des alten Äon heraustretenden und eine neue, dem Willen Gottes entsprechende Lebensform beginnen. Das Opfer des Leibes erweist sich so als eine Form der Hingabe, in der das Geopferte in einen neuen Herrschafts- und Lebensbereich (Jesus Christi) überstellt, aber gerade nicht zerstört, sondern von Grund auf erneuert wird (zitiert nach Ernst Lange, Predigtstudien II,1 (85), S. 99). Die naheliegenden Erinnerungen an Selbstverbrennungen oder auch Tötungen durch wilde Tiere im Zirkus Maximus führen daher in die Irre.

Es geht darum, sich als ein bestimmtes Glied am Leib Christi zu verstehen und dieses zu akzeptieren. Das heißt, meine Position in der Welt ist gesetzt und nicht veränderbar. Aber: Alle Glaubenden miteinander sind der Leib Christi. Die einzelnen Gaben der einzelnen Leiber am Leib Christi sind in einzelne Gnadengaben wie Prophetie, Amt, Lehre, Ermahnung, Geben, Gemeindeleitung, Barmherzigkeit verteilt. Sie resultieren jeweils aus dem Vermögen des einzelnen Menschen.

Die Umwandlung (Vers 2) geschieht also durch die Veränderung des Seins: Vom individuellen ins gemeinschaftliche, trotzdem bleibt man aber Individuum. Damit ergibt sich ein Doppeltes: Die Rückbindung des Einzelnen in die Gemeinschaft des Leibes und damit die Gemeinschaft Gottes – und auf der anderen Seite die Verantwortung in der Welt statt die Flucht in die Religion. Die Erneuerung des Denkens bedeutet also die Wahrnehmung dessen, was in der Welt ist und die gott-gefällige Reaktion darauf.

Ich weiß: Gott ist Schöpfer, er will, dass diese Schöpfung bleibt.

Ich weiß: Menschen zerstören die Schöpfung durch Eigensinn, Nachlässigkeit, Dummheit.

Ich übernehme Verantwortung in der Welt für die Schöpfung als Teil des Leibes Christi und damit als Teil Gottes.

Und damit bin ich nicht alleine. Die Gemeinde ist der eigentliche Akteur des Handelns. Dies entlastet den einzelnen Christen, der vernünftig nur im Verbund handelt.

Kernenergie, Strafvollzug, Entwicklungspolitik, Ausländerintegration, Sterbehilfe, Abtreibung, Friedenspolitik, Ökologie – jedes Stichwort nennt einen Ort für Gottesdienst, eine Herausforderung an die christliche Gemeinde, dort präsent zu sein, und den Willen Gottes Mensch werden zu lassen.

Die Aufgabe, die Paulus der Gemeinde stellt, ist nicht, eine geschlossene, eindeutige Meinung zu jedem aufkommenden Problemfeld zu haben, sondern die Eröffnung eines kritischen Prozesses, der die Welt nicht sich selbst überlässt.

Säkulare, humanitäre Handlungsansätze sind mit christlichen koalitionsfähig. Das bedeutet, dass Gemeinden – heute eher in Minderheitssituationen – in solchen guten Koalitionen Dinge durchaus im Sinne Jesu bewegen können.

 

Matthäus 16, 21-27

Grundthema des Abschnittes: Wie gehen wir mit Leiden um? Hat es überhaupt einen Sinn oder können wir unabänderlichem Leiden einen Sinn geben? Leid gehört zum Leben, das erfahren wir von Kind auf. Jeder Mensch muss sein Kreuz auf sich nehmen und es durch das Leben mittragen. Wird das Leid und die Trauer zu groß, ohne dass akzeptiert wird, führt es früher oder später in Depressionen und Handlungsunfähigkeit. Leid und Schmerz zu akzeptieren, der unabänderlichen Realität ins Auge zu sehen, ist Grundvoraussetzung für Besserung. In der therapeutischen und seelsorgerlichen Arbeit ist diese Grundpfeiler der Besserung für die Patienten: Der Mensch akzeptiert das Leid und nimmt Hilfe an. Dabei geht es allerdings nicht um fatalistische Unterwerfung, nicht um stumme Erduldung des Unabänderlichen. Wichtig ist, die Realität zu sehen und anzuerkennen und dann die richtigen Schlüsse zu ziehen, um befreiende Handlungen vornehmen zu können. Die Erfahrung aus der Psychoanalyse lehrt, dass oft erst Leidensdruck, der hoch und fast unerträglich wird, Menschen zu Handlungsänderungen bringt.

Der schwierigste Schritt in diesem Prozess ist, Schwäche und Leiden vor anderen Menschen nicht mehr zu verbergen. Daran wird aber deutlich, dass eine veränderte Einstellung zum Leiden kein Weg in die Einsamkeit ist, sondern aus ihr herausführt und unsere gestörten Beziehungen zu unserer Mitwelt und unseren Mitmenschen tiefgreifend verändert, verwandelt, entkrampft. Leiden macht dann nicht mehr stumm, man findet Worte der Klage. Angst wird eingestanden, Hilfe kann angenommen werden.

Fatal für Mensch und Welt ist, wenn Leiden nicht erkannt wird. Viele Menschen verschließen sich anderen gegenüber zusehens Schritt für Schritt, sie finden aus dem Strudel nach unten nicht mehr heraus. Anders bei der Schöpfung: ihr Leiden ist zu sehen, wird aber von den Menschen – die anderes, vielleicht „besseres“ zu tun haben – nicht wahrgenommen. Das Leiden der Kreatur, der Schöpfung ist überall zu sehen, wir sind an dem Leiden aktiv beteiligt. Auch Menschen leiden daran, dass die Schöpfung leidet.

Ist es so schwer, zu sehen, dass wir Menschen das Ökosystem der Erde zerstören? Ist es so schwer, sich anders zu verhalten, um dieses unnütze Leiden zu beenden?

Das Problem ist: Wir wissen es – und handeln nicht oder zu wenig; die Politik sieht die Realität und streitet sich in Verhandlungen um Millimeter. In der Zeit stirbt Art für Art, erhöht sich der CO2-Gehalt in der Atmosphäre, erwärmt sich unser Globus. Die Folgen sind bekannt. Was tun wir, um dem abzuhelfen? Warum leiden wir nicht daran, dass die Schöpfung leidet? Menschen sind ein Teil des Ökosystems der Erde, wieso sind wir so gleichgültig auch gegenüber unseren eigenen Lebensgrundlagen?

Eigentlich sollte das christliche Leben voll des Lobes über Schöpfung und Leben sein. Die Schönheit der Schöpfung zu sehen müsste den Drang verstärken, sie zu bewahren.

Wolfram Walbrach, Düsseldorf

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