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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

8. Aug. 09 - 10. Sonntag nach Trinitatis / 19. Sonntag im Jahreskreis

ev. Reihe II kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Röm 9, 1-8.14-16

Weish 18, 6-9

Hebr 11, 1-2.8-19

Lk 12, 32-48

Der Autor betrachtet den ev. Predigttext. Stichworte zur Nachhaltigkeit: ökologische Gerechtigkeit, Dialog mit Israel / Dialog mit der Schöpfung an sich, Wohnung des Friedens

Treue zu Israel als Treue zur Schöpfung (Röm 9, 1-8)

Die Kapitel 9 – 11 im Römerbrief des Apostels Paulus gelten als der klassische biblische Text zum Verhältnis von Christen und Juden, von Israel und Kirche. Es gibt kaum einen Text, in dem Paulus in geradezu dramatischer Emotionalität und mit seiner ganzen Existenz sein Verhältnis zu seinem Volk Israel zu klären versucht. Zunächst gilt es eine Wahrheit festzuhalten: Israel ist und bleibt das von Gott erwählte Volk. Es ist seine erste Liebe; die Jüdinnen und Juden sind seine Kinder. Bei ihnen ist seine Herrlichkeit und sie haben die Bundesschlüsse, die Gabe der Tora, die Gottesdienstordnung und die Verheißungen. Am Anfang stehen die Väter und schließlich Christus, der Messias, der aus ihrer Mitte stammt. Mit Israel ist Gott auf alle Zeiten verbunden und die Menschen aus den Völkern, die Gojim, die sich zu dem Messias Israels als Christinnen und Christen bekennen, lösen dieses Bündnis Gottes nicht ab, sondern können ihm nur beitreten. Um so schmerzlicher empfindet es der Apostel, dass die Mehrheit seiner jüdischen Geschwister in Jesus von Nazareth nicht ihren Messias erkennt. Eine große Trauer erfüllt sein Herz und er kann sich sogar eine Trennung von Christus um seiner Geschwister willen vorstellen. Immer wieder wurde in der Geschichte versucht, diese Trauer und diesen Schmerz des Paulus hinter sich zu lassen und abzuwehren, weil die Kirche es nicht ertragen hat, dass das Volk Israel das von Gott auserwählte Volk ist und bleibt. Sie selber wollte dieses auserwählte Volk sein und an die Stelle Israels treten. Diese Substitution Israels durch die Kirche ist eine der wesentlichen Quellen des christlichen Antijudaismus, ohne den der mörderische Antisemitismus der Neuzeit nicht gedeihen konnte. Die Wahrheit, nämlich die offenkundige Treue Gottes zu seinem Volk, von der Paulus ausgeht und die ihm angesichts der Haltung seiner jüdischen Geschwister das Herz schwer sein lässt, hat die Kirche in ihrer Geschichte unzählige Male vergessen und in Lüge und Mord verwandelt. Die Folge dieser Israelvergessenheit der Kirche hat Dietrich Bonhoeffer auf den Punkt gebracht: „Eine Verstoßung der Juden aus dem Abendland muss die Verstoßung Christi nach sich ziehen; denn Jesus Christus war Jude.“ (Ethik, 1975, 8. Aufl., S. 95) Für Paulus jedoch stand außer Frage, was für die Judenfeinde aller Zeiten – von den ägyptischen Pharaonen bis zu Adolf Hitler – unerträglich war: Israel ist der geliebte Augapfel Gottes unter den Völkern. Deshalb kann dies für die christliche Kirche nur bedeuten, dass sie jegliche Form des Antijudaismus hinter sich lässt und nur in der Gemeinschaft mit Israel leben kann. Dies kann im Dialog, in der Freude gemeinsamen Betens und Handelns, aber auch in Traurigkeit und Schmerz geschehen. Es gibt keine Heilsgeschichte ohne das Bündnis Gottes mit Israel. Seine Weisung, seine Tora, macht uns zu Gottes Kindern, die sich ihm in Leben und Sterben verbunden wissen, die auf sein Versprechen eines neuen Himmels und einer neuen Erde vertrauen und die ihn in ihren Gottesdiensten loben und ehren.

