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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

21. Mrz. 10 - Judika/ 5. Fastensonntag

ev. Reihe II kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Hebr 5, 7-9

Jes 43, 16-21

Phil 3, 8-14

Joh 8, 1-11

Vorbemerkung

Für die Thematik der Reihe sind die Texte Hebr 5, 7-9, Jes 43, 16-21 und Phil 3, 8-14 geeignet. +

(innere Haltung zur Zerstörung thematisieren: System- / Ich-Perspektive – Zusammenhänge in der Welt ./. was passiert gerade hier? Weltsicht der Nachhaltigkeit entwickeln, Wirtschaftskrise, Menschenopfer auf dem Altar der Gemütlichkeit, nicht als Opfer fühlen, sondern als Akteur / Akteurin; Freiräume des Denkens (wieder-)erkennen und nutzen; Leiden ist brutal und realistisch, es ermöglicht Veränderung, Leiden und Bedrohungen systemisch begreifen, ernst nehmen und aushalten)


1. Zur Stellung im Kirchenjahr

Mit dem Sonntag Judika begann nach altem Brauch die eigentliche Passionszeit. Traditionell wurde ab diesem Sonntag bis zum Karsamstag das Gloria Patri nicht gesungen; es ging darum, sich ganz auf das Kreuz Jesu einzulassen und seinen Weg geistlich mitzugehen – die erneuerte Agende verkürzt den zeitlichen Rahmen, indem sie das Schweigen des Gloria Patri auf die Karwoche beschränkt.

Der Sonntag und die ihm zugeeigneten Perikopentexte stellen das Thema „Gehorsam“ in den Mittelpunkt, und zwar sowohl den „Gehorsam Christi“ wie auch unseren „Gehorsam“. Der Durchgang durch die ausgewählten Texte zeigt, dass diese Regel nur teilweise in Geltung zu setzen ist.


2. Exegetische Hinweise

2.1 Hebräer 5, 7-9

Der Hbr nimmt das Motiv des doppelten Gehorsams auf. Jesus, der Hohepriester, ist ganz Mensch in seinem Leiden und lernt in diesem Leiden Gehorsam. Und zugleich und darin wird er denjenigen zur Quelle des Heils, die ihm gehorsam sind, der christlichen Gemeinde. Darin nimmt der Hbr das Gethsemane-Motiv auf, wie es sich vor allem bei Lukas zeigt (Lk 22,39 ff.): Jesus, ganz verlassen, ganz „kata sarka“, ganz Mensch, leidend, (ver)zweifelnd und doch durch Gebet gestärkt und gehorsam. Die Jünger aber? Fixiert auf sich selbst, auf ihr trauriges Schicksal, auf ihre zerstobenen Hoffnungen schlafen sie und verpassen den Kairós.

Doch in der Sprache des Hbr hört sich das anders an. Die Perikope ist herausgetrennt aus einem größeren zusammenhängenden Stück, in dem Christus als Hoherpriester beschrieben wird. Der Hohepriester hat die Aufgabe, „Gaben und Opfer für die Sünden“ zu bringen (Hbr. 5,1). In der Welt des Hebräerbriefes ist Christus der Hohepriester, der sich selbst für die Sünden der Menschen darbringt, der sich opfert.

Mit Recht bemerkt Albrecht Grözinger (s. Literaturhinweis): „Vom Hebräerbrief trennt uns genau das, was ihn damals mit seinen Leserinnen und Lesern verbunden hat: die alltägliche Erfahrung des Opferkultes“. In der überaus lesenswerten Bearbeitung des Predigttextes durch Albrecht und Elisabeth Grözinger wird weiter ausgeführt: Das Opfer ist in der antiken Weltsicht nötig, damit die Welt nicht auseinander bricht. Das antike Opfer hatte aber auch eine unmittelbare Funktion: es wirkte, dessen war man sich sicher. Das Opfer heute dagegen erscheint nur noch als brutal und sinnlos, wir stehen mit leeren Händen da. Der Autor des Hbr nimmt die antike Opfermechanik nicht einfach als gegeben und funktionstüchtig, sondern er verschränkt die antike Kult- und Opfersymbolik mit dem Geschick Jesu.

