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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

5. Sep. 10 - 14. Sonntag nach Trinitatis / 23. Sonntag im Jahreskreis

ev. Reihe II kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Röm 8, (12-13) 14-17

Weish 9, 13-19

Phlm 9b-10.12-17

Lk 14, 25-33

Der Autor beschränkt sich auf den 2. kath. Lesungstext. Stichworte: Ausgebeutete zu Partnern machen, als Gemeinde kritische Gegenöffentlichkeit sein (Kinder und Frauen, in „Illegalität“ Lebende), die Würde der Menschen als christliche Gemeinde global im Blick behalten 

Phlm 9b-10,12-17

Zum Text 
Der kurz nach 50 n. Chr. geschriebene Philemonbrief ist der kürzeste und persönlichste der erhaltenen Paulusbriefe. Anlass des Schreibens ist die Flucht des Sklaven Onesimus aus dem Haus des Christen Philemon. Onesimus hatte sich zu Paulus geflüchtet und ist bei diesem ebenfalls Christ geworden. Der Apostel schickt den Sklaven an seinen Besitzer zurück und setzt ihn damit trotz des mitgegebenen Schutzbriefes der Willkür des Philemon aus. Nach antikem Recht wurde Sklavenflucht öffentlich bestraft, wobei den Besitzenden keine Grenzen in der Bestrafung gesetzt waren.

In Sprache und Argumentation bleibt Paulus in der Logik der Sklaverei. Er gibt keine Grundsatzerklärung gegen die Sklaverei ab. Und trotz dieser grundsätzlichen Akzeptanz der Institution der Sklaverei darf nicht übersehen werden, dass Paulus in seinem Brief versucht, neue Lebensmöglichkeiten für den Sklaven Onesimus in der Hausgemeinde des Philemon zu eröffnen.

  • Als „Fürsprecher“ bittet Paulus um Schonung und liebevolle Aufnahme des Entlaufenen. Im Lesungstext verzichtet er dabei auf seine apostolische Autorität und wirbt stattdessen mit der „Liebe unter Brüdern“ als Kriterium dafür, wie Philemon seinem Sklaven begegnen soll. Unter Brüdern aber gibt es für Paulus keine Herren und Knechte, keine Sklaven und Freie (Gal 3, 28).
  • Den Schutzbrief richtet Paulus nicht nur an Philemon, sondern mit den in der Grußadresse genannten Aphia und Archippos an zwei weitere Personen und darüber hinaus auch an die gesamte Gemeinde im Hause des Philemon. Paulus macht so deutlich, dass er nicht nur eine Privatangelegenheit verhandelt, sondern eine die ganze Hausgemeinde betreffende Frage. Damit wird die Gemeinde im Verzicht auf Bestrafung eine Gegenöffentlichkeit zur in der Pax Romana üblichen Praxis und in der Aufnahme des entlaufenen Sklaven Zeugin eines christlich-brüderlichen Umgangs miteinander.
  • Paulus erwartet von Philemon nicht nur den Verzicht auf den Rechtsanspruch auf Bestrafung und die liebevolle Aufnahme des entlaufenen Sklaven, sondern sogar dessen Aufnahme als „Geschäftspartner“: „Das zentrale Anliegen des Paulus im Philemonbrief ist nun, dass sein `Partner´ Philemon seinen Sklaven Onesimus, einen bisher nichtsnutzigen Herumtreiber (vgl. Phlm 11 und 15), ebenfalls als `Partner´ empfängt (Phlm 17). Der griechische Ausdruck `koinonius´ meint mehr als den Glaubens-`Bruder´; es geht hier um einen `Geschäftspartner´ oder `Teilhaber´.“ (Peter Arzt-Grabner, „wenn Du nun mich zum Partner hast…“, in: Bibel heute 177, Der Philemonbrief, Heft 1/2009, 45 Jg., 19-21, 21). Onesimus soll also in geschäftlichen Angelegenheiten oder in der christlichen Gemeinde mit einer verantwortungsvollen Position betraut werden. Das war zwar im Rahmen der antiken Sklaverei grundsätzlich möglich, im Fall eines entlaufenen und bisher unnützen Sklaven aber ungewöhnlich und mit einem besonderen Anspruch verbunden.

