Direkt zum Hauptmenü. Direkt zum Untermenü. Direkt zur linken Navigation. Direkt zum Text.

Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Osternacht / Ostersonntag (24. Apr. 2011)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Jes 26, 13-14 (15-18) 19 / (am Tag:)
Mt 28, 1-10

Nacht (1. Les.): Gen 1,
1 - 2, 2

N. (2. Lesung): Gen 22, 1-18
N. (3. Lesung): Ex 14,
15 - 15, 1

N. (4. Lesung): Jes 54, 5-14

N. (5. Les.): Jes 55, 1-11
(6.): Bar 3, 9-15.32 - 4, 4
(7.): Ez 36, 16-17a.18-28
(Epistel): Röm 6, 3-11  /
T.: Kol 3, 1-4 od. 1 Kor 5, 6b-8

Nacht: Mt 28, 1-10
Tag: Joh 20, 1-18

 

Der Autor betrachtet den ev. Predigttext „am Tag“ sowie mehrere Lesungen der kath. Leseordnung an Ostern. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Prolegomena eines Nachdenkens über nachhaltige Entwicklung im Sinne von „Lust auf Zukunft und Perspektiven“ (Mt 28); Heilszusage – förderndes anstatt störendes globales Einwirken des Menschen (Jes 54); Leben der Taufe: über widerständige Prinzipien reden, sie thematisieren – Wirtschaftswachstum, Arbeitsplätze, Trägheit der Herzen und Hände ... (Röm 6); klar sehen und glauben – Grundlage unserer eigenen Mitgestaltungspotenziale (Joh 20)

 

Predigtsituation an Ostern

Frühling, das Leben erwacht in uns und in der Natur, Familienfest mit langem Wochenende, allerlei „seltsames“ Brauchtum (Ostereier, Osterhase). Dem Fest, das nach christlichem Verständnis eigentlich das wichtigste ist und wöchentlich am Sonntag als Mini-Fassung wiederholt wird, ist längst vom Weihnachtsfest der Rang abgelaufen worden. Irgendwie scheint auch das Thema zu fehlen: zu Weihnachten schaffen es Kanzelbotschaften der leitenden Geistlichen mit sozial-ethischem Inhalt regelmäßig in die Medien, gute Worte von Bundespräsident und Kanzlerin folgen. Zu Ostern aber? Eher Fehlanzeige.

Eine eigene Psychodynamik scheint ebenfalls eine Rolle zu spielen: dem Anfang in der Geburt scheint ein größerer Zauber beigemessen zu werden als der neuen Lebendigkeit eines Mannes, dessen Leben komplett gegen die Wand gefahren war. Der postmoderne Mensch hat das Vertrauen in die Zukunft verloren und das „meinen-Kindern-soll-es-mal-besser-gehen“-Ethos der Nachkriegszeit ist dahin. „Hic et nunc“ und „carpe diem!“ sind eher die Mottos einer Gesellschaft, die sich teils mühevoll in die Zukunft quält. Wirtschaftskrise, prekäre Staatshaushalte, jahrzehntelanger Unfrieden im Nahen Osten und in Afghanistan sowie ökologische Katastrophen wie der Klimawandel lassen wenig Hoffnung auf Besserung und auf die eigene Fähigkeit zur Umkehr aufkommen. Und trotzdem … wird es seltsamerweise Ostern!

 

Ev. Predigtreihe III: Mt 28, 1-10:

Exegetische Schnipsel:

Auch wenn man nach einem alten Wort die Evangelien als „Passionsgeschichte mit ausführlicher Einleitung“ lesen kann, kommt hier doch der Evangelist dahin, wohin er seit 27 Kapiteln wollte – und von Anfang an immer war. Schon zu Beginn des Evangeliums der Stammbaum, der aus der Tiefe der Heilsgeschichte herausreicht, aber auch die Gefährdung durch den Schlächter Herodes. Der Kreis schließt sich, damit sich die Zukunft weit öffnen kann.

Die eigentlich schlicht wirkende und fast naiv erzählte Geschichte ist durchwirkt von vielen kleinen heilvollen Elementen: die Frauen, die als Zeuginnen eigentlich nichts taugen, sind die ersten Hörerinnen des Evangeliums (Geschlechtergerechtigkeit!). Der „erste Tag der Woche“, der „Sonntag“, bezeichnet den Indikativ vor dem Imperativ: alles beginnt mit der Ruhe, aus der Gott Leben schafft und die Schöpfung vollendet. Der Engel, ein Mann mit sauberer Weste, betätigt sich scheinbar pietätlos als Haus-, nein, Grabbesetzer und markiert den Neuanfang dort, wo andere schon lange aufgegeben haben und auch die Frauen nur unbeholfene Nachsorge üben wollen. Als „angelus interpres“ ist er der erste Prediger, der in seiner Kurzansprache eigentlich alles sagt, was zu sagen ist.

„Er ist nicht hier!“ – die am Tod klebende Heldenideologie der Antike (und gilt sie nicht auch heute?) drückt sich z.B. in dem berühmten Thermopylenspruch aus: „Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl.“ Hier aber beginnt etwas radikal Neues: dem Tod ist der Stachel gezogen, Gott lässt sich nicht verorten – nicht im Allerheiligsten und auch nicht in den Gräbern. Gott lässt sich in den Kategorien unserer Krämerseelen nicht erfassen. Nicht nur wegen der Angelophanie, sondern auch, weil hier alles anders ist als wir uns das Leben vorstellen, muss er sagen: „Fürchtet euch nicht!“. Unsere Welt gerät ins Schleudern, der Tod ist gemordet – und der Engel muss uns gut zusprechen, weil wir das kaum ertragen können.

Er ist nicht da, er geht vor uns hin: Nachfolge ist unser Thema. Die Frauen tun das aufgewühlt, da wird nicht gegangen, sondern „geeilt“, gepackt vom fascinosum et tremendum („mit Furcht und großer Freude“).

Jesus selbst verweist auf neue Orte, an denen man ihn sehen kann. Der Friedhof ist noch da, aber man kann ihn jetzt verlassen. Es geht in die Welt.

 

Zur Predigt vor dem Horizont der Nachhaltigkeit

Mt 28 gehört eigentlich in die christlichen Prolegomena eines Nachdenkens über nachhaltige Entwicklung: angesichts unserer Fixierung auf unser Scheitern und kärgliche Zukunftshoffnungen ist Mt 28 als Kontrastprogramm und Ermutigung zu predigen. Was im Gewande einer ungewöhnlichen, aber doch zugleich naiv wirkenden Geschichte daher kommt, krempelt um und stößt die Tür unserer eigenen Gräber auf, in denen wir es uns immer wieder gemütlich zu machen versuchen.

Nachhaltigkeit als Lebens- und Handlungsprinzip erfordert die Lust auf Zukunft und Perspektiven, denen man vertrauen kann. Gott selbst tritt als Trauer- und Melancholie-Störenfried auf, der uns die Dinge, die wir für ausgemacht halten, aus der Hand reißt. Er geht in den Kern unserer schlimmsten Ängste und räumt dort auf. Er tut das übrigens nicht, weil er glaubt, es würde sich (noch) lohnen, sondern weil er es aus lauter Liebe so beschlossen hat. Darin nimmt er unsere eigene fatale Situation sehr ernst, ruft uns aber dazu auf, uns mit dieser Situation nicht das Urteil zu sprechen, sondern dem Urteil Gottes zu vertrauen. So sind wir herausgerufen aus den Gräbern, berufen zu ganz neuen Orten und in die Gemeinschaft der Schwestern und Brüder.

Am Ende der Predigt steht also eigentlich nicht ein „Auf geht’s!“, sondern eher der Eindruck, man sollte nachher schleunigst die Kirche verlassen, denn man ahnt jetzt die Orte, an denen wir ihn sehen werden und wir gebraucht werden.

 

Die Texte des katholischen Lesejahrs

Manches von dem, was zu Mt 28 gesagt wurde, lässt sich auch auf diese Texte beziehen – aber einige besondere Schwerpunkte lassen sich hier noch besonders herausarbeiten.

 

Anmerkungen zu Jes 54, 5-14:

Eine Steilvorlage für den Nachhaltigkeitspredigenden von Deuterojesaja, den verkappten Evangelisten! Der Text spannt den großen heilsgeschichtlichen Bogen von der ersten Schöpfung („dein Schöpfer ist dein Gemahl“, „Gott der ganzen Erde“, V.5) über die Versöhnung angesichts bedrängender Erfahrungen und Schuld bis hin zu den letzten Tagen mit einem „Fundament aus Malachit“.

Über allem steht hier die unbedingte Heilszusage, die so plausibel ist wie die Beziehung zur Jugendliebe und die sich in der Geschichte mit dem Noahbund unverbrüchlich zum Ausdruck bringt. Das alles kann gesagt werden, obwohl Gott weiß „Auch wenn die Berge von ihrem Platz weichen / und die Hügel zu wanken beginnen …“ (V.10) – das kann man vielfach metaphorisch auf das zerstörerische Handeln der Menschen beziehen, aber sogar wörtlich (Beispiel des Kohlebergbaus in den Appalachen: http://www.gazette.de/Archiv2/Gazette16/Galerie.pdf). Stichworte wie „Frieden“ (V.13) und „Gerechtigkeit“ (V.14) erlauben einen unmittelbaren Bezug auf die Themen des konziliaren Prozesses auf dem Hintergrund der unverbrüchlichen und in Bewegung setzenden Heilszusage Gottes.

 

Anmerkungen zu Röm 6, 3-11:

Die Radikalität, die wir schon in Mt 28 erzählerisch erlebt haben, bringt Paulus auf den Begriff: es geht um Leben und Tod! Der Apostel lädt ein, wieder in die Taufe zu kriechen. Was regressiv klingt, beschert uns die Erkenntnis der „Sünde“ und ihrer Überwindung in der Taufe. Der Tod ist schon perdu, seine Macht besteht über dem Getauften nicht mehr. Trotzdem müssen wir in die Taufe hineinkriechen, denn die Taufe vollzieht sich als Lebensprinzip und soll täglich in die Hand der Gläubigen genommen werden: „das ganze Leben der Gläubigen soll Buße sein“, wie Luther es in der ersten seiner 95 Thesen sagt.

Daher lädt der Text ein, über die widerständigen Prinzipien, denen wir eher Raum im Alltag zu geben geneigt sind, zu reden: „Sachzwänge“, Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze, Trägheit der Herzen und Hände, mangelnde Anteilnahme am Schicksal von Menschen und Natur … Die Predigt hat die Aufgabe zu bebildern, was es heißen könnte „als neue Menschen zu leben“ (V.4) – denn sonst bliebe das ein Phantom und Hirngespinst.

 

Anmerkungen zu Joh 20, 1-18:

Das späte Johannesevangelium erzählt die Auferstehung zunächst als „Indizienbeweis“: wir sehen Zeichen, in die wir uns hineinvertrauen können. Johannes kommt gleich auf den Punkt: es geht darum, dass wir „sehen und glauben“ (V.8) und im neuen Sein existieren. Die Geschichte lädt ein, an uns aufzuzeigen, wie wir damit umgehen. Denn der eine Jünger ist schnell, der andere dafür mutig. Wie wir in der Gemeinde als „neue Menschen leben“ (Röm 6, 4) und unser Menschsein in den Alltag tragen, hat etwas mit Gaben zu tun. Aber jeder kann etwas tun!

Die zweite Episode ist beherrscht von einem typischen johanneischen Missverständnis: die wegen ihrer zerstörten Lebenshoffnungen weinende Maria sieht nicht klar, sondern verwechselt Jesus mit dem Gärtner. Die Predigt sollte dies nicht als eine kognitive Störung betrachten, sondern als produktives Missverständnis! Der Gärtner steht für das Bebauen und Bewahren, den fürsorglich Hegenden, der Schönheit und Nützlichkeit gleichermaßen für andere mit natürlichen Gegebenheiten gestaltet und in der Schöpfung freilegt. Wenn man richtig sieht und glaubt, kann man getrost zum ersten Verständnis zurückschauen: wir leben im Weinberg des Herrn und wir sind in der Nachfolge Jesu alle Gärtner, das ist wahr!

Dr. Thomas Schaack, Breklum

© 2006-2016 Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz