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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

2. Sonntag nach dem Christfest / 2. Sonntag nach Weihnachten (2. Jan. 2011)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Joh 1, 43-51

Sir 24, 1-2.8-12 (1-4.12-16)

Eph 1, 3-6.15-18

Joh 1, 1-18
(wie Weihn. am Tag)

 

Der Autor legt das kath. Evangelium im Zusammenhang mit dem ev. Predigttext auf den Aspekt der Nachhaltigkeit der körperlichen und seelischen Ressourcen des Einzelnen sowie innerhalb der zwischenmenschlichen Beziehungen hin aus. Dabei scheint von den Perikopen her die von Jesus geforderte Authentizität und Spürbarkeit des christlichen Glaubens im Umgang mit uns selbst, mit anderen, aber auch mit der Schöpfung zentral. Als verbindendes Band der Texte versteht der Autor die Loslösung vom Wortprinzip hin zur in mehreren Motiven eingefangenen - bei aller bleibenden Fremdheit - Greifbarkeit Gottes, wie es die erste Lesung im Blick auf die Weisheitstradition sowie die zweite bezüglich einer universalen Heilsgeschichte unterstreicht.

 

Stellung im Kirchenjahr

Weihnachten ist verklungen, vielleicht durfte der Eine oder die Andere ein wenig von dem spüren, was Rose Ausländer so schön das „Pochen des Himmels in unseren Herzen“ nannte, Andere - oder, will man Umfragen Glauben schenken, die meisten Zeitgenossinnen und Zeitgenossen - sind womöglich froh, dass sie diese Zeit der hohen Erwartungen wieder „überstanden“ haben. Ein neues Jahr, neue Pläne, Wünsche und Vorsätze stehen an. Die heutigen Texte, insbesondere das heutige Evangelium, das so gewichtig scheint, dass es nach dem ersten Weihnachtstag erneut in der (kath.) Leseordnung auftaucht, bieten die Möglichkeit, nach den je eigenen Erfahrungen und Gefühlen der letzten Wochen in eine Art Selbstreflexion oder -besinnung einzustimmen.

Der Johannesprolog – hohe Theologie oder radikale Leiblichkeit Gottes (Joh 1, 1-18)

Das Evangelium des Johannes gibt sich allein deshalb anders als das der Synoptiker, weil es nicht den Blick auf das Leben des Jesus von Nazareth richtet, sondern dessen Botschaft in die philosophischen Strömungen der Zeit hinein stellen will. Schon der Prolog ist bestimmt von der Auseinandersetzung mit der Gnosis, einer Heilslehre im späten Judentum und im Hellenismus, die den einzig selig machenden Weg des Menschen darin sah, dass er vom fleischlichen Menschen zum geistigen wird: Während das biblische Judentum noch davon ausging, dass - im Bild gesprochen - Gott immer wieder an einzelnen Punkten - den Offenbarungserfahrungen - die Welt „berührt“ hat, trennte eine wesentliche Richtung der griechischen Philosophie, gegenüber der sich der neue christliche Glauben zu behaupten hatte, den göttlichen Bereich radikal vom weltlichen ab – so sehr, dass alles Weltliche zum „Abfall“ wurde. Erkennbar ist dieser Kontext an der Vielzahl der Dualismen, mit denen der Johannesprolog einsteigt: Licht gegen Finsternis, der Bereich Gottes gegen den der Welt, das Wort gegen das Fleisch. Die Gegensätze unterstreichen das hymnische Auf und Ab der Melodie des Textes, wie er an Weihnachten zu hören war. Denkbar wäre, mit Gegensatzpaaren in die Predigt einzusteigen, die gesellschaftlich alltäglich sind und die jede und jeder aus eigener Erfahrung ergänzen könnte, zum Beispiel: Wir sind die Guten - die da die Bösen; hier die Klugen - dort die Dummen, unsere Partei ist für die Benachteiligten da - die da für die Oberschicht; diese Schule ist eine Schule der Unterschichtkinder - auf die da gehen Kinder von Bildungsbürgern...

