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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

7. Nov. 10 - drittl. Sonntag i. Kirchenjahr / 32. Sonntag im Jahreskreis

ev. Reihe II kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Röm 14, 7-9

2 Makk 7, 1-2.7a.9-14

2 Thess 2, 16 - 3, 5

Lk 20, 27-38

Der Autor befasst sich mit allen Predigtperikopen des Tages. Stichworte zur Nachhaltigkeit: fehlende Nachhaltigkeit macht einsam, christliche Nachhaltigkeit weist über den Tod hinaus (Röm 14); das Kommende im Blick haben, das Leid nicht absolut setzen, Blick auf die verheißene Freiheit im Dienst der Gegenwart (2 Makk 7); wer betet, ist nachhaltig aktiv: Für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung – Gegenwind aushalten (2 Thess 2); christliche Nachhaltigkeit ist mehr als Besitzstand bewahren (Lk 20)

Nachhaltig ist das, was bestehen wird…

Zusammenfassung: Was kommt, was bleibt? Was zählt – am Ende? Und wie sieht es aus, „das Ende“? Was kommt danach? Gibt es einen neuen Anfang? Im irdischen Raum-Zeit-Denken sind diese Fragen wichtig. Gegen Ende des Kirchenjahres greift die Leseordnung Stellen heraus, die sich diesen existenziellen Fragen stellen. Die Bibelstellen des heutigen Tages zeigen aber auch, dass es bei Gott auf anderes ankommt – dass er in anderen Kategorien „denkt“. Das, was danach kommt und wie es sein wird, übersteigt das menschliche Vorstellungsvermögen, es entzieht sich menschlichem Wunschdenken. Aber trotzdem und gerade deshalb kann der Mensch vertrauensvoll, voller Hoffnung und Zuversicht das erwarten, was ihn erwartet, weil Gott seine Schöpfung durchwirkt – in alle Ewigkeit. Das Leben nach dem irdischen Tod ist nicht in erster Linie ein neuer Anfang, der gar gegen das stehen würde, was im Hier und Jetzt geschieht, sondern ein anders-weiter-Bestehen, etwas, was im tiefsten Kern Nachhaltigkeit ausdrückt: Gott ermöglicht für seine Schöpfung das, was bleibt; das, was besteht; das, was wirklich zählt: vor Seiner Ewigkeit.

Röm 14, 7-9

Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen. Niemand kann für sich allein bestehen: „keiner lebt für sich allein“. Lehrt aber nicht die Realität etwas anderes? Es gibt unverschuldete Einsamkeit: Beim Tod eines nahen Menschen, in der Anonymität des Nachbarschaftslebens, im Alter, in Krankheit, in Not. Da gibt es Menschen, die sehen müssen, wo sie bleiben. Es gibt aber auch Egoismus und Für-Mich-Denken einer Ellenbogen-Gesellschaft: Auch das führt zu Einsamkeit: Wer nur an sich denkt, verpasst die Gemeinschaft. Die Generationensolidarität ist zerbrechlich. Da klingt das „keiner lebt für sich allein“ wie ein frommer Wunsch.

Aber wir merken auch: Zusammenhalt sichert die Zukunft. Wenn das soziale Netz wegbricht, wird es einsam; wenn die ökologischen Ressourcen verschwendet, vernichtet und verdorben werden, kann die Welt auf Dauer nicht bestehen. Wer nur im Hier und Jetzt lebt, wer nur den eigenen Vorteil und den schnellen Gewinn im Blick hat, kann nicht bestehen. Das haben schmerzlich auch die Finanzjongleure gemerkt. Und nicht nur sie.

Die Nachhaltigkeit der Bibel geht über den menschlichen Horizont hinaus. Sie nimmt die Erfahrungen des Irdischen und Menschlichen auf und setzt die Hoffnung des ewigen Gottes dagegen. Wer sich auf den Herrn verlässt, wer auf ihn baut – schon im Hier und Jetzt – und daraus handelt, der wird auch in Zukunft bestehen. Das erfordert Verantwortung im aktuellen Handeln und den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus: im Gebrauch der Gaben der Schöpfung, im Umgang miteinander, im Umgang mit den Möglichkeiten von Forschung und Wissenschaft, im Bewahren und Weitergeben von Lebensgrundlagen, Werten und Gütern. Der Mensch lebt nicht nur im Hier und Jetzt – und nicht nur für sich allein. Er ist von Gott in die Gemeinschaft gerufen, die Gott mit seinem Bund mit den Menschen begründet hat. Gottes Verbundenheit und tiefste Solidarität mit den Menschen geht sogar noch weit über den menschlich-irdischen Tod hinaus. Sie reicht über das Grab und verbindet Himmel und Erde. Gottes Nachhaltigkeit umfasst das ganze menschliche Leben und umfängt es darüber hinaus in Seine Ewigkeit hinein.

