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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Jubilate / 4. Sonntag der Osterzeit (15. Mai 2011)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Joh 16, 16 (17-19) 20-23a

Apg 2, 14a.36-41

1 Petr 2, 20b-25

Joh 10, 1-10

 

Der Autor greift das verkündete Wort „Leben in Fülle“ auf und stellt Beziehungen zu allen Predigtexten des Sonntags her. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Leben in Fülle – in Gemeinschaft, Solidarität und über den Augenblick hinaus, „alle“ – auch die, auf die man gönnerhaft hinabschaut, gerechter Lohn, regionale Märkte erhalten, persönliche statt virtuelle Begegnungen, prophetische Kirche, Ressourcen, Tod und leid sind nicht endgültig, sondern überwindbar, „drei Handlungssätze“

 

Zusammenfassung:

„Leben in Fülle“ – wer will das nicht? Und jeder könnte wohl schnell Beispiele nennen, wie er sich dieses Leben in Fülle vorstellt: Auf einer fernen Insel mit viel Geld und Luxus, mit schönem Wetter und leckerem Essen und einem guten Buch, mit netten Menschen um einen – oder zumindest dienstbaren Geistern, die es einem so angenehm wie möglich machen. „Leben in Fülle“, das ist es doch, was dem Leben Sinn gibt, oder? Das heißt: Alles mitnehmen, was geht, genießen, ausschöpfen und zugreifen. Oder? Doch dann kommt das „Leben in Fülle“ schnell an Grenzen. Denn es gilt dann nur für wenige und nur kurzfristig, das „immer mehr“ ist irgendwann am Ende. Das „Leben in Fülle“, das die Bibel meint, wenn Jesus es als Verheißung ankündigt, zielt auf Gemeinschaft, auf Solidarität und über den Augenblick hinaus. Das „Leben in Fülle“, das die Bibel meint, vertröstet dabei nicht nur auf später, sondern hat gerade auch vom Heute her die Zukunft im Blick. „Leben in Fülle“ – muss nachhaltig sein, wenn es für alle gelten soll.

 

Es ist wohl eine der schönsten Bibelstellen, die das Neue Testament aufweist. Zumindest eine der schönsten Verheißungen, die es dort gibt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben – und es in Fülle haben.“ Was Jesus da sagt, gilt für alle in der Gesamtheit, und jeder Einzelne darf sich angesprochen fühlen. Aber genau da liegt vielleicht das Problem: Wenn jeder Einzelne das Verheißungswort für sich persönlich und exklusiv nimmt – und es damit als Rechtfertigung für sein Handeln zum eigenen Wohl sieht, dann kann das auch zu einer Schieflage führen: Wenn die Starken und „Leistungsträger“ das „Leben in Fülle“ für sich beanspruchen, sich bedienen an den Gütern der Erde, so gut es geht und so gut sie es vermögen, dann bleiben die Schwächeren auf der Strecke.

„Wenn jeder an sich denkt, dann ist an alle gedacht“, lautet ein Ausspruch, der ebenso eingängig wie falsch ist. Die Voraussetzungen sind zu unterschiedlich. „Leben in Fülle“, das kann nicht nur für einzelne Privilegierte gelten, für die, die es sich leisten können. Und für die anderen fallen wenn überhaupt dann die Reste ab. „Leben in Fülle“, das meint wirklich alle – und so ist damit auch eine Verantwortung zur Solidarität verbunden. Nicht die, die sich mit allerlei Ehrentiteln, mit Auszeichnungen und Orden dekorieren lassen, nicht die Reichen und Schönen allein, nicht die Seilschaften-Leute in vielfältigen Vereinigungen, Verbindungen und Sippschaften, die es sich gegenseitig gut gehen lassen, sondern alle sind Adressat dieses „Lebens in Fülle“; gerade die, die keine Lobby haben. Wirklich alle, gerade auch die, die durchs Raster fallen, auf die man gerne gönnerhaft herabschaut. Denn „Leben in Fülle“ wird einem nicht von den Mitmenschen gewährt, das kann letztlich nur Gott schenken. Und doch kommt es auf die Verantwortung aller an: „Leben in Fülle“: Das wird am Ende nur gelingen, wenn es nicht auf Kosten anderer geht: nicht auf Kosten der Zeitgenossen und auch nicht auf Kosten künftiger Generationen. „Wir haben zu lange über unsere Verhältnisse gelebt“, ist oft eine zu späte Einsicht. „Leben in Fülle“ – für alle: Das zielt auf Nachhaltigkeit.

  • „Leben in Fülle“, das kann für den Arbeiter heißen, einen gerechten Lohn zu erhalten, der auch der eigenen Familie ein Auskommen und Fortkommen ermöglicht.

  • „Leben in Fülle“, das kann für den Sparer heißen, dass er sich mit dem Geld, das er zurückgelegt hat, eines Tages eine Anschaffung leisten kann und nicht das Geld an den internationalen Finanzmärkten verzockt wird – zu Lasten derer, die ohnehin kein Geld haben.

