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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

21. Feb. 10 - Invokavit / 1. Fastensonntag

ev. Reihe II kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Hebr 4, 14-16

Dtn 26, 4-10

Röm 10, 8-13

Lk 4, 1-13

Der Verfasser betrachtet den Evangeliumstext der kath. Leseordnung. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Korruption und Korruption des Denkens, Vertrauen zu den Weisungen Gottes ist Grundlage nachhaltigen gesellschaftlichen Lebens, die negative Wirkung von Privilegien, mit der eigenen, scheinbaren Ohnmacht kokettieren als Versuchung


Meditation über Lk 4, 1-13

Korruption beginnt im Kopf. Angesichts der globalen Krisen, deren schwerwiegendste die ökologische ist, weil sie nicht nur unsere eigene, sondern in noch extremerem Maß kommende Generationen belastet, ist die Korruption des Denkens eine große Herausforderung. „Nachhaltigkeit“ ist in aller Munde. Ohne dieses Zauberwort wagt sich keine Firma und keine Regierung in die Öffentlichkeit. Diese Nachhaltigkeitsrhetorik kann aber nicht darüber hinweg täuschen, dass nach wie vor ökonomische Interessen vorherrschen. Die Reaktion auf die Finanz- und Wirtschaftskrisen, auf die Ernährungs- und Ressourcenkrisen ist auch jetzt die altbekannte: Wachstum! „Wachstum wird zum Beruhigungsmittel gegenüber Umverteilungsforderungen und soll national wie international soziale Konflikte entschärfen.“ (Uwe Hoering, Wegmarken für einen Kurswechsel – Eine Zusammenfassung der Studie „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“, Bonn 2009)

Wir müssen bis 2050 unsere CO2-Emissionen um 80% reduzieren. Aber die Bundesregierung feilscht in Brüssel um Grenzwerte und Ausnahmeregelungen, um den Absatz PS-starker Autos und den Betrieb energie-intensiver Industriezweige nicht zu gefährden. Die langfristigen Folgen werden ausgeblendet, bzw. rhetorisch vertuscht. Kurzsichtigkeit ist ein integraler Bestandteil der Korruption des Denkens.

Was hat das mit der Versuchungsgeschichte zu tun?
Auch in dieser Geschichte geht es um Korruption, ja, um die Korruption schlechthin. Es geht um einen Virus, der sich in Gott selbst einnisten soll, um ihn nach den Spielregeln des Teufels regieren zu lassen. Die 40 Tage Jesu in der Wüste wecken Erinnerungen an die 40 Jahre Israels in der Wüste und die Frage, ob es einen glücklichen Neuanfang oder nur unglückselige Wiederholungen gibt. Jesus hat Hunger, ist also nicht gefeit vor Versuchungen, auch wenn der Teufel seine Gottessohnschaft voraussetzt und nicht in Frage stellt. Der erste Korruptionsversuch besteht in einer scheinbar harmlosen Zumutung: wenn du schon Gottes Sohn bist, nutze deine Privilegien, um den kreatürlichen Unannehmlichkeiten zu entgehen.

Wohlgemerkt: bei allen drei Versuchungen geht es nicht um Schauwunder. Von einem zu beeindruckenden Volk ist nicht die Rede. Es geht in aller Stille um den Versuch, einen innergöttlichen Vertrauensbruch zu inszenieren! Jesus rückt die Koordinaten gerade: Der Messias steht nicht über dem Wort Gottes, sondern tut es. „Der Mensch lebt nicht allein vom Brot.“ Das ist eine radikale Infragestellung der Regierungspolitik Roms, die der Bevölkerung Brot und Spiele anbot, um sie bei Laune zu halten und sozial zu „befrieden“. Die erwartete Reaktion ist: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“