Aktuelle Bezüge
Auch heute sind im Kontext der Globalisierung die im Philemonbrief aufscheinenden Probleme Flucht, Illegalität, und moderne Formen von Sklaverei in menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen aktuell.

  • Millionen Menschen auf der ganzen Welt arbeiten unter menschenunwürdigen Bedingungen und sklavenähnlichen Arbeitsverhältnisse, z.B. in der Mode- und Sportindustrie (vgl. www.saubere-kleidung.de). Weltweit wird jedes siebte Kind als billige Arbeitskraft ausgebeutet.
  • Nicht nur in armen Ländern werden Frauen als „Haushalts- oder Sexsklavinnen“ ausgebeutet. Sie sind privater Willkür und Gewalt ihrer „Arbeitgebern“ hilflos ausgeliefert (vgl. www.solwodi.de).  
  • Weltweit verschärft sich im Kontext der Globalisierung das Problem von Migration und Flucht. Menschen verlassen ihre Heimat, weil ökonomische, soziale, politische und ökologische Grundlagen ihrer Existenz zerstören. Sie versuchen, in einer anderen Region eine Überlebensperspektive zu finden. Immer weniger Flüchtlingen gelingt es, die Abschottungsmaßnahmen an den Grenzen zu den reichen Ländern zu überwinden und ein sicheres Ausland zu erreichen. Gelingt es ihnen dennoch, droht ihnen als papierlose Migrantinnen ein Leben in der „Illegalität“ (vgl. dazu: Ökumenisches Netz Rhein Mosel Saar, Überlegungen zu Migration und Flucht, Nov. 2008, www.oekumenisches-netz.de)  

Die trotz des Fehlens einer grundsätzlichen Ablehnung der Sklaverei von Paulus aufgezeigten Handlungsmöglichkeiten können für heute aktualisiert werden.

  • Wo sind wir persönlich „Fürsprecher“ für einen christlich-liebevollen Umgang miteinander und mit den vielen, die nicht würdig leben können? Wo machen wir persönlich ernst mit der „Liebe unter Brüdern und Schwestern“ ohne Herrschaft von Herren über Knechte?
  • Wo sind wir als Gemeinde kritische „Gegenöffentlichkeit“, die Leben und Würde auch z.B von öffentlich Illegalisierten schützt? Weil die Fürsorge von Privilegierten, die Untergebenen freiwillig mit Liebe statt mit Gewalt begegnen (Liebespatriarchat), willkürlich und entmündigend bleibt, braucht es auch den Einsatz für Strukturen, die ein Leben in Würde für alle Menschen ermöglichen. Dazu gehört es, die Zusammenhänge zwischen Armut, Menschenhandel, Migration, Lebensperspektiven und Wirtschaft darzustellen und zu kritisieren.
  • Als Konsumentinnen und Konsumenten sind wir beim Kauf von vielen Produkten in die Ausbeutung von Arbeitskraft verwickelt. Wo werden wir zu „Geschäftspartnern“, die die „Arbeiter“ am Gewinn teilhaben lassen, indem wir z.B. Fair-Trade-Produkte kaufen, die „Clean Clothes Kampagne“ unterstützen oder beim Einkaufen und Konsumieren genau hinschauen und gezielt nachfragen?

Literatur

Peter Arzt, „… einst unbrauchbar, jetzt aber gut brauchbar“ (Phlm 11), in: Kuno Füssel, Franz Segbers (Hg), „…. So lernen die Völker des Erdkreises Gerechtigkeit“. Ein Arbeitsbuch zu Bibel und Ökonomie, Luzern 1995, 132-138
Bibel heute 177, Der Philemonbrief, Heft 1/2009, 45 Jg.

 

Christoph Hof, Andernach

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