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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

1. Adventsonntag (28. Nov. 2010)

 

ev. Reihe III kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
Jer 23, 5-8 Jes 2, 1-5 Röm 13, 11-14a Mt 24, 37-44 od.
Mt 24, 29-44

 

Der Verfasser betrachtet die ev. Predigtperikope der Reihe III. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Weg der Gerechtigkeit, Aufbruch in das Reich Gottes mitten unter uns, dem entgültigen Reich der Gerechtigkeit und des Friedens gestaltend entgegengehen

 

Im Hinblick auf die kath. Predigt verweist der Verfasser auf Band III „nachhaltig predigen“, in dem die Bibelstelle zur 1. Lesung unter dem Aspekt „De-Eskalation statt Waffen und Gewalt“ betrachtet wurde. Außerdem verweist er auf den Themenbeitrag in der Einleitung.

 

 

 

Einordnung

 

Jeremia wirkte 627 bis 587 v. Chr. in Jerusalem. Der Prophet spricht zu Israel in einer schwierigen, trostlosen Zeit. Jerusalem und das Südreich befinden unter dem wachsenden Einfluss Babylons. 598 v. Chr. beginnt schließlich das babylonische Exil mit der Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar II. Wie damals üblich, wurde ein Großteil der Bevölkerung, vor allem die Oberschicht, nach Babylon verschleppt und dort angesiedelt.

 

Kap. 23 enthält eine thematisch geordnete Sammlung von Einzelsprüchen. Die scharfen Worte Jeremias, den drohenden Untergang im Blick, richten sich an die letzten Könige des Südreichs und an eine ihrer Verantwortung nicht nachkommende Führungsschicht („Hirten“). Ausbeutung ist an der Tagesordnung. Von guter Regierungsführung („good governance“) konnte schon lange keine Rede mehr sein. Gleichzeitig jedoch öffnen die Worte des Propheten Zukunft. Jeremia bereitet das Volk auf die Ankunft (adventus) eines gerechten Königs vor, der „Recht und Gerechtigkeit“ üben wird. Schon die frühe Christenheit hat diese messianische Verheißung des Jeremia1 als Ankündigung des Kommens Christi verstanden.

So ist es nicht verwunderlich, dass Jer 23, 5-8 als Predigttext des 1. Sonntags im Advent ausgewählt wurde. Advent (von lat.: adventus „Ankunft“), der Beginn eines neuen Kirchenjahrs, ist die Zeit, in der sich die Christenheit auf das Fest der Geburt Christ, d.h. die Ankunft des Herrn vorbereitet. Zugleich erinnert der Advent daran, dass Christen wachsam sein und das zweite Kommen des Herrn erwarten sollen: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, daß ich dem David ein gerechtes Gewächs erwecken will, und soll ein König sein, der wohl regieren wird und Recht und Gerechtigkeit auf Erden anrichten.“(Jer 23, 5)

 

Predigtsplitter

1. „Ein König aller Königreich – Heiland aller Welt zugleich“2

In trostlosester Situation verkündet Jeremia: „Gott wird einen König einsetzen, der Recht und Gerechtigkeit auf Erden aufrichten wird. Sein Wirken wird so nachhaltig sein, dass man ihn ‚der Herr ist unsere Gerechtigkeit’ nennen wird.“ Die Verheißung des Jeremia konnte kaum krasser ausfallen. In allem erlittenen Unrecht, in aller Knechtschaft, Erniedrigung und Zerstörung hält er daran fest: Recht und Gerechtigkeit sind nicht nur möglich, sie werden die Oberhand gewinnen! Nicht jenseits der Zeiten, nicht in irgendeinem himmlischen Hinterzimmer, sondern „handfest“ hier auf der Erde!

