Direkt zum Hauptmenü. Direkt zum Untermenü. Direkt zur linken Navigation. Direkt zum Text.

Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Gründonnerstag (21. Apr. 2011)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Mk 14, 17-26

Jes 61, 1-3a.6a.8b-9

Offb 1, 5-8

Lk 4, 16-21

 

Der Verfasser geht auf alle genannten Bibelstellen ein. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Tischgemeinschaft und Abendmahl als Vorläufer der globalen Tischgemeinschaft – wer am Tisch sitzt, gehört dazu (Mk 14); aus der bleibenden Spannung zwischen Erfüllung und Verheißung: Ökonomie nachhaltig gestalten und Einfordern von Gerechtigkeit für die Armen – Wiederherstellung des Zustands vor der „Zerstörung“ (kath. Perikopen)

 

Mk 14, 17-26 - Am Tisch Jesu

Es dient dem Verständnis dieses für das Evangelium wie auch für die spätere christliche Geschichte so zentralen Textes, sich die Fäden (den „Kontext“) zu vergegenwärtigen, die in ihm zusammenlaufen. Erstens hatte das Evangelium von den vielen Mahlzeiten Jesu erzählt, Mahlzeiten, die niemanden ausschlossen, weder „Sünder und Zöllner“ noch moralisch bedenkliche Frauen. Auch die Speisung der 5000 und später der 4000 (Nichtjuden) gehört in diesen Zusammenhang: Jesus segnete und teilte für ausnahmslos alle das Brot. In der Predigt-Perikope vertritt Judas die „unmöglichen“ Teilnehmer; auch er isst das Brot und trinkt aus dem Kelch. Die bange Frage der anderen Jünger („bin ich’s?“) sagt: jeder von ihnen hätte den Platz des Judas einnehmen können! Daraus folgt: Jeder Ausschluss vom Tisch des Herrn ist skandalös. - Zweitens. Der Tisch im Haus (nicht im Tempel) wird zum Ort der Barmherzigkeit Gottes; er wächst mit der Zahl derer, die an ihm Platz finden. Am Ende wird es der Erdkreis (die „Ökumene“) sein. Denn die Erde ist der Tisch, den Gott für alle gedeckt hat. - Drittens findet dieses Mahl am Abend des Passahfestes statt. Mk 14, 16 teilt mit, dass die Jünger „das Passahlamm bereitet“ haben. Passah ist das Fest der Befreiung aus unwürdigen, erniedrigenden Lebensverhältnissen, das Ur-Datum des durch die Zeiten wandernden Gottesvolkes, geleitet vom messianischen Licht des kommenden Gottesreiches. Mit dem Auszug in die Freiheit ist der bleibende Gottesbund gestiftet. Jesus bekräftigt ihn ausdrücklich. (14, 24) - Viertens. Das messianische Licht leuchtet in 14, 25 auf: Im vollendeten Reich Gottes findet die Sendung Jesu ihr Ziel. Der die Feier beschließende Lobgesang (14, 26) bekräftigt diese Perspektive. - Fünftens sind die Stichworte „verraten“ (wörtlich „ausliefern“, „überliefern“) sowie „Ölberg“ bedeutsam. Von daher gewinnt der Kelch, den Jesus den Jüngern gab, seine Bedeutung. Es ist der Leidenskelch (vgl. Mk 10, 38 f. und 14, 36 !). Da der Evangelist unmittelbar nach den Schrecken und dem Terror des jüdischen Krieges und der Katastrophe des Jahres 70 schreibt, weiß seine Leserschaft nur zu genau, was Verrat, Leid und Tod bedeuten. – Summa summarum: Das Abschiedsmahl Jesu gibt ihnen, den Schwachen, Leidenden und Geschlagenen die bleibende Perspektive des Gottesreiches: Heilende Zuwendung zu allen, Solidarität mit den Deklassierten, Überwindung religiöser und sozialer Ächtung und Hingabe an das universale Ziel von Frieden, Gerechtigkeit und pflegliche Bewahrung alles Geschaffenen.

Zitate: „Das Sakrament gehört nur in die Kirche, sofern es seine heilende Kraft außerhalb der Kirche entfaltet und den Alltag neu gestaltet.“ ( Hans-Martin Barth, Gott tut gut – Die heilende Kraft des Sakramentalen, Deutsches Pfarrerblatt 3/2010, S.124-129, Zitat S. 128)

„Es sind die Tischgemeinschaften, die Jesus dazu genutzt hat, seine Lehre von der heilenden Kraft der universalen Liebe Gottes auszubreiten. ... Eine strikte Trennung zwischen ‚heilig‘ und ‚profan‘ ist bei der Unterscheidung zwischen Tischgemeinschaft und Abendmahl also willkürlich; sie dürfte auf den Versuch zurückgehen, die Tischgemeinschaft wieder zu einem exklusiven Ritual werden zu lassen, das spezifische Qualifikationen voraussetzt. ... (Damit) verlieren wir wichtige Merkmale der Präsenz Christi in unserem Alltag:“ (Eckhard Nagel / Florian Jeserich / Felix Reuter / Andrea Rot, Keine geschlossene Gesellschaft – Die Tischgemeinschaft in jesuanischer Tradition bedeutet gegenseitige Annahme und Vorfreude, Zeitzeichen 5/2010, S.38-40; Zitat S. 39 f.)

