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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

31. Okt. 10 - 22. Sonntag nach Trinitatis / 31. Sonntag im Jahreskreis

ev. Reihe II kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Phil 1, 3-11

Weish 11, 22 - 12, 2

2 Thess 1, 11 - 2, 2

Lk 19, 1-10

Die Autorin betrachtet alle Perikopen des Sonntags. Stichworte zur Nachhaltigkeit: abwägen von Innovation und Tradition im Alltag, Umkehr ermöglichen durch Entgegenkommen, Verzicht auf Kleinlichkeit zugunsten des größeren Ziels, tragfähige Strukturen von unten schaffen, sich einbinden und gute Ansätze mitgestalten

Gedanken zu den Texten:

Der Text der evangelischen Perikopenreihe II (Phil 1, 3-11) und der katholische 2. Lesungstext ähneln sich. Beide stammen aus einem Brief des Apostels Paulus an eine seiner Gemeinden. In beiden Briefen dankt Paulus Gott für den Glauben und die Liebe der Gemeindeglieder. In beiden Briefen betet er darum, dass deren Glaube und Liebe mit Gottes Hilfe noch vollkommener werde bis an den Tag Christi. Die Echtheit des 2. Briefes an die Thessalonicher wird von etlichen Auslegern angezweifelt. Sollte dies zutreffen, so haben die Verfasser jedenfalls begriffen, wie Paulus seine Gemeinden sah: nämlich (in gut jüdischer Denktradition) als Werk Gottes – wie die ganze Schöpfung aus seinem schöpferischen Wort geboren. Ob Natur oder Kultur – alles ist Gottes gutes, geliebtes Werk. Dazu passt gut der erste katholische Lesungstext (Weisheit 11, 22 ff.): „Wie könnte etwas bleiben, wenn du nicht wolltest? Oder wie könnte erhalten werden, was du nicht gerufen hättest ...dein unvergänglicher Geist ist in allem.“ So wie Gott seine gesamte Schöpfung erhält, so bewahrt er seine Menschen, sein Volk, seine Gemeinden.

Dies bedeutet weder für Paulus und seine Nachfolger noch für den Verfasser der Weisheit Salomonis, die Hände in den Schoß zu legen und in schwärmerisches Nichtstun zu verfallen. Im Philipperbrief betet Paulus darum, dass die Liebe der Philipper reicher werde an Erkenntnis und Erfahrung. Das hört sich nach Lernen und Üben an - learning bei doing sozusagen. Im 2. Thessalonicherbrief wendet sich der Verfasser entschieden gegen Endzeitprediger, die den Leuten einreden, der Tag des Herrn stehe unmittelbar bevor. Schon haben – sehr zu seinem Ärger - einige deswegen aufgehört zu arbeiten. Die Sünden der Menschen übersieht Gott laut Weisheit Salomonis, damit sie sich bessern sollen. Genau dies passiert übrigens dem Oberzöllner Zachäus (Lk 19, 1-10, kath. Evangeliumstext). Er, der Superreiche, Korrupte, Skrupellose ist immer noch superreich, korrupt und skrupellos, als er auf den Baum klettert, um Jesus zu sehen. Jesus lädt sich bei ihm ein; macht ihn zu seinem Gastgeber, gibt ihm im gemeinsamen Mahl einen Vorgeschmack des Himmels. Erst dadurch vollzieht sich die innere Wandlung des Schurken. Erst diese Erfahrung veranlasst ihn, die Hälfte seines Vermögens zu verschenken und die von ihm Betrogenen zu entschädigen. Seine Umkehr ist Gottes Werk.

Ich finde hier

Ansätze für „nachhaltiges Predigen“:

Alles ist Gottes Werk - wider den menschlichen Machbarkeitswahn. 
Ob Naturräume, ob Kulturlandschaften, ob Dörfer und Städte, ob Kirchen- und Pfarrgemeinden, ob Landeskirchen oder Bistümer – Menschen agieren in ihnen als Macher. Vieles ist solchem Machen schon zum Opfer gefallen: Weinbergsterrassen und Streuobstwiesen, Urwälder und Flussauen, prächtige Alleen und schattige Hohlwege, verschlungene Gassen und einladende Dorfplätze, Außenfassaden ehrwürdiger alter Häuser und wertvolle Inneneinrichtungen von Kirchen, Bauerngärten und Kirchhöfe. Gewachsene Dörfer fielen schon vor langer Zeit der Gemeindereform zum Opfer. Viele Wunden sind bis heute nicht verheilt, abzulesen beispielsweise an hartnäckigen Doppelstrukturen im Vereinsleben.

