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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

31. Jan. 09 - Septuagesimae / 4. Sonntag im Jahreskreis

ev. Reihe II kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

1 Kor 9, 24-27

Jer 1, 4-5.17-19

1 Kor 12, 31 - 13, 13
oder 1 Kor 13, 4-13

Lk 4, 21-30

Der Verfasser betrachtet die beiden Perikopen aus dem 1. Korintherbrief. Stichworte zur Nachhaltigkeit: mit vollem Einsatz leben, selbst (wieder) Maßstab werden, auch als Kirche, in der Diakonie, Übernahme von Verantwortung (Zertifizierung, fair trade) (1 Kor 9); Liebe als regenerative Energiequelle (1 Kor 13)


Wasser predigen, Wein saufen? [1 Kor 9]

1. Für Paulus, den geradlinigen Asketen, ist die Sache klar: sein Verhalten ist nicht ausschweifend, nicht luxuriös, nicht libidinös. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird dieses Weltzeitalter (aion houtos) zu Ende sein. Mit dem neuen, kommenden (aion mellon) werden andere Maßstäbe gelten, deren Kriterien aber schon jetzt individuell zur Geltung gebracht werden können, durch Disziplin und Enthaltsamkeit, durch Verzicht auf sinnliche Genüsse, die doch nur vorläufigen Charakter und vorübergehenden Wert haben können, und durch Orientierung am „Gesetz Christi“ (V.21), dessen Erfüllung die Liebe ist.
Er möchte, dass seine Mitchristen, die Leser des Briefes und urchristlichen Gemeinden rund ums Mittelmeer, ihre Energien mobilisieren und es geradeso machen. Er leidet wie ein Fußballtrainer daran, dass seine Jungs nicht laufen, jedenfalls nicht mit letztem Einsatz. Rhetorisch stolpert er in seinem Eifer durch diverse Sportarten: Erst sind es die (männlichen) Läufer im Stadion, dann die Boxer. In der Lutherübersetzung sind es noch die Fechter, die gelegentlich in die Luft schlagen. Und Paulus selbst piesackt sich dabei am meisten und quält seinen Leib masochistisch. Ziel: keine Glaubwürdigkeitslücke entstehen lassen. Wer andere mit Erfolg coachen will, muss wenigstens sein eigenes Training vorzeigen können, besser noch, seine Fitness.

Glücklicherweise sind diese strengen Disziplin-Appelle mittlerweile von ihrer apokalyptischen Drohkulisse befreit; was bei Paulus aufgrund der Naherweiterung noch plausibel erscheinen mochte, etwa das asymmetrische Mann-Frau-Verhältnis, hat sich im langfristigen Effekt als unbiblische Leibfeindlichkeit erwiesen (,deren Schatten wir alle noch in uns tragen). Der Schlüssel eines evangeliumsgemäßen Verständnisses von Engagement und Erfolg liegt im angemessenen Verhältnis von Freiheit und Verantwortung. Nicht mehr die Trennung von rein und unrein ist die Frage, nicht mehr die Diskrimination von sündig und heilig, sondern die Frage nach Übernahme von Verantwortung in einer komplexen pluralen Welt. Unter der Annahme dieser Herausforderung gewinnt nun der Schlusssatz der Perikope erstaunliches Gewicht: damit ich nicht anderen predige, selbst aber untüchtig werde!

Untüchtig, ungeeignet, verwerflich; vielleicht nur: ungeprüft; vielleicht auch: als nicht echte Münze erkannt. Abstrakt: in einer Echtheitsprüfung unterliegen würde! Mit einem Satz: Es kommt nicht gut, wenn ich Wasser predige, aber Wein saufe. Die Bibel in gerechter Sprache sagt: damit ich nicht von anderen verlange, was ich selbst nicht schaffe. Auf die Kirche und ihre Einrichtungen bezogen: Glaube, Theologie, Verkündigung und Praxis müssen übereinstimmen, wenn sie Überzeugungskraft haben sollen.

2. Ein Weisheitsspruch aus China: Bevor du dich daran machst, die Welt zu verbessern, gehe dreimal durch dein eigenes Haus. Das gilt auch für unser Predigen mit dem Focus Nachhaltigkeit. Was wir zuhörenden Gemeindegliedern empfehlen, muss durch die Reflexion der eigenen Verhaltensweisen und der selbst verantworteten Strukturen gegangen sein.

Zur Durchleuchtung ein paar Nachhaltigkeitslaternen:

  • Wie wäre es, wenn unsere Kirche, konkret unsere Gemeinde, ein Fairtradeprogramm auflegen würde, so dass der hier getrunkene Kaffee nur aus fairem Handel bezogen wird? Dasselbe gilt für Tee, Bananen, Blumen, Grabsteine, Teppiche...
  • Wie wäre es, wenn unsere Kirche, konkret unsere Gemeinde ein zukunftsfähiges Energiekonzept entwickeln würde? Dazu gehört Energiebilanz, Klimaschutzprogramm, Effizienzprogramm, Prüfung der Energieträger...
  • Wie wäre es, wenn wir für Verantwortungsträger, Kirchenvorstand, Mitarbeitende in der Kita, Küster und Mesnerin ein Fortbildungsprogramm mit Verhaltenstraining anböten? Wie fahren wir energiesparend Auto, wie arbeiten wir energiesparend im Büro? Heizungssteuerung und Lüftungsverhalten? Ressourcenschonender Einkauf, abfallvermeidendes Wirtschaften? Biologisch und ökologisch orientiertes Verwenden von Lebensmitteln...?
  • Wie wäre es, wenn Diakonie und Caritas ihre stationären Einrichtungen einem Nachhaltigkeitsprüfverfahren unterzögen? Was beim Grünen Gockel und dem Grünen Hahn in vielen Kirchengemeinden schon Fuß gefasst hat, ist bei diakonischen Unternehmen oft noch völlig unbekannt.

3. Appelle ermüden. Appelle zum Wahrnehmen von Schöpfungsverantwortung auch. Was interessant ist, sind Stories, nachvollziehbare Geschichten, am besten Erfolgsgeschichten. Was in Ihrer Gemeinde ist gut gelungen in puncto Ökologie? Welcher Arbeitsbereich ist nachhaltig erfolgreich? Was macht Lust zum Mitmachen? Kennen Sie die Geschichte der Elektrizitätswerke Schönau? Im Internet werden Sie fündig, auch, was die christlichen Wurzeln der Stromrebellen betrifft. Vielleicht ist es passend, sich einmal nur mit der Frage des Umstellens auf Ökostrom zu befassen? Es könnte sein, dass Ihre Gemeinde dadurch etwas höhere Stromkosten hat. Ist es Ihnen das wert? Gibt es eine Gruppe von 12 Gemeindegliedern, die monatlich ein paar Euro drauflegen, um die Differenz auszugleichen?

Wasser predigen und Wein saufen – eine unechte Alternative. Apokalyptische Dualismen helfen nicht. Ich fahre mit dem Fahrrad zur Arbeit und mit dem Auto, wenn es nötig ist. Ich trinke tagsüber gerne Wasser, abends gerne Wein, alles zu seiner Zeit.


...und hätte der Liebe nicht? [1 Kor 13]

Und wenn ich alle ökologischen Bedingungen erfüllte, um das Überleben zu ermöglichen, und hätte der Liebe nicht, so wäre es nichts nütze.

Und wenn alle fossilen Brennstoffe erhalten blieben, weil wir Öl und Gas und Kohle nicht verbrennen würden und nur noch Sonne, Wind und Wasser als Energieträger nutzen würden, kein Uran ausgraben und kein Knallgas abfackeln würden, den Treibhauseffekt nicht mehr anheizen und kein CO2 in die Atmosphäre blasen, wenn wir das alles täten und hätten der Liebe nicht, dann wäre das alles umsonst.

Wenn wir die Energieeffizienz um den Faktor fünf steigern würden und die Mobilität auf 20% reduzieren, wenn wir unsere Autos mit Wasserstoff fahren lassen und keine Verkehrsbauten mehr errichten würden, wenn der Weg zur Arbeitsstätte verkürzt und die Urlaubsreise verträglich gestaltet würde, wenn Autorennen verlacht und das Fahrrad zum Normalfall würde, wenn Verkehrsmittel 30 Jahre genutzt und Abwrackprämien für Panzer gezahlt würden – wenn wir dies alles machten, aber würden es ohne Liebe tun, würde es nichts bringen.

Und wenn ein Klima der Gerechtigkeit heraufzöge wie die Morgenröte nach einer bedrohlichen Nacht und wir nicht nur Kaffee und Schokolade und Bananen im Eine-Welt-Laden, sondern alle Rohstoffe in einem nachhaltigen Wirtschaftskreislauf zu fairen Preisen einkauften und nur so viel kauften, wie wir wirklich brauchen, und unsere Klamotten auftrügen und unsere elektronischen Geräte abrüsteten, aber hätten die Liebe nicht, so wäre es umsonst.

Und wenn wir Demokratie und Freiheit nicht mit Raketen verteidigen und den Eurozentrismus durch Fairtrade ersetzen würden, am Hindukusch Alphabetisierungsprogramme unterstützen und militärische Sperrgebiete bei uns in Nationalparks umwandeln würden, aber täten das ohne Hingabe an Mensch und Natur, also ohne Liebe, dann würde das nicht dauerhaft wirken.

Und wenn wir nur noch so viel Fleisch essen würden, wie auf unseren landwirtschaftlichen Flächen ohne Futterimporte heranwachsen kann und kein Rindfleisch aus Argentinien und kein Soja aus Brasilien, kein Lamm aus Neuseeland und keine Putenbrust aus Polen herangekarrt würde, wenn wir auf Käfighaltung der Hühner verzichten und die Bauern artgerecht halten und entlohnen würden, wenn unser Essen nicht mehr zu viel und zu fett, zu süß und zu salzig wäre, sondern unser täglich Brot vollwertig und naturbelassen, regional erzeugt und jahreszeitengemäß von uns genossen würde, und wir hätten dabei keine Liebe, so würde es uns im Halse stecken bleiben.

Die Liebe nämlich ist der innere Bezug, den wir zu allen Gaben entwickeln, die wir uns geben lassen.
Die Liebe nämlich ist der Sinn, der in allem schöpfungsgemäßen Verhalten liegt, in aller neu gelernten Dankbarkeit und aller frisch erworbenen Bescheidenheit.
Die Liebe nämlich verbindet den Glauben an den Schöpfer mit der Hoffnung auf das gute Ende, das zugesagte Heil.
Die Liebe nämlich verknüpft unsere Haltung mit unserem Verhalten, sie ist tragender Grund und Kriterium unserer Entscheidungen.

Liebe ist nachwachsende Energie und nachhaltige Achtsamkeit.

Wilhelm Wegner, Frankfurt

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