 

Jes 61, 1-3a, 6a, 8b, 9 – Offb 1, 5-8 – Lk 4, 16-21 – Das Gnadenjahr Gottes

Die drei Texte sind durch die Zitation von Schlüsseltexten der biblischen Überlieferung mehrfach ineinander verflochten. Daraus ergibt sich ein dichtes Gewebe von gegenseitigen Bezügen. Jes 61 bildet einen Angelpunkt für die beiden ntl. Texte – zum einen durch direkte Zitation, zum anderen durch vergleichbare politische und soziale Situationen. Die Kürzungen in Jes 61 verstärken die thematische Nähe zu Lk 4 zusätzlich. Der starke Rückbezug der ntl. Autoren auf die hebräische Bibel zeigt, wie sehr sie in der jüdischen Tradition wurzeln und wie sie diese Tradition kreativ fortführen. Für christliche Leser bedeutet das Anlass zu Dankbarkeit und Verbundenheit mit dem jüdischen Volk und seiner Geschichte, die ja keineswegs kirchlich vereinnahmt und enteignet werden darf. – Die Verflechtungen der drei Texte miteinander und mit der jüdischen Tradition werden im Folgenden skizziert.

1) In seiner „Antrittspredigt“ Lk 4, dem „Evangelium der Armen“, provoziert Jesus seine Zuhörerschaft mit der Behauptung: „Heute“ ist alles erfüllt. Von diesem „Heute“ spannt sich in Bogen zu dem eschatologischen Wort „Siehe, er kommt“ in Offb 1, 7. Damit weitet sich die Perspektive des Evangeliums räumlich und zeitlich, - vom „Heute“ zum „Dann“ und von einer lokalen galiläischen Begebenheit in die Weite des römischen Imperiums, vom Judentum in die (zunächst noch) heidnische Ökumene. Die Christenheit lebt seitdem in der bleibenden Spannung zwischen der Erfüllung in Christus und der Verheißung der Vollendung des Gottesreiches. Dieser Spannungsbogen hält die Zukunft offen und gibt ihr sowohl einen Ausgangs- als auch Zielpunkt. Nachhaltige Ökonomie und das Einfordern von Gerechtigkeit für die Armen müssen sich daran messen lassen.

2) Die Trostrede eines namentlich nicht bekannten Propheten („Trito-Jesaja“) an sein Volk in der Verbannung hat den Wiederaufbau der zerstörten Heimat als Thema (vgl. 61, 4) Das Wort vom „Tag der Vergeltung“ bezieht sich nicht (!) auf Rachephantasien, sondern konkret auf die Wiederherstellung des Zustandes vor der Zerstörung: Die Verheerungen der damaligen Feinde werden rückgängig gemacht und dadurch „vergolten“ (s.u.). - Die bedrängte Lage der christlichen Adressaten des prophetischen Trostbriefes Offb 1 ff. ist mit der traurigen Situation der Exilierten bei Jes 61 vergleichbar. Ihre Weigerung, die „Herren der Welt“, die Cäsaren, als göttliche Wesen zu verehren hat sie zu „Fremden“ im Imperium gemacht. In der beginnenden Diskriminierung und Verfolgung richtet Johannes ihren Blick auf den wahren Herrn der Welt: den über alle weltlichen Mächte erhöhten Christus. Er ist der Herrscher über die Könige der Erde. Dieser Glaube ist seitdem die Quelle politischer Widerstandskraft verfolgter Christen in Diktaturen und Unrechtssystemen. – (Zum Zitat Sach 12, 10; Joh 19, 37 sei verwiesen auf den Beitrag zu Sach 12, 10 ff. in „nachhaltig predigen“ 2009/2010, S. 104)

