Direkt zum Hauptmenü. Direkt zum Untermenü. Direkt zur linken Navigation. Direkt zum Text.

Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

15. Aug. 09 - 11. Sonntag nach Trinitatis / 20. Sonntag im Jahreskreis / Mariä Aufnahme in den Himmel

ev. Reihe II kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Eph 2, 4-10

Jer 38, 4-6.8-10 bzw.
Offb 11, 19a;
12, 1-6a.10ab

Hebr 12, 1-4 bzw.
1 Kor 15, 20-27a

Lk 12, 49-53 bzw.
Lk 1, 39-56

Der Verfasser betrachtet unter der für beide Konfessionen gemeinsamen Aufgabe der Veränderung bestehender Verhältnisse Maria als Verkünderin einer nachhaltigen Veränderung am Beispiel des Lukasevangeliums. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Ausbeutung von Frauen, Würde der Frauen bewahren, ihre Kräfte und ihren Einsatz respektieren, unscheinbar und doch Mittelpunkt, Eintreten gegen Unterdrückung – auch als Unterdrückte, Arme, Entwürdigte, sich der Kraft zu handeln bewusst sein

Ein katholisches Fest in einem ökumenischen Predigtband
Die katholische Leseordnung will es so. Ein Marienfest verdrängt den 20. Sonntag im Jahreskreis im Jahr 2010. So gilt es ein katholisches Fest in einem ökumenischen Predigtband zu betrachten: Mariä Aufnahme in den Himmel, oder volkstümlich: Mariä Himmelfahrt. Als Papst Pius XII. 1950 das Dogma von der Aufnahme Mariens in den Himmel verkündete, erhoben sich nicht nur auf evangelischer Seite kritische Stimmen. Es ist ein Dogma ohne biblisches Fundament.

Was haben 20 Jahrhunderte Katholizismus aus Maria gemacht? Immer wieder wurde und wird sie von ihrem Mensch– und Frausein entfremdet, missbraucht und überschüttet mit Hoheitstiteln einer Himmelskönigin in diesseitige Sphären entrückt. Der Schweizer Pfarrer Kurt Marti bringt in seiner Interpretation des Magnifikat diese Tatsache mit aller Schärfe zum Ausdruck: Maria blickte ratlos von den Altären, auf die sie gestellt worden war und sie glaubte an eine Verwechslung ... am tiefsten verstörte sie aber der blasphemische Kniefall von Potentaten und Schergen, gegen die sie doch einst gesungen hatte voll Hoffnung.

Maria, eine unbedeutende jüdische Frau vom Land, lebte in unruhigen Zeiten: Israel leidet unter der Fremdherrschaft der Römer. Priesterkasten, Militär, Zollpächter und Landbesitzer beuten die Landbevölkerung aus. Armut hat viele Gesichter. Doch Maria bewahrt ihre Hoffnung auf Gottes Gerechtigkeit in einer scheinbar ausweglosen Zeit. Ihr Magnifikat führt Christinnen und Christen beider Konfessionen bis heute zusammen und ermutigt zu globalem und lokalen politischem Handeln, das nachhaltige Veränderungen herbeiführt.

Das Magnifikat: ein politisches Gebet vom Aufstand Gottes gegen die Mächte, die bisher Geschichte gemacht haben
Das Magnifikat wird täglich im Abendgebet der katholischen Kirche gesprochen oder gesungen. Wie groß ist dabei die Gefahr, dass sich bei uns Gewohnheit einstellt und die prophetische Kraft dieses Gebetes verloren geht. Maria, der dieses Gebet in den Mund gelegt wird, ist Protestsängerin. Die Gottestat an ihr, schwanger zu sein, ist für sie Erweis von Gottes Erbarmen und Garantie für die Erfüllung ihrer Vision einer gerechten Welt. Maria gilt als Verkünderin einer nachhaltigen Veränderung bestehender Verhältnisse.

Die Macht von Männern über Frauen:

Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe von nun an preisen mich selig alle Geschlechter (Lk 1, 48)
Die Gestalt der Maria ist doppeldeutig.Sie funktioniert einerseits im Interesse religiös verklärter Unterwerfung. Die Frau, die einst das Lied Gottes gegen die Mächtigen gesungen hat, wurde selbst ein Bild in der Hand der Mächtigen. Marias Geschichte nach ihrem Tod ist eine Geschichte zu Lasten der Frauen. Maria als die „Magd des Herrn“ wurde dazu missbraucht, Frauen in Gehorsam und Unterordnung zu halten – nicht gegenüber Gott, sondern gegenüber ganz irdischen Herren. Maria wurde missbraucht, um für viele Frauen ein nicht erreichbares Ideal zu sein: Jungfrau und Mutter zugleich. Andererseits ist die Gestalt der Maria subversiv, indem sie die Macht der Herrschenden zersetzt. Sie, die einst das Lied von der Befreiung angestimmt hat, ist lebendig in der Geschichte aller Unterdrückten, lebendig in der Geschichte der Frauen, die Widerstand leisten und kämpfen für mehr Gerechtigkeit. „In diesem Licht ist Maria nicht mehr nur die gezähmte Frau, sondern auch das aufrührerische Mädchen. In ihr vereinigen sich Militanz und Barmherzigkeit und werden zu einem Bild der Hoffnung für die um ihr Leben Betrogenen“ (Johannes Thiele: Die andere Maria, S. 26).

