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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

1. Sonntag nach Trinitatis / 13. Sonntag im Jahreskreis (26. Jun. 2011)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Joh 5, 39-47

2 Kön 4, 8-11.14-16a

Röm 6, 3-4.8-11

Mt 10, 37-42

 

Der Autor stellt nur bei der kath. 1. Lesung und dem Evangeliumstext Bezüge zur Nachhaltigkeit fest. Stichworte: in den gesellschaftlichen Strukturen, an denen wir bauen oder die wir zulassen, die Sünde erkennen und gestaltend überwinden, Würde des Menschen (Röm 6); die Existenz von Tafeln stellen in einem reichen christlichen Land einen Skandal dar, global: Zugang zu Trinkwasser (Mt 10)

 

Röm 6, 3-4.8-11

„Ihr seid der Sünde gestorben.“ Sünde ist das grundlegende Thema von Röm 6-7. Viele Jahre haben Theologinnen und Theologen diesen Begriff tunlichst vermieden, nachdem er über Jahrhunderte hinweg falsch verstanden (Gleichsetzung mit Schuld, individualistisch verengt, Fokussierung auf Sexualität) und zur Beherrschung von Menschen missbraucht worden war. Heute ist jedoch vielen wieder bewusst geworden, dass Sünde im recht verstandenen Sinne eine Kategorie darstellt, mit der sich Phänomene, die unser Leben bestimmen, angemessen beschreiben lassen. Wenn wir davon sprechen, dass die Solidarität in einer Gesellschaft verloren geht, dass Gemeinschaften zerbrechen, dass Institutionen Menschen unterdrücken, dass wir in unserem Handeln in ungerechte Gesamtstrukturen verstrickt sind (ohne dass wir es wollen und ohne dass wir aus ihnen herauskommen) oder dass Menschen nicht das Leben führen können, das ihrer Würde entspricht, dann sprechen wir von Sünde.

Wir müssen von Sünde sprechen, weil es uns nicht gleichgültig ist, dass ihre Auswirkungen Menschen zerstören, und weil wir verborgene gesellschaftliche Zusammenhänge aufdecken möchten, unter denen wir selbst und andere Menschen leiden. Wenn wir als Gläubige von Sünde sprechen, dann dürfen wir dies in der Perspektive der Hoffnung tun, dass die Sünde nicht das letzte Wort haben wird. Es ist uns verheißen: Wir sind der Sünde gestorben und werden in Jesus Christus leben.

„Wie lebt man als Christ in einer Überflussgesellschaft, die darauf basiert, dass zwei Drittel der Menschheit der wachsenden Verelendung und dem Verhungern ausgeliefert werden? Wie lebt man als Christ in einem Land, in dem schwachsinnige Kinder viele Stunden am Tag an ihr Bett gefesselt werden, weil kein Pflegepersonal da ist?“ So fragte die Theologin Dorothee Sölle im Jahr 1968 in ihrem Buch „Atheistisch an Gott glauben“, und ihre Fragen sind nach wie vor aktuell. Heute könnte man weiter fragen: „Wie lebt man als Christin und Christ in einer Gesellschaft, die es normal findet, dass mehr als eine Millionen Menschen auf Lebensmittelspenden von Tafeln angewiesen sind? Wie lebt man als Christin und Christ in einer Gesellschaft, in der Menschen, die keine Arbeit finden können, von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen werden und in Behörden mangelhaft qualifizierten und überlasteten „Fallmanagern“ gegenübersitzen müssen, die Sanktionsquoten zu erfüllen haben?“

Gesellschaftliche Strukturen, die die Würde des Menschen missachten, sind Ausdruck von Sünde. Die Würde des Menschen kann missachtet werden, aber sie kann nicht aufgehoben werden, da ihr Grund in der Gnade Gottes liegt. Wer diese Gnade erfahren hat, sieht sich selbst und alle anderen Menschen in einem neuen Licht und erkennt gleichzeitig die Strukturen der Sünde in ihrer ganzen lebenszerstörenden, versklavenden Macht. Wer aber durch Gottes Gnade der Sünde gestorben ist, kann auch einen Beitrag dazu leisten, die Gesellschaft zu verändern.

 

Mt 10, 37-42

Wer seine Eltern und Kinder „mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert“. Einige Forderungen Jesu an seine Jüngerinnen und Jünger, wie Leidens- und Todesbereitschaft, Feindesliebe und Verzicht auf Notwehr oder eben die Bereitschaft zur Verleugnung familiärer Bindungen, irritieren und überfordern Bibelleserinnen und -leser seit Jahrhunderten und gaben Anlass zu immer wieder neuen kreativen Versuchen relativierender Auslegungen. Es wird hier nicht weniger gefordert als moralisches Heldentum. Hin und wieder nehmen einzelne Christinnen und Christen diese Forderung ernst. So wurden beispielsweise Maximilian Kolbe oder Dietrich Bonhoeffer zu Helden. Gott ist es, der schwache Menschen zu Helden macht, indem er sie zu seinen Kindern macht und mit ihnen ist. Wir alle sind zu einem solchen Heldentum aus Gnade im Sinne ernsthafter Nachfolge bestimmt.