2 Makk 7, 1-2, 7a, 9-14

In drastischer Weise wird das menschliche Leben immer wieder vor die Entscheidung gestellt: Was zählt? Worauf verlasse ich mich? Was gibt mir in existenzieller Not noch Halt? Können da Gesetze und Regeln, so wichtig sie im Zusammenleben der Menschen auf der Erde sind, noch bestehen? Die „Gesetze“ Gottes überdauern die Stürme der Zeit. Sie sind nicht von Menschenhand gemacht. Gesetze, die das Leben im Hier und Jetzt regeln, sind vor Gottes Ewigkeit nicht mehr nötig. Wenn Gesetze das Leben im Hier und Jetzt auch knechten, dann zählt am Ende die Freiheit der Kinder Gottes. Das ist das Gesetz der Ewigkeit: Die Gemeinschaft im Reich Gottes.

Der Blick über den eigenen Tellerrand hinaus, über den Horizont des menschlichen Daseins, eröffnet die Freiheit Gottes. Dieser Blick bleibt aber unerfüllt, wenn der Mensch sind nicht mit ganzem Einsatz schon jetzt dafür in den Dienst nehmen lässt. Im Martyrium geht es nicht um Blut, Schweiß und Tränen um ihrer selbst willen, sondern um das Zeugnis für das, worauf es wirklich ankommt. Das geht nicht nebenbei und ist nicht billig zu haben. Es fordert – und (be-)fördert so denjenigen, der sich rufen lässt, hinein in das, was bleibt. Dem Zeugen ist ein Erbe anvertraut, das er bewahren soll für die Zukunft der Kommenden, gegen alle Gewalt und Ohnmacht: Mit Gottes Hilfe wird das scheinbare Ende der Anfang zur Vollendung.

Wer so das Kommende im Blick hat, der wird sich nicht selbst zum Maßstab der Dinge machen. Der muss auch nicht das Leid seiner Zeit und das persönliche Leid absolut setzen, sondern kann aushalten und bestehen, weil Gott ihm eine gute Zukunft schenkt, die schon heute beginnt.

2Thess 2,16 – 3,5

Gegen Ende seines Briefes an die Thessalonicher überlegt sich Paulus, was er der Gemeinde noch mit auf den Weg geben kann. Es liest sich wie eine Summe dessen, was er schon geschrieben hat, eine Zusammenfassung und Zuspitzung auf das, was zählt, was wirken soll, was nachhaltig Spuren hinterlässt. Es kommt darauf an, sagt Paulus, dass die Gemeinde im Gebet füreinander und für den Apostel zusammensteht. Das Gebet verbindet. Es gibt Kraft und macht Mut für die Herausforderungen der Zukunft.

Paulus weiß, dass die Verbreitung des Wortes Gottes kein Kinderspiel wird; dass es Widerstände und Rückschläge geben kann und wird. Er erhofft sich aus dem fürbittenden Gebet der Gemeinde, dass er und seine Mitstreiter vor dem Bösen und vor bösen Menschen bewahrt bleiben. Das Gute trifft auf Widerstand. Andere Kräfte wirken. Was bei den Menschen gut ankommt, ist nicht unbedingt das, worauf es ankommt.

Nachhaltig wirkt am Ende nur das Gute. Diese Hoffnung führt die menschliche Verklemmung in der Sicht auf einen ewigen Kampf des Bösen gegen das Gute ad absurdum. Es gibt kein unumkehrbares Hinbewegen auf das ewige Verderben. Wir sind nicht schutzlos dem Bösen ausgeliefert. Gott geht mit uns. Die Gnade und Liebe Gottes ist auf unserer Seite. Deshalb ist Umkehr möglich. Wer in Treue zu dem steht, was Gottes Plan für die Vollendung der Welt vorgesehen hat, wer fest im Glauben steht, der wird nicht zugrunde gehen. Die Treue Gottes ist kein frommer Wunsch der Menschen, sondern tiefste Solidarität über alle menschlichen Grenzen hinaus: ein für allemal manifestiert in Jesus Christus, der am Kreuz sein Leben hingab und den Tod, den Inbegriff des Scheiterns, in seiner Auferstehung überwunden hat. Das Gute wird sich durchsetzen. Darauf vertraut der Apostel. Dafür ist er Zeuge. Dafür bittet er um das Gebet der Gemeinde. In dieser Zuversicht dürfen auch wir heute den Segen Gottes erbitten für unsere Ziele und Pläne, für unseren Einsatz und unseren guten Willen. Wir dürfen zuversichtlich bleiben bei manchen Rückschlägen und auch in Zeiten des Gegenwindes. Gott hat in seiner Liebe zugesagt, dass das Gute nicht zugrunde geht, denn er selbst ist das Gute, die Liebe und das Leben. Er ist treu und lässt seine Schöpfung, die er uns anvertraut hat, nicht im Stich.

