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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

09. Mai. 09 - Rogate / 6. Sonntag der Osterzeit

 

 

ev. Reihe II kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

1 Tim 2, 1-6a

Apg 15, 1-2.22-29

Offb 21, 10-14.22-23

Joh 14, 23-29

 

Der Verfasser betrachtet alle Predigtperikopen des Tages. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Eingebundensein des Menschen in die Natur (allg.); Klima-Migration, Zusammenhang Schöpfung und Erlösung - selbst Schritte unternehmen (1 Tim 2), Götze Konsum / Fleischkonsum, ökolog. Fußabdruck (Apg 15); erneuerbare Energien / Klimawandel – auf Sand gebaut haben (Offb 21); in die Welt geschickt sein / „Raumschiff Erde“, Herausforderung des Glaubens (Joh 14)


Sonntag Rogate – 6. Sonntag der Osterzeit
Die Bezeichnung „Rogate“ (lat. rogate, bittet) geht auf Bittprozessionen zurück, die früher an diesem Sonntag und in der darauf folgenden Woche in ländlichen Gebieten durch die Felder gingen, um für eine gute Ernte zu beten (bitten). Sofern der Brauch heute noch lebendig ist oder wieder aufgegriffen werden soll, kann eine solche Prozession durch die Felder die Eingebundenheit des Menschen in die gesamte Schöpfung deutlich machen – der Mensch nicht als Dirigent des Orchesters der Natur, die theologisch als Schöpfung bedacht wird, sondern als eine Musikerin unter anderen, die erst zusammen eine klingende Symphonie oder einen beschwingten Blues ermöglichen. Der leider schon verstorbene englische Biochemiker und Theologe Arthur Peacocke und die amerikanische Theologin Ann Pederson greifen diesen „musikalischen“ Ansatz auf. Sie weisen gerade im Kontext einer Schöpfungstheologie darauf hin, dass die explizit verbale Sprache, die christliches Reden von Schöpfung, Gott, Humanität und Natur charakterisiert, in weiten Kreisen der Gesellschaft zunehmend auf taube Ohren stoße. Daher sei es unbedingt notwendig, neue Bilder, Modelle und Metaphern zu finden, die die immer noch gegebene Wirkmächtigkeit einer christlichen Schöpfungstheologie wieder neu zugänglich machen. Ihr Zugang ist folgerichtig ein musikalischer – über „klassische“ Musik, aber auch über Jazz und Blues (Peacocke/Pederson, The Music of Creation). Das hat unmittelbare Auswirkungen auf das Gottesbild: Gott selbst – so die deutsche Theologin und Bischöfin von Lund (Schweden), Antje Jackelén – ist nicht deterministisch, sondern hat das Haus von Newton längst verlassen, ist dynamisch und kreativ, von der Ewigkeit her offen für unsere Zeit. Gott lädt uns ein, zu Gottes Schöpfungsmusik zu tanzen, dem Rhythmus der Schöpfung zu lauschen und sich von diesem Rhythmus führen zu lassen – auch, damit wir die „neue Meta-Erzählung“ Kampf gegen den Klimawandel (so Antje Jackelén im Juli 2008 in einem Vortrag auf einer internationalen Konferenz in Madrid) zu einem versöhnlichen Ende führen können.

Dies ergänzt sich mit einem Charakter des Sonntags, bei dem vor allem im Predigttext der EKD-Reihe Bitten und Beten angesprochen werden, so dass der sprachlichen Vermittlung dieser Frömmigkeitspraxis sicherlich ein eigenes Gewicht zugemessen werden kann. Doch hat Musik, insbesondere singen, bekanntlich viel mit beten zu tun: So hat der Kirchenvater Augustin bereits gesagt: „Zweimal betet wer einmal singt“ – aufgegriffen durch „The Priests“ („Die Priester“), die mit ihrer ersten Musik CD – dem “am schnellsten verkauften klassischen Debütalbum Großbritanniens” – am Ende des Jahres 2008 in mehreren Ländern in die Charts gekommen sind: „Wenn wir singen, beten wir zweimal“, bekräftigen die drei Priester der katholischen Kirche im Norden Irlands, die ihre priesterliche Arbeit mit der Verbreitung des Glaubens durch Musik verbinden und damit vor allem kirchenferne Menschen erreichen wollen. Auch der lateinische Anfang des Psalms, der als Introitus beim Einzug gesungen wurde, bleibt nicht bei trockener Sprache alleine: „Vocem jucunditatis annuntiate, et audiatur – Verkündet es jauchzend, damit man es hört!“ (Jes 48, 20).

Bitten, beten, singen und sich in Gottes Schöpfung einfinden rücken so in den Mittelpunkt des Sonntags Rogate.


EKD Reihe II - Predigttext: 1. Timotheus 2, 1-6a

Im Zentrum dieser Perikope des Pastoralbriefes an Timotheus steht die Ermahnung, Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen zu tun, damit allen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. In Jesus Christus wird der „eine“ Mittler zwischen Gott und den Menschen gesehen, der sich selbst für alle zur Erlösung hingegeben habe.

Es wird damit deutlich, wie eng Schöpfung und Erlösung zusammen hängen, so dass dieser Bezug in der Predigt einen Ort finden kann. Beides sind sich begleitende, immer neu geschehende Prozesse, in denen Gott auf den Menschen zugeht, der wiederum damit aufgerufen ist, nicht in Starre zu verfallen, sondern selbst Schritte zu unternehmen, die orientiert am „modellhaften“ Verhalten Jesu diesem Handeln Gottes entsprechen. Verantwortung da zu übernehmen, wo wir gerade stehen auf unserem Weg durch das Leben. Gebet, Bitte und Danksagung für alle Menschen zielen auf ein gerechtes und damit der Nachhaltigkeit verpflichtetes Verhalten allen Menschen gegenüber ab – auch wenn dadurch die Aussagen über die untergeordnete Rolle der Frau in den sich anschließenden Versen 8-15 quergebürstet werden müssen. Denn ein gerechtes Verhalten allen Menschen gegenüber geht vom gleichen Wert und der gleichen Würde aller Menschen aus und nimmt insbesondere die Probleme, vor denen – im doppelten Sinne des Wortes – „kommende“ Klima-Migrantinnen stehen, ernst – nimmt diese freundlich auf, wenn sie an unsere Türen klopfen werden müssen. Das mag dann zwar kein oberflächlich betrachtet „ruhiges und stilles Leben“ mehr sein, aber sehr wohl eines „in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit“, wie es im Text heißt – mit innerer Ruhe und Stille. Möglicherweise kann die Predigerin oder der Prediger genau mit diesem wichtigen Problem des Klima-Wandels in die Predigt einsteigen – jeweils aktuelle Prognosen über die zu erwartende Zahl an Klima-Migrantinnen werde sicherlich über das Internet oder die Tagespresse zu finden sein. Gebet, Bitte und Danksagung wenden sich nicht nur nach innen, sondern haben ihre aktive Außenseite. Sie spiegeln sich mit dieser nicht nur im Singen, sondern auch in unserem tätigen Verhältnis zu unseren Mitmenschen – und zur gesamten Mitschöpfung, wenn die einleitenden Bemerkungen über unser Eingebundensein in die Natur noch hinzu gezogen werden.

Kürzere Impulse und Assoziationen nun zu den einzelnen Texten des Katholischen Lesejahres.


1. Lesung: Apg 15,1-2.22.29

Nicht alles dient zum Guten, ist eine der Botschaften aus der Perikope der Apostelgeschichte: Götzenfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht sind zu meiden. Das gilt – im Kontext der Frage nach Nachhaltigkeit – auch für vieles, was unser Leben in den reichen Industriestaaten schön und bequem macht: übermäßiger Konsum, gerade auch von Fleisch, kommt als „unser“ Götze in den Blick, der direkten, negativen Einfluss hat auf das Leben der Menschen in den ärmeren Ländern des Südens. Um hier Not zu wenden, ist es notwendig, dass wir unser Konsumverhalten und – allgemeiner noch – unseren Lebensstil den sich ändernden Bedingungen anpassen und auf eine gerechte Gestaltung des ökologischen Fußabdrucks zielen, um allen Menschen menschenwürdige Lebensbedingungen zu ermöglichen.


2. Lesung: Offb 21, 10-14.22-23

Nicht auf Sand zu bauen, der unter den Füßen weggespült werden könnte, ist ein wichtiger Impuls, der sich aus dieser Perikope der Offenbarung ergibt. Längst hat nicht jeder Mensch auf der Erde die Möglichkeit, sich sein Haus so zu bauen, dass es in wechselnden klimatischen Verhältnissen Schutz bietet: Manchen Inselbewohnern wird buchstäblich der Sand unter den Füßen weggespült werden, wenn sich die Meeresspiegel erhöhen. Sie werden ihre Heimat verlieren. Vertrauen in Gott ist notwendigerweise gekoppelt mit dem Bau menschenwürdiger Behausungen und einer Beheimatung für die ärmsten unter uns durch die, die es sich leisten können – und durch deren Verhalten die anthropogen verursachte Seite des Klimawandels entstanden ist. Im Unterschied zum himmlischen Jerusalem ist diese irdische Stadt auf die Sonne als Energiespenderin angewiesen, mit einem klaren Ja zu erneuerbaren Energien. – Eine Nebenbemerkung: Im Sinne des aus der Evolutions- und Verhaltensforschung stammenden, sogenannten Handicap-Prinzips mag es sogar Sinn machen, nicht nur menschenwürdig, sondern wirklich „kostbar“ zu bauen. Dies würde als Signal dafür angesehen, dass man ein zuverlässiger Vertragspartner ist. Die Grenze zum Verschwenderischen und damit Unglaubwürdigen ist jedoch beim Übergang aus der biologischen Betrachtung in die soziale Anwendung sehr leicht überschritten. Es steht jedoch außer Frage, dass sich Lebensgestaltung, die sich am Billigen – im Unterschied zum Günstigen – orientiert, nicht nachhaltig ist, sondern zum Erhalt einer Wegwerfgesellschaft beiträgt.


Evangelium: Joh 14, 23-29

„Steht auf, wir wollen weggehen von hier“ (v 31) – mit dieser synoptischen Wendung endet die erste Abschiedsrede aus dem Johannesevangelium. Und es könnte sich empfehlen, das Evangelium nicht mit v 29, sondern erst mit diesem v 31 enden zu lassen. Es handelt sich dabei nicht allein um eine literarische Szenenänderung, sondern zumindest implizit auch um die „Aufforderung an die Lesergemeinde, mit dem nun gefestigten Glauben und der zurückerlangten Identität aufs neue in die Welt hinauszugehen“ (Onuki, 101). Der johanneische Jesus hatte sich mit seinen Jüngern aus der Welt zurückgezogen, ihnen in seinen Abschiedsreden sein Vermächtnis mit auf den Weg gegeben. Und schickt sie damit wieder „in die Welt“ – als den Ort, an dem das Evangelium bezeugt werden soll. Um das in den Kontext von „Nachhaltig Predigen“ zu stellen: Als den Ort, der als zu bewahrende Schöpfung den Menschen mit anvertraut ist. Der des Friedens und der Gerechtigkeit bedarf – gerade auch in ökologischer Hinsicht. Auch wenn es schon oft ein Menschheitstraum war, ferne Welten zu besiedeln - unsere Heimat ist das „Raumschiff“ Erde. Diese nachhaltig zu bewahren – dazu werden wir immer wieder neu geschickt.

Das „Prinzip Nachhaltigkeit“ fordert somit „den Glauben heraus, die Zeichen der Zeit zu lesen, um tradiertes Orientierungswissen im Horizont neuer Herausforderungen und Gotteserfahrungen für die Gegenwart fruchtbar zu machen“ (Vogt, Umschlag). Eine spannende hermeneutische Aufgabe nicht nur der sonntäglichen Predigt.

Dr. Hubert Meisinger, Mainz

Literatur:

Jackelén, Antje: Zeit und Ewigkeit. Die Frage der Zeit in Kirche, Naturwissenschaft und Theologie, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 2002.
Onuki, Takashi: Gemeinde und Welt im Johannesevangelium, WMANT 56, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1984.
Peacocke, Arthur, und Ann Pederson: The Music of Creation. With CD-Rom, Theology and the Sciences, Minneapolis: Augsburg Fortress, 2006.
http://www.youtube.com/watch?v=hxkICjljzXA
 (Stand Juli 2009).
Vogt, Markus: Prinzip Nachhaltigkeit. Ein Entwurf aus theologisch-ethischer Perspektive, München: Oekom Verlag, 2009.
Zahavi, Amotz, und Avishag Zahavi: Signale der Verständigung. Das Handicap-Prinzip, Frankfurt/Main: Insel Verlag, 1998.

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