Wir sollen nicht wegschauen, sondern eingreifen, wenn Menschenrechte missachtet werden, z.B. das Recht auf medizinische Versorgung von Flüchtlingen in Deutschland. Wir sollen uns mit aller Kraft dafür einsetzen, dass jeder Mensch ein Leben in Würde führen kann, z.B. die vielen älteren Damen in Deutschland, die aufgrund ihrer nicht durchgängigen Erwerbsbiographie nur eine Minirente erhalten und von Grundsicherung im Alter leben müssen, deren Höhe nicht bedarfsdeckend ist. Wir sollen nicht schweigen, sondern laut und unmissverständlich widersprechen, wenn in unserer Kirchengemeinde „Hartz IV“-Empfängerinnen und -empfänger als faule Schmarotzer beschimpft werden. Auch wenn wir dafür schief angesehen oder gar beleidigt werden. Gott will uns zu Heldinnen und Helden machen. Gott belohnt den, der „einem dieser Geringsten einen Becher kalten Wassers gibt“. In seiner Endzeitrede (Mt 25) geht Jesus noch weiter und identifiziert diesen Geringsten, Durstigen mit sich selbst, mit Gott. Im Mitmenschen, der unsere Hilfe braucht, begegnet uns Gott selbst. Im zusammengeschlagenen Menschen, der am Rande des Weges nach Jericho oder in der U-Bahn-Station liegt, begegnet uns Gott selbst. In der mittellosen Schülerin mit Migrationshintergrund, die Nachhilfeunterricht benötigt, um einen Schulabschluss bekommen zu können, begegnet uns Gott selbst.

Doch man muss die Bilder vom Durstigen, der etwas zu trinken benötigt, und vom Hungrigen, der etwas zu essen benötigt, nicht einmal in „aktuellere“ Bilder übersetzen. Heute versorgen etwa 850 Tafeln in Deutschland über eine Millionen bedürftiger Menschen mit Lebensmitteln. Die Mehrheit der Tafeln wird von kirchlichen Wohlfahrtsverbänden und Einrichtungen betrieben. Angesichts der positiven Leistung der Tafeln, so vielen Menschen ganz konkret zu helfen und gleichzeitig die Vernichtung von Lebensmitteln zu vermindern, vergessen wir allzu häufig, auf die Ambivalenz der Tafelarbeit hinzuweisen. Tafeln tragen ungewollt zur Normalisierung von Armut und zur Legitimation einer Politik, die auf Armutsbekämpfung verzichtet und soziale Rechte durch Mildtätigkeit ersetzt, bei. Sie schaffen Abhängigkeit und festigen die Armuts-Parallelgesellschaft. Die Kirchen müssen ihre Tafelarbeit darum durch politische Lobbyarbeit für Arme und mit Armen ergänzen und immer wieder öffentlich deutlich machen, dass die Existenz von Tafeln in einem reichen Land einen Skandal darstellt und dass Tafeln keine Lösung des Armutsproblems darstellen.

Im Blick auf das Stichwort „Wasser“ kann man natürlich auch auf die 1,2 Milliarden Menschen verweisen, die derzeit keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Beispielsweise in Äthiopien sind drei Viertel der Menschen betroffen. An den Folgen verunreinigten Wassers sterben täglich 6000 Menschen, darunter viele Kinder. Gleichzeitig steigt der Süßwasserverbrauch weltweit dramatisch an und hat sich in den letzten 60 Jahren vervierfacht. Wir müssen abkehren von der Einstellung: Wasser ist genug da, es kommt gar nicht darauf an, und hinkehren zu dankbarem Respekt vor diesem kostbaren Gut der Schöpfung und zu einem sorgsamen Gebrauch. Das heißt vielleicht auch Nachdenken über das individuelle Konsum- und Einkaufsverhalten. Zum Beispiel werden für die Herstellung eines Kilogramms Rindfleisch insgesamt etwa 6000 Liter Wasser verbraucht. Wasser ist Gottes Geschenk für alle Lebewesen zum Leben. Das von den Vereinten Nationen proklamierte Menschenrecht auf Wasser ist eine wichtige Forderung.

Dr. Alexander Dietz, Frankfurt

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