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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Okuli / 3. Fastensonntag (27. Mrz. 2011)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Mk 12, 41-44

Ex 17, 3-7

Röm 5, 1-2.5-8

Joh 4, 5-42

 

Der Verfasser geht auf die Nachhaltigkeitsbezüge der ev. Predigtperikope ein. Stichworte: nicht nur nachhaltig „gestalten“, sondern auch für die Armen Möglichkeiten strukturell anlegen, Gesinnung vs. Geld als Kriterien für Wertschätzung, Bewertung von von uns geschaffenen Strukturen im Hinblick auf die „Wertung“ von Armut; werden in der Gemeinde die Armen oder die Reichen mehr beachtet?

 

Mk 12, 41-44

Die Perikope ist klar abgegrenzt und kann zu den idealisierten Anekdoten gerechnet werden. Sie muss nicht als historisch angesehen werden, da sich in anderen Religionen ähnliche Erzählungen finden. Die Botschaft läuft immer darauf hinaus, dass die kleine Gabe eines Armen unvergleichlich mehr sei als die große Gabe eines Reichen.

Sicherlich hat Markus die Erzählung so vorgefunden. An einigen Stellen hat er Ergänzungen vorgenommen. So z.B. in v42, in dem er erklärt, was man sich unter dieser Währung vorzustellen hat. M. Luthers Übersetzung für „Lepta“ ist es zu verdanken, dass bis heute das Sprichwort „sein Schärflein beitragen“ zu unserem Sprachgebrauch gehört.

Mit dem „Gotteskasten“, der in v41 gleich zweimal erwähnt wird, was eine unnötige Verdoppelung ist, ist der Opferkasten des Tempels gemeint. Das griechische Wort für den „Opferkasten“ kann auch Schatzkammer bedeuten, die sich im inneren Bezirk des Tempels befand, der nur Juden zugänglich war. Die freiwilligen Gaben dienten für die Errichtung der Brandopfer.

Die Darstellung des Markus ist ungenau. Während sich Jesus der „Schatzkammer“ gegenübersetzt wirft das Volk Geld in den „Opferkasten“? Warum darf er überhaupt dort sitzen und wie konnte er feststellen, wer wie viel hineinwirft? Diese Fragen zeigen, dass Mk eine vorgefundene Anekdote auf Jesus umgeschrieben hat – ebenso hat er in v43 die Jünger ergänzt.

Lk bleibt in seiner Parallele (21, 1-4) sehr viel elementarer und beschränkt sich auf die Hervorhebung des Gegensatzes von den „Reichen“ und der „Witwe“.

In dieser Perikope spiegelt sich die Nähe Jesu zu den Kleinen und Geringen, Benachteiligten und Marginalisierten. Jesus wertet die schlichte Tat einer armen Frau auf, indem er etwas Großes darin entdeckt, denn die Tatsache, dass sie nur zwei Lepta einwerfen kann, zeigt ihre bittere Armut. Ein Lepta ist die kleinste Kupfermünze. Jene Frau ist das glatte Gegenstück zum reichen Jüngling (Mk 10, 17-27), den sein Besitz an der Nachfolge hindert. Eine Doppelpredigt über beide Texte wäre interessant. Ob man hingegen vom Opfer der Witwe eine Brücke schlagen möchte zu Jesu eigener Lebenshingabe (Mk 10,45), ist keine exegetische, sondern eine theologische und homiletische Entscheidung – eine Überlegung, die bei dem Blickwinkel auf die Nachhaltigkeit allerdings nicht im Vordergrund stehen muss.

Mk stilisiert Jesu Beurteilung als Jüngerbelehrung: Im Urteil Jesu übertraf die Witwe mit ihrer armseligen Gabe alle Reichen, weil jene aus Überfluss spendeten, diese aber von ihrem Wenigen, was sie hatte, noch abgab. Man stelle sich vor, ein Hartz-IV Empfänger spendete seiner Kirchengemeinde 250,00 Euro für die Jugendarbeit und ein ortsansässiger Bauunternehmer gäbe 1000,00 Euro für die Orgelerweiterung. Wer würde da von Jesus hervorgehoben werden.

Es geht Jesus auch nicht darum, dass die Witwe sich von ihrem wenigen Besitz trennt, sondern um die Liebe zu Gott, die sich darin ausdrückt. Was sie gab, war so gut wie alles, was sie hatte. Aber es geht eben nicht um die Menge, sondern um die Gesinnung, mit der jemand gibt.

So preist die kleine Geschichte jene stille, selbstverständliche und ganze Hingabe, die von ihrer Tat kein Aufhebens macht, in der der Mensch aber sehr praktisch sich selbst und alle seine Sicherungen fahren lässt und sich ganz Gottes Barmherzigkeit ausliefert.

Markus verfasst die Perikope als Jüngerbelehrung und damit besitzt sie auch für die heutigen Hörerinnen und Hörern als denen, die in Jesu Nachfolge stehen, eine Relevanz. In den von ihm angesprochenen Gemeinden wird die Zahl der Armen größer gewesen sein als die der Reichen. Die Armen sind auch in der christlichen Gemeinde in Gefahr, zurückgestellt oder verachtet zu werden. Wenn die Witwe den Jüngern als Vorbild vor Augen geführt wird, ist zu bedenken, dass sie in zweifacher Hinsicht in der damaligen Gesellschaft sozial benachteiligt war: als alleinstehende Frau und als Arme. Die Wertschätzung der Armen bei Gott soll die Gemeinde anspornen, nicht bloß das Beispiel der Witwe nachzuahmen, sondern gerade auch denen beizustehen, die so alleingelassen sind wie diese.

 

Jesus weist in seiner Abschiedsrede darauf hin, dass die Gemeinden allezeit Arme unter sich haben werden (Mt 26, 11) und er richtet unseren Blick auf die Geringsten, denn was die Gemeinde für sie tun, das tut sie in der Nachfolge auch für ihn (Mt 25, 40).

Somit ist es notwendig, nicht nur die Armen zu versorgen, sondern vor allen Dingen Wert zu schätzen in dem, was sie für die Gemeinschaft tun können – und sei es ein noch so geringer Beitrag. Noch immer gibt es zu wenige Projekte in den Gemeinden, die die Armen als Subjekte kirchlichen Lebens erkennen und annehmen. Nach wie vor ist es vielerorts so, dass sie Objekte diakonischen Handelns sind. Nicht selten besteht darin die Gefahr, dass damit Strukturen verfestigt werden, die die Armen in ihrer Armut belassen. So gut „Tafeln“ sind, aber sie stabilisieren einen Zustand, der den Armen nicht mit seinen Möglichkeiten wahrnimmt.

Nachhaltiges Handeln darf sich nicht nur auf die schöpfungsgegebenen Ressourcen beziehen, sondern muss auch darüber nachdenken, welche Strukturen geschaffen werden, in denen Arme leben. Dabei geht es auch um Strukturen in Kirchengemeinden: versetzen sie die Armen in die Lage, an allem gleichberechtig teilhaben zu können oder gibt es auch in den Kirchengemeinden ein Gefälle von Arm und Reich? Eine Gemeinde wird die Armut nicht abschaffen bzw. überwinden können. Aber sie wird durch ihren Lebensvollzug zeigen, ob sie eine Gemeinde Jesu Christi ist oder in dieser Welt aufgegangen ist, in der die Reichen beachtet und die Belange der Armen übersehen werden. Wir herzlich begrüßt eine Gemeinde einen Armen oder eine Arme oder wird nur ein oberflächliches „Hallo“ gesagt, um sich schnell wieder dem potentiellen 1000,00 Euro-Spender zuwenden zu können?

Hans-Jörg Ott, Birnbach

Literatur:

Gnilka, J., EKK II/2 – Das Evangelium nach Markus. Neukirchen-Vlyn, 1994.

Schweizer, E. NTD 1 - Das Evangelium nach Markus. Göttingen, 1983.

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