Gott hat angeschaut seine niedrige Magd (Lk 1, 48), heißt es im Magnifikat. Frauen haben Ansehen vor Gott. Sie sind Ebenbild von ihm. Dies ist Fundament ihrer Würde. Die Menschheit ist nicht ganz, wird sie nur von Männern bestimmt, gestaltet und regiert und eine Kirche verliert ihren Auftrag, wenn sie zur Männerkirche verkommt.

Assoziationen

  • Frauen werden erniedrigt, indem ihnen (sexuelle) Gewalt angetan wird, immer an Leib und Seele.
  • In Kriegen sind Frauen und Kinder die wehrlosesten Opfer.
  • Frauen werden erniedrigt, indem sie als billige Arbeitskräfte dienen.
  • Frauen haben es schwerer, sich beruflich zu bewähren und Familie und Beruf zu verbinden.
  • Und wie oft sind es doch Frauen, die in den täglichen Kämpfen um Brot, Land, Sicherheit die stärksten Kräfte entfalten: Ausdauer, Mut, Solidarität, Liebe ... !

Es gibt mit Erfolg in allen Kontinenten Entwicklungsprojekte von Frauen für Frauen, die Frauen bestärken und ermächtigen ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen. Der alljährliche ökumenische Weltgebetstag (der Frauen) und die kirchlichen Hilfswerke Brot für die Welt und MISEREOR fördern solche Projekte weltweit. Empowerment ist angesagt - gegen alle Formen der Ohnmacht und Entmachtung.

Schwanger gehen mit einer neuen Welt, deren Vernichtung wir planen:

Denn der Mächtige hat Großes an mir getan und sein Name ist heilig. Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten (Lk 1, 49 f.) 
So wird die Geburt angekündigt. Ein göttliches Kind soll zur Welt kommen, unerreichbar von der staatlichen Macht, ohne die Logik der Männer und beschützt von kleinen und niedrigen Menschen, mitten im Flüchtlingselend in einer schwierigen politischen Situation. „Mit dieser Frau und ihrem Kind beginnt der Friede Gottes, der den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt durchbricht. Zu was also stiftet das Lied Mariens an ? Zum Mut des Glaubens, der uns sagt: der kleinen Hoffnung trauen und den großen Wunsch nicht verstummen lassen, sich auf ihre Seite stellen, schwanger gehen mit einer neuen Welt, deren Vernichtung wir selber planen“ (Johannes Thiele: Die andere Maria, S. 34). Marias Lied ist Lobpreis eines heiligen Umsturzes und einer göttlichen Revolution aus der Perspekive der Besiegten, Vergessenen, Misshandelten und Verlorenen. Es erinnert an die befreiende Kraft des Glaubens, die nie zum Schweigen gebracht werden kann.

Maria – nicht mehr Himmelskönigin und Erdenmagd, feierlich zur Ehre der Altäre erhoben, sondern jüdisches Mädchen, menschlich, aufmüpfig, schwesterlich, weiblich und immer unbequem für die Mächtigen, die das Bestehende bewahren wollen.

Assoziationen
Unzählige Satelliten über uns legen ein Netz der Kommunikation um die Erde. Die ganze Welt wird aufgefangen in einem elektronischen Netz. Wir fühlen uns klein, wie ein Rädchen im Getriebe. Ganz anders die Deckengemälde barocker Kirchen. Sie sind bevölkert von Engeln und Menschen. In der Mitte ist meist Maria dargestellt, ganz nah bei Gott. Die ganze Schöpfung will sie mitreißen. Gott macht uns nicht klein, sondern groß. Mensch und Welt liegen ihm am Herzen. Er traut es uns zu, diese Erde nachhaltig zum Besseren zu verändern.

Gottes Leidenschaft für die Unterdrückten:

Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinem Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen (Lk 1, 51 ff.)
Noch vor der Geburt Jesu wird der Blick beim Loblied der schwangeren Maria „auf die Kleinen und an den Rand der Gesellschaft Gedrückten gerichtet, wird aufgedeckt, was den zivilisierten Augen einer für die Wahrnehmung von Leiden und Befreiungsbedürftigkeit zunehmend unfähiger werdenden Welt verborgen bleibt. ... Gott verbirgt sich im Kleinen, Vergessenen, Geringgeschätzten, macht sich offenbar nur in der Bekehrung zu den Unterdrückten“ (Johannes Thiele: Die andere Maria, S. 32).

Maria preist ihren Gott, der sich nicht neutral verhält gegenüber dem Unrecht durch die Reichen und Mächtigen. Diejenigen, die auf krummen Wegen durch Ausbeutung und Ungerechtigkeit reich geworden sind, die sich bereichert haben und die Macht gebraucht haben, um zu unterdrücken und zu tyrannisierten, stehen im Mittelpunkt. Maria verkörpert eine christliche Grundhaltung, die Mystik und Politik miteinander verbindet. Sie ist ganz und gar gottverwurzelt und erkennt so Gottes Leidenschaft zugunsten der Unterdrückten. Es genügt nicht Maria um die Lösung der großen Menschheitsprobleme zu bitten und dann passiv zu bleiben. Wer Maria sich zum Vorbild nimmt, teilt die Sorge Gottes um seine Schöpfung.

„Der Himmel stellt sich auf die Seite all derer, die sich heute in Bewegungen sammeln wie der Ökologie-, Friedens- oder auch der Frauenbewegung, deren Kernaussage ist, dass es mit der Welt nicht mehr lange weitergeht, wenn wir weitermachen wie bisher, wenn wir nicht anfangen, einander mehr zu trauen und schonender mit der Welt, sowie gerechter miteinander umgehen. Wir Christen stehen dazu, dass Umkehr, Vertrauen, schonender Umgang mit der Schöpfung, vor allem aber Gerechtigkeit im Umkreis Gottes mehr Chancen haben als im Bannkreis der Angst des Menschen um seinen Besitz und seine Macht“ (Paul M. Zulehner: Ungehaltene Hirtenreden, S. 107 f.).

Assoziationen 
1968 schlug in Medellin (Kolumbien), anlässlich der Konferenz der lateinamerikanischen Bischöfe (CELAM) die Geburtsstunde der Befreiungstheologien. Sie entstanden im Zusammenhang mit den gegen die Diktatur und die wirtschaftliche Unterdrückung gerichteten Befreiungsbewegungen. Ihr Ansatz ändert fundamental die Blickrichtung: Arme und Unterdrückte werden als Akteure der Geschichte ernstgenommen. Sie schließen sich in Basisgemeinden zusammen und lassen eine neue Art von Kirche entstehen. Der Armut, der Vertreibung, der Rechtlosigkeit und Repression setzen die Armen ihre Hoffnung, ihren Lebenswillen und ihre dem Zusammenhalt entspringende Kraft entgegen. Im Zentrum der Verkündigung steht Jesus und sein Eintreten für die Armen, Kranken und Hungernden: eine Christologie von unten, denn das Wort ist Fleisch geworden.

Wenn sich Unterdrückte ihrer Würde und ihrer Kraft zur Befreiung bewusst werden, wird es für die bestehende Ordnung und ihre Machthaber eng.

Bischof Oscar Romero sagte kurz vor seiner Ermordung 1980: „Die Welt, der die Kirche dienen soll, ist für uns die Welt der Armen ... Und von dieser Welt sagen wir, dass sie der Schlüssel ist zum Verständnis des christlichen Glaubens, des Handelns der Kirche – der Schlüssel zum Verständnis der politischen Dimension dieses Glaubens und dieses kirchlichen Handelns. Es sind die Armen, die uns sagen, was Welt und was kirchlicher Dienst an der Welt ist“ (Franz Kamphaus: Die Welt zusammenhalten, S. 115 f.). Solange Arme unterdrückt werden, muss es befreiungstheologische Ansätze geben – auch bei uns ?!

Literaturempfehlungen

Clodovis Boff, Die Option für die Armen, 1987
Norbert Greinacher, Die Kirche der Armen. Zur Theologie der Befreiung, 1980
Franz Kamphaus, Die Welt zusammenhalten. Reden gegen den Strom, 2008
Franz Kamphaus, Eine Zukunft für alle. Umkehr zur Solidarität, 1995
Angela M. T. Reinders (Hg.), Maria Schwester im Glauben. Neue ökumenische Texte für gebet und Liturgie, 1998
Johannes Thiele (Hg.), Die andere Maria. Neue Zugänge, 1987
Paul M. Zulehner, Ungehaltene Hirtenreden. Menschlichkeit darf maßlos sein, 1988
Klaus Scheunig, Mandelbachtal

© 2006-2016 Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz