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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Karfreitag (22. Apr. 2011)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Lk 23, 33-49

Jes 52, 13 - 53, 12

Hebr 4, 14-16; 5, 7-9

 

 

Der Verfasser betrachtet den ev. Predigttext sowie den Text der 1. Lesung in der kath. Leseordnung. Stichworte zur Nachhaltigkeit: drei Worte Jesu als „Schritte ins Leben“, der Tod ist überwunden – Christen wagen den Aufstand (Lk 23); vieles Ertragen, dann das Licht erblicken, Schuld annehmen, den – globalen – Heilsplan verwirklichen, Gerechtigkeit statt Opfer, soziales und sozialpolitisches Engagement für Frieden, Schöpfung (Jes 52)

 

Lk 23, 33-39: Drei Schritte ins Leben

Unser Text markiert das Zentrum des Karfreitags: die Kreuzigung Jesu. Die Brutalität des Geschehens wird offenbar, aber eine seltsame Souveränität Jesu liegt über der Szene, die in drei Worten deutlich wird und schon das Licht von Ostern her aufscheinen lässt. Diese drei Worte Jesu am Kreuz bedeuten drei Schritte ins Leben:

 

1) „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Jesus wird gekreuzigt. Eine der grausamsten Hinrichtungsarten, die die Antike kennt. Und Jesus? Er bittet seinen Vater um V e r g e b u n g für seine Peiniger, für die, die ihre Sensationsgier an der Hinrichtung stillen. Das ist die letzte Konsequenz aus seiner Botschaft: „Du sollst deinen Nächsten lieben ... Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel“ (Mt 5, 43-45).

Warum? „… denn sie wissen nicht, was sie tun“ (V 34). Sie sind nicht im Stand der Erkenntnis, der Selbsterkenntnis: Sie wissen nicht, was sie tun, heißt, sie wissen nicht, wer sie sind. Wenn sie erkennen würden, im Licht wären, würden sie so nicht handeln:

Sie schauen zu, delektieren sich am Leiden der Verurteilten. Andere bereichern sich am Eigentum der Gehenkten. Wieder andere – die Oberen wie die Henkersknechte - verhöhnen die Ohnmächtigen, die Leidenden, sie demütigen die Opfer noch durch das Wort: Es wird ihnen endgültig die Würde als Mensch genommen, sie werden im wahrsten Sinne des Wortes „ent-menschlicht“. Als ob Leiden und Schmerz nicht genügten, mit Hohn und Spott müssen Menschen „aus“ gemacht werden. Und hier erhält der Hohn noch eine besondere Dimension: In der Verachtung des Christus, seines Auserwählten, wird Gott selbst getroffen.

Und Jesus bittet um Vergebung. Aus tiefer Ohnmacht heraus. Aber mit einer Würde und Souveränität, die auf seine tiefe innere Beziehung zum Vater verweist. Er ist in der Liebe zum Vater geborgen, er vertraut ihm ganz, er lebt auch in diesem Augenblick ganz in diesem Verhältnis, er weiß, dass der Vater ihn ins Leben ruft. Und aus diesem tiefen Vertrauen zum Vater, der ins Leben ruft, kann er die Vergebungsbitte aussprechen.

In tiefer Ohnmacht stiftet er für die Menschen neues Leben. Leben ist in Beziehung stehen. Das Totenreich, die Scheol, ist gekennzeichnet von absoluter Beziehungslosigkeit. Vergebung stiftet neue Beziehung, neue Gemeinschaft. Auf dem Golgotha, unter dem Kreuz. Eine Beziehung über den Tod hinaus, eine Beziehung, die nie mehr abgebrochen wird. Und diese Beziehung wird von Gott her eröffnet und aufrecht erhalten. Durch seine Vergebung. Die Vergebung tilgt Sünde, nimmt weg, was Beziehung (zer-)stört, heilt, was durch Schuld verletzt ist, schenkt einen Neuanfang und lässt neues Vertrauen zwischen Gott und Mensch, zwischen Mensch und Mensch wachsen. Vertrauen baut Brücken über Abgründe und neue Wege zueinander. Gott will diese lebendige Beziehung, will, dass wir darin Leben haben, ein Leben, das der Tod nicht mehr beenden kann. Vergebung hilft nicht nur demjenigen, dem vergeben wird, sondern auch dem, der sie gewährt. Sie befreit auch ihn zum Leben, löst ihm innere Blockierungen und Erinnerungen, die ihm seine Beziehungen bis in die Gegenwart hinein vergiftet haben.

Überall, wo Menschen einander vergeben, verliert der Tod ein Stück seines Schreckens, wächst ein Stück Leben, wird Reich Gottes Gegenwart – ist schon und wieder Ostern.

 

2) „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“

Während der eine Verbrecher in das Hohnlied auf Jesus einstimmt, kommt der andere in die Begegnung mit Jesus. Darin findet er E r k e n n t n i s , Selbsterkenntnis, sich selbst. Er kommt zur Wahrheit seiner Person und seines Lebens, auch mit ihren dunklen Seiten, ihren Schatten: „wir empfangen, was unsere Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechts getan“ (V 41). Und er erkennt, wer Jesus ist.

Der gekreuzigte Verbrecher ist einer von den Verachteten, Gebrochenen, Verlorenen. Er gehört zu denen, die wissen oder doch ahnen, dass sie in ihrer Ohnmacht nur noch auf den Einen hoffen können. Sie vermögen sich für Gottes Wort zu öffnen, für sein heilendes und rettendes Wort: „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst“ (V 42). Diese Schwachen sind anders als die „Starken“, die sich ihrer Selbstmächtigkeit rühmen, ihr festes Gottesbild in Zement gegossen und sich diesen „Gott“ verfügbar gemacht haben. Gottes Geist erweist sich aber als stark in der Schwachheit (vgl. 2 Kor 12, 9).

Sich der eigenen Wahrheit zu stellen ermöglicht Veränderung, radikaler Wandel des Selbst, ermöglicht Bekenntnis von Schuld, Verwandlung in ein neues Leben: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ (V 43).

 

3) „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“

Unfassbares deutet sich an, ein Geschehen, das erschüttert und zugleich verstummen lässt: Um die sechste Stunde bricht eine Finsternis herein, die drei Stunden bis zur neunten anhält, „die Sonne verlor ihren Schein“ (V 45). Der Vorhang im Tempel reißt „mitten entzwei“. Und Jesus sprich sein letztes Wort – laut: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände.“ Er stirbt, und nichts ist mehr wie es vorher war.

Die alte Welt ist vergangen. Bei Matthäus bebt die Erde, die Gräber brechen auf und geben ihre Toten heraus (Mt 26, 51 f.). Eine neue Welt gebiert sich, Jesu Wort ist der Ruf in ein neues Leben. Die Toten sind die ersten, die ihm folgen. Der zerrissene Vorhang im Tempel, der das Allerheiligste vor den Menschen abschloss, ist das Zeichen dafür, dass jetzt alles radikal anders ist: Der Zugang zu Gott ist nicht mehr verschlossen, er ist frei, das Trennende zwischen Gott und den Menschen ist aufgehoben. Jedem Menschen steht dieser Zugang zu Gott jetzt und für immer offen.

Und diesen Zugang hat uns Jesus eröffnet und er ruft uns zu, ihm darin zu folgen: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände.“ Mit diesem Wort gibt Jesus sein Leben auf, dieses Aufgeben ist seine Aufgabe. Es ist Aufgabe und – Ü b e r g a b e . Er lässt sich los und übergibt sich frei in die Hände des Vaters. Er vertraut sein Leben, sich selbst ganz dem Vater an. Seine Lebensübergabe ist anvertrauensvolle Selbstübergabe an den, der das Leben ist und will, dass er lebt. Dieser Vater will aber nicht nur, dass der Sohn lebt, sondern auch alle die, „die du mir von der Welt gegeben hast“ (Joh 17, 6 ff.). Dieser Vater ist ein Liebhaber des Lebens. In dem Gekreuzigten ruft er uns zu: Vertraut mir, vertraut euch mir an, lasst euch los, übergebt euch, lasst euch in meine Arme fallen, in mir ist das Leben! In diesem Vertrauen nehmen Christen ihr eigenes Kreuz an, ihr Leiden, ihre Schuld, ihre Schwäche – und übergeben sie Gott, im Vertrauen darauf, dass er sie verwandeln und alles zum Guten führen wird, zum Ganzsein, Einssein mit sich selbst – und Gott.

Die Toten sind die ersten, die Jesus in das Leben folgen, die zweiten sind die „Ungläubigen“: Es ist ein „Heide“, der – römische? – Hauptmann, der Gott preist und in Jesus „einen frommen Menschen“ erkennt. „Fromm“ ist Ehrfurcht vor und Gehorsam gegenüber den Ordnungen des Lebens, Ehrfurcht vor dem Gott des Lebens. Angesichts des brutalen Mordens preist er Gott. Er, nicht die Profis der Staatsreligionsbürokratie, erkennt in der Finsternis das heilende Handeln Gottes an Welt und Mensch. Auch er ist wie der zweite Verbrecher am Kreuz einer der Auf-gebrochenen, Offenen für das Geheimnis Jesu, für die Wahrheit Gottes, die in Jesus Christus begegnet.

Die nächsten, die Jesu Ruf folgen, sind „alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah“ (V 48). Sie schlagen sich an ihre Brust. Das ist eine Geste der Reue, des Schuldeingeständnisses: „mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa“! Sie erkennen sich als der Vergebung bedürftig, die ihnen schon gewährt ist. Sie erkennen ihre eigene Wahrheit, ihr Selbst, ihre Ohnmacht und ihre Grenzen. Sie öffnen sich für die alles verwandelnde Liebe Gottes: Und sie „kehrten wieder um“ (V 48) – ein Bild für die innere Umkehr, die metánoia.

Und dann sind da noch „alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren“, die das alles sahen (V 49) …

 

4) Solidarität und Aufstand

Sterben ist vertrauensvolle Selbstübergabe hinein in das Leben Gottes. Das ist ein Prozess, der mitten im Leben stattfindet, mitten im Alltag, jetzt im Augenblick. Der Tod ist der Augenblick, in dem dieser Prozess zu seinem Ziel kommt. Wer sich dem ausliefert, lebt immer mehr aus einem Gottvertrauen, das die Angst um sich selbst nimmt. Wer aus einem solchen radikalen Gottvertrauen lebt, kann von sich absehen und sich Welt und Mensch zuwenden, gewinnt eine Kraft, sich für die Schöpfung und alles, was in ihr lebt, für Recht und Gerechtigkeit zu engagieren.

Am Grauen des Kreuzes kommt keiner vorbei. Menschen leiden unter ihrem eigenen Kreuz, unter Schuld, Scham, Schmerzen, Ungerechtigkeit, Leid und Angst. Auch die Schöpfung ist noch „in Wehen“ und stöhnt in Schmerzen (Röm 8, 22). Wir dürfen das Leiden in der Welt, die gekreuzigte Schöpfung, die gekreuzigte Kreatur nicht relativieren, nicht kleinmachen.

Jesus hat sich mit den Leidenden und Schuldigen, und in ihnen auch mit der leidenden Schöpfung solidarisch gemacht. Er hat die Schuldigen nicht nur im Gefängnis besucht (vgl. Mt 25, 36+43), er teilte ihr Schicksal – am Kreuz war er einer von ihnen! Er hat sich Gott ganz übergeben, damit auch alles, womit er sich solidarisch gemacht, was er solidarisch angenommen hat – Leiden und Schuld der Menschen, die Schmerzen der Kreatur.

Diese Übergabe geschieht in der absoluten Ohnmacht des Kreuzes und darin wird alles verwandelt hinein in das Leben Gottes. Nicht im Triumphzug der Legionen – auch nicht englischer Legionen – , sondern in der Finsternis und Schande des Kreuzes geschieht Er-Lösung. Ecclesia triumphans ist von daher gesehen ein Missverständnis, mit schlimmen Folgen in der Geschichte.

Auferstehung geschieht unscheinbar und offenkundig im Augenblick völlig machtloser Schwäche. Das kann uns Mut machen angesichts der Macht der Mächtigen, gegen die Widerstand scheinbar so sinnlos ist. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Auch das Leiden bleibt nicht. Es ist nicht egal, ob ich mich für Mensch und Schöpfung, für die Güte des Lebens einsetze oder nicht. Christen werden ermutigt durch das Kreuz, das ihrem Blick überall im Alltag begegnen kann, und wagen den Aufstand gegen alle lebensfeindlichen Mächte, gegen Leiden, Schmerzen und Ungerechtigkeit, gegen Unrecht in Kirche und Gesellschaft, gegen Ausbeutung von Mensch und Natur, gegen den Missbrauch durch körperliche und seelische und sexuelle Gewalt, gegen eine Verschwendung des Lebens, das die Zukunft unseres Planeten bedroht. Und sie lassen sich nicht entmutigen, auch nicht durch Katastrophen mit apokalyptischen Ausmaßen wie den Tsunami 2004, die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko 2010 oder die Weltfinanzkrise, denen wir ohnmächtig ausgeliefert scheinen.

Christen treten ein für die Würde des Menschen, für die Menschenrechte, für alles, was das Leben fördert. Und sie tun das im Blick auf Jesus – gewaltlos, friedlich, wachsam! Sie leben die radikale Freiheit des Christenmenschen, die Freiheit der Ohnmacht, in der Gott allein durch seine Liebe alles zum Guten wirkt. Nur in der Ohnmacht kann die Liebe ihre die Herzen ansteckende Kraft entfallen. Gott braucht deshalb den macht-freien Raum. Er muss also nicht all-mächtig sein – die Liebe genügt.

 

Ein abschließendes Wort von Meister Eckhart:

Der Mensch soll sich willig in den Tod ergeben und sterben, damit ihm ein besseres Leben werde. Es muss ein gar kräftiges Leben sein, in dem tote Dinge lebendig werden, in dem selbst der Tod ein Leben wird. Bei Gott stirbt nichts: alle Dinge werden in ihm lebendig. … Wir bitten drum unsern lieben Herrgott, er möge uns helfen aus einem Leben, das geteilt ist, in ein Leben, das eins geworden ist. Das walte Gott. Amen.

 

Jes 52, 13 – 53, 12: Das vierte Lied vom Gottesknecht – Menschenliebe ist – einzige! – Ursache und Bedingung für die Verheißung des Lebens

Das vierte Lied vom Gottesknecht erscheint wie eine Folie, auf deren Hintergrund sich die Tragödie von Golgotha abspielt. Dass in seinem Licht, mit seinen Worten, Bildern und Assoziationen das Kreuzesgeschehen von der Urgemeinde und den Evangelisten gedeutet wurde, ist unbestritten. Dabei interpretieren sich die Passionsberichte und das vierte Lied vom Gottesknecht wechselseitig (siehe die Auslegung des ev. Predigttextes).

Theologisch und literarisch haben wir hier eine der großartigsten Dichtungen der Bibel vor uns, die immer neu herausfordert. Je tiefer man in Geist und Sinn dieses Textes eindringt, umso größer wird sein Mysterium: Der Gottesknecht bleibt eine dunkle, faszinierende Gestalt, die mich selber vor das Geheimnis meines eigenen Lebens stellt.

Wer ist der Gottesknecht? Die Deutungen sind vielfältig. Ist eine Einzelgestalt damit gemeint oder steht er für eine Gemeinschaft, für das Volk Israel? In alttestamentlicher Sicht ist die Führungsfigur immer auch Haupt und Repräsentant ihrer zugehörigen Gemeinschaft. So kann in einer Einzelperson auch die Gemeinschaft gemeint sein. Es spricht vieles dafür, gerade auch die individuelle Zeichnung des Gottesknechts im vierten Lied, dass mit ihm eine einzelne, individuelle menschliche Gestalt gemeint ist.

Wer ist dieser Mensch? Ist er ein Bild für den geschundenen, den gekreuzigten Menschen? Oder für die geschlagene Kreatur, das gefolterte, missbrauchte Leben? Jedenfalls stellt dieser Gottesknecht, der „entstellt“ (52, 14) war und „keine schöne und edle Gestalt“ (53, 2) hatte, die irdische Welt- und Werteordnung geradezu auf den Kopf, denn in ihm wird das Schwache, nicht das Starke, der Geschundene und Verachtete, nicht die Großen und Mächtigen, Erfolg haben, „groß sein und hoch erhaben“ (52, 13), die „Könige müssen vor ihm verstummen“ (52, 15). Das Neue Testament sieht in ihm Jesus Christus.

Nachdem dieser Knecht „so vieles ertrug, erblickt er das Licht“ (53, 11). Gott identifiziert sich mit dieser Gestalt: „Mein Knecht“ (52, 13). Er solidarisiert sich mit dem der Gewalt ohnmächtig Ausgelieferten, der sein Leiden annimmt im Vertrauen auf ihn. Im Vertrauen auf Gott wird es erst (er-)tragbar. Und Jahweh hat einen Plan mit ihm, sein Heilsplan mit Israel und der Menschheit wird durch diesen Knecht gelingen. Der Gottesknecht ist also Mittler. Alle bekannten Mittlerfunktionen der Offenbarungsgeschichte sind in ihm exemplarisch verdichtet. Er ist ein Gerechter (53, 11); vor allem aber Stellvertreter. Er tut etwas, was anderen das Leben zurückgibt bzw. neu gibt (vgl. Gen 18, 16-33). Und „sein Anteil“: „Er sättigt sich an Erkenntnis“ (53, 11), d.h. er wird Gottes ganz inne; er lebt ganz in und aus innigster Beziehung zu Gott.