All der alte Kram musste weg, weil er auf irgendeine Weise einer neuen Zeit im Weg war. Natürlich ist Altes nicht automatisch gut und Neues automatisch schlecht. Wir freuen uns zu Recht über eine funktionierende, hygienische Kanalisation in unseren Städten und Dörfern oder über moderne, emissionsarme Heizungen. Während der Kälteperiode im Winter 2008/2009 bekamen wir in der eisigen und mit vernünftigem Energieeinsatz nicht mehr warm zu kriegenden Bellheimer Kirche eine kleine Ahnung davon, wie das wohl früher war – ebenso in unserem schönen alten, denkmalgeschützten Pfarrhaus, als das Esszimmer nicht wärmer als 16 Grad Celsius wurde. Da träumt man schon mal leise von einem modernen Null-Energie-Haus.

Auch Dörfer und Städte, auch Kirchen- und Pfarrgemeinden sind keine Museen. Strukturen müssen sich immer wieder ändern, weil die Lebensverhältnisse sich ändern. Gemeinden wachsen oder schrumpfen, altern oder verjüngen sich, werden reicher oder ärmer; neue Bevölkerungsgruppen ziehen zu: Vertriebene und Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg, später Aussiedler oder Menschen, die dort hinziehen, wo sie Arbeit gefunden haben. Dörfer verstädtern, Innenstädte veröden. Auf all dies müssen wir – auch als Kirchen – reagieren, jedoch behutsam, ohne Gottes Werk zu zerstören, wissend, dass wir selbst keine Schöpfer, sondern Geschöpfe sind, wissend, dass unsere Aufgabe ist, Gottes Werk in uns Raum zu geben – nicht mehr und nicht weniger. Es gibt in den Kirchen zur Zeit viele Ideen und Projekte – viele davon aus der (Finanz-)Not geboren, oft einher gehend mit Stellenstreichungen und Stärkung (oder Belastung?) des Ehrenamtes. Solche Projekte sind gut, wenn aus altem Neues wächst, aus der Mitte der Gemeinde, inmitten der Menschen, inmitten der Dörfer und Städte. Solche Projekte sind zerstörerisch, wenn ferne Macher von oben über die da unten, die da hinten, die ganz weit weg bestimmen.

In unserem neuen Wohnort am westlichen Zipfel der Pfälzischen Landeskirche und des Bistums Speyer ist die katholische Kirche wegen Baufälligkeit gesperrt und nach dem Willen der Macher im fernen Speyer gibt es wohl nicht so bald Geld für eine Sanierung. Ich befürchte, hier wird unwissend und leichtfertig mehr aufs Spiel gesetzt als ein Gebäude. „Ich bete darum, dass eure Liebe reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung“, schreibt Paulus an die Philipper. Dies ist nur ein Beispiel. Das Problem als solches ist weder spezifisch katholisch noch spezifisch saarländisch oder pfälzisch.

Gerade hat der Bliesgau die UNESCO-Anerkennung als Biosphärenreservat erhalten – fast zeitgleich mit der Aberkennung des Weltkulturerbes für Dresden und der Diskussion um das Mittelrheintal. Ich erlebe hier in meiner noch neuen und doch so gastfreundlichen Heimat Menschen, die sich diese Auszeichnung nicht einfach an die Brust heften. Hier gibt es viele größere und kleine Projekte, die das Biosphärenreservat mit Leben füllen sollen: vom ökologischen Schullandheim über Naturschutzprojekte, archäologische Ausgrabungsstätten mit Bildungsangeboten, ökologische Handwerksbetriebe, ein funktionierendes Vermarktungsnetz für regionale Produkte, Biobauern, Wanderreitstationen, Freilichtbühnen und vieles mehr. Das Entscheidende (im Gegensatz zu manch anderen Regionen, in denen geplante Bioreservate manchmal Anlass für heftige Auseinandersetzungen sind) ist, dass hier etwas von unten wächst und sich organisch ausbreitet, dass vieles (vielleicht auch aus der Not einer so genannten strukturschwachen Region heraus) von den Menschen mitgetragen wird und dass die Menschen Raum zum Mitgestalten haben. Ich bin gerade dabei, all dies für mich zu entdecken und herauszufinden, wo wir – privat und als Kirche – dazu beitragen können, dass hier etwas Gutes weiter wächst.

Laden wir in unseren Predigten die Menschen ein, sich in ihrer Region ebenfalls auf Entdeckungsreise zu machen und dazu beizutragen, dass Gutes weiter wachsen kann. „Ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden...“ schreibt Paulus.

Heike Krebs, Gersheim

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