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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Judika / 5. Fastensonntag (10. Apr. 2011)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

1 Mose 22, 1-13

Ez 37, 12b-14

Röm 8, 8-11

Joh 11, 1-45

 

Der Verfasser geht auf alle Predigtperikopen des Sonntags ein. Stichworte zur Nachhaltigkeit: die Frage des Gehorsams: Kadavergehorsam vs. Wachsein für die allgegenwärtige Stimme Gottes, gegen Vertuschung und Verharmlosung von Vergehen gegen die Schöpfung, Gerechtigkeit und Frieden (1 Mose 25); Gottes Welt ist Heimat – Auswege sind zu finden (Ez 37); Menschlichkeit in ihrer körperlich-geistigen Ambivalenz erleben und auch bei fremden Anderen zulassen (Röm 8)

 

Kirchenjahreszeit: Die Passion stellt die Verhältnisse auf den Kopf

Der Sonntag Judika (nach dem Introituspsalm 43) markiert kirchenjahreszeitlich den Beginn der eigentlichen Passionszeit. In der vorkonziliaren Messordnung der römisch-katholischen Kirche standen Texte im Mittelpunkt, in denen das Leiden Christi betont wird. Der Versuch der Steinigung Jesu im alten Evangelium des Sonntags (Joh 8, 46-59) vermittelt eine dramatische Vorahnung von dem, was am Karfreitag folgen wird. Mit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanums verblasste der „Passionssonntag“ zum „Fünften Sonntag der Fastenzeit“. Der liturgische Grundton wurde gemildert und verschob sich von der Passion hin zur Vorahnung der österlichen Auferstehung.

Die evangelische Tradition bewahrt eher das alte Grundmotiv. „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele“, so lautet der Wochenspruch. Der Mächtige wird zum Diener und die Massen werden erlöst. Diese befreiungstheologische und revolutionäre Dimension der Passion lässt sich auch vom Tagespsalm 43 her entwickeln: Recht und Gerechtigkeit für alle, die unter Lüge, Demütigung und Unterdrückung leiden! Wirklichkeit wird das, wenn die Privilegierten dieser Welt lernen, sich in der Nachfolge Jesu ein Ethos des Dienens zu Eigen zu machen. Dann stellt Passion die Machtverhältnisse auf den Kopf.

Auch die vorgeschlagenen Predigtexte beschreiben Umwälzungen, die oben und unten neu definieren: dem gewalttätigen Vater wird das Mordwerkzeug aus der Hand genommen (1 Mose 22), die politischen Verhältnisse werden aus ihrer Todesstarre befreit (Ez 37), der göttliche Geist treibt die Gier aus (Röm 8) und die so endgültig erscheinende Macht des Todes wird gebrochen (Joh 11).

 

1 Mose 22, 1-13: Vom Kadavergehorsam zur Gewissensfreiheit

Die Geschichte von der „Opferung“ Isaaks ist ein Skandal. Einen Gott, der als Vertrauensbeweis einen Mord am eigenen Sohn verlangt, fand ich schon als Kind empörend. Das versöhnliche Happy-End hat daran wenig geändert. Auch später die (historisch-kritisch fragwürdige) Erklärung, dass hier nur die religionsgeschichtlich einschneidende Abschaffung des Menschenopfers erzählerisch verarbeitet wurde – das alles überzeugt mich bis heute wenig. Und wenn Exegeten oder Prediger die Erzählung als „pädagogische Belastungsprobe“ (Gerhard von Rad) deuten, ist Widerspruch angesagt. Was wäre das für eine perverse Pädagogik!

Im Kern geht es um die Frage des Gehorsams. Die kirchliche, theologische und kunstgeschichtliche Tradition hat Abraham über Jahrhunderte als Vorbild des Glaubens stilisiert. Aber welcher Gehorsam ist eigentlich vorbildlich? Blinder Kadavergehorsam kann es nicht sein. Die kleinen und großen Unterdrückungssysteme leben nicht nur von der perfiden Idee und vom geschickten Anstifter, sondern genauso von den willigen und widerwilligen Vollstreckern, die ihre Befehle entgegennehmen und zuverlässig ausführen. Nein, die Bereitschaft zum Kindermord hat nichts Vorbildliches. Zum Glaubensheld wird Abraham erst in dem kritischen Moment, in dem er seinem Sohn das Messer schon an den Hals gesetzt hat. Jetzt erst hört er richtig: „Nein, sagt Gott, Du sollst nicht töten!“

Viele Stimmen fordern Gehorsam: Vorgesetzte, Marktgesetze, Sachzwänge, innere Obsessionen. Die innere Stimme des Gewissens spricht leise. Respekt vor all denen, die sie trotzdem hören und den Mut finden, aus Gehorsam ungehorsam werden – und sei es wie bei Abraham erst im allerletzten Augenblick. Die nicht schießen. Die sich weigern, die Bohrlöcher immer riskanter in die Tiefe zu treiben. Die nicht mehr mitmachen, wo Gewalt und Missbrauch vertuscht und verharmlost werden.

