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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

4. Adventssonntag (19. Dez. 2010)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Lk 1, 26-33 (34-37) 38

Jes 7, 10-14

Röm 1, 1-7

Mt 1, 18-24

 

Der Autor geht mit den 4 Predigtperikopen des letzten Adventssonntages nach Nazareth. Sie hatten dort vor 2000 Jahren etwas zu sagen und sprechen auch heute. Von sozialem Unfrieden und mangelnder Nachhaltigkeit. Die Spur zum Kind könnte heißen: die Erwartung wach halten, dem Frieden nachjagen, das frohe Miteinander feiern.

 

Weihnachtsplüsch und gute Gaben

Die alten Lieder klingen in den Ohren, manchmal dröhnen sie auch. Weihnachtsmänner aus Schokolade, Plüsch oder Plastik sieht man an allen Ecken. Bunte Lichter, schöne Krippen, schriller Konsum. Heilig Abend naht! In Deutschland wie in Nazareth. Was in der Heimat alle Jahre wieder ähnlich klingt und schmeckt, bekommt in der Fremde ganz neue Facetten: Verschleierte Mädchen betrachten kichernd das aktuell angesagte Spielzeug Made in China. Arabischer Pop unterbricht den Gesang zur Stillen Nacht. Und wer am 4. Advent vom Gottesdienst heimgeht, trifft auf lärmende Kinder, die gerade aus der Schule kommen. Die Erwartungen sind groß. Hier wie da. Auf Frieden und gute Gaben. Auf frohes Miteinander und erfülltes Leben.

 

Bauch und Erwartungen wachsen

Die Texte des Sonntags künden von der Erwartung auf das Kind. Manche warten schon lange und schreien aus tiefer Not. Andere haben nichts mitbekommen oder wollen davon auch nichts wissen. Doch mit uns ist Gott („Immanu-el“), das Kind kommt (Jes 7). Auf jeden Fall und für alle. Einer Frau aus Nazareth ist ein Engel erschienen. Der „Begnadeten“ wird ein Sohn geschenkt – „der König über das Haus Jakob“ (Lk 1).

Das haben wir schon oft gehört und es bleibt doch fantastisch. Dabei es geht auch nicht nach dem üblichen Lauf der Dinge zu. Denn der Mann an Marias Seite soll Vater sein, ohne etwas dafür getan zu haben. Das ist nicht nur ihm suspekt. Er denkt an Flucht. Und träumt vom Bleiben (Mt 1).

Am 19. Dezember ist der Bauch der werdenden Mutter schon sehr stark gewölbt. Vielleicht tanzt das Kind manchmal wie damals auf dem Weg zu Elisabeth („Maria durch ein Dornwald ging...“). Von Außen sind schon seine Bewegungen zu bestaunen. Seine Zeit auf Erden ist nicht mehr fern. Mit ihm soll der „Friede von Gott“ anbrechen (Röm 1). Eine nachhaltige Gnadenzeit. Ein Traum, der sich für manche erfüllt hat. Ein Friede, den die Menschen in Nazareth und anderswo heute noch herbeiflehen.

 

Was in Nazareth passiert...

Die Predigt am 4. Advent kann die Gemeinde mit auf den Weg nach Nazareth nehmen (für eigene Bilder im Kopf: www.wikivoyage.org/de/Nazareth): Maria zur Quelle begleiten und einem Engel begegnen. Über den Bauch staunen – mit und ohne leiblichen Vater ein Wunder des Lebens. Durchs bunte Markttreiben schlendern und die Geschichten von damals und heute hören.

Wie Josef den eigenen Träumen trauen. Auch, wenn sie so fantastisch klingen wie: „Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht,...“ (Mt 1, 20) Oder: „Friede in Israel und Palästina ist möglich.“ Auch, wenn es großen Mut erfordert, diesen Träumen im Wachen zu folgen. Auch, wenn es den Geist Gottes braucht, um sie Wirklichkeit werden zu lassen.

Gemeinsam mit Jesaja überlegen, wer worauf wartet und was er oder sie nicht (mehr) erwartet. Der Unverheirateten wird die Verheißung des Propheten zunächst wohl wenig genützt haben, gegen Blicke, Gerede und die Angst vor der Zukunft. Was könnte heute einer alleinerziehenden Mutter aus der Nachbarschaft nützen?

Sich vom Römerbrief erinnern lassen, dass unser Tun und Lassen nicht in den aktuellen Sachzwängen, sondern im Kind, das da kommt, gründet. Nicht im Vorweihnachtsstress und nicht im Gelingen des Festes. Nicht im perfekt gestalteten Gottesdienst und nicht im Masterplan für’s Gemeindewachstum. Gott kommt anders als gedacht – „Amen, ja komm, Herr Jesus!“ (Offenbarung 22, 20).

 

Nachhaltigkeit sieht anders aus

Wer in diesem Jahr in die Stadt in Israel fährt, kann leicht wahrnehmen, was Nachhaltigkeit und Frieden miteinander zu tun haben. Ein kleiner Mosaikstein im weltweiten Puzzle aus Krieg und Anti-Nachhaltigkeit. Aus Umweltzerstörung und Flucht. Aus Ungerechtigkeit und Aufständen.