Das Gebet der Gemeinde ist ein Beleg des aktiven Mitwirkens. Wer betet, ist nicht passiv, sondern nimmt Verantwortung wahr. Wer betet, dem ist nicht egal, was passiert und was die Zukunft bringt; wer betet, gestaltet die Welt für eine gute Zukunft. Wer betet, ist nachhaltig aktiv: Für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung.

Lk 20, 27-38

Im Evangelientext werden die anderen Schrifttexte dieses Tages zugespitzt und konkret. Am konstruierten Beispiel der Sadduzäer zeigt sich der begrenzte Horizont des menschlichen Denkens. Sie denken nach ihren Maßstäben in einer Versorgungsmentalität. Die Einrichtung der so genannten „Leviratsehe“, bei der ein Schwager eine kinderlose Witwe heiratet, verfolgt vor allem diesen Gedanken: Nachhaltig ist in diesem menschlichen Sinn, wenn jemand „versorgt“ ist, wenn sich die Generationen fortpflanzen, wenn es Nachkommen gibt. Kinder werden da als „Besitz“ der Erzeuger in einer patriarchal geprägten Weltsicht missbraucht, die das Blut ihrer Vorfahren weitertragen sollen, die „Stammhalter“ sein sollen, die – wie man heute sagen würde – „die Gene“ erhalten.

Gottes „Gedanken“ gehen aber weit darüber hinaus. Er „denkt“ nicht im Klein-Klein der Menschen. Nachhaltig ist für ihn nicht allein, wenn im irdischen Besitzstand gedacht wird, wenn um jeden Preis „erhalten“ wird. Nachhaltig ist Lebendigkeit. Die Siebenzahl drückt ja gerade den umfassenden, wenn auch am Ende fast verzweifelten und doch erfolglosen Versuch aus, „mit aller Gewalt“ für Nachkommen zu sorgen. Medizinischer Fortschritt ermöglicht heute auch vielfältige Versuche, in die Geschicke einzugreifen, als Mensch selbst „Macher“ der Zukunft zu sein. Der Fortschritt kann so zum Segen oder gerade zum Fluch werden. Aber Nachhaltigkeit im Sinn Gottes ist etwas anderes. Sie ist eine generationenübergreifende, Raum und Zeit durchbrechende Existenz in seiner Ewigkeit. „Nur in dieser Welt“ sind die Sorgen der Menschen existenziell. Das sind nicht die Sorgen Gottes. Gerade weil er sich in Liebe um seine Schöpfung sorgt und den Menschen als Krone der Schöpfung in diesem Gefüge nachhaltig erhalten will, kann das menschliche Maß der Dinge eben nicht der Maßstab sein. Gott durchbricht die menschlichen Maßstäbe. In Jesus Christus, der sogar den Tod bezwungen hat, brechen alle Grenzen menschlichen Denkens auf: hinein in die Freiheit Gottes.

Die uralte menschliche Frage: „Was kommt danach?“ ist nicht die Frage Gottes. Er beantwortet nicht die Frage nach dem „Wie“ der Zukunft. Diese Antwort ist dem Menschen anvertraut, der sie durch sein Handeln in Verantwortung gestalten kann. Gottes Zusage zielt eher auf das „Dass“ der Zukunft. Gott ist treu. Im Vertrauen auf diese Zusage Gottes ist der Mensch herausgefordert, aktiv am Plan Gottes mitzuwirken, indem er sich in den Dienst nehmen lässt: mit seiner ganzen Existenz, mit Verantwortung für die Zukunft und die kommenden Generationen. Dabei ist uns von Gott sein Heiliger Geist als Beistand, Tröster und Motor gegeben; und in Jesus Christus auch der Bruder und Herr an der Seite auf allen Wegen unseres Lebens. Die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten übersteigt menschliche Enge. Die Hoffnung auf Gottes gute Zukunft für die Menschen gibt Kraft für das gute Leben schon heute. Die Liebe Gottes ist stärker als der Tod. Gott ist der Bleibende, er ist der „Immer“; er ist im tiefsten Sinn des Wortes der „Nachhaltige“.

Michael Kinnen, Bingen

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