  • „Leben in Fülle“, das kann heißen, gesunde Nahrungsmittel aus der Region zu genießen, statt Massenprodukte einer Lebensmittelindustrie aus der globalisierten Welt.

  • „Leben in Fülle“ kann heißen, Zeit und Muße für persönliche Begegnungen mit Freunden zu haben, statt einer Reduzierung der Kontakte auf die virtuellen Netzwerke, weil das „schneller geht“.

  • „Leben in Fülle“ kann heißen, sich frei zu bewegen und eine neue Form der Mobilität kennen zu lernen, die mehr ist als das Einsteigen ins Auto oder den Flieger, um quer durch die Welt zu jetten zum Shoppen oder „Just-for-Fun“, weil man es sich ja leisten kann. „Mobilität“ bedeutet, in Bewegung zu kommen – und etwas zu bewegen.

„Leben in Fülle“ – das kostet nicht selten Anstrengung und Mühe im Heute – aber es lohnt sich für das Morgen. Das ist die Verheißung, für die es sich heute schon zu leben lohnt, trotz aller Widerstände, Umstände und Hemmnisse. Denn auch das ist „Leben in Fülle“, vielleicht sogar am meisten: Eine Zuversicht, die aus dem Glauben kommt und das Leben trägt durch alle Höhen und Tiefen: „So seid auch ihr jetzt bekümmert, aber ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen und niemand nimmt euch eure Freude.“ (Joh 16, 22)

Anfang Mai 2010, also vor ziemlich genau einem Jahr, haben engagierte Christen einen „Aufruf für eine prophetische Kirche“ gestartet und sich dabei an der Verheißung des „Lebens in Fülle – für alle“ orientiert. Es sind zunächst nur Worte, klar, aber den Worten können konkrete Taten folgen, wenn sie zumindest zum Nachdenken anregen. So gehen die Initiatoren den klassischen Dreischritt von Sehen – Urteilen – Handeln. Sie nennen das unter den Überschriften: „Unsere Wirklichkeit“ (Sehen, was ist) – „Unsere Hoffnung“ (Urteilen, wohin das führen kann und was dabei antreibt) und „Unsere Verantwortung“ (Handeln zum Guten).

Unsere Wirklichkeit ist ein Leben, das vielfach bedroht ist: Klimawandel, Finanzkrise, soziale Verwerfungen sind nur drei Stichworte. Christen wollen die Augen nicht vor der Realität verschließen. Es hilft auch nicht, durch Träumerei und noch so viel Fantasie die Wirklichkeit zu verdrängen. Aber Christen haben eine begründete Hoffnung, dass das, was sie wahrnehmen um sich herum, nicht ein unabänderliches Schicksal ist, dem sie hilf- und hoffnungslos ausgesetzt sind. Gerade weil die Verheißung Gottes so scheinbar ganz anders ist als das, was die Gegenwart sichtbar macht, ist es keine Sozialträumerei hin zu einem glorreichen Tag in Sankt Nimmerlein, sondern Motivation für das Hier und Heute, das Mögliche zu tun, hin zur Verheißung Gottes.

Unsere Hoffnung ist nämlich eine, die nicht exklusiv für einen kleinen Kreis der Auserwählten gilt. Sie betrifft alle Menschen, auch die künftigen Generationen, für die wir mit Verantwortung tragen. Es bleibt nicht beim Lamento über die ach so schlechte und ungerechte Welt. Christen haben eine Alternative. Es ist diejenige, die sich immer wieder am „Leben in Fülle“ orientiert und deshalb das nachhaltige und langfristige Ziel im Blick behält, statt auf kurzfristigen Profit zu schielen. Das erfordert den Widerspruch, aber auch das Angebot dieser besseren Alternative, die geprägt ist von Solidarität, Freiheit und Verantwortung, die gründet auf der Zuversicht aus dem Glauben.

Unsere Verantwortung ist es also, der Hoffnung zum Leben zu verhelfen, im doppelten Wortsinn. Es wäre zu einfach, wenn das mit einem Schalter umgelegt werden könnte, sodass plötzlich die Hoffnung da ist und zum Handeln führt. Aber es ist ein mühsamer Weg, der immer wieder zum Bequemeren verleitet und so zur Trägheit und irgendwann zum Stillstand führen könnte, wenn man nichts tut dagegen. Deshalb geben Christen die Hoffnung nicht auf. Und Sie haben eine begründete Hoffnung: Gerade weil es Ostern als Erfahrung der „Hoffnung wider alle Hoffnung“ gibt, kann auch der Alltag von dieser Hoffnung erfüllt werden. „Wo einer zu reden beginnt, wo Fronten verhärtet sind, da fängt der Friede an“, heißt es in einem modernen Kirchenlied. Der erste Schritt in die andere, die neue Richtung, ist es, der am meisten Überwindung kostet. Aber mit ihm beginnt der neue, der verantwortungsvolle Weg.

