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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

17. Okt. 10 - 20. Sonntag nach Trinitatis / 29. Sonntag im Jahreskreis

ev. Reihe II kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

1 Thess 4, 1-8

Ex 17, 8-13

2 Tim 3, 14 - 4, 2

Lk 18, 1-8

Die Autoren gehen auf den ev. Predigttext und den kath. Evangeliumstext ein. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Gestaltung als Können und Vermögen, nicht mit Drohcharakter als Pflicht zum „Gehorsam“, Grauzonen christlichen Handelns, Menschenwürde (1 Thess 4); mit Nachdruck für globale Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung einsetzen, nicht aufgeben, hartnäckig sein (Lk 18)

1. Thessalonicher 4, 1-8

Um das Jahr 50 n. Chr. hatte Paulus die Gemeinde von Thessalonich gegründet – zusammen mit Timotheus. Diesen schickte er später von Athen aus zurück und ließ sich von ihm beim nächsten Zusammentreffen in Korinth (s. Apg. 18, 1-6) über den Stand der jungen Gemeinde unterrichten. Daraufhin schrieb er den ersten Thessalonicherbrief, der als ältester der bekannten Paulusbriefe gilt, - ein seelsorgerliches Schreiben, im ersten Teil ein Rückblick voller Dank, im zweiten Teil eine Sammlung Apostolischer Mahnungen und Belehrungen, darunter die Aufforderung zur Heiligung des Lebens in Kapitel 4, 1-12.

Predigtgedanken
Der Apostel hatte in der jungen Gemeinde erfahren, wie Menschen als Gemeinde zusammenfanden, wie ihnen die christliche Botschaft einleuchtete, er wusste: Diese Menschen fühlen sich von Gott geliebt und wissen, dass sie etwas wert sind. Trotz oder gerade wegen diesen positiven Eindrucks, den die Thessalonicher bei Paulus hinterlassen haben, muss er ihnen weitere Ermahnungen mitteilen, damit das Gute gut bleibe oder vielleicht noch besser werde. Zwei Bereiche spricht Paulus an, Liebe und Sexualität einerseits und das Geschäftsleben andererseits. Menschen sollen nicht benutzt werden, ihre Würde darf nicht verletzt werden, sondern Männer wie Frauen, beide gleichermaßen Ebenbild Gottes, sollen das Besondere erfahren, dass sie lieben können und dass Liebe und Sexualität in beglückender Weise zusammen gehören. Wobei niemals EineR dem / der anderen gehört. Dann kommt das Geschäftsleben, wobei es dem Paulus um die sogenannten Grauzonen zwischen legal und legitim geht, wo zwar Gesetze nicht verletzt werden, aber oft Anstand und Menschlichkeit zu kurz kommen.

Was hat das nun aber mit Ökologie und Nachhaltigkeit zu tun? Unmittelbar nichts, - wenngleich sich nahezu jeder Text dahingehend verbiegen ließe. Interessant ist jedoch, wie Paulus seine Mahnungen gestaltet. Eben nicht so, wie es üblicherweise geschieht: „Wenn Du immer lieb bist, kommst Du in den Himmel“. Also, wenn der Mensch diese oder jene Bedingungen erfüllt, kann er mit Belohnung rechnen, sprich: mit seiner Heiligung. Für Paulus dagegen ist die Belohnung schon erteilt, das Geschenk schon gegeben: Ihr seid von Gott geheiligt. Ihr könnt nun entsprechend leben. Du hast Dein Geschenk schon bekommen, musst nichts mehr dafür tun. Aber bitte tu nun etwas damit! Die Basis der Mahnungen ist bei Paulus anders als wir es gewohnt sind. Er erinnert uns an das, was wir sind: Heilige! Wir gehören zu Gott, sind herausgeholt aus dem Stress, immer irgendetwas beweisen zu müssen, immer irgendetwas leisten zu müssen aus Furcht, es könne sonst Schlimmes passieren - wenn Ihr nicht ..., dann Klimakatastrophe. Paulus sagt es umgekehrt: Weil Ihr seid, wie und wer Ihr seid, könnt Ihr die Berufung, Gottes Mitarbeiter an der Bewahrung der guten Schöpfung zu sein, getrost annehmen und Euch auch sich abzeichnenden Problemen stellen. In den Mahnungen an die Gemeinde von Thessalonich geht es um das zwischenmenschliche Verhalten in Bezug auf Liebe / Sexualität einerseits und Geschäftswelt andererseits. Ökologische Verantwortung war zu dieser Zeit noch kein Thema. Beim Bedenken dieser Mahnungen in der Gegenwart ist es jedoch durchaus kein Verbiegen des Textes, wenn wir Fragen der Bewahrung der Lebensräume sowie der Gefährdung der Lebenschancen für künftige Generationen mit in Erwägung ziehen und uns vom Apostel die Zumutung sagen lassen: Ihr seid von Gott geheiligt und das heißt berufen und befähigt, Wunden der Mitwelt nachhaltig zu heilen, besser noch: gar nicht entstehen zu lassen.

Meditation zu Lukas 18, 1-8

Diese Erzählung, die bekannt ist unter dem Namen „Die bittende Witwe“, könnte auch heißen „Das Gleichnis von der härtnäckigen Witwe“. Sie wird eingeführt mit dem Hinweis darauf, dass das Warten auf das Reich Gottes durch zweierlei Haltung geprägt sein soll: dem ständigen Gebet und dem Kampf gegen die Entmutigung.

Zunächst wird eine Geschichte aus dem Leben erzählt. Da ist einerseits ein Richter, der weder Gott fürchtet, noch auf irgendeinen Menschen Rücksicht nimmt. Diese krasse Beschreibung seiner Persönlichkeit soll wohl dazu dienen, das Ergebnis zu unterstreichen, dass die Witwe am Ende zu ihrem Recht kommt. Dazu trägt sie eine Menge bei: sie geht immer wieder hin und trägt hartnäckig immer wieder ihr Anliegen vor. Die Wende kommt aber erst in der Überlegung des Richters: „Wenn ich ihr nicht nachgebe, dann wird sie mich noch ins Gesicht schlagen!“ Die Motivation ist, seine eigene Haut zu retten, ob sie nun handgreiflich wird, oder ihn demütigt, oder er in der Öffentlichkeit sein Gesicht verliert. Er gibt ihr am Ende aus unlauteren Motiven Recht.

Anschließend wird die Übertragung auf Gott beschrieben. Hier greift der Gegensatz zu dem Richter, wenn der sich auf Grund ihres unverschämten Bittens bequemt, der Frau zu helfen, wie viel mehr würde Gott seinen Auserwählten nicht sofort Recht verschaffen? Sollte Gott zögern und sollten die Glaubenden ihm nicht vertrauen, dass er sie hört und „unverzüglich“ hilft? Es ist gut, dass hier Fragen stehen, denn bevor wir zu viel zu vollmundigen Antworten finden, müssen die Fragen des Lebens Ernst genommen werden. Dazu gibt die Erzählung eine Ermutigung.

Wenn wir in Deutschland das Wort „Witwe“ hören, denken wir als erstes an eine alte Frau, die ihren Mann nach vielen Jahren verloren hat. Doch das war nicht immer so. Wenn in Afrika von einer Witwe die Rede ist, dann kann das eine junge Frau sein mit kleinen Kindern, die überhaupt keine materielle Basis hat, ihr Leben zu gestalten. Es mag sein, dass sie im Armenviertel der Stadt lebt, dass keine Großfamilie da ist, die sie oder die Kinder auffängt. Es ist gut möglich, dass sie die Schule nicht zuende gebracht hat, weil die Kinder so früh kamen und dass sie kein Geld hat, sich einen Rechtsanwalt zu leisten. Sie kann sich selber nicht verteidigen und hat keine Möglichkeit, den Richter zu bestechen. Also nutzt sie die Waffe, die sie am besten beherrscht: hartnäckig fordert sie ihr Recht, bis der Richter nicht anders kann, als ihr zu geben, was sie braucht.

Während ich diese Zeilen schreibe, gibt es in vielen Orten Südafrikas lautstarke Proteste auf den Straßen. Die Menschen fordern von der neuen Regierung, endlich ihre Versprechen einzulösen und die Grundversorgung sicher zu stellen. Zu viele Arme haben noch nichts gespürt von dem Aufschwung. Zu hart trifft sie die 30 prozentige Preiserhöhung beim Strom. Zu viele Siedlungen werden ohne Infrastrukturen gebaut, zu wenig wird in die Bildung investiert. Eine Zeitung titelte: „Protest ist die einzige Sprache, die der ANC versteht.“

Vielleicht ist Protest und hartnäckiges Bitten auch das, was die Menschen am Besten können, die in dieser Welt nach Gerechtigkeit schreien. Und gleichzeitig stellt sich uns beim Hören die Frage: warum müssen Menschen überhaupt so etwas erleiden? Warum leben so viele in Verzweiflung und ohne Hoffnung? Warum werden so vielen Menschen ihre Grundrechte verweigert? Wo bleibt die Gerechtigkeit? Und manch einer wird sich auch fragen: warum greift Gott nicht ein?

Paul John Isaak aus Namibia schreibt in seinem Kommentar zur Stelle, dass hier eine Verbindung zu Jesus selbst hergestellt werden kann. Er selbst musste sich überzeugen lassen von der kanaanäischen Frau, die sagte: „dann gib mir wenigstens, was den Hunden zusteht!“ Doch vor allem mit seinem eigenen Schrei am Kreuz ist er denen nahe, die aus Verzweiflung und im Kampf gegen die Entmutigung sich an Gott wenden und um Gerechtigkeit bitten. In den dunkelsten Stunden und in den extremsten Situationen stimmen Menschen in diesen Schrei ein: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Sie fühlen sich von Gott verlassen und erleben, wie ihre Menschenwürde mit Füßen getreten und ihre ökonomische Lage völlig missachtet wird. Sie erfahren keine Gerechtigkeit und haben keine Freiheit, ihr Leben selbst zu gestalten.

Dass Gott Mensch wurde, kann das Vertrauen stärken, dass er auf der Seite der Leidenden, Unterdrückten und Verzweifelten steht. Es kann die ermutigen, die sich in einer ausweglosen Lage befinden, dass sie hartnäckig weiter um ihr Recht kämpfen, dass sie nicht nachlassen und in Kontakt bleiben. Es kann aber auch die Ohren derer öffnen, die Einfluss haben und Möglichkeiten, anderen Recht zu verschaffen, dass sie die Schreie der Notleidenden hören. Wenn es am Schluss heißt: „Wird der Menschensohn auf Erden noch Glauben vorfinden?“, dann steckt darin die Hoffnung, dass sich viele von Gottes Gerechtigkeit leiten lassen und nicht alles Schreien stur an sich abgleiten lassen, wie es der ungerechte Richter getan hat.

Protest und Hartnäckigkeit sind die Waffen der armen, ausgegrenzten und rechtlosen Menschen. Das ständige Bitten kann eine Kraft sein gegen die Entmutigung. Gleichzeitig gehört dazu die Ermutigung, dass das Reich Gottes in Jesus Christus angebrochen ist und den Menschen ein Leben in Fülle verspricht. In allem konkreten Bemühen um Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ist die Beharrlichkeit der Menschen gefragt, die an der Ungerechtigkeit leiden und sich nicht abbringen lassen von ihrem Schrei nach Leben.

Christian Sandner, Krefeld
Wilfried Stender, Essen

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