Jesus Christus ist so gar nicht dieser von Jeremia angekündigte starke König, der mit harter Hand die Welt neu ordnet, Recht und Gerechtigkeit herstellt: Zart, in einer Krippe geboren, reitet er auf einem Esel in Jerusalem ein. Sieht so ein mächtiger König aus? Er ist nicht der glänzende, starke Herrscher, für den man die Tore weit und die Türen der Welt hoch gemacht hätte. Christus ist auf eine ganz andere Weise mächtig. Er wurde gerade deshalb zum „Herrn der Herrlichkeit“, zum „König aller Königreich“3, weil er sich nicht auf die Seite der Mächtigen stellte. Weil Besitz und die Ausübung von weltlicher, politischer Gewalt für ihn nicht Ansatzpunkt war, um Gottes Gerechtigkeit zu ermöglichen. Christus wurde zum „Heiland aller Welt zugleich“, er wurde zu dem, der „Heil und Leben mit sich bringt“4, weil er den Armen, den Elenden, den Machtlosen, den nach Gerechtigkeit Hungernden die Liebe Gottes zuspricht. Er eröffnet Leben denen, deren Leben aussichtslos erscheint, den an den Rand Gedrängten. Er vertröstet nicht auf das Überirdische. Gerechtigkeit findet nicht irgendwann im Himmel statt, sondern sie beginnt bereits jetzt, unter uns.

 

2. „Advent – Erinnerungen an die Zukunft“

Vor 2000 Jahren trat ein Mensch an die Öffentlichkeit, der sagte: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium.“ Die Menschen, die diesem Jesus begegnen, sie spüren etwas, das sie – auf nie vorher gekannte Weise – seltsam berührt, sie erschüttern lässt, sie fasziniert, etwas, das ihr Leben umkrempelt: Die unmittelbare Nähe Gottes. Die Wunder, von denen später so zahlreich berichtet wird, drücken vor allem eines aus: Es ist die „wunder“-bare Erfahrung: Gott ist nah! Sie sind Signale des kommenden Reiches Gottes.

Ganz unköniglich stirbt Christus am Kreuz in tiefster Unfreiheit, in der tiefsten Knechtschaft des Todes. Aber das Ungeheuerliche geschieht: Radikal wenden sich die Verhältnisse. Gott bricht die Macht des Todes. Gott bricht für uns und mit uns auf: Aus aller Knechtschaft und Unfreiheit. Vermeintlich unveränderbare Sachzwänge, die Tod, Leiden, Ungerechtigkeit und Unfrieden zementieren, sie werden mit dem endgültigen Aufstand des Lebens, mit dem endgültigen Sieg des Lebens gegen den Tod ein für allemal in Frage gestellt. Dieser Aufbruch führt zum Reich Gottes, zum Reich der Gerechtigkeit und Freiheit, in dem letztlich alle Knechtschaften der Welt zerbrechen.

Und so steht für mich zwischen aller pseudoadventlicher Leuchtreklame, allen Kunsttannen und kunstbärtigen Weihnachtsmänner (vielleicht ein wenig trotzig) diese Erinnerung der Bibel an unsere Gegenwart und Zukunft: „Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“

Dieses Reich Gottes ist keine jenseitige Hinterwelt weder ein himmlisches Paradies noch nur ein Reich der Innerlichkeit. Es ist auch kein religiös überhöhtes Diesseits.

Das Reich Gottes ist zwar nicht von dieser Welt, aber es kommt in diese Welt. Es ereignet sich überall dort, wo – vielleicht ein wenig altmodisch ausgedrückt – die Liebe Gottes und die Liebe zum Nächsten ineinander laufen, wo Menschen sich anstecken lassen, für Recht und Gerechtigkeit einzustehen, wo Menschen nicht angesichts der menschengemachten Zerstörungen in unserer Welt resignieren, wo Menschen im Großen und im Kleinen sich nicht mit ihrer „Unverbesserlichkeit“ abfinden wollen. Wer sich auf diese Weise vom Kommen des Reiches Gottes in Gang setzen lässt schwärmt nicht für irgendeine Zukunft, irgendwie, irgendwo, irgendwann, der lässt sich auch nicht von hunderttausend Glühlämpchen blenden, sondern tut das, was an der Zeit ist, lässt sich berühren von dem Schicksal anderer, findet Kraft und nimmt Kurs auf eine sozial- und umweltgerechte Zukunft.

Natürlich wird es uns nicht gelingen, Schmerz, Leid und Tod vollständig zu überwinden und die Welt in Gottes Reich zu verwandeln. Aber unsere Welt wird dadurch, dass wir „Gottes Reich mitten unter uns“ zulassen und mitgestalten, ein wohnlicheres Haus.

Und so verbinden sich adventliche Erinnerungen an Jesus Christus mit der Hoffnung auf den großen Advent, an dem Gott endgültig zu uns kommen. Eine neue Erde, in der Gerechtigkeit und Frieden wohnen wird erscheint am Horizont (2 Petr 3, 13).

 

3. „Advent – Ankunft Gottes in unserer Wirklichkeit, Gott ist da, mitten in unserem Leben!“

Jesus Christus ermutigt uns, uns ganz und gar auf diese Welt einzulassen, unbequem zu sein und Partei zu ergreifen „als Salz der Erde“ und „nicht als Zuckerguss“, „als Licht auf dem Weg“ und „nicht als Scheinwerfer am Himmel“ scheinbar über den Dingen stehend.

„Ihr seid das Salz der Erde“: Nicht die Könige, nicht die Regierenden allein werden es richten, sondern es kommt auf jeden einzelnen, auf uns alle an, jeder mit seiner Verantwortung und Möglichkeit, jeder aber mit demselben Auftrag und aus demselben Glauben heraus.

Durch Christus von der falschen Sorge um unser Leben befreit, haben wir es nicht nötig, die Erde aus Raffgier zu plündern. Dann ist „Nach uns die Sintflut!“ nicht unser Lebensmotto. Dann ist das heute so beliebte „ Schneller! Höher! Weiter! Koste es, was es wolle ...“ kein erstrebenswertes Ziel.

Salz der Erde sein, Licht der Welt, Stadt auf dem Berge sein, das bedeutet daher nicht nur theoretisch, sondern tatkräftig unsere Gesellschaft an ihre Fundamente erinnern,

  • an die Freiheit, die sich der Freiheit Andersdenkender verdankt,

  • an die Grenzen des Wachstums,

  • an das Recht zukünftiger Generationen, in Würde leben zu können,

  • an die Menschenwürde, die gegenwärtig durch Armut untergraben wird,

  • an das Recht auf Zuflucht und Hilfe, das vielen Migrantinnen und Migranten verwehrt wird.

Der Klimawandel und die wachsende Armut verlangen es, dass wir uns mit all unserer Kraft und unserem Können auf den Weg zu einer solidarischen Weltgesellschaft, zu mehr Gerechtigkeit begeben. Nicht irgendwann, sondern jetzt.

Wir haben eine Verheißung, die größer ist als die Zukunftsangst, der Pessimismus, der Zynismus der Gegenwart: Weil Gott, weil Jesus Christus, nicht im Gehen, sondern im Kommen (Advent!) ist, und sein Wort gerade in der Gesellschaft befreiende Kraft erweisen will! So formulierte es einmal der Erfurter Propst Heino Falke.

Als Christinnen und Christen können wir daher nicht nur bekennen: „Eine andere Welt ist möglich (attac)!“, sondern wir können getrost hinzufügen: „sie ist uns von Gott verheißen, sie kommt bereits auf uns zu! … und wir können ihr mit unserem Tun entgegen gehen!“ – Advent heißt Ankunft, Gott kommt auf uns zu! Gehen auch wir auf ihn zu!

Klaus Breyer, Schwerte-Villigst

 

Literatur

Literatur für begleitende Angebote der Erwachsenenbildung in Kirchengemeinden:
Den Kurs wechseln – neue Wege gehen – Zukunft fair teilen http://www.eed.de/de.pub.de.337/index.html

Aktionswoche „Zukunft einkaufen“  www.zukunft-einkaufen.de/fileadmin/zuk_ein/redaktion/downloads/ZE_Dachmodul_ebook.pdf

Jes. 2, 1-5: Verweis auf den Sonderbeitrag zum Leitthema "Friedenssicherung und Nachhaltigkeit" in diesem Band sowie auf den Beitrag zum 1. Advent in Band III „nachhaltig predigen“ (Kirchenjahr 2007 / 2008), s.a. http://www.umdenken.de/predigen

 

Fußnoten

(1) und natürlich auch des Propheten Jesaja (vgl. Jes 11)

(2) in: Evangelisches Gesangbuch Nr. 1, Gotteslob Nr. 107, Text: Georg Weissel (1623) 1642, Musik aus Halle , 1704, Text nach dem Psalm 24, 7-10

(3) s. o. Anm. 2

(4) s. o. Anm. 2

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