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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

6. Jun. 10 - 1. Sonntag nach Trinitatis / 10. Sonntag im Jahreskreis

ev. Reihe II kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

1 Joh 4, 16b-21

1 Kön 17, 17-24

Gal 1, 11-19

Lk 7, 11-17

Der Autor betrachtet alle Predigtperikopen des Sonntags. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Krisenbewältigung, Lippenbekenntnisse, echte Veränderung (1 Joh 4); soziale Gerechtigkeit: mehr handeln, tragen und berühren statt diskutieren, rechtfertigen und klagen (1 Kön 17); aus seinen Fehlern lernen als Grundvoraussetzung aller Nachhaltigkeit (Gal 1); Kirche als Botschafter des Lebens – sich für das Leben und die Möglichkeiten der Verwirklichung einsetzen (Lk 7)

1 Joh 4; 16b – 217

Auch wenn viele neutestamentlichen Briefe innergemeindliche Krisen und Konflikte zum Thema haben, so ist doch der erste Johannesbrief ist in besonderer Weise ein Kriseninterventionsbrief. Hier böte sich bereits ein erster Anknüpfungspunkt, um den Text mit unserer krisengebeutelten Gegenwart fruchtbar ins Gespräch zu bringen. Natürlich war es keine Finanz- oder Wirtschaftskrise, die den Anlass für den Ersten Johannesbrief boten, trotzdem zeigen sich Parallelen zur heutigen Situation.

Offensichtlich war bei den Adressaten des Johannesbriefes die Gemeinschaft in die Krise geraten. Vor allem die letzten Verse des Predigttextes machen deutlich, was im Argen liegt: Man glaubte, die Gottesliebe von der Nächstenliebe trennen zu können. Offensichtlich war die Solidarität und der gegenseitige Respekt verloren gegangen. Jeder war sich selbst der Nächste geworden. Diese Grundhaltung hat durchaus Parallelen zur Krise der Banken und der Industrie in unserer Gegenwart. Auch hier haben Egoismus und egozentrische Spekulationen, die nur auf den eigenen Gewinn aus sind die entscheidende Rolle gespielt. Der Tag der Abrechnung, den wir im Glauben erst noch erwarten, kam für die Heilspropheten unserer Tage, die unendliches Wirtschaftswachstum und himmlische Renditen versprechen, früher als gedacht. Beiden Krisen gemeinsam ist der Vertrauensverlust. Es ist schon erstaunlich zu sehen, welche Renaissance die Rede vom Vertrauen in der Krise erlebt hat. Auch hier wäre ein möglicher Ansatzpunkt für eine Predigt.

Nicht nur bei Theologen scheint es modern zu sein, Krisen als Chancen zu sehen. So wollen auch viele Finanz- und Wirtschaftsexperten den aktuellen Krisen Positives abgewinnen. Unternehmen würden gestärkt aus ihnen hervorgehen. Notwendige und in Boomzeiten gerne auf die lange Bank geschobene Konsolidierungsmaßnahmen würden endlich angepackt. Die Märkte würden bereinigt. In diesen Lobpreisungen der Krise geht leicht unter, dass die angeblichen Chancen noch immer vom selben Geist durchdrungen sind, die die Krise ausgelöst haben. Ein wahres Umdenken – oder gar so etwas wie Buße – findet bislang nicht statt. Für den Verfasser des Johannesbriefes ist aber klar, Lippenbekenntnisse reichen nicht aus. Erst in der Tat wird die Einstellung konkret. Erst in der Nächstenliebe nimmt die Liebe zu Gott Gestalt an. Es wäre spannend in diesem Sinne einmal dem Verhältnis von Gottvertrauen (Glauben) und gegenseitigem Vertrauen nachzuspüren.

1 Könige 17, 17-24

Im Zentrum dieses Textes steht die anklagende Frage der Frau, warum die Rechtschaffenen nicht belohnt, sondern oft scheinbar sogar noch bestraft werden. Man fühlt sich an Ulrich Wickerts Buchtitel „Der Ehrliche ist immer der Dumme“ erinnert. Neben der Theodizee-Problematik, die zweifellos in diesem Text steckt, wird in der Anklage der Frau das tiefe Bedürfnis des Menschen nach Gerechtigkeit spürbar. Wir stellen den Anspruch an das Leben, dass es einen erkennbaren Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen, zwischen Handeln und Erleiden gibt. Dem ehrlichen, fleißigen und anständigen Menschen soll es besser gehen als dem unehrlichen, faulen und unanständigen Zeitgenossen. Es verletzt das Gerechtigkeitsgefühl des Menschen, dass es in der Welt so oft umgekehrt zuzugehen scheint. Da hat sich in den letzten Jahrtausenden wenig verändert, außer vielleicht, dass aus dem Spott der Gottlosen über die Frommen der Spott der Skrupellosen über die Anständigen geworden ist.

Für die einen war diese Diskrepanz schon immer der Beweis, dass Gott nicht existiert – in dieses Horn bliesen schon die Freunde Hiobs. Immanuel Kant dreht den Spieß um und postuliert, dass es gerade deshalb Gott als ausgleichende Instanz geben müsse, weil es sonst gar keinen Anreiz zur Anständigkeit mehr gäbe, auch wenn diese ausgleichende Gerechtigkeit erst am Jüngsten Tage erfolgt.

In der Geschichte werden die Verhältnisse schon in der Gegenwart zurecht gerückt und nicht vertröstet. Elia diskutiert nicht, er versucht der trauernden Mutter nicht zu erklären, warum Gott Leiden zulässt. Er rechtfertigt weder Gott noch das Leiden. Er handelt, er trägt, er berührt. Der Knabe kehrt ins Leben zurück, wodurch der Prophet als wahrer Gottesbote legitimiert wird. Zeigt Elia uns hier einen Weg im Umgang mit den ungerechten Verhältnissen unserer Zeit? Weniger diskutieren, weniger rechtfertigen und klagen, sondern mehr Handeln, Tragen und Berühren würde sicher auch der Legitimation der Kirche als Gottesbotin gut tun.

Galater 1, 11-19

In seinem Brief an die Galater beschreibt Paulus seine Mission. Er erklärt, was ihn an- und umtreibt. Doch es fällt schwer, diese Selbstdarstellung des Apostels in der heutigen Zeit so zu formulieren, dass Paulus nicht unsympathisch, eigenbrödlerisch und überheblich erscheint. Leicht wirken seine Worte so, als habe er niemanden nötig. Keinen, der ihn belehrt, keinen, der ihn unterstützt und erst recht keinen, mit dem er sich absprechen müsste, nicht mit seiner Familie und auch nicht mit den übrigen Aposteln. Kephas trifft er erstmals nach drei Jahren. Gott allein habe ihn erwählt, inspiriert, beauftragt, begabt und legitimiert. Hinter dieser Selbstrechtfertigung steckt eine große Not des Apostels. Er will sich Gehör verschaffen. Er ringt um Aufmerksamkeit. Nicht jeder der etwas zu sagen hat, hat auch etwas zu sagen. Damals wie heute, bleibt so mancher guter Gedanke ungehört und ohne Konsequenzen, nur weil ihn die falsche Person gedacht oder vorgebracht hat. Allzu oft verschwindet die Botschaft hinter dem Image der Boten.

Paulus hat es schwer, akzeptiert zu werden, weil ihm seine Vergangenheit im Weg steht, weil er nicht zum Kreis der erwählten Jünger gehörte, weil es den Zuhörern nicht gelingt, zwischen Person und Anliegen zu differenzieren. Man vertraut der Botschaft nicht, weil man dem Boten nicht vertraut, deshalb verweist er so vehement und mit so viel Nachdruck auf Gott als den Urheber seiner Mission. Dieses Problem hat die Kirche bis heute. Ihre Botschaft bleibt bisweilen ungehört, weil die Menschen ihr Bild von einer Kirche im Kopf haben, die altmodisch, konservativ, geldgierig, machthungrig und besserwisserisch ist. Dieses Image, dass die Kirche bei vielen hat, ist das Resultat einer fast zweitausendjährigen Geschichte. Und so wie Paulus sich immer wieder aufs neue mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen muss, wird auch die Kirche die dunklen Flecken ihrer Geschichte nicht los, seien es nun Kreuzzüge, Inquisition oder die Haltung zum Nationalsozialismus im Dritten Reich. Wer nachhaltig die Zukunft verändern will, darf die Vergangenheit nicht ignorieren – schon gar nicht die eigene. Von Paulus lernen, heißt den eigenen Saulus zu erkennen. Nur wer offen und ehrlich auch mit dem eigenen Versagen umgeht, kann aus seinen Fehlern lernen und das ist die Grundvoraussetzung aller Nachhaltigkeit.

Lukas 7, 11-17

Die Erzählung von der Erweckung des Jünglings von Nain scheint auf den ersten Blick große Parallelen zu 1 Kön 17, 17-24 zu haben. Allerdings liegt bei Lukas der Fokus sehr viel stärker auf dem Mitleid und dem Erbarmen, das für die Mutter und ihre Situation Jesus empfindet. Der Tod des Jünglings ist nicht einfach nur ein tragischer Todesfall. Der Witwe stirbt der einzige Sohn, der letzte Verwandte. Mit ihm verliert sie mehr als nur einen Menschen. Sein Tod bedeutet den Verlust ihrer Lebensgrundlage, er stürzt sie nicht nur in tiefe Trauer, sondern auch in existentielle Not und Verzweiflung. Das Wunder der Auferweckung bedeutet für die Witwe Leben im doppelten Sinn. Ihr wird nicht nur das Leben ihres Sohnes, sondern auch ihr eigenes zurück gegeben.

Kann Handeln noch nachhaltiger sein, als durch die Verhinderung eines Sterbens weiteren Menschen das Leben zu retten? Beispiele gäbe es viele: Aidskranke Eltern in Afrika, durch deren Tod auch die Zukunftsperspektiven ihrer meist noch kleinen Kinder „sterben“. Kindersoldaten, deren Sterben die Zukunft ihres Landes gleich mit vernichtet oder Lebensräume, deren Zerstörung zu kommerziellen Zwecken langfristig unser aller leben gefährdet.

Wir leben nicht für uns allein, sondern in sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Zusammenhängen, in denen der Tod des einen, das Leben des andern gefährdet oder umgekehrt das Leben des einen, das Überleben des andern sichern hilft. Wenn Kirche Botschafter des Lebens sein will, muss sie diese Zusammenhänge immer wieder thematisieren und sich tatkräftig für das Leben einsetzen.

Dirk Reschke, St. Ingbert

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