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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

14. Feb. 10 - Quinquagesimae - Estomihi / 6. Sonntag im Jahreskreis

ev. Reihe II kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

1 Kor 13

Jer 17, 5-8

1 Kor 15, 12.16-20

Lk 6, 17.20-26

Der Autor betrachtet alle Predigtperikopen des Sonntags. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Grenzen des Wissens; Liebe als tragfähiges Fundament menschlichen Handelns (1 Kor 13); Ungerechtigkeit als Risikofaktor, Jesu Forderung nach einer besseren Gerechtigkeit (Lk 6); ökologische, soziale und seelische Harmonie (Jer 17); Auferstehung als Nachhaltigkeitsfaktor (1 Kor 15)


Kirchenjahreszeit: Vor dem religiösen und politischen Aschermittwoch

Der Sonntag Quinquagesimä (knapp fünfzig Tage vor Ostern) oder Estomihi (nach dem Kehrvers des Introitus-Psalms 31) ist der letzte Sonntag vor dem Beginn der Passionszeit. In der mit diesem Sonntag beginnenden Woche liegt der religiöse Aschermittwoch mit seinen Ritualen und der politische Aschermittwoch, an dem die Parteien – oft mit scharfen rhetorischen Angriffen – die Muskeln spielen lassen. Wer politisch predigen will, muss nach langfristigen Politikzielen fragen, die hinter den medienwirksamen Inszenierungen verborgen liegen. Was ist tragfähig jenseits der öffentlichen Selbstdarstellungs-, Entscheidungs- und Handlungszwänge?

Die bevorstehende Fastenzeit bietet einen zweiten kirchenjahreszeitlichen Ansatzpunkt. Das Fasten hat selbst in protestantischen und säkularisierten Milieus eine erstaunliche Bedeutung behalten. Auch in der kapitalistischen Gesellschaft ist das Verzichten attraktiv geblieben: als Unterbrechung der Konsum-Routine, als persönliche Suchtprävention, als Gesundheitsfürsorge oder als Übung innerer Freiheit. Mancher Gottesdienstbesucher wird noch unschlüssig sein, ob und wie er die Fastenzeit für sich gestalten will.

Eine einladende und ideenreiche Predigt kann Anregungen zum Fasten geben, um Freiraum zu schaffen für ökologische, soziale und spirituelle Dimensionen des Daseins. „Sieben Wochen ohne“ und „Autofasten“ sind nur die gängigsten Übungen. Die vorgeschlagenen Predigtexte bieten Anknüpfungspunkte: der Hymnus auf die Liebe und das Bild vom trüben Spiegel der Erkenntnis in 1. Korinther 13, die kraftvolle Sozialkritik in Lukas 6, das Idyll vom Baum, der am Wasser gepflanzt ist, in Jeremia 6 und die Relativierung aller menschlichen Werte durch die Auferstehungsbotschaft in 1. Korinther 15.


1. Korinther 13: Liebe ist tragfähiger als Wissen

„Aber die Liebe ist die größte unter ihnen“ – tausendmal verkitscht, tausendmal mit Zuckerguss übergossen, tausendmal flachgeschnulzt wurde dieser Bestseller unter den Predigttexten, der in der evangelischen Perikopenreihe II für den Sonntag Estomihi vorgesehen ist. „Glaube, Liebe, Hoffnung“, das wird allzu gerne als Universallösung verramscht – besonders in Traugottesdiensten. Und gesungen wird dazu möglichst noch „Ich bete an die Macht der Liebe“ (Evangelisches Gesangbuch Pfalz 651) oder noch schlimmer: „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“ (EG Pfalz 653). Und doch: „Die Liebe hört niemals auf!“ – das ist trotz alledem immer wieder schön und anrührend. Ist es auch wahr?

Reizvoll ist es, den Predigttext von hinten zu lesen, vom Motiv des Spiegelbildes her. Auf der polierten Metallfläche eines antiken Spiegels konnte man sein Gesicht tatsächlich nur schemenhaft erkennen. Immerhin beurteilt Paulus die menschliche Erkenntnisfähigkeit damit deutlich optimistischer als Platon in seinem Höhlengleichnis. Im Zeitalter des Internet, der Hirnforschung und der Entschlüsselung des menschlichen Genoms scheinen wir – ob Schatten oder Spiegelbild – von solchen Zuständen Lichtjahre entfernt. Aber verstehen wir wirklich besser?