Nazareth wird hauptsächlich von israelischen Araberinnen und Arabern bewohnt. Sie haben die israelische Staatsbürgerschaft und de jure (fast) die gleichen Rechte wie ihre jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Aus ihrem Alltag erzählen aber viele von latenter und offener Diskriminierung. Das fängt bei gesetzlichen Regeln für das Kindergeld an und endet bei Rassismus auf der Straße. Im Rahmen der so genannten Al-Aksa-Intifada vor knapp 10 Jahren kam es dann erstmals zu großen und massiven palästinensischen Protesten nicht nur in den besetzten Gebieten, sondern auch im israelischen Kernland. Zur Solidarität mit den Schwestern und Brüdern jenseits der Grünen Grenze kam es vor allem wegen der tagtäglich erlebten Frustration und Ungerechtigkeit. Die Gewalt eskalierte. Bei Einsätzen der israelischen Polizei gab es Tote. Auch ohne Schüsse und brennende Reifen zu erleben, kann man an Laternen und Mauern lesen, wie es hier um soziale Nachhaltigkeit und Frieden bestellt ist: „Tod den Juden“ oder „Araber raus“.

Der Streit im Nahen Osten ist auch ein Streit um Wasser. In den Kriegen und Friedensverhandlungen war der Zugang zum Lebensquell ein Topthema. Wer ein paar Kilometer von Nazareth nach Süden in die besetzten Gebiete fährt, bekommt es vor Augen geführt. In den palästinensischen Dörfern gibt es selten Wasseranschlüsse. Die Menschen sammeln Regenwasser in Zisternen oder kaufen es teuer vom Tankwagen oder in Plastikflaschen. Die Landwirtschaft wird dadurch stark behindert. In den jüdischen Siedlungen dagegen Wasser im Überfluss. Mitten in der kargen Landschaft wächst dort in den Gärten dank reichlich Wässerung dichtes Gras. Die Swimmingpools sind gefüllt. Verschwendung ist recht und billig. Jordan und See Genezareth trocknen derweil wegen der kräftigen Wasserentnahme in vielen Sommern gefährlich aus und standen mehr als einmal kurz vor dem ökologischen Umkippen. Nachhaltiger Umgang mit Wasser für alle könnte Konflikte mindern und zukünftige Kriege vermeiden helfen.

Nazareth im Advent 2010 führt fast zwangsläufig zur Frage nach nachhaltigem Frieden. Wer die soziale und politische Dimension vertiefen möchte, kann sich zum Beispiel in den Romanen von Sayed Kashua oder unter www.btselem.org umschauen. Zur Wasserproblematik gibt es mehr Hintergründe in der Zeitschrift israel & palästina 3/2007 [www.diak.org/aktuell/i+p/inhalt-3-07.html].

Natürlich könnten auch andere Geschichten, die gut zur Gemeinde passen, das Beziehungsgeflecht (ökologische, soziale, ...) Nachhaltigkeit und (Un-) Friede spannungsreich mit den Bibelworten in Szene setzen – sei es von der Erdölförderung im ecuadorianischen Regenwald oder noch besser: aus der eigenen Stadt.

 

Fällt Weihnachten aus?

Viele dieser Geschichten haben (noch) kein gutes Ende gefunden. Das passt zum 4.Advent. Die Erwartungen sind groß – doch was wird davon in Erfüllung gehen? Manchmal sieht es so aus, als ob Weihnachten ausfällt. Keine Spur von Frohem Fest in den Krisenherden der Welt. Das Halleluja kann einem in der Kehle stecken bleiben, wenn man sieht, hört, liest, wie wenig ökologisch nachhaltig wir nach wie vor mit der Schöpfung umgehen.

Trotzdem ist die Erwartung groß. Das es anders wird. Das es besser wird. Und es ist gut, wenn ein Gottesdienst diese Ahnung nährt! Manchmal kann man konkret etwas dafür tun. Andermal bleibt nur noch, davon zu träumen. Darauf zu hoffen. Dafür zu beten. Viel ist schon gewonnen, wenn der Hunger auf Veränderung nicht weggefressen wird. Wenn die Erwartung brennt, wie am 4. Advent. „An Aschermittwoch ist alles vorbei“ singen die Jecken. An Weihnachten nicht. Auch wenn große Freude in die Herzen einzieht, die Glückseligkeit ist begrenzt. Zeitlich und lokal. In vielen Situationen fällt das Fest aus. Die Verheißung aber bleibt: das Kind wird Heil und Rettung bringen (Mt 1, 21: „sosei“). Damals wie heute. In Nazareth und bei uns.

Denn der Glaube an Jesus Christus,
Das ist auch der Zweifel an den sogenannten
Wirklichkeiten die uns täglich verkauft werden,
Um die Wahrheit und das Elend weltweit zu verschleiern.

Der Glaube ist auch Widerstand und noch immer
Utopie und Zukunft durch Jesus Christus, einzig und allein
Durch Jesus Christus das Kind
Das wir heute an die Hand nehmen
Und das uns morgen in die Arme nehmen wird.
(Hanns Dieter Hüsch: Weihnachtswunsch)

Johannes Merkel, Dreieich

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