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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

24. Okt. 10 - 21. Sonntag nach Trinitatis / 30. Sonntag im Jahreskreis

ev. Reihe II kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Eph 6, 10-17

Sir 35, 15b-17.20-22a

2 Tim 4, 6-8.16-18

Lk 18, 9-14

Der Verfasser geht auf alle genannten Tagesperikopen ein. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Ozeanien – Kampf gegen den Klimawandel, zunehmende Zahl von unschuldigen Flüchtlingen, Abschottung mit militärischen Mitteln, Gerechtigkeit statt Imperialismus, Wachstum, das über Leichen geht (Sir 35); Gerechtigkeit erfordert u. U. eigene Opfer, ist dennoch unverzichtbare Lebsngrundlage (2 Tim 4); der Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Selbstgerechtigkeit, auch in Bezug auf das Handeln der Kirche oder der Bürger des Westens (LK 18); die (Auf-)Rüstung für die Gerechtigkeit, s. a. Bezug kath. Bibelstellen (Eph 6)

Ökologische Anknüpfung

Mit Ozeanien – „ein Meer von Inseln“ - wird eine etwas abseits des australischen Kontinents gelegenen Region bezeichnet. Der Ozean ist ihre Lebensgrundlage. Aber diese Lebensgrundlage wird zerstört. Deshalb verlassen immer mehr Menschen ihre Inseln, weil sie hoffen, im festen Umland eine sichere Zukunft zu finden. Der Klimawandel erweist sich immer mehr als der entscheidende Grund für die Migration. Dabei wird ein charakteristisches Phänomen deutlich: Ohne Australien und Neuseeland hat die Region Ozeanien mit 0,06 Prozent der globalen Emissionen den geringsten Anteil am globalen Treibhauseffekt. Dennoch sind die Folgen für die Bewohner Ozeaniens um so gravierender: Der weitere Anstieg des Meeresspiegels droht einige der kleineren Inseln zu vernichten. Am schlimmsten sind die Folgen für die Ärmsten. Sie wohnen in den Gegenden, in denen die Bedrohung am größten ist; ihre Behausungen sind am wenigsten geschützt. Deshalb sind sie die ersten Opfer, wenn es zu Überschwemmungen kommt.

Viele von denen, die es sich irgendwie leisten können, verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor den Folgen des Klimawandels. Ein ökologisches wird zum sozialen Problem. Nach Vorausberechnungen des Weltklimarates ist bis 2050 mit 150 Millionen Umweltflüchtlingen zu rechnen. Dabei schotten sich die Ländern des Nordens jetzt schon mit immer rigideren militärischen Mitteln und immer ‚perfekteren’ Überwachungsmethoden gegen Flüchtlinge ab. Die Folge: Viele von denen, die aus Gründen fliehen, die vor allem jene sich abschottenden Länder zu verantworten haben, sterben vor den Grenzen oder drohen wieder in Regionen abgeschoben zu werden, in denen es kaum Chancen des Überlebens gibt.

Die biblischen Texte

Erste Lesung: Sir 35, 15b-17.20-22a
Der Autor des Buches Jesus Sirach ist ein jüdischer Schriftgelehrter, der sich (zwischen 190 und 175 v.Chr.) kritisch mit der hellenistischen Kultur auseinander setzte. Gegen hellenistische Vereinnahmung suchte er die jüdische Tradition zu stärken. Dazu gehört die Frage nach Gerechtigkeit. Sie ist in dem verwurzelt, was den Mittelpunkt unseres Glaubens bildet: Der Gott Israels hört die Schreie der Armen. Sie schreien zu ihm, weil er ein Gott des Rechts ist und sie erwarten können, dass er ihnen „Recht verschafft als gerechter Richter“ (V. 22).

Leider geht durch die Textauswahl der Lesung ein wichtiger Zusammenhang des biblischen Textes verloren. Ihr erster Satz „Der Herr ist der Gott des Rechts.“ ist die Begründung für die Mahnung: „Versuche nicht, ihn zu bestechen, denn er nimmt nichts an; vertrau nicht auf Opfergaben, die durch Unterdrückung erworben sind.“ (V. 14f). Unser Lesungstext gehört in die Kritik am Opferkult. Sie hat Bartholomé de Casas, der als Dominikaner, die spanischen Eroberer begleitet hatte, aufgeschreckt und zu der Einsicht geführt, dass die Eucharistie nicht auf der Grundlage des Unrechts, deren Opfer die Indios waren, gefeiert werden kann. Er sah das eucharistische Brot im Zusammenhang mit dem Brot, das den Armen vorenthalten wurde, sowie den tödlichen Konsequenzen: „Den Nächsten mordet, wer ihm den Unterhalt nimmt, Blut vergießt, wer dem Arbeiter den Lohn vorenthält.“ (V. 26f).

