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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Palmarum / Palmsonntag (17. Apr. 2011)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Mk 14, 3-9

Jes 50, 4-7

Phil 2, 6-11

Mt 21, 1-11

 

Der Autor betrachtet den Predigttext der ev. Reihe III und die kath. 1. Lesung. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Gutheißen der Verschwendung als Merkmal für die Beachtung einer Ausnahmesitution – Verhalten gegenüber Gott / Schöpfung / Mitmenschen: zum richtigen Zeitpunkt das Richtige tun, im Angesicht des Heils sein Feiern zulassen (Mk 14); keine absolute Gewaltlosigkeit blind predigen, den Weg der Liebe als Friedensweg erkennen und (auch unter Schwierigkeiten) gehen (Jes 50)

 

Zu Mk 14, 3-9: Die Zeit der Verschwendung – Zum Thema der Nachhaltigkeit

1. Exegetische Informationen

Die Erzählung steht am Beginn der markinischen Passionsgeschichte. Seit Mk 3, 6 ist dem Leser des Evangeliums bekannt, dass Jesus dem Tod am Kreuz entgegen geht. Diese Perspektive verstärkt sich im unmittelbaren Kontext der Perikope und ist auch in ihr selbst präsent. Die Auslegung muss deshalb von Anfang an das semantische Potential beachten, das durch den Kontext gegeben ist.

Sachlich sollte der Wert des wahrscheinlich aus Pistazien hergestellten Öls beachtet werden, mit dem die Frau Jesus salbt. Ein Denar („Silbergroschen“) ist in der Zeit Jesu der durchschnittliche Lohn eines Arbeiters. Rechnet man dies auf die Kaufkraft unserer Zeit um, ist das Öl etwa ein Jahresgehalt eines durchschnittlichen Arbeitsnehmers wert. Es handelt sich demnach um ein echtes Luxusgut. Die Frage, wie solch ein Produkt in das Haus eines Aussätzigen gelangt, das nicht als besonders luxeriös beschrieben wird, führt direkt zur eigentlichen Auslegung.

Zunächst ist aber noch zu wissen, dass der Vorgang der Salbung vor allem sozial Angesehenen und vor Gott ausgezeichneten Personen zustand (Könige, Priester). Einen einfachen Mann aus Galiläa zu salben, ist deshalb etwas Außergewöhnliches.

Interessant ist weiter die Beurteilung der Salbung als „gutes Werk“. Der Ausdruck steht in direktem Zusammenhang mit den zuvor geforderten Werken für die Armen. Während das Almosengeben als soziale und religiöse Pflicht angesehen ist – insbesondere während des Passahfestes –, gilt das „gute (Liebes-)Werk“ als höherwertig, da hier nicht nur ein besonderes Engagement gefordert wird, sondern da es auch an einen bestimmten Zeitpunkt gebunden ist. Von daher bekommt die Erzählung einen ganz besonderen Stellenwert am Beginn der Passion Jesu. Sie erscheint als vorweggenommene Salbung des gekreuzigten Christus. Die unbekannte Frau erweist Jesus als einen fundamentalen Dienst und wird deshalb von ihm ausdrücklich gelobt – trotz der Verschwendung des Öls.

 

2. Impulse zur Predigt

Die Sachinformationen über den ungewöhnlich hohen Wert des Öls, die Salbung und das Liebeswerk führen damit direkt in die theologische Interpretation. Was die nicht näher bezeichnete Frau macht, ist ganz eindeutig Verschwendung. Der Vorwurf der auch nicht näher bezeichneten Anwesenden ist daher berechtigt. Dass die Akteure bis auf Jesus keine Namen tragen, weist auf die Bedeutung der Worte Jesu hin, die die Frau in Schutz nehmen. Der Text kennzeichnet Jesus als den von Gott Gesalbten, den Messias. Insofern steht ihm das kostbarste Öl zu. Diese Salbung bezeichnet damit gleichsam die vorweggenommene Salbung des toten Messias. Der Text macht klar, dass es keinen anderen Zeitpunkt gibt als den, den die Frau ergriffen hat. Im Angesicht des Messias treten „normale“ Verhaltensmuster zurück. Verschwendung ist daher königliches Gebot.