Der Gottesknecht ist eine eschatologische, eine endzeitliche Gestalt. Nach Jes 53, 11 f. erfolgt seine Rettung aufgrund seiner „Hingabe für die vielen“, also als „Lohn“ für seine bis zum äußersten gehende Menschenliebe. „Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein“ (53, 12). Im Hintergrund steht der Bund Jahwehs mit seinem Volk, den Gott „einseitig“ mit Israel geschlossen hat: „Ich schließe meinen Bund mit Dir“ (Gen 17, 2). Und Israel hat diesen Bund gebrochen – immer wieder. „Hier kommt die menschliche Bundespartnerschaft, deren Ideal in Micha 6, 8 so gezeichnet wird: ‚Gerechtigkeit üben, den Brudersinn lieben, in Dienmut wandern mit Gott‘, in ihre letztmögliche Erfüllung: Der Gottesknecht geht in seiner Verbundenheit mit Jahweh und mit seinen Brüdern und Schwestern soweit, dass er als Unschuldiger in die Bresche des Bundesbruches tritt, um als Stellvertreter der Vielen und zu ihren Gunsten den ‚Ring des Bundes‘ für immer zu schließen“ (Deissler). Er tritt für die Schuldigen ein. Schuld ist nicht das Letzte. Es gibt ein Ende der Schuld, es gibt eine Zukunft, einen neuen Anfang – neues Leben.

Die Menschenliebe „vor allem anderen trägt darum die Verheißung der Auferweckung und Erhöhung in sich“ (Deissler). Der Dienst der Nächstenliebe, der Einsatz für das „Menschsein des Menschen“ und – das gehört hierher! – für die Bewahrung der Schöpfung ist Grund, Ursache und Bedingung der Verheißung: Gott führt uns ins Leben. In Jesus hat sich das erfüllt.

Welche Konsequenzen hat dies für uns heute, gerade unter nachhaltigen Gesichtspunkten? Der Prophet Amos weist uns den Weg: Jahweh will Gerechtigkeit, nicht Opfer: „Das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ (Am 5, 24). Amos’ Botschaft ist Sozialbotschaft. Für ihn ist soziales Engagement, Einsatz für soziale Gerechtigkeit die Erfüllung des göttlichen Willens. Dasselbe sagt uns Jesus in seiner Gerichtsrede (Mt 25, 30 ff.), in der er sich mit den Geringsten identifiziert: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25, 40). Nicht Opfer, sondern soziale Dienste, nicht Kult, sondern das Tun der Liebe ist leben nach Gottes Wort. Menschenliebe ist realisierte Gottesliebe, eine Menschenliebe, die allerdings Maß nimmt an der Selbstliebe (Mt 22, 27-40).

Wer dies so versteht, der kann dann auch eine Präsenz Christi in unserer Gesellschaft wahrnehmen, die leicht übersehen wird: Überall, wo Menschen sich sozial und sozialpolitisch engagieren, sich für die Rechte der Armen einsetzen, die Beachtung der Menschenwürde anmahnen und die Beobachtung der Menschenrechte einklagen, da ist Christus gegenwärtig. Im Einsatz für den Frieden, gegen Krieg und Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung, für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung, für den Schutz der Schwachen, der Heimatlosen, Asylanten und Illegale – auch und gerade in unserer Zivilgesellschaft – vermag ich Christus zu erkennen. Im caritativen Dienst an den Kranken, Alten und Obdachlosen, an den verlassenen und verwahrlosten Kindern, da ist Christus. Auch im Kampf um die Bewahrung der Schöpfung, für den Erhalt der Natur, den Schutz der Lebensressourcen, im umfassendsten Sinne in der Förderung des Lebens – in der kleinen Welt unseres Alltags wie im großen Weltzusammenhang – zeigt sich die Gegenwart des Herrn. Tausende, ja Millionen von Menschen engagieren sich in dieser Weise. Und das stimmt zuversichtlich und hoffnungs-froh.

Thomas Bettinger, Landstuhl

 

Quellen

Meister Eckharts mystische Schriften. Berlin 1903, S. 136-139

Alfons Deissler: Was wird am Ende der Tage geschehen? Biblische Visionen der Zukunft, Freiburg 1991

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