Exegetisch spannend ist nun, wie der Evangelist, dem es anders als die anderen Evangelisten nicht um das Wie der Menschwerdung geht, die gnostischen Dualismen aufbricht, indem er sie verbindet: „Und das Wort ist Fleisch geworden!“ Nicht Mensch - Fleisch ist dort (V 14) zu lesen - Sarx egeneto. In dieser Verbindung der Gegensätze besteht für ihn der christliche Glaube an einen „Menschen aus Fleisch und Blut“ (s.u.). Buchstäblich verrückt ist dieser Schluss und folgenschwer: Das Christentum glaubt, dass Gott - vor der gnostischen Folie - in diesen „Abfall“ des Weltlichen hinein gegangen ist, mehr noch, zum „Abfall“ geworden ist, in der „letzten“, „stinkenden“ Ecke eines Stalls. Radikaler geht es nicht, existentieller ist die Solidarisierung Gottes mit der Welt nicht zu denken und nicht zu glauben! Jugendliche formulierten dies in einem Workshop vor Weihnachten so:

Bevor alles war,
die Suche des Menschen nach Sinn,
die Flucht des Menschen vor sich selbst,
bevor alles war, vor allem Anfang,
war das göttliche Wort.
Durch dieses erst ist alles geworden,
alles Leben ist durch das göttliche Wort geworden,
heraus gerissen hat es die Menschen aus ihrer Dunkelheit,
aus der Angst, der Zerstreuung, der Unruhe, dem Unfrieden.
Hell hat es das Leben gemacht,
mitten in die Dunkelheit der Welt ist es eingebrochen.
Das göttliche Wort,
es wurde Mensch.
Gott wurde Mensch.
Gott nahm sie an, diese Welt,
und ihre Fragen, Rätsel, Abgründe.
Gott durchlebte sie selbst.
Gott wurde einer von uns –
Mensch aus Fleisch und Blut.
© Th. Hanstein

Während es am ersten Weihnachtstag natürlich angebracht ist, den Text auf die Bewegung von der Schöpfungstheologie („am Anfang war“) zur christologischen Inkarnationstheologie („das Wort wurde Fleisch“) hin auszulegen, bietet sich zu Beginn des neuen (bürgerlichen) Jahres z.B. als Schwerpunkt die Frage an, wie Menschen mit dem eigenen „Fleisch“, den Kräften und Ressourcen des Körpers und der Seele umgehen oder auch, ob sie diese Energien evangeliumsgemäß bei ihren Mitmenschen einfordern. Oder aber, im Hinblick auf die stets neu erschreckenden Zahlen von amnasty international bzw. die offenkundig gewordenen Missbrauchsfälle auch innerhalb der Kirche, welche Würde diesem, unserem - durch die Menschwerdung Gottes - „vergöttlichten Fleisch“ weltweit zukommt bzw. an welchen Kriterien dessen „Wert“ bestimmt wird. Denn so philosophisch, so „steil“ der Johannesprolog auch angelegt sein mag, er führt uns - mit diesem anthropologischen Ansatz und im Blick auf den Fleisch gewordenen Gott - zugleich die Grundspannung des menschlichen Daseins vor Augen: den Ausgleich zu bewältigen zwischen Geist und Leib, zwischen „Vor-Sätzen“, „Ver-Sprechen“, „Leit-Gedanken“, Idealen, und der je realisierbaren Wirklichkeit: in der Institution Kirche (Missbrauchsfälle innerhalb der Kirche), der Gemeinde, am Arbeitsplatz, der Gesellschaft, in Beziehungen und Familien, und in den eigenen Ansprüchen – an uns selbst sowie an die Mitmenschen. Welche nachhaltigen Auswirkungen zu hohe, zu „entweltlichte“, zu vergeistigte Ideale auf negative Weise zeitigen können, erleben wir in der schmerzhaften Flut bekannt werdender „Vorfälle“. Die Perikope kann zur Einladung werden, Ideale auf eine Nachhaltigkeit hin zu prüfen, die sich an gelungenem Leben messen lässt und dabei gerade nicht („neognostisch“) die eine gegen die andere Komponente ausspielt. Zielfrage: Wo begegnen uns Mechanismen, die nachhaltig Glaubwürdigkeit und Vertrauen zerstören und wie können wir auf diese hinweisen und ihnen zu Leibe rücken?