Ja sogar die Schöpfung ist der äußere Rahmen für diese Treue zu Israel. Nachhaltig und zukunftsfähig wird auch die kirchliche Schöpfungsverantwortung nur sein können, wenn sie in Gottes Bund mit Israel den inneren Grund auch ihres eigenen Heils erkennt. Denn ökologische Gerechtigkeit kann dann Wirklichkeit werden, wenn Gottes Fürsorge für sein Volk genauso akzeptiert wird wie sein Auftrag, die Schöpfung zu gestalten und zu bewahren. Die Verheißung sozialer Gerechtigkeit, die Gott durch seine Weisung und durch seine Propheten seinem Volk aufgegeben hat, ist heute um die Verheißung ökologischer Gerechtigkeit zu erweitern. Nicht nur die Kluft zwischen arm und reich, sondern auch der rücksichtslose Raubbau natürlicher Ressourcen und die Zerstörung von Lebensgrundlagen widerspricht Gottes Willen zur Gerechtigkeit. Dem Volk Israel war das Land Leihgabe, mit dem es pfleglich und sorgsam umzugehen hat. Die Verteilung der Güter sollte jedem Bedürftigen genug zum Leben einräumen. Vielleicht haben wir noch gar nicht erkannt, wie eng der triumphalistische christliche Antijudaimus und die Beherrschung und Ausbeutung der natürlichen Mitwelt zusammenhängen. Wer Gottes Treue zu Israel nicht gelten lässt und meint, sich eigenmächtig an Israels Stelle zu setzen, der dürfte auch wenig Skrupel haben, die Schöpfung zu seinem Herrschaftsgebiet zu erklären und als seinen Besitz in Anspruch zu nehmen. Auf die Rechte der nichtmenschlichen Natur wurde genau so wenig Rücksicht genommen wie auf das Lebensrecht Israels. Beides war und bleibt eine Lästerung des Willens Gottes zum Leben. Wie sehr die Welt auf diesem Willen Gottes beruht, haben bereits die Rabbiner in ihrer reichen Auslegungstradition der Tora betont. Im Kapitel I der „Sprüche der Väter“, einer Sammlung rabbinischer Gelehrsamkeit, heißt es: „Mose empfing die Tora vom Sinai und überlieferte sie Josua und Josua den Ältesten und diese den Propheten und diese den Männern der großen Versammlung. Diese sprachen drei Dinge aus: Seid vorsichtig im Urteil! Nehmt viele Schüler an! Macht einen Zaun um die Tora! Simon der Gerechte war einer der letzten Männer der großen Versammlung; er sprach: Auf drei Dingen beruht die Welt: auf der Tora, auf dem Gottesdienst und auf den Liebeserweisungen.“ Zurückhaltung im Urteil und stetige Lernbereitschaft sowie eine Begrenzung des eigenen Handelns durch Gottes Weisung sind Kennzeichen einer Lebenshaltung, die in der Gemeinschaft und im Dialog mit Israel eingeübt werden kann. Dass Kirche und Israel die zwei Gestalten des einen Volkes Gottes sind, das beginnen die Christinnen und Christen erst jetzt, d.h. nach der Shoah, dem schrecklichen Massenmord an den Juden, langsam zu begreifen. Schuld und Blindheit gegenüber Israel wird von den Kirchen eingestanden, für die Erkenntnis, dass Schuld und Blindheit auch gegenüber der Schöpfung über Jahrhunderte das Verhalten der Kirchen bestimmt hat, braucht es wohl noch einige bittere und schmerzliche Erfahrungen. Um die Schöpfung im Zusammenhang mit dem Bundeswillen Gottes zu verstehen, fangen Christinnen und Christen an, die hebräische Bibel, in unserem missverständlichen Sprachgebrauch das ‚Alte Testament’, gemeinsam mit Jüdinnen und Juden zu lesen und besonders die Kirchen lernen, ihre eigenen jüdischen Wurzeln zu entdecken. Ohne diese jüdischen Wurzeln sind Jesus und Paulus, Petrus und Johannes, ist kein Text des Neuen Testaments zu begreifen. Eine judenfeindliche Kirche ist eine gottlose und schöpfungsfeindliche Kirche, weil sie dem barmherzigen Erwählungswillen Gottes widerspricht. In der Liebe Gottes zu Israel können wir die Liebe Gottes zu seiner gesamten Schöpfung erkennen, denn die Liebe zeigt sich stets konkret in der Erwählung des oder der Geliebten. In dieser Entscheidung für einen unverwechselbaren und unersetzlichen Einzelnen liegt das unauflösliche Geheimnis der Liebe. Als die zweite Liebe Gottes ist die Kirche aufgerufen, Zeugin seiner ersten Liebe zu Israel zu sein. Denn in jeder ersten Liebe steckt die große Verheißung, dass die Schöpfung zur Wohnung des Friedens und kein verwahrloster Müllplatz wird. Die Trauer und der Schmerz des Paulus, dass sein Volk die Zuwendung Gottes, die sich in der Geschichte Jesu als Messias Israels ereignet hat, in seiner Mehrheit nicht sieht, hat für die Kirche zur Folge, dass sie für dieses Volk überzeugend und glaubwürdig Verantwortung für die Schöpfung und Barmherzigkeit gegenüber ihren Mitmenschen leben. Denn die beunruhigende Frage, welche die Juden an die Christen stellen, lautet doch: wenn Jesus der Messias ist, auf den sie selbst noch warten, und der ein Reich des Friedens, der Gerechtigkeit und der Freiheit versprochen hat, warum erkennen sie in seinen Anhängerinnen und Anhängern nicht wenigstens diesen Geist, der die zerrissene und missbrauchte Schöpfung zu heilen versucht? Erst wenn die Kirche diese jüdische Kritik an ihrem Zeugnis ernst nimmt, wird sie nicht nur Israel die Treue halten, sondern auch ein neues Bündnis mit der guten Schöpfung Gottes schließen.

Werner Schneider-Quindeau, Frankfurt am Main

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