Die Armen sind die ersten Opfer der mit dem Klimawandel verbundenen ökologischen Katastrophen. Sie werden den Lebensinteressen einer westlichen ‚Kultur’ geopfert, die den gesamten Globus in den Dienst des wirtschaftlichen Wachstums stellt. Wachstum aber bedeutet vor allem Vermehrung des Reichtums, ausgedrückt in Geld und vom Platzen bedrohten Finanzblasen. Solches Wachstum geht über Leichen, vor allem über die Armen und ihre Lebensgrundlagen. Wie in der Zeit Jesus Sirachs muss solche Erfahrung Folgen haben für unser Reden von Gott in der Verkündigung ebenso wie für die Feier des Gottesdienstes, der ja zuerst die Feier von Gottes Dienst an der Welt ist. Dazu gehört nicht „auch“, sondern wesentlich Gottes Dienst an den Armen, da er zum Wesen Gottes gehört. Und dieser Dienst ist Gerechtigkeit. Ihre Grundlage ist das Recht auf Leben, d.h. auf die Sicherung der bedrohten Grundlagen des Lebens. Angesichts von deren Zerstörung wird die ökologische Frage zu einer Frage der Gerechtigkeit, für die Armen zu einer Frage des Überlebens.

Zweite Lesung: 2 Tim 4,6-8.16-18
Die Zweite Lesung greift den Zusammenhang von Opfer und Gerechtigkeit auf. Ihr Autor stellt Paulus als von allen im Stich gelassenen politischen Gefangenen dar, der auf seine Hinrichtung wartet. Dies interpretiert er mit dem Paulus in den Mund gelegten Satz: „Ich werde nunmehr geopfert...“ (V. 7). Sind die von Jesus Sirach kritisierten Opfer Ausdruck von Ungerechtigkeit, so steht das ‚Opfer’ das Paulus bringt, im Dienst der Gerechtigkeit. Wie Jesus hat er sich bis in den Tod gegen das im Rahmen des römischen Imperiums verübte Unrecht und für Gottes Gerechtigkeit eingesetzt. Deshalb liegt für ihn „der Kranz der Gerechtigkeit bereit“ (V. 8). Ihn wird „der Herr, der gerechte Richter,“ (V. 8) ihm schenken. Gerechtigkeit und Gericht gehören zusammen. Darüber geht eine bis ins banale verkehrte Rede vom Evangelium, das nicht Droh-, sondern Frohbotschaft sei, leichtfertig hinweg. Gerechtigkeit als Ende von Unrecht und Gewalt ist für die Opfer des Unrechts ebenso wie für diejenigen, die sich für sie einsetzen, eine frohe Botschaft, die sie zum Einsatz ermutigt, während diejenigen, die vom Unrecht profitieren, von der Gerechtigkeit ihre Privilegien bedroht sehen. Gerechtigkeit als Lebensgrundlage für alle wäre ja das Ende einer ‚Weltordnung’, die auf Wachstum und Vermehrung des Reichtums für immer weniger Nutznießer von Unrecht und Zerstörung setzt. Der Text lädt ein, mutig und konfliktbereit wie Paulus dem Erscheinen des Herrn und seiner Gerechtigkeit den Weg zu bereiten.