Die Finanzkrise hat vor Augen geführt, wie wenig selbst Fachleute in Sachen Ökonomie die Instrumente verstehen, mit denen sie täglich umgehen. Jeder Störfall, jeder Kunstfehler, jede medizinethische Debatte zeigt uns neue Grenzen auf. Wenig wissen wir über uns selbst und wenig wissen wir über die Langzeitfolgen des Fortschritts. Die Philosophen streiten, ob angesichts dieser Einsicht das optimistische „Prinzip Hoffnung“ (Ernst Bloch) oder das skeptische „Prinzip Verantwortung“ (Hans Jonas) die angemessene Antwort ist. Paulus meint, dass die Liebe das einzig tragfähige Fundament menschlicher Existenz und menschlichen Handelns ist. Die Liebe und nicht das Wissen!


Lukas 6, 17.20-26: Gerechtigkeit ist tragfähiger als Habgier, Ausbeutung und Unterdrückung

Aus dem Sonntagsevangelium des katholischen Lesejahres C klingt die ipsissima vox Jesu. Unverblümt verkündigt er die göttliche Offenbarung einer besseren Gerechtigkeit und gibt den Armen, Hungernden und Verfolgten ihre Würde zurück. Im Lukasevangelium wird – anders als in der Bergpredigt des Matthäus – der Ernst dieser Botschaft noch verschärft. Unversöhnlich brechen die kontrastierenden Wehe-Rufe den Stab über die Reichen, Satten und Etablierten. Fast klassenkämpferisch wirken diese Verse. Jedenfalls prangern sie unmissverständlich die bestehenden Verhältnisse an und bringen zum Ausdruck, dass die Ungerechtigkeit keinen Bestand haben wird.

Wir wissen heute, dass die ungleiche Verteilung von Wohlstand und Macht enorme soziale Risiken birgt. Habgier, Ausbeutung und Unterdrückung mögen sich kurzfristig rechen. Langfristig stellen sie eine eklatante Gefahr für den Frieden, für das Glück und für das Seelenheil aller Menschen dar – auch für die scheinbaren Profiteure. Das alles ist bekannt. Die Verhältnisse sind trotzdem oft nicht danach, vor allem global betrachtet. Wann werden sich die Dinge ändern? Müssen die Benachteiligten warten bis zum Jüngsten Tag? Oder muss die Welt schon morgen komplett auf den Kopf gestellt werden?

Revolutionäre Bewegungen haben viel dazu beigetragen, ungerechte Verhältnisse zu verändern. Das Reich Gottes auf Erden konnten sie nie errichten. Und in vielen Fällen mündete revolutionärer Elan in Gewaltexzesse, Willkür und neue Ungerechtigkeiten. Eines aber ist klar: So wie es ist, kann es nicht bleiben. Wer die Botschaft Jesu ernst nehmen will, kommt nicht umhin, nach tragfähigen Lösungen für eine gerechtere Welt zu suchen – pragmatisch, liebevoll und bereit, auf Privilegien zu verzichten. Mit dieser mühsamen Aufgabe schlug sich schon die gut situierte lukanische Gemeinde herum. Bis heute lässt sie der Christenheit keine Ruhe ‑ solange bis Gott selbst die Dinge ins Lot gebracht haben wird.


Jeremia 17, 5-8: Ökologische, soziale, seelische und religiöse Harmonie trägt

Eine Verfluchungsformel und eine Seligpreisung aus dem Buch des Propheten Jeremia kommentieren das Sonntagsevangelium. Dem Inhalt nach geht es hier nicht um die Gerechtigkeitsfrage, sondern um die Grundausrichtung des Lebens. Die Orientierung an anderen Menschen wird radikal in Frage gestellt zugunsten einer religiösen Haltung. Subtile Abhängigkeiten vom Urteil und von der Anerkennung anderer freizulegen, könnte ein emanzipatorisches Predigtziel sein. Schön ist das Naturbild, das eine Analogie von ökologischer, sozialer, seelischer und religiöser Harmonie nahelegt.


1. Korinther 15, 12.16-20: Ohne Auferstehungshoffnung trägt gar nichts

Die Auferstehung Christi war für die Gemeinde in Korinth offenbar kein Problem. Umstritten hingegen war der Glaube daran, dass sie den Auftakt einer allgemeinen Totenauferstehung bedeutet. „Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen.“ Das reizt zum Widerspruch: Jesu Impulse für ein besseres Leben und gerechtere Verhältnisse sind in dieser Welt schon eine echte Hilfe. Der paulinische Einwand hat trotzdem seine Berechtigung: Bleibt etwas vom Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit, Schöpfung und Freiheit, wenn wir ohne Auferstehungshoffnung sterben oder wenn die Erde unweigerlich in ein paar Milliarden Jahren verglüht - ohne die Aussicht auf einen neuen Himmel und eine neue Erde?

Dr. Christoph Picker, Speyer

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