 

Hesekiel 37, 12b-14: Vom Schlachtfeld zur Heimat

Man muss nicht weit fahren: nach Woerth im Nordelsass, nach Verdun, nach Osthofen oder nach Buchenwald. Heute sieht vieles ganz harmlos aus und Gras wächst über die Erinnerungsorte. Aber auch wenn man leichenübersäte Schlachtfelder nur von Bildern, aus Romanen oder aus den Nachrichten kennt – vor dem inneren Auge ist das Grauen noch präsent. Und andernorts gehört es zum Alltag. „Meinst Du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden?“ – „Nein! Ja! Nein? Ich weiß es nicht. Du weißt es Gott!“

Wird es jemals Frieden geben im Nahen Osten? Werden Israelis und Palästinenser jemals begreifen, dass sie nicht alleine auf der Welt sind, sondern dass sie teilen müssen: Land, Wasser, Nahrung, Sicherheit? Die Erfahrung sagt: „Ich weiß nicht. Nein! Eher nein!“ Aber hätte es vor zwanzig Jahren irgendjemand für möglich gehalten, dass ein vor Freude fast platzender Desmond Tutu mit einer Wahnsinnsrede eine Fußballweltmeisterschaften in Südafrika eröffnet? Nein, sagt die Erinnerung. Und doch ist aus der hässlichen Raupe ein wunderbarer Schmetterling geworden. Das ist die Wahrheit. Nein, sagt die Angst. Aber die Hoffnung sagt: Ja!

Hesekiel, das ist reizvolle an diesem Predigttext, redet nicht von der individuellen Totenauferweckung. Die hebräische Bibel ist in dieser Frage sehr zurückhaltend. Er redet von der Auferstehung seines verschleppten, entwurzelten und hoffnungslosen Volkes: „Unsere Gebeine sind verdorrt. Unsere Hoffnung ist verloren! Es ist aus mit uns!“ Nein, keine politische Konstellation ist so verfahren, dass es keinen Ausweg mehr gibt. Gottes Welt endet nicht als Grab, als Folterkammer oder als Schlachtfeld. Sie endet als Heimat, in der alle Menschen ein Zuhause finden.

 

Römer 8, 8-11: Von der Gier zum Geist

Ist das Christentum leibfeindlich? Askese und Bildersturm, Pflichtzölibat und rigide Sexualmoral sind jedenfalls keine Merkmale besonders ausgeprägter Sinnesfreude. Die paulinische Anthropologie, die damit verbundene Terminologie und die daraus folgenden Missverständnisse haben diese Tendenz sicher erheblich verschärft. Allzu oft lautete die Gleichung: Fleisch gleich Sex gleich Böse. Also jedenfalls, wenn es an der Zeugungsabsicht fehlt. Und jedenfalls vor der Ehe. Und auf jeden Fall zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern, vor allem zwischen Männern.

Aber damit ist selbst der konservative Paulus missverstanden. Wenn er vom Fleisch redet, dann betont er die Ambivalenz der menschlichen Existenz. Das betrifft auch die Sexualität. Gier, Rücksichtslosigkeit und Gewalt spielen in allen Lebensbereichen eine Rolle. Und der Geist Gottes befreit nicht nur den Verstand und das Gefühl, sondern auch den Körper. Schön – oder?

 

Johannes 11, 1-45: Vom Tod zum Leben

Es ist eine der ganz großen Fragen unserer Zeit: Sollen wir mit allen erdenklichen Mitteln gegen den Tod kämpfen? Die technischen und ökonomischen Möglichkeiten haben sich multipliziert – jedenfalls für die Wohlhabenden in der Ersten Welt. Alles medizinisch Mögliche tun, egal um welchen Preis? Jede noch so geringe Chance am Schopfe packen, um den Point of no Return hinauszuschieben? Wir zweifeln und reagieren doch ganz menschlich – wie die beiden Schwestern des Lazarus, die alles tun, um Jesus zum Eingreifen zu bewegen. Warum bleibt der nur so gelassen?

Dr. Christoph Picker, Speyer

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