In der zweiten Runde wird der Einsatz des Teufels schon gewaltig erhöht. Alle Reiche der Welt stehen zur Debatte. Macht und Herrlichkeit werden versprochen. Das scheint eine märchenhafte Lösung aller Weltprobleme zu sein. Jesus erhält die Chance, auf einen Schlag die Welt zu revolutionieren. Good governance ist ja heute ein Zauberwort wie Nachhaltigkeit. Eine Weltregierung muss her, die mit aller Macht und Herrlichkeit die Verhältnisse zum Guten wendet. Das erinnert an „Schöne neue Welt“, gesteuert von aggressionshemmenden Duftstoffen und genetisch getunten Politikern. Aber ist es nicht verlockend, auf diese Weise Millionen von Hunger- und Kriegstoden zu verhindern? Nun, hier kommt wieder die Nachhaltigkeit ins Spiel: die Kondition des Teufels würde sie zunichte machen, zwar nicht sofort - vielleicht, weiß der Teufel! – aber am Ende doch.
Auch hier beruft Jesus sich auf einen Kernsatz des Wortes Gottes und bekräftigt sein Vertrauen in die Beziehung zu Gott. Es gibt keine Nachhaltigkeit und keine qualitativen Transformationsprozesse ohne Vertrauen in die Regierungspolitik Gottes. Und die rechnet mit der Verantwortungsbereitschaft seiner Geschöpfe, und das heißt zunächst: mit der Bereitschaft, Gott zu antworten, wenn er fragt „Mensch, wo bist du?“, und sich nicht hinter Büschen oder hinter anderen Menschen zu verstecken. Die Wendung zum Besseren setzt die Bereitschaft zum Gehorsam gegenüber Gottes Weisung und zu Umkehr und Erneuerung voraus. Im Hebräerbrief heißt es: „Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er Sohn Gottes war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.“ (Heb 5, 7 f.)
Nachhaltige qualitative Transformationsprozesse sind mit Leiden verbunden, wobei es dann den entscheidenden Unterschied macht, ob ich freiwillig um dieser Veränderung willen Leid auf mich nehme (in den Philippinen heißt das productive suffering) oder ob das Leid über uns hereinbricht, weil wir nicht bereit waren, freiwillig um der Zukunft der Welt willen Privilegien aufzugeben und „empathisch“ zu leben.
Die vorherrschende wirtschaftliche und politische Logik ist korrumpiert. Sie beruht auf Karriereerwartungen im Zyklus der Wahlperioden bzw. im Zyklus der Bilanzberichte. Es trifft mich, wenn ich selbst von sympathischen Menschen als Reaktion auf die Folgen des Klimawandels höre: „Wie gut, dass ich dann nicht mehr lebe!“ Wenn ich so mit dem Schicksal kommender Generationen umgehe, ist der nächste Schritt nicht mehr weit, nämlich in den kommenden Verteilungskämpfen um sauberes Wasser, einigermaßen saubere Luft und ein angenehmes Leben – wie in den Europa umgrenzenden Gewässern schon praktiziert – andere über die Klinge springen zu lassen.
In der dritten und entscheidenden Runde versucht der Teufel es nun auch mit einem Bibelzitat. Weil wir den Ausgang dieser Geschichte kennen, finden wir das vielleicht nicht so dramatisch. Aber wir sind aktuell mitten in der Geschichte, die auch von frommen Fundamentalisten geprägt wird, die andere und sich selbst in den Abgrund stürzen. Die Welt wird ja ohnehin vergehen, die Apokalypse ist unabwendbar. Warum also nicht den Vorgang dadurch beschleunigen, dass wir uns keine Klimaziele setzen, dass wir mit unserer Wirtschafts- und Sicherheitspolitik so weiter machen wie bisher. Hauptsache, wir kommen in den Himmel.
Die noch geläufigere Variante ist die pastorale, die auf die „billige Gnade“ Gottes zecht, Menschen mit seelsorglicher und liturgischer Präsenz besoffen macht und den Anspruch Gottes auf unser ganzes Leben unterschlägt. Das ist die ganz und gar scheinheilige Form des „Weiter so!“.

Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen! Vertrauen, das nur das mehr oder weniger fromme Ego bestätigen und mir ein gesichertes Leben garantieren soll, ist Versuchung Gottes. Wirkliches Vertrauen, so zeigt Jesus, setzt auf die Nachhaltigkeit der Fürsorge Gottes, selbst angesichts des Todes. Der Teufel wich von Jesus eine Zeit lang – bis zu gegebener Stunde. Aber er war nicht weg und ist auch jetzt noch nicht weg. Wie wir dieses Wort Teufel auch immer übersetzen oder entmythologisieren, die Versuchung zur Korruption ist präsent.

Die kleinbürgerliche Variante ist, mit der eigenen Ohnmacht zu kokettieren und „die Verhältnisse“ zu beklagen. Das ist gefährlich, weil eine Menge Wahrheit drin steckt, aber eben nicht die ganze. Die Hebammen Schifra und Pua, die Prostituierte Rachab, Ester und Judith zeigen uns, was Gottvertrauen bewirken kann. Das Tröstliche und Befreiende der Versuchungsgeschichte ist, dass Jesus sich nicht korrumpieren lässt, wie der Philipperhymnus preist: „Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist…“ (Phil 2, 6-9)

So ist der Bann der Unbesiegbarkeit des Bösen gebrochen, und viele kleine Leute auf dieser Erde zeigen, dass Maggy Thatchers neo-liberaler Kampfruf: „There is no alternative“ nicht stimmt.

Wilfried Neusel, Bonn

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