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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Quasimodogeniti / 2. Sonntag der Osterzeit (1. Mai 2011)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Joh 21, 1-14

Apg 2, 42-47

1 Petr 1, 3-9

Joh 20, 19-31

 

Während sich in Joh 21 und in Apg 2 kräftige Nachhaltigkeitsaspekte ausmachen lassen (‚Mahl’/ ‚Ernährung und Hunger’ – ‚Brotbrechen / Gemeinschaft’), finde ich in der kath. 2. Lesung und dem Evangeliumstext der kath. Leseordnung keine Anhaltspunkte dafür.“ (GL)

 

Joh 21,1-14

Dies ist die dritte Begegnung der Jünger mit dem Auferstandenen (v14). In ihrem Zentrum steht die Frage des von den Jüngern noch nicht erkannten Jesus. „Habt ihr nichts zu essen?“ und die Antwort: „Nein“ (v5). Sie haben die ganze Nacht hindurch nichts gefangen (v3).

Die Ernährung des armen Teils der Menschheit (mindestens 1 Milliarde Menschen) ist Hauptfocus der Nachhaltigkeit. Ohne Lebens-Mittel kein Leben; mit Hunger keine ökologisch notwendige Schonung der Erde; mit knurrendem Magen und hungerkrank kein Frieden.

So auch im Text: Jesu erste Sorge ist das Essen – ebenso in Joh 6, 5 bei der Speisung der Fünftausend. Dass die meisten Joh-Ausleger hier sofort spiritualisieren, indem sie z.B. das Mahl nur als Zeichen der Auferstehung auffassen (v12), ist falsch. Auch das Abendmahl / die Eucharistie ist zuerst einmal eine Mahlzeit, ein Sattwerden im physischen Sinn nach einer langen Arbeitsnacht. Dann entfaltet das Mahl natürlich Zeichenkraft, denn in ihm ist der Auferstandene gegenwärtig (v7).

Wichtig: Der Mangel an Lebens-Mitteln wird behoben durch ein Wunder (wie Joh 6). Das ist ein Hinweis darauf, dass auch heute der Hunger in der Welt nur durch ein Wunder wirklich gelindert werden kann. Allerdings ein Wunder, an dem wir tatkräftig mitwirken müssen: das Netz auswerfen (v6) und es ans Land ziehen (v11).

Wer sich in vielen Jahrzehnten in der Entwicklungshilfe z.B. bei „Brot für die Welt“ oder „Misereor“ engagiert hat und machtlos erleben muss, dass die Hungersituation immer bedrohlicher wird, weil die reichen Länder immer hartleibiger werden, der weiß, wie entmutigend Misserfolg ist (v3). Aber: Mutlosigkeit ist uns nicht gestattet, denn der Auferstandene spricht zu uns im Misserfolg (v12) und motiviert uns aufs neue (v6) – gerade am Morgen nach vergeblich durchfischter Nacht.

Das Stärkungsmahl Jesu, zu dem er uns einlädt (v9) ist ein einfaches Mahl. Aber gerade so ist es nachhaltig, kann uns ernähren. Im Abendmahl / in der Eucharistie sind alle diese Elemente (und andere) zusammengeführt. Der den Tod überwunden hat, macht das Leben reich.

 

Apg 2, 42-47

Die drei Summarien Apg 2, 42-47; 4, 32-35; und 5, 12-16 sind lukanische Zusammenfassungen und Typisierungen des Lebens der Urgemeinde nach und als Folge des Pfingstereignisses (Kommen des Geistes). V42 nennt die vier Grundelemente: Lehre (= Verkündigung) der Apostel – Gemeinschaft (koinonia) – Brotbrechen – Gebet. Brotbrechen steht für die gesamte Mahlzeit. Brotbrechen und koinonia sind Nachhaltigkeitselemente. V44 erläutert, was Lukas unter koinonia versteht: „Sie hatten alles gemeinsam (koina).“ Die Gemeinschaft ist also nicht nur spirituell (Gebet), sondern auch ökonomisch: Gütergemeinschaft. Sie realisiert sich so: „Und immer wieder verkauften sie (Urtext: Iterativ) Güter und Besitztümer und verteilten den Erlös an alle, je nachdem wie es jemand nötig hatte.“

Da dies „immer wieder“ geschieht, hat es nichts mit „Urkommunismus“ zu tun, sondern ist „immer wieder“ Umverteilung der Güter nach dem Maßstab der Not, der Bedürftigkeit. Das entspricht der ersttestamentlichen Erlassjahrkonzeption (Deuteronomium 15, 4) und ist somit gesamtbiblisch.