3) Das Thema Nachhaltigkeit ist ohne weiteres aus Jes 61, 2 und seiner Zitation in Lk 4, 19 ersichtlich: Das „Gnadenjahr des Herrn“ bezieht sich auf die Weisung der Tora (Lev 25, 10 ff.), jedes 50. Jahr als „Erlassjahr“ zu begehen: Schuldknechtschaft und Schulden werden aufgehoben, Äcker und Weinberge bleiben brach liegen, um sich zu erholen. Wahrer Eigentümer des Landes ist und bleibt Gott; er hat es dem Volk zur pfleglichen Nutzung anvertraut. Die gegenwärtige Forderung nach einem gerechten Lohnsystem (Stichworte: Mindestlohn, Zeitarbeit, Geldwirtschaft) und einem Schuldenerlass für verarmte Völker z.B. in Afrika kann sich auf diese biblische Weisung ebenso beziehen, wie eine nachhaltige Landwirtschaft und die Wiederentdeckung der „Gemeingüter“ aller Menschen: Solche „Gemeingüter“ sind vor allem die Atmosphäre, der Gen-Pool von Tieren und Menschen, das kollektive Wissen der Menschheit und das Gemeingut „Grund und Boden“. (Näheres: www.kairoseuropa.de)

4) Die Rede vom Gottesvolk als Volk von „Priestern und Königen“ (nach Ex 19, 6) in Jes 61 und Offb 1, 5 ff. ist eindeutig egalitär gemeint. Nicht auf abgesonderte Kasten der Herrschenden und der Priesterschaft zielt dieses Wort, sondern auf das Gottesvolk als Ganzes! Daraus ergibt sich freilich ein Spannungsverhältnis zum Amtsverständnis der Kirchen. Die Verheißung prinzipieller Gleichrangigkeit ist nicht nur eine emanzipatorische Parole der Französischen Revolution (liberté, egalité, fraternité), sondern auch biblisch.

Zitate: a) (Zu Jesaja 61) „Der Tag der ‚Vergeltung unseres Gottes‘ nimmt die alte Vorstellung vom ‚Tag Jahwes‘ auf. ... Der Ton liegt nicht darauf, daß Gott an Israels Feinden Rache nehmen wird. Der Parallelismus zeigt, daß das Wort nach seiner positiven Seite zu verstehen ist als Wiederherstellung, so wie auch der ursprüngliche Sinn der noch vorstaatlichen Rache (d.h. im alten Israel, W.H.) ein positiver ist: ‚the restoration of wholeness‘ (IBD)“ Claus Westermann, Das Buch Jesaja Kap.40-66, ATD Bd.19, Göttingen 1966, S.292)

b) (Zur Offenbarung) „Was sich zur Zeit des Johannes als wahr erwiesen hat, wird sich in der Geschichte Jesu Christi in der Welt immer wieder als wahr erweisen. Aber die Geschichte lässt sich nicht in eine Geschichte der Welt und eine Geschichte der Kirche aufteilen... Die Christen und die Kirchen sind Teil dieser Geschichte, aber nicht so, daß sie von den Wogen der Geschichte überrollt und verschlungen werden. Nein, sie leben in der Geschichte mit einer geschichtlichen Verantwortung, sie sollen sie in ihrer Zwangsläufigkeit hinterfragen, sie sollen sie verwandeln, sie sollen sie von unten her verändern, bis sie den Normen des Reiches Gottes entspricht und bis die Welt Jesus, den Messias, als Herrn anerkennt.“ (Allan Boesak, Schreibe dem Engel Südafrikas – Trost und Protest in der Apokalypse des Johannes, Stuttgart1988, S. 25 f.)

„Die engste Parallele zu Apk 1, 6 findet sich ... in 1 Sam 12, 6 und 1 Kön 12, 31. Dieser Text der Hebräischen Bibel betont, daß im Nordreich jedes Mitglied des Volkes als Priester eingesetzt werden konnte, ohne Mitglied des priesterlichen Stammes Levi sein zu müssen.“ (Elisabeth Schüssler Fiorenza, Das Buch der Offenbarung – Vision einer gerechten Welt, Stuttgart / Berlin / Köln 1991, S. 63)

c) (Zum Lukasevangelium). „Die ersten Sätze aus dem Munde des erwachsenen Jesus sind nicht seine eigenen, sondern Prophetensätze. Was er zu verkünden hat, ist nichts Neues. Neu ist nur das „Heute“, an dem Gott Wirklichkeit werden will, und zwar als Hilfe für alle unter die Räder Gekommenen (vgl. zu 14, 21), die Heiden (4, 25-27), Dirnen (7, 36-50), Zöllner (15, 1 f.) und Verbrecher (23, 40-43) ... Freundliche Zustimmung zu solcher Gnadenpredigt darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß Gnade für die Armen immer auch Gericht für die Reichen ist.“ (Eduard Schweizer, Das Evangelium nach Lukas NTD Bd.3, Göttingen 1982, S. 60)

Dr. Wolfgang Herrmann, Geilnau

© 2006-2016 Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz