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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Christfest II / Fest der Heiligen Familie / Hl. Stephanus (26. Dez. 2010)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Christfest II: Joh 8, 12-16

St. Stephan: Mt 23, 34-37

Sir 3, 2-6.12-14 (3-7.14-17a)

Apg 6, 8-10; 7, 54-60

Kol 3, 12-21

Mt 2, 13-15.19-23

Mt 10, 17-22

 

Hinweis des Verfassers: Für den 26.12. sind zwei Formulare vorgesehen: einmal die Texte für den zweiten Feiertag, gebräuchlicher ist jedoch die Verwendung der Texte zum Fest des Hl. Stephanus, eben die oben genannten. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Verteilungsgerechtigkeit wird mit radikalen Mitteln im Keim erstickt; sich weiter unerschrocken für die von Gott gewollte Ordnung einsetzen – es ist ernst gemeint mit den für die Welt anstehenden Veränderungen

 

Ausgerechnet am Festtag des heiligen Stephanus zum Thema „Nachhaltigkeit“ zu predigen ist ja eher eine abstruse Idee. Ausgerechnet der Stephanus, von dessen Scheitern wir eben in der Apostelgeschichte gehört haben, soll uns anregen, über die verschiedenen Aspekte eines so zukunftsorientierten Systems nachzudenken? Auf den ersten Blick ja wohl kaum.

Doch im Grunde hat die Geschichte mit Stephanus doch sehr positiv begonnen: Nachdem bei den Aposteln Klagen über die ungerechte Verteilung bei der täglichen Versorgung der Menschen eingegangen sind, so können wir in den Versen vor der heute gehörten Stelle lesen, haben diese sehr modern reagiert – schon ganz in der Richtung des Sinnes, wie er viele Jahrhunderte später in der Agenda 21 der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung im Juni 1992 in Rio de Janeiro angelegt sein wird: Bekämpfung der Armut, Partizipation wenn nicht aller, so doch möglichst vieler an der Gemeinschaft, Ausgleich sozialer Kräfte, ausgeglichene Verteilung der Resourcen, Verzicht auf Ausbeutung sowohl der Menschen, als auch der Umwelt.

Natürlich bedeutete ein solches Denken auch ein Abweichen von eingefahrenen Wegen und eine Neuorientierung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Eine privilegierte Schicht, die noch dazu die bestehenden Verhältnisse als religiös legitimiert betrachtet, kann dann nun mal schlecht wegsehen, wenn das Handeln der Abweichler sogar noch von Gott gesegnet erscheint; Ich darf hier die Stelle aus der Apg. zitieren:

Stephanus aber, voll Gnade und Kraft, tat Wunder und große Zeichen unter dem Volk.

Die Eskalation der Ereignisse haben wir vorhin gehört: Aus anfänglichem Streit und Empörung erwächst Vertreibung aus der Gemeinschaft und letzlich ein Tötungsdelikt. Und – wie wir es als rechtstaatlich geprägte Menschen erwarten würden – keine Instanz steht zur Verfügung, um hier dem Handeln des Stephanus, seinem Wort und seinen Werken Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ganz im Gegenteil – der Vertreter der Obrigkeit – ein junger Mann Namens Saulus (als Kundige wissen wir natürlich sofort, wer das ist) – steht, die Tat billigend, dabei; ein Vers nach unserer heute gehörten Stelle wird sogar ausdrücklich vermerkt, dass er sogar einverstanden war und diese ganze Geschichte Auslöser einer schweren Verfolgung und Vertreibung im Großraum Jerusalem wurde.

Wie schon zu Beginn angedeutet: Stephanus ist wohl nur bedingt geeignet, um über Nachhaltigkeit zu predigen – schon eher darüber, wie Ansätze der Nachhaltigkeit schon zu Zeiten der Apostel rasch und mit mörderischer Gründlichkeit im Keim erstickt wurden.

Sie als erfahrene Kirchgänger vermuten schon, was nun vielleicht kommen wird. Ich als Prediger werde nun ein theologisches Zauberkästchen öffnen und den lieben Gott so geschickt wie möglich in’s Spiel bringen, um die ganze Geschichte doch noch zu einem guten Ende zu bringen.

Doch so sehr ich in den nachfolgenden Versen auch nachforsche, ich kann ihn nicht finden, den Gott, der einfach so auftaucht und uns zum erhofften „…und wenn sie nicht gestorben sind“ führt – sie sind gestorben – eines gewaltsamen Todes gestorben: in Kapitel 9 können wir lesen:

Saulus wütete immer noch mit Drohung und Mord gegen die Jünger des Herrn.

Was wir aber in den nachfolgenden Versen finden können ist die Geschichte eines unerschütterlichen Mutes. Eines Mutes, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen – aller Bedrängnis zum Trotz, aller Drohungen, aller Verfolgung, aller Morde zu Trotz. Die Verfolgten verkündeten die frohe Botschaft Gottes weiter, sie kümmerten sich weiterhin um die Ausgegrenzten, sozial Unterprivilegierten, gesundheitlich Ausgeschlossenen, um die Gemiedenen und Bettelnden. Fast – so scheint uns die weitere Erzählung nahe legen zu wollen – sogar noch entschiedener als vor der Katastrophe, der Steinigung des Stephanus, noch enthusiastischer, noch mehr davon begeistert, dass mit dem Reich Gottes eine neue Weltordnung entstehen kann, eine Weltordnung der Gerechtigkeit, in der alle Menschen als von Gott geliebte Brüder und Schwestern eine Gemeinschaft bilden.

Und genau hier ist unsere Nachhaltigkeit wieder zu finden.

Was die Apostel mit der Berufung des Stephanus zum Diakon begonnen haben endete eben nicht jäh vor den Toren der Stadt unter einem Haufen Steine. Der Tod des Stephanus war wie ein Weckruf für die junge Gemeinde, dass es ernst gemeint ist, wenn eine neue Ordnung entstehen soll; dass es ernst gemeint ist, wenn das Wort Gottes in Jesus Christus nicht nur ausgesprochen wurde, sondern mitten unter uns lebt. Das Zeugnis des Stephanus, des ersten, der für seinen Glauben an Jesus Christus als das fleischgewordene Wort Gottes erschlagen wurde, ist das Zeugnis einer unaufhaltbaren Bewegung auf das Reich Gottes zu. In seinem grenzenlosen Vertrauen auf Gott konnte er mitten im scheinbaren Scheitern dieses kommende Gottesreich schon sehen:

Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.

An dieser Stelle könnte man leicht der Versuchung erliegen, den heiligen Stephanus als „Martyrer der Nachhaltigkeit“ oder „Patron der Agenda 21“ zu erheben – ob wir dies jedoch wirklich brauchen, soll und kann hier nicht geklärt werden. Wir brauchen aber das Zeugnis dieses Mannes, der die Zukunft – auch mit seinem Tod – vorbereitet hat. Wir brauchen den Mut dieses Mannes, weiter zu machen, wo alles zu Ende erscheint. Und wir brauchen das Vertrauen dieses Mannes, dass es in Gott und mit Gott weitergeht, auch wenn wir nicht weiter handeln können.

Alexander Rudolf, Dreieich

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