Auf den ersten Blick scheint die Episode also Verschwendung nahe zu legen. Nachhaltig ist hier nichts. Schon die aufwendige Herstellung des Öls verschwendet Ressourcen und auch der diese Verschwendung eventuell moralisch rechtfertigende Verkauf zu Gunsten der Armen wird abgelehnt. Doch macht die Auslegung deutlich: es geht nicht um Verschwendung an sich, sondern es geht um das Verhalten im Angesicht Gottes. Ähnlich der Geschichte von Kain und Abel geht es nicht um Qualität und Quantität des menschlichen Wirtschaftens, sondern um das Verhalten gegenüber Gott. Der Zeitpunkt ist hier ganz entscheidend. Indem der Text betont, dass es immer an der Zeit ist, den Armen zu helfen und wirtschaftlich vernünftig, also in rechtem Maß zu handeln, verweist er auf die Verantwortung des Menschen gegenüber sich, seinen Mitmenschen und seiner Umwelt. Allein im Angesicht Gottes verliert der Mensch das Maß, weil Gott ihm die ganze Fülle seiner Existenz schenkt. Hier erfolgt dann der Aufruf zur herrlichen Verschwendung. Das semantische Potential des Textes lässt sich also im Hinblick auf die Predigt vor allem auffächern in die Betonung der Herrlichkeit des Menschensohns und der besonders qualifizierten Zeit seines Daseins. In pragmatischer Hinsicht ist ein Aufruf zur Feier festzustellen. Der Christ darf und soll den Augenblick des Heils wahrnehmen und ihn gebührend begehen. Das Christentum ist damit keine weltferne und im Grunde asketische Lebenshaltung, sondern eine, die sich dem nachhaltigen Wirtschaften genauso verpflichtet weiß, wie der ausgelassenen und verschwenderischen Feier.

 

Zu Jes 50, 4-7: Im Angesicht des Spottes – Zum Thema des Friedens

Das sog. dritte Gottesknechtslied ist eng mit den Klagepsalmen verwandt. Auf der einen Seite reflektiert es schwere Anfechtungen, das Ich des Beters muss gravierende Angriffe erleiden. Auf der anderen Seite steht diesen Bedrängnissen eine scheinbar unerschütterliche Gewissheit gegenüber. Diese Ambivalenz von Klage und Gottesvertrauen ist für den alttestamentlichen Propheten nicht ungewöhnlich. Sowohl Jesaja, wie Jeremia kennen diese Situation. Von daher kann der Text als Selbstverständnis des Propheten Gottes gelesen werden. Dies zeigen die Eingangsverse des Liedes. Der Beter vergleicht sich selbst mit einem „Jünger“, der Gottes Wort hört und es ausspricht. Sein Dienst zielt darauf, die Müden zu stärken. Im Kontext von Jes 40, 28 ff. gelesen dürften die Müden hier mit Israel identifiziert werden. Das oft dem Worte Gottes widerspenstig gegenüberstehende Israel muss erst neu geweckt werden, bevor es hören kann. Dass dies auch für den Propheten gilt, zeigt der erste Abschnitt, wenn er in V.5a endet und so betont, wie grundlegend es ist, das Ohr geöffnet zu bekommen.

Wichtig zu bemerken scheint weiter, dass er „jeden Morgen“ das Wort Gottes hört. Es geht also nicht um einen Lehrer, der dieselbe Lehre immer wieder seinen Schülern übermittelt, sondern es handelt sich immer wieder um eine neue Botschaft. Das Wort Gottes wird damit nicht fixiert (wie in einem Kanon), sondern bleibt in seiner Dynamik lebendig. Es kommt zu dem Propheten, um ihm zu sagen, was er den Menschen verkünden soll. Dabei ist es in Analogie zu Jes 55, 10 f. im Gegensatz zu Hebr 4, 12 absolut positiv konnotiert. Das Wort stärkt seine Hörer.

