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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Adventssonntag (5. Dez. 2010)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Mt 24, 1-14

Jes 11, 1-10

Röm 15, 4-9

Mt 3, 1-12

 

Die Autorin betrachtet alle Predigtperikopen des Tages. Stichworte zur Nachhaltigkeit: die Liebe erhalten und für die alltägliche Weltgestaltung wiederentdecken (Mt 24); die Sicherheiten aufgeben als Voraussetzung für gelebte Gerechtigkeit – wie Gott in Jesu Geburt (Mt 3); Weiterentwicklung von Visionen zum Frieden mit der gesamten Schöpfung (Jes 11); aus sich herausgehen (auch: Denkmuster), einander annehmen (Röm 15)

 

Visionen von Liebe und Gerechtigkeit

Mt 24, 1-14

Nicht von Advents- und Weihnachtszeit ist in Mt 24die Rede, sondern von der Endzeit. Nicht die Geburt Jesu wird erwartet, sondern das Kommen des Menschensohns und das letzte Gericht. In dem apokalyptischen Text wird allerlei Böses als Vorzeichen der Endzeit vorausgesagt: Kriege, Ungerechtigkeit, Hungersnöte, Erdbeben, Verfolgung, Verrat, falsche Propheten, Verführung zum Glaubensabfall, Erkalten der Liebe. – Wer all dies übersteht und durchsteht, sagt der Text, der wird am Ende selig. Der Menschensohn wird erscheinen und seine Erwählten heim führen.

Diesen Text kann man m. E. nur in seinem historischen und religionsgeschichtlichen Kontext der spätjüdischen Apokalyptik interpretieren und verständlich machen. Matthäus knüpft hier an eine Weissagung des Buches Daniel an. Ich will ihn mir so nicht aneignen; ich halte ihn aus heutiger Sicht für bedenklich und gefährlich. Unkritisch und undistanziert übernommen – den Graben zweier Jahrtausende und unterschiedlicher Kulturen missachtend - öffnet er christlichem Fundamentalismus und frommer Weltflucht Tür und Tor. Viel muss erklärt, viel muss erläutert werden. Ich frage mich, ob dies ein geeigneter Text für eine Sonntagspredigt in der emotional so aufgeladenen Adventszeit ist. Jesus selbst hat gewiss (wie auch Johannes der Täufer) ein letztes Gericht erwartet, dabei jedoch vermehrt Gewicht darauf gelegt, dass Gottes Reich schon jetzt in das Leben der Menschen einbricht und wohl kaum von seinem eigenen endzeitlichen Kommen geredet. Was können wir adaptieren, und was können wir herausschälen aus der historischen Schale?

Glaube erweist sich nicht im reinen Fürwahrhalten von Prophezeihungen, sondern in der praktischen Liebe. Die Irrlehre, der es die Stirn zu bieten gilt, ist eine Lebenshaltung, der keine Liebe ausströmt. Die Versuchung, der es zu widerstehen gilt, ist die Versuchung, in der Liebe zu erkalten. Diese Liebe ist universal und unbegrenzt. Erlebte und erfahrene Ungerechtigkeit darf die Liebe in uns nicht zerstören. Dies ist unsere Aufgabe. Menschliche Grausamkeit können wir jedoch heute nicht mehr als Schicksal oder göttlichen Willen einfach hinnehmen. Wir haben die Freiheit, uns dem Unrecht entgegenzustellen. Die Motivation, zu lieben, ist nicht meine eigene Seligkeit, sondern der Wunsch, als Werkzeug der Liebe Gottes mit zu helfen, die Welt ein wenig heiler zu machen. Katastrophen sollen uns nicht mental erschlagen oder abstumpfen. Sie sollen unsere Liebe zu allen Lebewesen nicht erkalten lassen, sondern anfeuern.

Während ich dies schreibe, läuft weiter Öl in den Golf von Mexiko, werden Schlachttiere unter unmenschlichen Bedingungen durch ganz Europa transportiert, werden Lebensräume zerstört und Tierarten ausgerottet, bringen sich Menschen in Kriegen und Bürgerkriegen gegenseitig um. Manchmal fällt es schwer, hinzusehen und diesen schrecklichen Wahrheiten ins Auge zu sehen –  von Menschen gemachte schreckliche Tatsachen, keine göttlichen Strafen oder Prüfungen. Es gibt jedoch keine Flucht aus der Liebe – keine Flucht in Endzeitfantasien, keine Flucht in vorweihnachtliche Märchenwelten, keine Flucht in künstliche Cyberwelten, keine Flucht ins Private, in die abgeschottete, behütete Kleinfamilie.

Die Adventskerzen mögen uns daran erinnern, dass wir das Feuer der Liebe hüten müssen, damit es nicht erkaltet. Die Hitze muss von innen kommen, damit äußere Einflüsse es nicht zerstören können. „Wachst in eure Ideale hinein, damit das Leben sie euch nicht nehmen kann.“ hat Albert Schweitzer geschrieben. Es geht nicht darum, die Realität zu überstehen, sondern die Realität aus unserer inneren Einstellung heraus zu gestalten.

 

Mt 3, 1-12

Johannes der Täufer fordert – nach Matthäus – genau dies (s. letzter Satz im vorangegangenen Abschnitt). In seiner Predigt ruft er – wieder vor dem Hintergrund des nahen Gottesreiches - zur sittlichen Umkehr auf. In dem Text ist nicht von Sündenvergebung, sondern von Sündenbekenntnis die Rede. Johannes verweist auf den, der nach ihm kommt und mit „heiligem Geist und mit Feuer“ (Lutherübersetzung) taufen wird. „Geist“ kann auch mit „Sturm“ übersetzt werden. Diese kommende „Taufe“ ist wohl ein Bild für das Endgericht.

Adressaten der Bußpredigt sind insbesondere die Frommen. Sie sollen aus all ihren vermeintlichen Sicherheiten – auch den religiösen – aufgeschreckt werden. Nicht die Zugehörigkeit zum Volk Gottes, nicht die Einhaltung religiöser Gesetze, Riten, Bräuche und Vorschriften rettet vor dem Zorn Gottes, sondern nur die „Frucht“ einer inneren Grundhaltung, gelebte Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Liebe, die von Herzen kommt. Gott bleibt unfassbar und unverfügbar. Gott lässt sich nicht binden – nicht an heilige Orte, nicht an heilige Riten, nicht an heilige Institutionen. Der Text fordert den Leser auf, seine eigenen Sicherheiten aufzugeben und sich auf das Meer der praktischen Liebe und gelebten Gerechtigkeit hinaus zu wagen.

Wir suchen unser Heil in vielen Sicherheiten und Sicherungen:

a) religiöse: der liebe Herr Jesus, der uns alles abnimmt, der liebe Gott, der alles versteht und verzeiht, Beichte und Abendmahl, Taufe (vorsichtshalber, man kann ja nie wissen) und etliches mehr.

b) säkulare: in einer sicheren Energieversorgung, in scheinbar sicheren Geldanlagen, in Versicherungen gegen alle Lebensrisiken, in der Sicherheit, als Mensch wertvoller zu sein als alle anderen Lebewesen.

Wo Menschen solche Sicherheiten aufgeben, wächst Gerechtigkeit für die ganze Schöpfung. Gott braucht beispielsweise

  • Menschen, die für billiges Öl und billigen Strom nicht die Welt aufs Spiel setzen,

  • Menschen, die ihr gutes Geld nicht aus Gier oder Unwissenheit für böse Taten zur Verfügung stellen,

  • Menschen, die andere Lebewesen nicht abwerten müssen, um sich selbst wertvoll zu fühlen,

  •  Menschen, die ihre Religion / Konfession nicht als die einzig legitime himmlische Versicherungsgesellschaft betrachten.

Auch dieser Text mutet zunächst nicht sehr weihnachtlich an. Der Bezug zur christlichen Weihnachtsbotschaft kann jedoch folgender sein: Gott verlässt in der Geburt Jesu seine sichere Position und liefert sich seiner Welt und seinen Menschen aus. Er wartet darauf, dass wir es ihm gleich tun.

 

Jes 11, 1-10

Jesaja schreibt vom Ende der davidischen Königsdynastie. Der Baum wird abgehauen, aber aus dem Stumpf Isais (nicht Davids) wächst – so seine Zukunftsvision – ein neuer, ein gerechter Herrscher. Die direkte Identifizierung dieses Herrschers mit Jesus wird dem Text weder historisch noch sachlich gerecht. Der versprochene Herrscher ist gerecht, aber nicht gewaltfrei. Er straft und tötet. Auch der so genannte Tierfrieden, der Bestandteil der Vision ist, verspricht nicht Frieden für die Tiere, sondern Sicherheit des Menschen und seines Viehs vor den als gefährlich und bedrohlich empfundenen Wildtieren. Wölfe, Löwen, Bären und Schlangen stellen als gezähmte Vegetarier keine Gefahr mehr dar. Das Vieh wird nach wie vor gemästet und geschlachtet. Wir finden in diesem Text keine Überwindung anthropozentrischer Weltsicht. Es geht um Gerechtigkeit, um eine gerechtere Herrschaft, aber eben nach wie vor um Herrschaft über Menschen und Natur, um Verurteilungen und tödliche Strafen.

Im Kontext seiner Zeit und Kultur war die Vision des Jesaja eine gewaltige.

Für uns heute kann es nicht nur darum gehen, diese Vision immer wieder zu wiederholen. Es muss darum gehen, sie weiterzuentwickeln – im Licht des Neuen Testaments, aber auch im Licht unserer heutigen Lebenswelt:

Friede kann werden, wo wir Anderen ohne Angst auf Augenhöhe begegnen und Respekt entgegenbringen: anderen Menschen, anderen Völkern, anderen Lebewesen.

Friede kann werden, wo wir einander nicht beherrschen, sondern dienen und helfen.

Friede kann werden, wo er nicht die einen vor den anderen schützt sondern alle einschließt – Mensch und Natur.

Friede kann werden, wo Anderssein, Verschiedensein, Fremdsein – bei Mensch und Tier akzeptiert wird , wo der Löwe als Löwe und der Wolf als Wolf akzeptiert wird.

Friede erreichen wir nicht durch Aussperren, nicht durch Verbiegen, nicht durch Zerbrechen, nicht durch Bezwingen – nicht bei Menschen, nicht bei Völkern, nicht bei Tieren, nicht in der Natur.

Friede muss das Fremde als fremd akzeptieren. Integration heißt nicht Unterwerfung Schwächerer unter Stärkere, nicht Unterwerfung, Ausgrenzung oder Vereinnahmung einer Minderheit durch die Mehrheit, nicht Unterwerfung Machtloser durch Mächtige.

Einige Beispiele:

  • Die zaghaften Versuche, große Jäger wie Wölfe und Bären in Deutschland wieder heimisch zu machen, stoßen regelmäßig auf irrationale Ängste, Hysterie und Hass.

  • In einer von Männern dominierten Welt sieht Frauenemanzipation oft so aus, dass die Frauen sich den männlichen Erwartungen und Bedürfnissen – z.B. in der Arbeitswelt – anpassen sollen. Dabei müssten sich Arbeitswelt und Gesamtgesellschaft für alle verändern.

  • Religiöse Verschiedenheit ist einfacher geworden, aber immer noch nicht selbstverständlich. Ich lebe und arbeite in der Diaspora, als evangelische Pfarrerin in einem katholisch geprägten Landstrich; und ich erlebe hier Beides: offenes, freundliches Aufeinanderzugehen, Miteinander, Gastfreundschaft, aber auch das Andere: Ausgrenzung und Vereinnahmung durch die Mehrheit

  • Unserer multi-ethnischen, kunterbunten Fußballnationalmannschaft jubelt Deutschland zu, und auch die Welt ist begeistert. Bis zur Chancengleichheit für Migrantenkinder, die weniger gut Fußball spielen, ist jedoch noch ein weiter Weg zu gehen.

  • Europa wächst zusammen, aber in der Finanzkrise hört für viele der Spaß auf und alte Ressentiments kommen wieder hoch (sogar innerhalb von  Staaten). Das Gespenst des Nationalismus ist noch nicht völlig vertrieben. Hier dürfen wir nicht nachlässig werden.

 

Röm 15, 4-9

Paulus zitiert Jesaja. Seine Quintessenz: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat. Er selbst bezieht dies auf die gemischte Gemeinde aus Judenchristen und Heidenchristen. Unsere Aufgabe ist es, den Blick zu weiten, den Adressatenkreis zu erweitern, diese Aufforderung weiterzuentwickeln. Unsere Aufgabe ist es, aus uns herauszugehen – aus unseren gewohnten Kreisen und Denkmustern, damit Friede und Gerechtigkeit aus uns herauswachsen können.

Heike Krebs, Gersheim

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