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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

20. Jun. 10 - Sonntag nach Trinitatis / 12. Sonntag im Jahreskreis

ev. Reihe II kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

1 Tim 1, 12-17

Sach 12, 10-11; 13, 1

Gal 3, 26-29

Lk 9, 18-24

Der Verfasser betrachtet alle Predigtperikopen des Sonntags. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Einstellungsfragen im täglichen Leben und bei der Amtsausübung, Rolle von „Barmherzigkeit“ im heutigen Kontext (1 Tim 1); Rachefantasien vs. Konzept der Versöhnung (Sach 12); christlich-solidarisches Vertrauen in die Möglichkeit einer anderen Welt angesichts ungerechter Gewaltordnungen (Gal 3); Einsatz der „Waffe“ der Hingabe bei sozialen Konflikten (Lk 9)

1 Tim 1, 12-17

Exemplarische Existenz
Die Pastoralbriefe (1.+2.Tim, Titus) sind pseudepigraphische Schriften der spätapostolischen Zeit. Die Gemeinden begannen, sich aus den verschiedensten Impulsen heraus zu konsolidieren. In ihren Konflikten wird die Autorität des Paulus beschworen. Die Perikope modelliert seine spirituelle Biographie als Leitbild für die Verkündigung und für die lebenspraktischen Fragen der Gemeinden, so z.B. für die Fragen nach der Stellung der Frauen und die der Sklaven sowie für die Einstellung zum Reichtum. Ein besonderes Gewicht liegt auf der Rolle und den Aufgaben der Amtsträger in den Gemeinden. Von ihnen wird ein exemplarisch tadelloses Verhalten gefordert. Deutlich ist dabei eine – gegenüber dem historischen Paulus – konservativere und moralisierende Tendenz. Man kann von einer Verbürgerlichung der Gemeinden und einer Anpassung an die gesellschaftliche Umwelt und ihrer Normen sprechen. - Doch im Schlüsselwort der Perikope, Barmherzigkeit, leuchtet auf, wie Gnade, Glauben und Liebe erfahren und weitergegeben werden: als kritische Solidarität mit den Mitmenschen aufgrund göttlicher Geduld. Und so ist die Erfahrung des Apostels ein Maßstab, der auch in der Gegenwart gilt - sowohl für die Streitfragen innerhalb der Kirchen und zwischen ihnen als auch in den gesellschaftlichen Konflikten und Verwerfungen.

Sach 12, 10+11; 13,1

Im messianischen Licht
Die Textauswahl ist sichtlich an der christologischen Deutung orientiert, die sich durch das zweimalige Zitat „sie werden den ansehen, den sie durchbohrt haben“ in Joh 19, 37 und Offb 1, 7 nahelegt. Doch dadurch ist die Gefahr einer vorschnellen christlichen Enteignung des jüdischen Textes gegeben! - Der Prophet Sacharja tritt im frühen 6. Jahrhundert während der Regierungszeit des persischen Großkönigs Darius auf. Die persische Toleranzpolitik begünstigte die Rückkehr von Teilen der Exilierten nach Juda und Jerusalem und den Wiederaufbau des Tempels, dem zentralen Heiligtum des jüdischen Volkes. Der Prophet verbindet dieses Projekt mit einem Rückgriff auf die vorexilischen Traditionen des Königstums, die nun messianischen Charakter erhalten. Zugleich wird eine schonungslose Abrechnung mit den damaligen Feinden imaginiert (vgl. Sach 12, 1 ff.!). Solche Rachefantasien erklären sich als Projektionen der Traumata, die die Exilierten erlitten haben. Erst in dieser Perspektive, der Perspektive der Opfer, gewinnt die Textauswahl ihr Recht! Angesichts der fortwährenden Geschichte der Gewalt, des Leidens und der Opfer erhalten die aus ihrem ursprünglichen Kontext genommenen Sätze einen neue Perspektive und können auch christlich ausgelegt werden. Rachefantasien haben im „Geist der Gnade und des Gebets“ (V.10) allerdings keinen Platz mehr. Vielmehr stellt sich denjenigen, die den, „den sie durchbohrt haben“, als den Gekreuzigten „ansehen“, die Aufgabe der Versöhnung.

