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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

04. Apr. 10 - Osternacht / Ostersonntag

ev. Reihe II kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Nacht: Kol 3, 1-4
Tag: 1 Kor 15, 1-11

Nacht:
Gen 1, 1 - 2, 2 (1. L.)
Gen 22, 1-18 (2. L.)
Ex 14, 15 - 15, 1 (3. L.)
Jes 54, 5-14 (4. L.)
Jes 55, 1-11 (5. L.) ...

Tag:
Apg 10, 34a.37-43

 ...
Bar 3, 9-15.32 - 4, 4 (6. L.)
Ez 36, 16-17a.18-28 (7. L.)
Epistel: Röm 6, 3-11


Tag:
Kol 3, 1-4 od.
1 Kor 5, 6b-8

Nacht: Lk 24, 1-12
Tag: Joh 20, 1-9

Der Autor betrachtet den Predigttext der ev. Reihe II sowie den 2. und 6. Lesungsabschnitt aus der kath. Leseordnung. Stichworte: Zukunftsgestaltung statt Weltflucht (Kol 3), Nein zum Menschenopfer – Ja zum Leben (Gen 22); Gottes lebensfreundliche Weisheit, auf Dauer und Fortbestand ausgelegt (Bar 3)


Stellung im Kirchenjahr

Die Osternacht feiert den Übergang von Jesu Tod zu seiner Auferstehung, von Trauer und Niedergeschlagenheit zu Hoffnung und Freude, vom Dunkel zum Licht. Die Texte der Perikopen- und Lesungsordnung tragen dazu bei, diesen Zusammenhang auszudifferenzieren und zu vertiefen.


Text: Kol 3, 1-4 (ev. Reihe II)

Stichwort: Zukunftsgestaltung statt Weltflucht
Der Verfasser des Kolosserbriefs wendet sich an die Gemeinde in Kolossä, um sie in der Lehre des Paulus zu bestärken und vor weltanschaulicher Fehlorientierung zu warnen. Gegenstand seiner Kritik sind gnostisch-synkretistische Kreise, die zwar behaupten, an der Auferstehung Jesu teilzuhaben, aber keine ethischen Konsequenzen daraus ziehen.

Indem sie viermal den Namen Christi nennen, betonen die vier Verse des Predigttexts die Christusbezogenheit als zentrale Prägung der Glaubenden, die Gegenwart und Zukunft sowie Immanenz und Transzendenz umfasst. Die Gemeinsamkeit mit dem auferstandenen Christus erweckt zu neuem Leben, das zugleich als eine heilsame Infragestellung irdischer Orientierungsmuster wirksam wird: „Daran entscheidet sich heute Gewaltiges, ob wir Christen Kraft genug haben, der Welt zu bezeugen, dass wir keine Träumer und Wolkenwandler sind. Dass wir nicht die Dinge kommen und gehen lassen, wie sie nun einmal sind. Dass unser Glaube wirklich nicht das Opium ist, das uns zufrieden sein lässt inmitten einer ungerechten Welt. Sondern dass wir, gerade weil wir trachten nach dem, was droben ist, nur umso hartnäckiger und zielbewusster protestieren auf dieser Erde.“ (Dietrich Bonhoeffer, Predigt zu Kol 3, 1-4 vom 19.6.1932)

Suchen, was droben ist (V. 1 f.), heißt für Christen, sich an dem auszurichten, was vor Christus zählt, und sich den Verhaltensweisen und Mechanismen entgegenzustellen, die „auf Erden“ dem Willen Christi widersprechen. Diese Orientierung am auferstandenen Christus bewirkt zugleich eine Befreiung von den Zwängen, die oft unser gesellschaftliches Leben bestimmen: Statt Konkurrenzdruck und dem Streben nach Profit, Macht oder Sozialprestige (vgl. die Verse 5.8 f.) zählt die Liebe, das Band der Vollkommenheit (V. 14).

Suchen, was droben ist, bedeutet gerade unter den heutigen Bedingungen nicht Weltflucht, sondern Zukunftsgestaltung – denn die Handlungsmaximen des „alten Menschen“ mit seiner Profitorientierung („Habsucht“, V. 5) und seinen manipulativen Methoden der Vorteilsnahme (Lüge, V. 9) stellen das Fortbestehen unserer Welt zunehmend in Frage. Die auf den Predigtabschnitt folgende Passage Kol 3, 5-14 entfaltet, was die Ausrichtung an Christus – personal und global – für das soziale Zusammenleben bedeutet: Nicht Konfrontation, Konkurrenz und Besitzstreben, sondern friedliche Koexistenz, Vergebung und Versöhnung eröffnen den Weg in eine bestandsfähige Zukunft. Aus einer verbreiteten Unkultur der Gewaltverhältnisse heraus sind Christinnen und Christen zum Frieden Christi berufen (V. 15), der eine Kultur der friedlichen Konfliktbearbeitung einschließt (V. 13). Der geistige Orientierungsrahmen, den der Verfasser des Kolosserbriefs seinen Adressaten nahe bringt, hat als Überlebensbedingung einer gefährdeten Welt an Dringlichkeit gewonnen.


Text: Gen 22, 1-18

Stichwort: Nein zum Menschenopfer – Ja zum Leben

Traditionsgeschichtliche Hinweise

Die Erzählung in ihrer jetzigen Gestalt lässt verschiedene Überlieferungsstadien erkennen: Der Kern der Episode verweist religionsgeschichtlich auf die Ablösung des Menschenopfers durch das Tieropfer. Die einleitenden Verse 1-2 deuten den Text als Versuchungsgeschichte, als „radikale Gehorsamsprobe“ (Gerhard von Rad). Die sekundären Verse 15-18 bringen die Erzählung in Verbindung mit der Verheißung des Abrahamssegens in Gen 12, 1-3: Israel als Segen für alle Völker.

In der umfangreichen Auslegungsgeschichte des Texts kommen immer wieder drei unterschiedliche Aspekte der Erzählung zur Sprache: Da geht es – gelegentlich in problematischer Weise – um Abrahams anscheinend grenzenlosen Glaubensgehorsam, der auch vor dem Leben des eigenen Sohnes nicht Halt macht. Ein weiteres Motiv ist die Frage nach dem Gottesbild der Geschichte, nach dem offenbarten Selbstwiderspruch Gottes, der als Geber der Verheißung (Gen 12, 2-3) deren Verwirklichung gefährdet, der als Gott der Liebe die Bereitschaft zu töten fordert. Schließlich finden sich regelmäßig Elemente einer christologischen Auslegung, die die Opferung Isaaks mit dem Kreuzestod Jesu assoziiert – wohl deshalb gehört Gen 22 zu den Lesungstexten zur Osternacht.

Einspruch gegen Abraham – Zwei Impuls-Zitate

1. „Für mich ist ein heutiger Vater, der behauptet, ihm habe Gott befohlen, seinen Sohn zu töten, ein psychisch Kranker. In meinem bruchstückhaften Erkennen von Wahrheit über Gott bin ich gewiss, dass der Gott, an den ich glaube, nie einem Vater die Schlachtung seines Sohnes befohlen hat (auch nicht zur Prüfung des Gehorsams), und dass er so etwas nie tun wird.“ (Walter Neidhart, Schweizer Theologe, zitiert in: Gottesdienstpraxis Serie A Band III/2, Gütersloh 1987, S. 32)

2. „Hätte sich der biblische Abraham damals dem göttlichen Plan verweigert, so lebten wir heute in einer gänzlich anderen Welt. Doch der alttestamentarische Ahn war trotz seines Greisenalters vor allem ein fügsamer Sohn – bereit, die eigenen Vaterpflichten beiseite zu schieben, sobald sie mit seiner Gehorsamsschuld als Sohn in Widerspruch gerieten. Dieses Abraham-Paradox hat über Jahrtausende hinweg Denken und Handeln der abendländischen Männer bestimmt. …sobald höhere „väterliche“ Instanzen es befahlen, verwandelten sie sich selbst in willfährige Söhne und opferten ihre Nachkommen auf den Schlachtfeldern der Kaiser und Könige, der Tyrannen, Diktatoren und sonstigen Himmels- oder Landesväter.“ (Andreas Gössling: Die Männlichkeitslücke. Warum wir uns um die Jungs kümmern müssen, München 2008, S. 19)

Grundlinien eines lebensfreundlichen Textverständnisses

1. Traditionell wird Gen 22, 1-18 als Geschichte von der Opferung Isaaks überliefert, obwohl doch die Pointe der Erzählung darin besteht, dass Isaak gerade nicht geopfert wird. Der Engel des Herrn verhindert die Tötung des Erstgeborenen, er fällt dem zur Tötung bereiten Opferer in den Arm und bezeugt damit: Gott will das Leben und nicht den Tod. Vermutlich hat diese Botschaft die ersten Hörer der Geschichte stärker bewegt als die ihnen geläufigen Vorstellungen eines archaischen religiösen Universums, in dem grausame Götter, harte Väter und Erstgeburtsopfer ihren angestammten Platz hatten. Entsprechende Hinweise auf praktizierte Menschen-, ja Kindesopfer finden wir übrigens im Alten Testament u.a. in 2 Kön 3, 27 und Ri 11, 30-40.

2. Das Bild Abrahams, das in Gen 22 gezeichnet wird, ist nicht das eines zur Bluttat entschlossenen religiösen Fanatikers. Abraham begleitet seinen Sohn auf einem schweren Weg mit deprimierenden Aussichten. Er unternimmt diese Wanderung trotz Gott und wegen Gott. „Er vertraut gegen Gott auf Gott.“ (Gerhard Liedke) Trotz des ihm zugemuteten Opferbefehls hält er fest an der Glaubenserfahrung eines segnenden Gottes, der dem Leben Raum gibt. „Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“ Wo Vers 8 nicht als verharmlosende Ausflucht abgetan wird, kann er als Hinweis darauf gelten, dass Abraham bis zuletzt die Hoffnung auf eine für Isaak unblutige Lösung der Situation bewahrt. Und dennoch bildet auch Abraham keine Ausnahme von der Einsicht: Menschen sind zum Töten verführbar, wenn es um höhere Werte geht.

3. Ein ergänzender Anhaltspunkt ergibt sich aus der Abrahams-Rezeption des Neuen Testaments: Wo Paulus sich auf Abraham als das große Vorbild für Gerechtigkeit aus dem Glauben beruft (Röm 4; Gal 3, 6), da bezieht er sich nicht auf Gen 22, sondern auf Gen 15, 6. Paulus sieht den Vorbildcharakter von Abrahams Glauben nicht in der Bereitschaft des Erzvaters, seinen Sohn zu opfern, sondern darin, dass Abraham der Verheißung von Isaaks Geburt vertraut. „Glauben, der rechtfertigt, besteht hier in einem Glauben an den Gott, der Leben gibt – nicht an einen Gott, der Tötung verlangt.“ (Gerd Theißen)

Assoziationen zum Thema Nachhaltigkeit
Gen 22 fordert die Abkehr von einem Denken, das Menschenopfer im Namen Gottes rechtfertigt. Indem Gott die Tötung Isaaks verhindert, wird ein für allemal deutlich: Wo Menschen auf dem Altar höherer Werte oder Interessen geopfert werden, da geschieht dies gegen den Willen Gottes, der Lust an der Liebe hat und nicht am Opfer (Hos 6, 6). Gott will den Sieg des Lebens über den Tod, wie es auch dem großen Thema des Osterfestes entspricht.

Das Unbehagen, das die dunklen Seiten der Isaak-Erzählung in uns auslösen, darf sich nicht in der folgenlosen Abwertung des archaisch-fremdartigen Hintergrundes von Gen 22 erschöpfen. Stattdessen liegt es an uns, die Frage zu stellen: Wo sind wir widerspruchslos Teil einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung, die Menschenopfer in Kauf nimmt? Wo müsste Gottes Engel uns in den Arm fallen? Dies könnte beispielsweise der Fall sein, wo unser Lebensstil auf Kosten der Zukunft unserer Kinder geht - wo unsere Regierung der nächsten Generation eine Schuldenlast aufbürdet, die ihre Lebensmöglichkeiten bedrohlich einschränkt – wo der durch kurzsichtige Eigeninteressen verschärfte Klimawandel das Überleben unserer Nachkommen in Frage stellt. – Wir dürfen am Abrahamssegen teilhaben, wo immer wir im Vertrauen auf Gottes Verheißung dazu beitragen, dass Lebensperspektiven unserer Nach- und Mitwelt geweitet statt zunichte gemacht werden.


Text: Bar 3, 9-15.32-4, 4

Stichwort: Gottes lebensfreundliche Weisheit

Das Weisheitsgedicht, das den zweiten Teil des Baruchbuches bildet (Bar 3, 9-4, 4), ist ein Lobeshymnus auf die Weisheit Gottes, die sich im Israel offenbarten Gesetz äußert. So wie Gott sich nach der neutestamentlichen Botschaft in der Auferweckung Jesu als Gott des Lebens zu erkennen gibt (vgl. Mt 22, 32), tritt er aus alttestamentlicher Sicht durch seine „Gebote des Lebens“ (Bar 3, 9) als biophiler Gott in Erscheinung. Der Lesungstext bringt die Weisheit des allwissenden Schöpfers in Verbindung mit Attributen einer dauerhaften, nachhaltigen Lebensbewahrung: Gottes Weisheitsweg führt zum Frieden „für immer“ (Bar 3, 13), „für immer“ hat Gott die Erde samt ihren menschlichen und nicht-menschlichen Bewohnern geschaffen (Bar 3, 32). Langes Leben, Lebensglück und Frieden bilden die Zielperspektive der menschenfreundlichen Weisheit Gottes. Es widerspricht dem Willen Gottes, wenn Leben vorzeitig beendet oder zerstört wird: direkt durch Kriege und Waffengewalt (hier kommt Deutschland als einer der weltweit größten Rüstungsexportnationen eine besondere Verantwortung zu!) oder indirekt durch das Vorenthalten von Medikamenten und Lebensmitteln (z.B. für die Menschen der Südhalbkugel). Die Besinnung auf Gottes Gebote des Lebens muss auf der Tagesordnung bleiben, damit unsere Welt nicht dem Tod verfällt.


Literatur:

Dietrich Bonhoeffer: Predigten-Auslegungen-Meditationen 1925-1945, Erster Band, hrsg. v. Otto Dudszus, München 1984
Calwer Predigthilfen Neue Folge Perikopenreihe 3,1, Stuttgart 1992
Andreas Gössling: Die Männlichkeitslücke. Warum wir uns um die Jungs kümmern müssen, München 2008
Gottesdienstpraxis Serie A Band III/2, Gütersloh 1987
Göttinger Predigtmeditationen Band 58, Göttingen 2003
Willi Marxsen: Einleitung in das Neue Testament, Gütersloh 1964 (3. Aufl.)
Gerhard von Rad: Das erste Buch Mose. Genesis, übersetzt und erklärt von Gerhard von Rad, ATD, Göttingen 1972, 9. Aufl.
Gerd Theißen: Lebenszeichen. Predigten und Meditationen, Gütersloh 1998

Friedhelm Schneider, Speyer

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