Begegnung mit Natanael – der Maskenlose ist Jesus sympathisch (Joh 1, 43-51)

Einem Petrus, der sich als so glaubensstark gesehen und ihm dann untreu geworden ist, hat Jesus seine Ekklesia anvertraut. Und viele andere biblische Beispiele belegen, dass Jesus kein Problem mit der menschlichen Schwachheit hatte – ganz im Gegenteil, nahm er sich im Zeugnis der Evangelien dieser in besonderer Weise an. Dennoch sieht er nicht über diese hinweg, nennt sie beim Namen! Ohne die „Falschheit“ der anderen direkt anzusprechen, begrüßt Jesus in der vorliegenden Perikope (V 47) Natanael als „echten“ Israeliten und begründet es damit, dass er ein „Mann ohne Falschheit“ sei. So könnte diese Szene die Vorlage für eine Predigt unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit bieten, der Nachhaltigkeit des Glaubens aufgrund unseres Glaubenshandelns:

Sehend deine Haltung, interessiert mich dein Ziel nicht“, lässt Bertolt Brecht seinen ‚Herrn K.‘ in der gleichnamiger Erzählung dem Christ erwidern, der mit Ausflüchten versucht, den Inhalt über seine Erscheinung zu stellen. „Es hat keinen Inhalt“, resümiert Keuner scharf, da keinerlei Kongruenz zwischen Erscheinung und Inhalt, zwischen Wort und Tat bestehe. Als Vorlage mag Nietzsches „Bon“-Mot gestanden haben: „Ich würde ihnen ja glauben, wenn sie doch nur erlöster drein schauten.“ Es scheint offenkundig, dass wir als Christen nicht (nur) an unseren Worten beurteilt werden, sondern daran, ob wir die Verstellungsspielchen einer auf Äußerlichkeit und Oberflächlichkeit gerichteten Gesellschaft mitzuspielen bereit sind, oder ob an unserem Umgang mit Mitmenschen, unserem Zugreifen auf die Güter der Schöpfung, dem Umgang mit dem eigenen Körper eine gesunde, „echte“ inneren Distanz zu Mustern und Logiken dieser Welt besteht, die sich aus einer innerlich erspürbaren Glaubensalternative heraus speist. Auffallend scheint hier der Begriff „Echtheit“, der sich nicht zufällig in gesprächstheoretischen Ansätzen wie dem personenzentrierten nach C. Rogers als „Wahrhaftigkeit“ wiederfindet. Neben der Grundhaltung der „wertschätzenden Anteilnahme“ und des „einfühlenden Verstehens“ ist die der „Wahrhaftigkeit“ oder der „Echtheit“ genau die Haltung, die sich als Umgangsstil Jesu ausmachen lässt. Nur mit diesen Grundhaltungen scheinen Christen nachhaltig glaubwürdige Boten (und Prediger) des Reiches Gottes in einer Gesellschaft sein zu können, die aus berechtigten Gründen sehr genau schaut, wofür sich kirchliche Vertreter engagieren oder (mehr noch) wofür nicht. Zielsatz: (Wann) Sind wir an unseren Haltungen und Handlungen als Christen erkennbar, (wann) sind sie „echt“?