Aufgrund des Dienstes, zu dem Gott ihn ruft, wird er von der Gesellschaft ausgegrenzt und von ihr angefeindet. Dies scheint seltsam, da das Wort seine Hörer doch stärkt. Allerdings ist die Reaktion der Hörer nicht positiv. Obwohl letztlich nicht näher gesagt wird, wer mit den Feinden gemeint ist, die den Propheten bedrängen, scheint klar, dass es sich um dieselbe Gruppe handelt, an die sich der Prophet wendet. Seine Haltung ist dabei nicht zutreffend mit reiner Passivität beschrieben. Sein Vertrauen auf Gott verhilft ihm dazu, sich selbst vor den Angriffen zu schützen. Sieht man die Parallele bei Jer 1, 18; Ez 3, 8 f., dann wird deutlich, dass der Prophet durch Gott geschützt ist. Er verhärtet sich gegen die Angriffe, weil Gott ihm dies ermöglicht und so wird er letztlich nicht untergehen.

 

2. Impulse zur Predigt

Das Wort Gotts ist unverfügbar. Es stellt sich ein. Das ist ein theologisch wichtiger Satz, der die Souveränität Gottes an sich anzeigt. Für den aber, der Woche für Woche predigen muss, ist es aber auch ein oft misslicher Sachverhalt. Berufen zu sein zum Predigtdienst, auch wenn das Wort Gottes sich nicht einstellt, ist das erste Problem, das dieser Text aufwirft.

Das zweite liegt in der Haltung des Propheten. Hier zeigt sich eine hermeneutische Schwierigkeit, die deutlich macht, dass antike Texte in ihrem Aussagegehalt genau betrachtet werden müssen, damit keine Missverständnisse aufkommen. Es liegt nämlich nahe von diesem Text zu einem naiven Pazifismus in der Gegenwart fortzuschreiten. Sollen wir nicht dem Beter gleich werden? Erinnert doch dieser Text sofort an die Weisung Jesu aus der Bergpredigt: „Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.“ (Mt 5, 39) Ist in dieser Linie nicht die Konsequenz zu ziehen, sich analog dem Beter schlagen zu lassen und keinerlei Widerstand zu leisten? Muss der Christ sich in den Quietismus flüchten?

Die exegetischen Informationen haben eine andere Linie aufgezeigt. Es geht nicht um jeden einzelnen Israeliten, sondern exemplarisch um den Propheten. Es geht nicht um das Verharren und Erleiden der Anfeindungen, sondern um die Zuwendung Gottes, die sich im Propheten zeigt. Gottes Gesandter wendet sich nicht ab, wenn der Mensch ihn vertreiben und beleidigen will, sondern bleibt standhaft. Das will aber in erster Linie keine Aussage über den Boten Gottes, über einen Propheten oder – heute – über einen Pfarrer sein, sondern letztlich über Gott selbst. Im Propheten zeigt sich Gottes Liebe, die vom Menschen auch dann nicht lässt, wenn der Mensch sich dagegen zur Wehr setzt. Der Text propagandiert damit keinen Pazifismus, was dem AT insgesamt eher fremd wäre, sondern dreht sich um die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen. Diese Liebe ist wiederum der Prüfstand für die Ethik.

Im Hinblick auf die Friedensthematik muss also notiert werden, dass der Text keinen einfachen Weg zeigt. Er will nicht die absolute Gewaltlosigkeit für den Hörer verkünden, will keine praktischen Ratschläge geben, sondern macht eine theologische Aussage zum Thema: Frieden gibt es nur in der Liebe. Die Liebe ist die Bedingung für Frieden. Aber diese Liebe kann auch hart machen. Diese Liebe muss vielleicht große Schwierigkeiten umgehen, und diese Liebe muss sich vielleicht auch schuldig machen auf dem Weg zum Frieden. Einfach nichts zu tun und alles zu erdulden, ist dem Text fremd. Aufgrund des Vertrauens auf Gott weiß der Beter sich auf dem Weg zum Frieden und dieses Vertrauen ist auch der Schlüssel zum ersten Problem des Textes. Im Vertrauen auf die Fürsorge Gottes kann der Prediger auch dann in Frieden leben, wenn das Wort Gottes auf sich warten lässt. Denn es wird kommen und es wird den Frieden mit sich bringen.

Dr. Paul Metzger, Bensheim

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