Das „Kehrt um!“ (Apg 2, 38) des Petrus reiht sich nicht nur in die Prophetenworte des Alten Bundes und greift das Wort des Täufers Johannes auf, sondern ist bleibende Mahnung bis heute. Wenn das „Leben in Fülle – für alle“ gelingen soll, dann kann es nicht einfach weitergehen wie bisher, dann braucht es eine Kehrtwende, zunächst im Denken, dann im Handeln. Dann muss auch Liebgewordenes und Bequemes überdacht werden: der Umgang mit den Ressourcen der Erde, der Umgang mit den Ressourcen des menschlichen Umgangs miteinander: Die Ressourcen der Mitmenschlichkeit müssen immer wieder in den Blick genommen und verantwortlich genutzt werden, damit sie möglichst allen zur Ressource für das „Leben in Fülle“ werden und bleiben können.

Die Fülle der Osterzeit verheißt dieses „Leben in Fülle“. Die Auferstehung Christi hat alle menschlichen Ausmaße übertroffen und alle menschlichen Grenzen gesprengt. Das Leben, das aus dem Ostergeschehen hervorbricht, bringt auch die neue Chance für jeden, der nur das Abgestorbene, das Müde und Kranke sieht: In der Kirche, in der Gesellschaft und im eigenen privaten Leben. Dagegen sagt die Botschaft von Ostern: Das Sterben und der Tod haben nicht unabänderlich das letzte Wort. Die Umkehr zum Leben ist möglich, weil Gott diese Zukunft ermöglicht und für sie Gewähr ist: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben – und es in Fülle haben“. Das erfordert aber das Handeln im Hier und Heute, auch gegen Widerstände. Opposition zu sein zum Ist-Stand bleibt kein Selbstzweck, sondern kann vielmehr konkrete Nachfolge Jesu Christi sein, der um der Gerechtigkeit willen zum Widerspruch herausfordert. „Wenn ihr aber recht handelt und trotzdem Leiden erduldet, das ist eine Gnade in den Augen Gottes.“ (1 Petr 2, 20b)

Das mag alles sehr fromm und unkonkret klingen. Aber wer so denkt und darin Verbündete findet, für den stellen sich konkrete Fragen, die auch die Initiatoren des „Aufrufs für eine prophetische Kirche“ so stellen und zum Nachdenken einladen:

  • „Wie können wir aus einer Schöpfungsspiritualität heraus leben und durch einen genügsamen Lebensstil und nachhaltige Ressourcennutzung unseren ‚ökologischen Fußabdruck’ verringern?

  • Wie sind die Privatisierung der öffentlichen Güter und die Patentierung der Natur zu stoppen? Wie können eine soziale Grundsicherung und der Zugang zu Nahrung, Bildung und Gesundheitsversorgung für alle schrittweise erreicht werden?

  • Wie gehen wir in der Kirche mit Geld um? Was sind unsere Kriterien für Kapitalanlagen und unsere Prioritäten bei Finanzentscheidungen? Wie leben wir Solidarität bei unumgänglichen Sparmaßnahmen?

  • Wenn wir als Jünger Jesu eine ‚Option für die Armen’ haben, was wären die Konsequenzen in einer Situation wachsender Armut?

  • Wie können die Prinzipien der christlichen Sozialethik uns helfen, Grundlagen für eine solidarische Wirtschaftsordnung zu entwickeln und in kleinen, konkreten Schritten zu verwirklichen?“

So kommt der Aufruf zu drei Handlungssätzen, die die Nachhaltigkeit des „Lebens in Fülle“ ausmachen:

  • „Wir bekennen, dass die Situation unserer Welt uns heute verpflichtet, nach Lösungen globaler Gerechtigkeit zu suchen.

  • Wir verpflichten uns, in unserem Beten, Denken und Handeln das Ziel eines Lebens in Fülle für alle voranzubringen.

  • Wir halten es für unerlässlich, in der katholischen Kirche in Deutschland auf allen Ebenen einen breit angelegten Prozess des gemeinsamen Nachdenkens über Schritte verantwortlichen Handelns in der Kirche einzuleiten und in die Gesellschaft hineinzutragen.“

„Leben in Fülle“ ist möglich. „Leben in Fülle – für alle“ ist das Ziel. Erreichbar ist es in kleinen, aber konkreten Schritten, nicht zuletzt durch die Kraft des Gebetes. – Dann ist es nicht nur schön zu lesen, sondern schön zu leben: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben – und es in Fülle haben“ (Joh 10,10).

Dr. Michael Kinnen, Bingen

 

Anmerkungen

(1) Information und Kontakt sowie der vollständige Aufruf und die Liste der Unterzeichner finden sich im Internet: Deutscher Katholischer Missionsrat, www.leben-in-fuelle-fuer-alle.de

(2) Vgl. das entsprechende Kapitel im Aufruf, das unter der o.a. Internetadresse abrufbar ist.

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