A. Grözinger macht an dem zentralen Bild des Hohenpriesters die entscheidende Differenz deutlich, die für das Christusbild des Hbr namhaft zu machen ist: Auch der Hohepriester ist Mensch, doch gleichzeitig steht er der Gattung Mensch gegenüber – er „fühlt maßvoll mit“ ihr (metriopathein). Der Christus dagegen fühlt nicht maßvoll mit, sondern er leidet – er ist derjenige, der im pathein gehorsam ist. Der irdische Jesus leidet nicht „maßvoll“, sondern maßlos! Mit Grözinger ist darin die Pointe der Perikope zu sehen. Der Christus bringt selbst vor Gott, was die conditio humana ausmacht, ohne symbolisch vermitteltes Opfer – er bringt sich selbst dar. Das Licht der Erlösung fällt auf diese zerrissene und geschundene Kreatur, ohne diese zu beschönigen – und stellt sie so ins Licht der Verheißung ewigen Lebens.

Im Geschick Jesu erkennt die Gemeinde das Eintreten Gottes für die bedrängte Kreatur wieder. A. Grözinger lässt seine Überlegung in der Überzeugung gipfeln: Gott hält der geschundenen Kreatur in seiner maßlosen Solidarität bis heute die Treue. Die B-Bearbeiterin der Predigtstudien, E. Grözinger, reibt sich an dieser Überzeugung. Diese Differenz lässt sich für die Predigt produktiv machen. Ich werde unter 3.1 daran anknüpfen.


2.2 Exegetische Hinweise zu Jesaja 43,16-21

Man spricht bei Jes 40-55 gewöhnlich von „Deuterojesaja“, dem zweiten Jesaja, der seinem Volk nach vollzogenem Gericht nun Heil und Trost zuspricht – beides kommt von Jahwe, und daraufhin wird die Geschichte gedeutet. Umstritten ist seit einigen Jahren, ob ein einzelner Prophet der Autor dieses Buches ist oder ob man von einer „Multiverfasserschaft“ ausgehen muss, die „offene Texte“ zurückgelassen hat. Wichtiger für den Umgang mit diesen Texten ist aber, unabhängig von der Frage nach Multi- oder Solo-Autoren, die Vielfalt der Texte und Szenen. Werner Grimm (s. Literaturhinweis) spricht von der Inszenierung fast bühnenreifer Stücke, wobei die rhetorischen und literarischen Formen vielfach gesprengt werden. Klaus Baltzer (s. Literaturhinweis) verfolgt die Grundthese, dass es sich bei Dtjes um ein „liturgisches Drama“ handelt. Das liturgische Drama wendet sich wie das Theater an ein Publikum, aber seine Nähe zu Gottesdienst und Kultus verbindet es mit dem Festkalender einer Gemeinschaft. Solche „offenen Texte“, mit gänzlich anderem Charakter als geschlossene Lehrtexte, ermöglichen einen freien und verfremdenden Umgang in der Predigt.

Bei Jes 43,16-21 handelt es sich um ein Heilswort, das mit der bekannten Botenspruchformel eingeleitet wird und mit dem Ziel des angekündigten Heils schließt, der „Ehre Gottes“.

Die in drei Strophen aufgebaute Motivik des Textes schließt an die Eingangsworte des Dtjes in Jes 40 an: Der Exodus wird erinnert, aufgenommen und als Neuschöpfung überboten. Vergangenheit und Tradition haben ihre Bedeutung, Schriftauslegung findet im Interesse einer seelsorgerlichen, politischen und geschichtlichen Neuorientierung der Hörer statt. Jes 43,19 (der Vers der Jahreslosung 2007) gibt dieser Neuorientierung Ausdruck: „Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht?“ Der „Abstraktbegriff ‚Neues’“ ist selbst eine Neuschöpfung des Dtjes, „…in dem Dtjes die Blicke der Exulanten nach vorne reißt“ (Grimm, S. 15). Der Exodus als Befreiungstat wird erinnert, aber menschliche Subjekte (Moses; die Entscheidung der Ägypter zur Verfolgung der Flüchtigen usw.) haben keine Bedeutung mehr – allein Jahwe ist Subjekt: Jedes Kind weiß, dass vom Exodus die Rede ist, aber Ägypten und Pharao werden nicht genannt, die Hörer sollen an die Babylonier denken. Das Neue steht dem Alten (eschatologisch?) überbietend gegenüber. Der Exodus ist vorausgesetzt, das Konzept des Heiligen Krieges oder Jahwekrieges ist aufgenommen, Jahwe kämpft für Israel. Und zwar jetzt, in dieser neuen historischen Situation. Darauf sollen die Hörer vertrauen; im Hintergrund klingt die Mahnung aus Jes 7,9 an: „Wenn ihr nicht glaubt, so habt ihr keinen Bestand.“

Die vv 18-19 bilden das Kernstück der dreistrophigen Verheißung. Die Mahnung in v 18 hat die Funktion, alle Aufmerksamkeit auf das zu richten, was jetzt wächst. Die Zukunft hat schon begonnen, jetzt sprosst es (v 19a). v 19 bildet eine Zusage, formuliert im Progress: Ja, ich lege einen Weg in der Wüste (vgl. Baltzer, S. 230). Auch die Predigt hat ihre Aufmerksamkeit darauf zu richten, so zu wirken wie Dtjes: Der Prophet versucht eindringlich, seine Landsleute aus lähmender Fixierung und fatalistischer Apathie zu lösen (vgl. Grimm, S. 200 f.).


2.3 Exegetische Hinweise Philipper 3, 8-14

Der Brief zeigt Paulus in Auseinandersetzung mit Gegnern, denen gegenüber es ihm auf den Kern der neuen Botschaft ankommt, die „Rechtfertigungslehre“. In v 9 ist die Rechtfertigungslehre des Römerbriefes zusammengefasst. Paulus argumentiert ganz und gar vom Positiven her, also nicht, dass seine vorzuweisenden Eigenschaften unzureichend seien, sondern von der Zentrierung auf Christus und seiner Annahme im Glauben her. Christus erkennen bedeutet, Anteil an seinem Tod und Auferstehung zu bekommen. Das sind keine nebensächlichen Durchgangsstationen, sondern die unablässigen Bedingungen der Anteilhabe am Christus. Dabei sind Leiden und Tod in v 10 f. kunstvoll chiastisch umwickelt von der Macht der Auferstehung, so dass sie zwar zentrale Existenzialien darstellen, aber nicht das erste und nicht das letzte Wort haben. Aus der Zentrierung auf Christus, genauer noch: Auf seine Auferstehung, erwachsen alle anderen soteriologischen und heilsbedeutsamen Aussagen.

Das Motiv des Weges spielt auch hier eine zentrale Rolle, christliche Existenz paulinisch ausgespannt zwischen „Schon“ und „Noch nicht“. Was in den vv 9-11 christologisch begründet wurde, wird in den vv 12 und 13 in die Biographie der Christen als Theologia viatorum übersetzt: Christliche Existenz ist Unterwegssein, Wanderschaft zwischen einer Vergangenheit, die für sie nicht mehr gilt, und einer Zukunft, die ihnen durch Christi Auferstehung zugesagt und verheißen ist, die sie aber noch nicht ergriffen haben und auch nicht in toto ergreifen können.


3. Nachhaltigkeitsbezug

Zu den multiplen Krisen unserer Zeit sagt die Bibel unmittelbar nichts. Wohl aber lässt sich eine Weltsicht entdecken, die zu einem „nachhaltigen“ Weltumgang befähigen. Zu solchem nachhaltigen Weltumgang gilt es zu ermutigen, indem der weitgehend zerstörte und missbrauchte Begriff des „Gehorsams“ emanzipatorisch gewendet wird.


3.1 Zu Hebr 5, 7-9

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat seit 2008 die Welt mit voller Wucht erfasst; und doch ist die Krise bei vielen noch nicht angekommen, weil sozialstaatliche Abfederungen die Konsequenzen hinauszögern oder dämpfen, weil das Verständnis für die ungeheure Gefährlichkeit der Situation im Herbst 2008 nicht gegeben ist und weil das Wissen um die tödlichen Folgen in den wirtschaftlich schwachen Ländern des globalen Südens medial nicht weitergegeben wird und auch gar nicht erwünscht ist. Wer will schon wissen, wie viele Menschen zusätzlich sterben müssen, weil die Rohstoffpreise eingebrochen und Kredite schwerer zugänglich sind oder Waren aus Ländern des globalen Südens in den hoch industrialisierten Ländern noch weniger gekauft werden als zuvor.

Bei uns kann man noch einkaufen gehen und die Welt funktioniert wie zuvor. Ich erinnere an die Kritik E. Grözingers (s. 2.1): Die Versicherung, das Gefüge der Welt bliebe unversehrt aufgrund der Solidarität Gottes… klingt in E. Grözingers Ohren „wie eine Behauptung ohne Grund“. Wir wissen, dass wir auf einem Vulkan tanzen. Unbefriedigend bleibt dabei die Beschreibung, dass die Welt als Ganze intakt ist, weil die Erde woanders bebt und bei uns der Kaffee wie gewohnt auf dem Tisch steht.

Das Böse, das Entsetzen bricht durch die Fugen ein: Wenn ein geliebter Mensch stirbt und das Wetter unbarmherzig schön ist, der Lärm der Kinder im Schwimmbad anzeigt, dass die Welt noch in Ordnung ist und sich ihr Wachsen und Vergehen von meinem Unglück nicht stören lässt.

Langwellig sind die seismischen Erschütterungen durch Klima-, Hunger- und Ressourcenkatastrophe oder den Bankencrash. Die Welt scheint so lange in Ordnung, bis die Zivilisation zerbirst. Derweil werden Menschen geopfert auf dem Altar unserer Gemütlichkeit und des funktionierenden Alltags.

Opfer aber sollen nicht sein. René Girard (s. Literaturhinweis) zeigt immer wieder auf, wie in dem Opfer Jesu – in der Sprache des Hbr: dem Selbstopfer des Hohenpriesters – die mimetisch zwanghafte Wiederholung des Opferzyklus’ grundsätzlich und endgültig durchbrochen ist. Die Kette der Gewalt und Gegengewalt ist durchbrochen. Ja, die Hingabe des Christus als Opfer beendigt das Opfern ein für alle mal.

Petrus hat lange gebraucht zu verstehen, dass er am Opfern des Christus durch sein Leugnen aktiv beteiligt ist. Er „lernt“ aus seinem Versagen und gibt als Apostel die pfingstliche Erkenntnis weiter.

Wie können wir in den Krisen unserer Zeit umkehren und lernen? Indem wir die Welt von den Opfern her betrachten und „Compassion“ entwickeln – ein aktives Mitleiden, das sich anrühren lässt und verändert. Indem wir uns darauf einlassen, dass die Welt aus den Fugen gerät, auch wenn der Kaffee bei uns auf dem Tisch steht. Indem wir auf die Ränder und Fugen achten, durch die das Unglück und Elend in unseren Alltag quillt – „Gehorsam“ hieße dann, sich in die Nachfolge dessen zu begeben, der allem Opfern ein Ende bereitet. „Gehorsam“ hieße dann, mit dem Paradigmenwechsel des Weltgeschehens bei mir selber anzufangen; Raum und Impuls zum Umkehren kommt aus der Durchbrechung des antiken Opferzyklus, der noch die Welt zu beherrschen scheint. Doch das Rettende wächst.


3.2 Zu Jes 43, 16-21

Wenn es noch ein Entrinnen aus den multiplen Krisen unserer Zeit gibt, dann ist eine der notwendigen Voraussetzungen mit Sicherheit die „Öffnung neuer mentaler Räume“, von denen Harald Welzer spricht (s. Literaturhinweis). Die Frage ist: Wie können Freiräume des Denkens entstehen, die Veränderung möglich machen? Nur wenn es gelingt, die Fixierung auf Bestehendes – Paradigmen des Wirtschaftens, Gewohnheiten des Täglichen – zu lösen und sich neu auf das Gebotene zu orientieren, gibt es Chancen des Entrinnens.

Das genau tut Deuterojesaja: Er orientiert unter Rückgriff auf das Grunddatum der befreienden Geschichte Jahwes mit seinem Volk auf das Rettende, das jetzt wächst.

Es gilt, das Vertrauen zu wecken und zu stabilisieren, dass neue Verhaltensweisen gesamtgesellschaftlich überhaupt möglich sind. „Wie kommen wir vom Wissen zum Handeln?“, ist die große Frage angesichts von drohender Klimakatastrophe, Ressourcenverbrauch, Gerechtigkeitsdesastern usw. Dtjes reißt seine Leute nach vorne mit, indem er an die emanzipatorischen Geschehnisse der Vergangenheit erinnert, aber die Menschen nicht neu auf die „gute alte Zeit des Exodus“ fixiert. Vergangenheit wiederholt sich nicht. Achtet jetzt auf das Rettende, das wächst, mitten unter euch – so, wie Jesu Reich-Gottes-Verkündigung genau darauf orientiert.


3.3 Zu Phil. 3,8-14

„Die Rechtfertigungsbotschaft ist ein Kernstück reformatorischer Theologie – allein aus Gnade, allein aus Glauben lebt der Christ, die Christin. Nicht wir erringen durch religiöse oder moralische Leistungen unsere Anerkennung vor Gott, sondern er schenkt uns seine Anerkennung vor jeglicher Leistung voll und ganz.

Diese Glaubensgewissheit hat ethische Folgen, weil die Befreiung des Menschen von der Sorge um sich selbst Lebensenergien für den Dienst am Nächsten freisetzt. Wer sich um sich selbst nicht vorrangig zu kümmern braucht, hat Blick und Hände frei für die Aufgaben, die sich wirklich stellen. Insofern könnten evangelische Christinnen und Christen treibende Kräfte bei der Veränderung hin zu einer Wirtschaft im Dienst des Lebens sein.“ (Bertelmann / Posern, s. Literaturhinweis)

Es gilt, die Rechtfertigungslehre nicht länger in der babylonischen Gefangenschaft einer individualistischen Engführung zu belassen. Stattdessen muss sie in strukturelles, systemisches Denken hineingeholt werden. Fixierung auf das eigene Fortkommen, ob es um das eigene Seelenheil oder das private Bankkonto geht, gehört zu den Ursachen der Weltzerstörung. Der trinitarisch verstandene Gott aber subsistiert von Anfang an in Beziehungen, ad intra und ad extra. Während die antike Philosophie und Theologie dies nur unzulänglich in ontologischen Kategorien zu denken vermochte, können wir heute wissen, dass Gott-in-Beziehung sich im Geschehen dieser Welt auslegt. Deshalb und so haben wir Anteil an seinem Leiden und Auferstehen.

Das Leiden ist keine randliche Durchgangsstation. Es ist existenziell und brutal. Das Wissen um das Leiden Gottes an und in dieser Welt verhilft dazu, es nicht beiseite zu schieben und zu verdrängen mit allen neurotischen und psychotischen Folgen. Teilhabe am Leiden ermöglicht Veränderung; aber nur, wenn wir uns nicht auf Leiden fixieren lassen, sondern auf die Kraft des Lebens vertrauen. Das heißt Auferstehung predigen, aber nicht optimistisch, sondern realistisch: Voller Seufzen und Sehnen mit der ganzen Kreatur wider jeglichen Augenschein hoffen und vertrauen. So sind Christinnen und Christen unterwegs auf einem Pfad der Hoffnung, von Selbstsorge im Kern befreit, für andere verantwortlich statt auf „Eigenverantwortung“ und Egoismus fixiert.


4. Konkretisierungen

Es gilt Hoffnung zu predigen in schwerer See. Eine andere Welt ist möglich –aber wie können wir dazu beitragen? Die Texte legen keine bestimmte Thematik aus dem Feld der Nachhaltigkeit nahe, sondern instruieren über die Haltung, mit der wir der Zerstörung begegnen können.

Zu beginnen wäre mit beliebigen Nachrichten aus der Welt der Krisen oder den Krisen der Welt. Dann muss festgestellt werden, was „Sache“ ist, systemisch und strukturell. Und wie sind wir daran beteiligt? Die Übergänge vom Systemischen zum Individuellen sind entscheidend, hierauf ist der größte Wert zu legen. Welches je eigene Gewicht kommt beiden Sphären zu?

Was geschieht gerade in meinem Ort, das zur Befreiung aus scheinbaren Sachzwängen beiträgt und zur Hoffnung Anlass gibt? Die Einweihung einer Solaranlage oder eines Radweges? Die gelungene Einführung eines Bürgerhaushaltes? Oder das Scheitern einer Privatisierung kommunaler Versorgungseinrichtungen durch den Einsatz engagierter Bürger/-innen?

Natürlich kann der Weg auch umgekehrt sein, vom Besonderen zum Allgemeinen. Ich kann sogar mit der Kaffeetasse anfangen, die immer noch pünktlich und aromatisch riechend auf meinem Frühstückstisch am Sonntagmorgen steht. Wie wird es mir gelingen, den Produzenten dieses Kaffees ohne Scham in die Augen zu schauen?

Besonders der Jesajatext würde sich dazu eignen, den Text mit verteilten Rollen zu sprechen und vielleicht auch die Stimmen des Zweifelns, des Festhaltens, des Fixiertseins auf das Unheil und Selbstmitleid zu besetzen – und natürlich auch den Gegenpart, der uns aus dieser bedrohlichen Falle befreit. Wunderbar würde sich ein solcher Text auch in Form eines „Bibliologs“ gestalten lassen: Biblische Stimmen werden Gemeindegliedern zugewiesen, die die Rolle mit ihren eigenen Assoziationen ausfüllen und gestalten… Wo wächst jetzt Neues auf? Worauf können wir uns konzentrieren – im Vertrauen auf den Gott des Exodus? Von solchem Vertrauen, so die verheißungsvolle Zusage, geht Rettung aus – umgekehrt: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht“.


5. Texte u. a.

Baltzer, Klaus: Deutero-Jesaja. Kommentar zum Alten Testament. Gütersloh 1999

Bertelmann, Brigitte; Posern, Thomas: Leben in Fülle für alle – Zur Krise an den Finanzmärkten. Impulse (Hg.: Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der EKHN), Mainz 2008

Girard, René: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Eine kritische Apologie des Christentums, München, Wien 2002

Grimm, Werner, in Zusammenarbeit mit Dittert, Kurt: Deuterojesaja. Deutung – Wirkung – Gegenwart. Stuttgart 1990

Grözinger, Albrecht und Elisabeth, Bearbeitung zu Hbr 5,7-9, in: Predigtstudien II,1, 2003/04, S. 203-210

Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt (Hg.): Sozialpolitischer Buß- und Bettag 2009. Geld regiert die Welt – wer regiert das Geld? Materialien für Gottesdienst und Gemeinde, Hannover 2009

Marcel Martin, Gerhard: Predigt als "offenes Kunstwerk"? Zum Dialog zwischen Homiletik und Rezeptionsästhetik, in: EvTh 44 (1984) 46-58

Ders.: Zwischen Eco und Bibliodrama – Erfahrungen mit einem neuen Predigtansatz, in: Garhammer, E./ Schöttler, H.-G. (Hrsg.): Predigt als offenes Kunstwerk. Homiletik und Rezeptionsästhetik, München 1998, 51-62

Welzer, Harald: Klimakriege: wofür im 21. Jahrhundert getötet wird, Frankfurt a. M. 2008

Dr. Thomas Posern, Mainz

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