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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

2. Sonntag nach Epiphanias / 2. Sonntag im Jahreskreis (16. Jan. 2011)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

2 Mose 33, 17b-23

Jes 49, 3.5-6

1 Kor 1, 1-3

Joh 1, 29-34

 

Der Verfasser betrachtet alle Predigtperikopen des Tagen unter dem Aspekt des gleichberechtigten Dialogs bzw. Gesprächs mit Gott zur Weiterentwicklung und zur Entscheidungsfindung. Stichworte: Gespräch mit Gott als gleichberechtigter Dialog mit der Natur; freiwillige Zustimmung und Begegnung; Respekt; Klimagipfel von Kopenhagen; Balance zwischen Gott, Geist, Mensch und Erde

 

Gespräche mit Gott und das Erbarmen mit der Schöpfung

Predigttext Evangelische Reihe: Ex. 33,17-23

Am Anfang der Geschichte Israels mit seinem Gott steht der Dialog. Mose als Repräsentant des Volkes befindet sich seit seiner Berufung (Ex 3) in einem andauernden Gespräch mit Gott. Um den gemeinsamen Weg wird gerungen, der Bundesschluss und die Zehn Gebote werden nicht einfach dekretiert, sondern sind das Ergebnis teilweise dramatischer Auseinandersetzungen. Nachdem das Volk, das in der Wüste Mose und damit die Gegenwart Gottes schmerzlich vermisst, ein Stierbild errichtet hat, das die Abwesenheit Gottes wenigstens im Bild symbolisieren soll, fühlt dieser sich in seiner Souveränität gekränkt. Er will das Volk vernichten. Doch Mose kann ihn davon überzeugen, dass er sich sowohl zum Spott der Völker machen würde, wenn er sein Versprechen der Befreiung aus der Knechtschaft zurücknähme, als auch sich selbst und seinem Willen widerspräche, der sich barmherzig und nachsichtig zeigt. Es sind Gespräche auf Augenhöhe, die Mose mit Gott führt. Ihr Ausgang ist offen und, wie das Beispiel mit dem Stierbild veranschaulicht, angesichts der Reue Gottes über den eigenen Zorn gegen Israel durchaus überraschend (Ex 32, 14). Dahinter steht die Einsicht, dass nur diejenigen, die mit Gott reden, auch von ihm erfahren, was er will. Da er kein Diktator ist, dem es auf blinden Gehorsam und Unterwerfung ankommt, sondern auf freiwillige Zustimmung des Partners zu seiner Weisung, ist Gott selber an diesem Dialog mit den Menschen in höchstem Maße interessiert. Martin Buber hat in seinen Überlegungen zum Wesen des Menschen das „dialogische Prinzip“ entwickelt, das sich im Dialog mit der Natur, mit den Mitmenschen und mit der Welt des Geistes entfaltet. In dem Satz „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“1 fasst er dieses Prinzip zusammen. Das Angewiesensein auf das Gegenüber, den Anderen, das Du führt erst zur Selbsterkenntnis, zum Ich. Und ohne das Vertrauen, dass diese Begegnung nur dort gelingt, wo Erbarmen und Gnade, Rücksichtnahme und Fingerspitzengefühl gelten, wären diese Begegnungen von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Noch einmal Martin Buber: “Im echten Gespräch geschieht die Hinwendung zum Partner in aller Wahrheit, als Hinwendung des Wesens also ... Der Sprecher nimmt aber den ihm so Gegenwärtigen nicht bloß wahr, er nimmt ihn zu seinem Partner an, und das heißt: er bestätigt ... dieses andere Sein. Die wahrhafte Hinwendung seines Wesens zum andern schließt diese Bestätigung, diese Akzeptation ein. Selbstverständlich bedeutet solch eine Bestätigung keineswegs schon eine Billigung; aber worin immer ich wider den andern bin, ich habe damit, dass ich ihn als Partner des echten Gesprächs annehme, zu ihm als Person Ja gesagt.“2 Vertrauen und Offenheit, Akzeptanz und das Kennen und Anrufen mit Namen kennzeichnet auch den Dialog zwischen Gott und Mose. Im Unterschied zum Stierbild ist Gott im Gespräch gegenwärtig und erweist sich als Partner, indem er sich erbarmt und gnädig ist. So wie Gott Mose seine Wegbegleitung verspricht, so sind es die Gespräche, die ein Leben lang dem Menschen Halt, Richtung und Sinn zu vermitteln vermögen. Und dann gibt es einzelne Gespräche, die von besonderem Gewicht sind. Wenn Mose Gott bittet, dass er seine Herrlichkeit schauen möchte, dann will er im Sinne des hebräischen Begriffs „Kabod“ seine Bedeutsamkeit, seine Gewichtigkeit sehen. Aber außerhalb seines Erbarmens, seiner Güte und seines Namens ist seine Relevanz nicht zu entdecken. Wo miteinander gesprochen wird, wo beim Namen gerufen wird, da wird die Hinwendung zum Gegenüber existentiell. Genau diese erweist Gott dem Mose, indem er ihn schützend in die Felsnische stellt und seine Hand über ihn hält. Das Angesicht Gottes sieht er nicht, weil nur so der Unterschied zwischen Gott und Mensch gewahrt bleibt. In der Rückschau und in der Nachsicht ist Gott erkennbar, weil nur so die Grenzen zwischen Schöpfer und Geschöpf eingehalten werden. Die Gespräche mit Gott schließen die Rücksicht und den Respekt gegenüber seiner Schöpfung ein. Der Dialog mit der Natur, die Gottes Schöpfungswerk ist, beginnt erst gerade wieder nach Jahrhunderten des herrschaftlichen Monologs von Seiten des Menschen. Gesprächen geht die Wahrnehmung, das Hören und Sehen des Anderen, die Anerkennung seiner Bedürfnisse, seines Wollens, seines Denkens und Empfindens voraus. Die vorsichtigen Nach- und Rückfragen sind wichtiger als die allzu schnellen Antworten. Der zerstörerische Raubbau der Natur, die hemmungslose Ausbeutung ihrer Ressourcen, die unfassliche Belastung ihrer großen und kleinen Ökosysteme entspricht einer Haltung, die sich weder im Gespräch mit Gott noch mit der Natur befindet. Sie will Unterwerfung, Verwertung und den größtmöglichen Vorteil für die Mächtigen. Dagegen zielt das Gespräch auf Augenhöhe. Die Fürsorge, die Gott dem Mose entgegenbringt, entstammt dem Wunsch, den Gesprächspartner nicht zu verletzen oder gar zu vernichten. In diese Fürsorge Gottes einbezogen sind auch die Tiere, die Bäume, die Pflanzen, die Berge, die Ozeane, das Wasser, die Luft, ja die gesamte Erde. Das Ökosystem hat eine eigene Stimme, auf die es zu hören gilt und die in den Gesprächen zwischen Mensch und Gott ihren Platz haben sollte. Wie schwer die Völker sich tun, dem Klima und seinen absehbaren Veränderungen das notwendige Recht in ihren Gesprächen einzuräumen, hat der Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember 2009 gezeigt. Die Ergebnisse zur Senkung der Kohlendioxydemissionen waren eher mager und es ist davon auszugehen, dass auch in den kommenden Gesprächen die wirtschaftlichen Einzelinteressen der Staaten dominieren werden. Während ernsthafte Gespräche auf das Einvernehmen zielen, scheint im Gespräch um die Abschwächung des Klimawandels, die Natur immer noch keine Stimme zu haben. Ohne Erbarmen und Rücksichtnahme mit der geschundenen Schöpfung wirken auch die Gespräche mit Gott wie Selbstgespräche der Menschen. Das Gewicht des Anderen, des Gegenübers, wahrzunehmen, bedeutet stets, von sich wegsehen, sich nicht so wichtig zu nehmen, damit alle in einem schönen, aber höchst zerbrechlichen Gleichgewicht ihren Platz einnehmen können: Gott, seine Schöpfung und der Mensch mit seinen Mitmenschen. In dieser Balance, die noch zu finden sein wird, steckt die Herrlichkeit, die Glorie Gottes. Auf dieses zukünftige ökologische Gleichgewicht richtet sich „das sehnliche Harren der Schöpfung“, von dem Paulus in Römer 8 spricht und das sich in der Bitte des Mose „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ ausspricht. Diese Erscheinung Gottes zeigt sich in seiner Ökologie, die auf die Bewohnbarkeit der Schöpfung für alle gerichtet ist.

 

Kath. Leseordnung

Die Texte aus der katholischen Lesereihe betonen ebenfalls den Gesprächszusammenhang Gottes mit seinen Geschöpfen, der in der Geschichte mit seinem Volk Israel sowenig abreißt wie er in der Geschichte Jesu Christi und der Kirche versiegt. Der zweite Jesaja (Jes 49, 3.5-6) verweist das Volk Israel in der tiefen Krise der babylonischen Gefangenschaft auf seine Funktion unter den Völkern. Ein Licht für die Völker sollen sie sein, damit Gottes Herrlichkeit sichtbar wird. Der Bund mit Israel strahlt weit über das eigene Volk hinaus. Die Gespräche, die Israel mit ihm führt, haben Bedeutung für die ganze Schöpfung, für alle Völker. Das Exil wird zur Stunde eines neuen globalen Denkens. Das Heil, das Israel durch seinen Gott erfährt, gilt der ganzen Welt. Recht und Gerechtigkeit und die Befolgung des göttlichen Willens soll vorgelebt werden, damit andere Völker folgen können, um im Gleichgewicht mit Gott und seiner Schöpfung zu leben.

Die Anrede im 1. Korintherbrief (1 Kor 1, 1-3) besitzt gleichfalls einen umfassenden Gesprächshorizont. Nicht nur die Gemeinde in Korinth ist gemeint, sondern „alle, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen an jeglichem Ort, dort wie hier.“ Im Gespräch mit Gott, das durch die Anrufung Jesu Christi vermittelt ist, wird wie im Gespräch des Mose (s. o.) die Gnade und der Friede betont, ohne die das Gleichgewicht der Schöpfung zerstört würde. Die Absender des Briefes rufen den Adressaten zu: lasst euch von Gott in Anspruch nehmen, indem ihr ihn auf seine Gnade und seinen Frieden hin ansprecht.

Im Zeugnis des Täufers Johannes (Joh 1, 20-34) öffnet sich gleichsam der Himmel, um die Balance mit der Erde wiederherzustellen. Der mit Gottes Geist erfüllte Jesus verleiht der Schöpfung eine Stimme, die um Gottes Erbarmen bittet. Die Ökologie des Geistes Gottes macht sensibel für die Leiden, die der Schöpfung zugefügt wurden und die andauern. Im unabschließbaren Gespräch mit Gott werden auch Neuanfänge mit der Schöpfung möglich – so wie dies in der Taufe bei den Einzelnen der Fall ist –, die vom Geist der Rücksicht und des Erbarmens mit Natur und Mitmensch geleitet werden.

Werner Schneider-Quindeau, Frankfurt am Main

 

Anmerkungen

(1) Martin Buber, Das dialogische Prinzip, Heidelberg 1984, S. 15

(2) M. Buber, a.a.O., S. 293

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