Sophia – die Weisheit schlägt Wurzeln (Sir 24, 1-12)

Dass die frühjüdische Weisheitsliteratur - die neben den Büchern Hiob und Kohelet im Rahmen der so genannten apokryphen Schriften in der Weisheit Salomons und eben hier, in Jesus Sirach, Eingang in den biblischen Kanon fand - den Evangelien- und Predigttext des Johannesevangeliums deutlich beeinflusst hat, ist an dem ersten Lesungstext nachzuempfinden. Er hat als alttestamentlicher Text den Johanneshymnus inhaltlich und strukturell präformiert: Wie im Prolog des Johannes und auch im ersten Schöpfungsbericht wird eingangs der „Mund des Höchsten“ betont, aus dem sich alles Sein und Werden verdankt. Wie im oben herausgearbeiteten Höhepunkt der Selbstoffenbarung „im Fleisch“ des Johannesprologs erfolgt (ab V 8) eine nach unten gerichtete Bewegung der Weisheit, die ihr Finale im „Wurzel schlagen in einem gepriesenen Volke“ (V 12) findet. Wie neutestamentlich im Kinde Jesus der Gott der Väter „ankommt“ in der Welt, so sucht sich die Weisheit einen auserwählten Platz, bleibend „im Anteil des Herrn“. Es ließe sich - wollte man in einer Predigt dieser Spur folgen - eine Bewegung der Weisheit vom präexistenten „Sitz“ beim Schöpfergott (Sprüche) zur Identifikation der Weisheit mit Gesetzen der Schöpfung (Hiob) zur „weltlichen Verortung“ der Weisheit in der Welt („auf dem Zion fest eingesetzt“, V 10) skizzieren. Was im Johannesprolog als Auftakt für dieses andere Evangelium eine christologische Umdeutung erfuhr - gleichsam als irdischer Repräsentant, was in der Bezeichnung „Erstgeborener der Schöpfung“ eingefangen ist - , ist in dieser apokryphen Version der Weisheitsliteratur der tradierte Glauben der Väter an eine Gott gegebene Fähigkeit des Menschen zur Einsicht in die Zusammenhänge des Lebens sowie in das ethisch Gute – in der Tradition gesprochen die „Unterscheidung der Geister“, modern formuliert „Vernunft“ und „Handlungskompetenz“. Zielsatz: Welche Bedeutung hat dieses Angekommensein der Weisheit bei uns?

Ein Gott für alle – Heil(ig)ung der Welt (Eph 3, 2-6)

Der deuteropaulinische Epheserbrief expliziert die kosmische Herrschaft der in Jesus Christus Mensch gewordenen Weisheit für ein multikulturelles Publikum. Im Zentrum der zweiten Lesung steht mit dem Rückgriff auf den Apostel die heilsgeschichtliche Relevanz des so genannten „Heidenapostolates“ des Paulus. Dieser wird als Träger der göttlichen Offenbarung gezeichnet, die sowohl Juden wie „Heiden“ gelte. Ungeachtet des lokalen Gepräges mag diese Perikope an die Situation den Paulus in Athen (in Apg 17) erinnern: Auch er setzt schöpfungstheologisch an und führt seine Hörerinnen und Hörer über das Verbindende zur Aussage: Gott ist für ihn bereits „da“, in einer jeden und einem jeden. Welche Konsequenz hätte dieser Ansatz für die Nachhaltigkeit auf der Ebene unserer interkonfessionellen und interreligiösen Begegnungen? Zielsatz: Verändert es unser Sendungsbewusstsein und die Einstellung zum Gegenüber, wenn wir Ihn bereits voraussetzten dürfen, Ihn nicht „bringen“ müssen?

Dr. Thomas Hanstein, Tübingen

 

Literatur

Brecht, B., Geschichten vom Herrn Keuner. Züricher Fassung, Frankfurt/M. 2004.

Preuß, H.D., Einführung in die alttestamentliche Weisheitsliteratur, Stuttgart 1987.

Theobald, M., Im Anfang war das Wort. Textlinguistische Studie zum Johannesprolog, Stuttgart 1983.

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