Gal 3, 26-29

Herzschlag des Evangeliums
Der Brief an keltische Einwanderer in Kleinasien, die Galater, ist charakterisiert worden „als Dokument einer grenzüberschreitenden solidarischen Glaubenspraxis, die sich im Angesicht globaler Herrschafts- und Gewaltordnungen das Vertrauen auf eine ‚andere Welt‘ nicht ausreden lässt, bis hin zur Konsequenz des zivilen Ungehorsams.“ (B. Kahl) Gal 3, 26-28 ist wie ein Siegel darauf. Für „Gottes Kinder in Christus“ V. 26) relativieren sich die herrschenden Unterscheidungen zwischen „uns“ und den „Anderen“. Jedes Ich gewinnt seine Identität vom Anderen her, der in der Beziehung oder Begegnung „auf Augenhöhe“ zum Du wird. Der / die Andere ist weder „minderwertig“ (Frauen, Sklaven) noch ein „Fremder“ (Griechen bzw. Juden). Geschlechtsspezifische, religiöse, soziale und politische Unterschiede verlieren ihre diskriminierende Gewalt. An ihre Stelle tritt eine in sich reich gegliederte und vielfarbige Gemeinschaft, eine Ökumene der Gotteskinder. - Heute können die in Christus Getauften als „Erben Abrahams“ ihren nächsten spirituellen Verwandten, den Juden und Muslimen, auf gleicher Augenhöhe begegnen. Gegenseitige Diskriminierung kann und soll zu geistigem und sozialem Reichtum werden. – Für die gegenwärtigen Differenzen zwischen den Kirchen und Religionen und angesichts der immer weiter auseinander klaffenden Schere zwischen Reichen und Armen bleibt Gal 3, 26-28 ein unaufgebbarer kritischer Maßstab, vergleichbar den Worten der Bergpredigt.

(Zitat: Brigitte Kahl in ‚Bibel in gerechter Sprache‘, 2006, S.2148; vgl. dies. zum Galaterbrief in Kompendium feministische Bibelauslegung, 2. Aufl.1998, S.603-611. Höchst lesenswert!)

Lk 9,18-24

Todesschatten und Lebenslicht
Der Text hat einen doppelten Kontext: einen literarischen und einen zeitgeschichtlichen. „Du bist der Christus Gottes“ - literarisch folgt das Bekenntnis des Petrus auf die Geschichte von der Speisung der 5000. Überwältigt nicht nur von dieser Erfahrung ruft Petrus den Beginn der messianischen Zeit aus. Aber die sieht völlig anders aus als erwartet! Denn der zeitgeschichtliche Kontext des Lukas-Evangeliums - die Leiden im jüdischen Krieg und die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr - stellt die klassische Messiaserwartung infrage. Wenn Jesus der Messias ist, dann jedenfalls kein strahlender Sieger, kein Imperator im herkömmlichen Sinn. Ihm zu folgen heißt vielmehr, dem Gekreuzigten zu folgen und seine Leiden zu teilen. Das ist eine andere, gewissermaßen subversive Form des Widerstands gegen politische Gewalt und soziale Deklassierung als der bewaffnete Kampf. Die „Waffen“ des Gekreuzigten sind die selbstlosen Taten der Liebe: Hinwendung zu den Armen, Heilung der Kranken, Überwindung der sozialen und politischen Grenzen und Vorurteile. Auf diesem in Christus gegründeten Weg der Hingabe stirbt das ehrgeizige, selbstsüchtige Ich und gewinnt eine neue Identität.

Dr. Wolfgang Herrmann, Geilnau

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