Evangelium: Lk 18,9-14
Das auf den ersten Blick so vertraute Evangelium vom ‚selbstgerechten’ Pharisäer und ganz auf Gottes Vergebung vertrauenden Zöllner bekommt einen anderen Akzent, wenn wir es nicht antijudaistisch als Abwertung der Pharisäer lesen. Die Gestalt des Pharisäers verdeutlicht, wie groß die Macht der Sünde als Macht von Unrecht und Gewalt sein muss, wenn nicht einmal jemand, der sich ernsthaft um eine Praxis von Gerechtigkeit und Frömmigkeit müht, ihr entkommen kann. Sie hat scheinbar die Macht, die Treue dieses Pharisäers gegenüber der Tora als Ordnung von Gottes Gerechtigkeit in ‚Selbstgerechtigkeit’ zu verwandeln. Demgegenüber wird der Zöllner, der zu den notorischen Übertretern der Tora gezählt wird, zum Lehrer von Gottes Gerechtigkeit. Sein Gebet „Gott, sei mir Sünder gnädig“ (V. 13) greift Psalm 51 auf. Darin bittet der Beter um einen gegenüber Gottes Gerechtigkeit „willigen Geist“ (V. 14). Offensichtlich soll die Gemeinde des Lukas aus dem Gleichnis lernen, dass es Zeit ist, zu Gottes Gerechtigkeit umzukehren. Dann aber gilt es, nicht ‚selbstgerecht’ auf die eigenen guten Taten zu schauen, sondern die Verstrickungen in Unrecht und Gewalt zu erkennen, demütig zu bekennen und sich nach einem „willigen Geist“ auszustrecken.

Ein neues Bild wird möglich, wenn ‚wir’ in dem Pharisäer nicht die ‚selbstgerechten Juden’, sondern uns selbst als selbstgerechte Kirche oder als selbstgerechte BürgerInnen des ‚Westens’ erkennen: Was bringen wir doch alles an Spenden und Initiativen zusammen! Was haben wir für einen Fortschritt in die Welt gebracht! Dabei könnten Spenden als bescheidene Kompensationen der Sünde des Unrechts sichtbar werden, mit der ‚wir’ uns so selbstverständlich abgefunden haben, dass ‚wir’ behaupten, dazu gebe es keine Alternative. Und der so gepriesene Fortschritt würde als Teil einer Herrschaft über die Natur erkennbar, die für immer mehr Menschen in immer größere Katastrophen mündet. Der Zöllner könnte uns in denjenigen begegnen, die sich ihrer Verstrickungen ins Unrecht bewusst werden und aufgrund dieses Bewusstseins an die Seite der Erniedrigten treten. Deshalb gilt ihnen die Verheißung einer Gerechtigkeit, die darin besteht, dass die Mächtigen vom Thron gestürzt und die Niedrigen erhöht werden (Lk 1, 52).

Evangelische Leseordnung: Eph 6,10-17
Die hier im Zusammenhang mit den Texten der katholischen Leseordnung entfalteten Gedanken lassen sich auch mit dem in der evangelischen Leseordnung vorgesehenen Text des Sonntags verbinden. Die Kirche mit Christus als Haupt steht im Kontrast zum römischen Weltreich mit dem Kaiser als Haupt. Das Imperium wiederum greift zur Sicherung seiner Herrschaft auf die Gestirne als himmlische Mächte zurück. Irdische Gewalt bedient sich religiöser und ideologischer Überhöhungen, mit deren Mitteln Unrecht in Recht, Gewalt in Ordnung, Sünde in Heil, Tod in Leben verklärt werden.

In Konflikt damit stehen diejenigen, die in Christus ihr Haupt sehen. Für ihren Einsatz müssen sie geradezu antimilitaristisch ‚gerüstet’ sein: mit dem „Panzer der Gerechtigkeit (V. 14), dem „Schild des Glaubens“ (V. 16), dem „Helm des Heils“, dem „Schwert des Geistes“ (V. 17). In Christus als Haupt ist der Gott Israels und seine Ordnung der Gerechtigkeit lebendig (vgl. Sir 35, 15b-17.20-22a). Der Messias Jesus hat (aktiv) sein Leben im Einsatz für Gerechtigkeit eingesetzt (‚geopfert’) und ist darin (passiv) zum Opfer von Unrecht und Gewalt geworden (vgl. 2 Tim 4, 6-8.16-18). Wenn dieser Messias das Haupt ist, werden die in ihren Lebensgrundlagen bedrohten Menschen zur ‚Hauptsache’. Dann werden Reichtum und Macht als imperiale ‚Hauptsachen’ vom Thron gestürzt und die zur ‚Nebensache’ erniedrigten Menschen erhöht (vgl. Lk 18, 9-14).

Herbert Böttcher, Koblenz

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