Dem Lukas steht also nicht eine unerreichbare Utopie vor Augen – wie viele Ausleger meinen – nein: er geht davon aus, dass es immer wieder Ungleichheit gibt. Dieser Sachverhalt muss dann immer wieder das Verantwortungsbewusstsein und die Umverteilungsbereitschaft der je Vermögenden / Vermögenderen auslösen. Das ist eine durchaus zeitgemäße Weisung für die Sozial-, Finanz- und Wirtschaftspolitik heute. Wir erleben ja den Skandal, dass seit Jahren das Gefälle zwischen Reich und Arm sich vergrößert – sowohl in der Bundesrepublik Deutschland als auch im Weltmaßstab. Das Reizwort „Umverteilung“ kann nicht vermieden werden, denn das ist der Kern der lukanischen Nachhaltigkeitsstrategie.

Wie ernst es Lukas damit ist, zeigt uns die auf unseren Text folgende Geschichte von Hananias und Saphira (5, 1-11), wobei es da nicht nur um Unehrlichkeit geht, sondern um die Beleidigung des göttlichen Geistes. Die Gegengeschichte finden wir in 4, 36-37: Beispielhaft wird vom Besitzverzicht des zyprischen Juden Barnabas erzählt, der später den Paulus auf der ersten Missionsreise (Apg 13-14) und auch auf dem Apostelkonzil (15) begleiten wird.

Zu beachten – auch für heute – ist, dass es sich bei der Gütergemeinschaft der Urgemeinde nicht um eine Institution handelt, sondern dass Freiwilligkeit und Bedürftigkeit die ausschlaggebenden Merkmale sind. Deshalb ist der freiwillige Besitzverzicht zugunsten etwa der Armen einer Erhöhung der Kirchensteuern zum Zweck der Armutsbekämpfung vorzuziehen. Nur so wird der Aspekt der Gemeinschaft bei der Umverteilung realisiert. Anonyme Geber und anonyme Empfänger stiften nicht Gemeinschaft. Gemeindepartnerschaften nach Südafrika oder Peru sind wichtig. Und auch in unserem Land muss die Unsichtbarkeit der Armut durchbrochen werden – eben koinonia.

Weitere Konkretionen der koinonia finden sich an anderen Stellen im lukanischen Werk:

  • Verkauf von Grundstücken und Häusern zugunsten der Armen (Lk 12, 33 f.; 18, 22; Apg 2, 42 ff.; 4, 32 ff.; 5, 1-11)

  • Versorgung der Witwen (Apg 6,1-7)

  • Kollekte für arme Gemeinden (Apg 11, 27-30; 24, 17)

  • Besitztümer z.B. Häuser werden der Gemeinde zur Verfügung gestellt (Apg 9, 43; 10, 48; 12, 12; 16, 40; 17, 5; 18, 2.7.26; 21, 8.16.18)

Das Nachhaltigkeitskonzept der Umverteilung, des innergemeindlichen Besitzausgleichs ist also nicht nur an unserer Textstelle zu finden, sondern wird im lukanischen Gesamzwerk als ein Grundelement der Wirkung des Gottesgeistes verstanden.

Dr. Gerhard Liedke, Heidelberg

 

Quellen

Klaus Wengst, Das Johannesevangelium, 2. Teilband: Kapitel 11-21, Theologischer Kommentar zum Neuen Testament 4,2, Kohlhammer Verlag Stuttgart-Berlin-Köln, 2001

Kai Horstmann / Ute Wendel, Werft das Netz aus, in: Predigtstudien für das Kirchenjahr 2004/2005, Perikopenreihe III – Erster Halbband, Kreuzverlag Stuttgart, 2004, Seiten 252-255

Vincenzo Petracca, Gott oder das Geld. Die Besitzethik des Lukas, Francke-VerlagTübingen-Basel, 2003, Seiten 253 ff.

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