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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

27 Dez 2009 - 1. Sonntag nach dem Christfest / Fest der Heiligen Familie

ev. Reihe II kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

1 Joh 1, 1-4

Sir 3, 2-6.12-14 (3-7.14-17a)
oder 1 Sam 1, 20-22.24-28

Kol 3, 12-21 oder
1 Joh 3, 1-2.21-24

Lk 2, 41-52

Der Verfasser betrachtet alle Predigtperikopen desTages. Stichworte zur Nachhaltigkeit: soziale intergenerationelle Gerechtigkeit für Alte und gegenüber Kindern (Sir 3, 1 Sam 1); gelingendes Leben durch Wandlung in den „neuen“ Menschen – Respekt im Umgang mit Mitmenschen und Umwelt bringt letztlich wirklich Fülle (Kol 3); mit und gegen soziale Normen –eigene Wege gehen im Vertrauen auf Gott (Lk 2)


Katholisch: Fest der Heiligen Familie

Zum Hintergrund: Die Verehrung der „Heiligen Familie“ (Jesus, Maria und Josef) nahm in der katholischen Frömmigkeit vom 17. bis zum 19. Jahrhundert an Bedeutung zu. Papst Leo XIII unterstützte in der zweiten Hälfte des 19. Jh. diese Frömmigkeit in besonderer Weise. Für die folgenden Auslegungen zu den Texten ist dies insofern bedeutsam, als Leo XIII zwar einerseits ein ausgesprochen restauratives kirchenpolitisches Programm vertrat, andererseits mit der Enzyklika „Rerum Novarum“ die „Katholische Soziallehre“ begründete und als „Arbeiterpapst“ in die Geschichte einging. So intendierte seine Förderung der Verehrung der Heiligen Familie die Betonung des Wertes der Familie angesichts der durch die Industrialisierung bedingten sozialen Umbrüche des 19. Jahrhunderts (vgl. hierzu www.heiligenlexikon.de). - Dazu noch zwei Punkte:

Erstens: Die Förderung der „Familie“ kann einerseits als „Fluchtinsel“ im alle gesellschaftlichen Zusammenhänge mit sich reißenden Strom des Industriekapitalismus gelesen werden. Diese „Insel“ blieb und bleibt jedoch bedroht, da das „gesellschaftliche Ganze“ auch immer wieder zerstörerisch auf das „Private“ durchschlägt (Th. W. Adorno). Andererseits kann es aber auch um eine Förderung der Familie nicht als „Fluchtinsel“, sondern als „Gegenkraft“ gehen. Fraglich bleibt dann immer noch das Verhältnis von „Familie“ zu anderen „gegenkräftigen“ Organisationsformen: Arbeitervereinen, Gewerkschaften und Parteien, die in jener Zeit Gegenmacht gegen die Mächte des Industriekapitalismus zu organisieren versuchten.

Zweitens: In Bezug zu letzterem ist die „Neudefinition“ der „Familie“ durch Jesus selbst interessant: Nicht seine „leiblichen“ Verwandten rechnet er zu seiner „Familie“, sondern diejenigen, die den Willen seines Vaters tun und nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit suchen und streben. Zu diesen „Heiligen Familien“ im jesuanischen Sinne gehören heute vielleicht Kooperativen in der „Dritten Welt“, die zu gerechteren Löhnen als auf dem sogenannten „freien Markt“ Erzeugnisse für den fairen Handel produzieren, sowie deren Konsumenten; oder Genossenschaften, die sich der ökologischen Energieerzeugung verpflichtet haben, und deren Konsumenten. Andere Beispiele ließen sich ergänzen. Eine „nachhaltigkeitsorientierte“ Auslegung der Texte zu diesem Kirchenfest steht damit also schon „kirchengeschichtlich“ von vornherein im Kontext einer Theologie des Politischen oder des Sozialen, auch wenn die heutige Problemlage eine weitere Perspektive verlangt als seinerzeit.

Zu den Texten: Die für die Liturgie vorgesehenen Texte lassen sich sowohl einzeln als auch in ihrer bewusst gewählten Zuordnung zueinander auslegen. – Als Texte kommen wahlweise aus dem Ersten Testament Verse aus Jesus Sirach oder aus 1 Sam. 1, aus dem Zweiten Testament aus Kol 3 oder 1 Joh 3 zur Geltung, das Evangelium erzählt vom zwölfjährigen Jesus im Tempel (Lk 2, 41-52).

Jesus Sirach 3, 2-6.12-15
Thema des Textes ist der „Umgang mit den Alten“. Weiter gefasst und aktualisiert kann von der „Nachhaltigkeit des Generationenvertrages“ gesprochen werden. Wie wird mit den „Alten“ in unserer Gesellschaft umgegangen? - Immer mal wieder debattiert werden bestimmte Altersgrenzen als Kriterium für die Verweigerung medizinischer Leistungen. – Ebenso die Frage „menschenwürdiger Pflege“ in den Altenpflegeeinrichtungen. – Welchen „Preis“ ist die Gesellschaft bereit zu zahlen für die „Achtung“ der Alten? – Wie steht es um die „Altersarmut“ in unserem Land? – Welche Forschungsmittel werden bei zunehmender „Seniorisierung“ der Gesellschaft bereitgestellt, z.B. für Demenzforschung (vgl. Sir 3, 13) und Pflege dementer Menschen?

1 Sam 1, 20-22.24-28
Inhaltliche Ähnlichkeit zu Lk 2, 41-52: das Kind „gehört“ nicht seinen Eltern, sondern hat seine eigene Zukunft, seinen eigenen Weg, sein eigenes Ziel, sein eigenes „Zuhause“.
Assoziationen: Eine nach vorn gerichtete Generationengerechtigkeit im Sinne eines „den-Kindern-ihre-Zukunft-lassens“, sie ihnen nicht verbauen (z.B. mit Jahrmillionen aktivem Atommüll) oder schon jetzt „aufbrauchen“. (Ressourcenvernichtung, -verschwendung).
Die nordamerikanische Indianerweisheit (so sie denn nicht schön erfunden und zugeschrieben ist): „Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geerbt.“ Oder ein Text von Kahlil Gibran:
„Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Es sind Söhne und Töchter von des Lebens Verlangen nach sich selber. Und sind sie auch bei euch, so gehören sie euch doch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, doch nicht eure Gedanken. Denn sie haben ihre eigenen Gedanken. Ihr dürft ihren Leib behausen, doch nicht ihre Seele. Denn ihre Seele wohnt im Hause von Morgen, das ihr nicht zu betreten vermögt, selbst nicht in euren Träumen. Ihr dürft euch bestreben, ihnen gleich zu werden, doch suchet nicht, sie euch gleich zu machen. Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilet es beim Gestern.“ (Kahlil Gibran, Der Prophet, Walter-Verlag, Olten 1978)

Nachhaltigkeit hat auch mit der Frage zu tun, welche Welt wir unseren Kindern und Enkeln hinterlassen, welche Zukunft wir ihnen lassen oder verweigern.

Kol 3, 12-21
Diese Sequenz sollte zumindest im Gesamtkontext von Kol 3 betrachtet werden. Kol 3, 5-7(8) beschreibt den „alten“ oder „irdischen“ Menschen (= VORHER): Unzucht, Schamlosigkeit, Leidenschaft, Begierden, Habsucht, Zorn, Wut, Bosheit. Mit JETZT ABER hebt Kol 3, 8 die Beschreibung des „neuen“ („himmlischen“) Menschen an: Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Geduld, Ertragen, Vergeben, Lieben, Friede, Dankbarkeit, ... Die verwendeten Substantive bzw. Verben zeichnen deutlich, ja fast zu deutlich, zwei völlig konträre Welten und „Umgangsformen“ des Menschen mit dem Menschen (und, über den unmittelbaren Text hinausgehend, auch mit seiner „Mit- und Umwelt“). Die „Verfahrensweise“ des JETZT ABER ermöglicht Leben in Fülle, „Nachhaltigkeit“ im Jetzt und für die Zukunft. Der „Lebensstil“ des VORHER bringt Zerstörung und Vernichtung, jetzt und für die Zukunft.

Bei den Begriffen „Unzucht, Schamlosigkeit, Leidenschaft“ ist nicht zwingend und nur an sexualmoralische Implikationen zu denken – ich möchte sie summierend mit „Ausbeutung“ oder „Ausbeutungsverhältnis“ bezeichnen, und insofern kann es ein schamloses und unzüchtiges in vielerlei Formen geben, das hier angeprangert wird: ein „schamloses“ Ausbeuten der Natur, ein „schamloses“ Ausbeuten des Menschen (und hier dann auch sie sexuelle Ausbeutung, aber nicht nur die...). Die für die Liturgie ausgewählten Verse „unterschlagen“ Kol 3, 11, wo die Abgrenzung „Griechen – Juden“, „Beschnittene – Unbeschnittene“, „Sklaven – Freie“ (vgl. auch Kol 3, 22 ff.) unter christologischem Aspekt („Christus ist alles und in allen“) aufgehoben wird. Zieht man Gal 3, 28 hinzu, auch die Grenze zwischen „Mann – Frau“.

In der Christusförmigkeit aller Menschen gibt es keine Ab-grenzungen, keine Sub-Ordinationen mehr (auch wenn Kol 3, 18 dies nahe zu legen scheint, aber sofort eine Relativierung in Kol 3, 19 erfährt). Zugestanden sei, dass diese „Christliche Hausordnung“ nicht sonderlich „revolutionär“ an den bestehenden Strukturen rüttelt (vgl. Kol 3, 22 ff.), sie aber doch „subversiv unterwandert“ und so die Praxis der Menschen in den Strukturen „nachhaltig“ verändert bzw. verändern kann. Der aus dem bisher Gesagten zu folgernde Umgang miteinander in den frühen christlichen Gemeinden scheint einen nicht unerheblichen Einfluss auf die „Nachhaltigkeit“ der Mitgliederzunahme gehabt zu haben: wo eine solche Alltagspraxis geübt wird, werden Perspektiven zu einem Leben in der „Freiheit der Kinder Gottes“ deutlich, das anziehend wirkt. Kol 3, 20-21 ermahnt „Elterngeneration“ und „Kindergeneration“ zu gegenseitigem Respekt. Übersetzt man „Gehorchen“ mit „Hören-auf...“, erweist sich der Respekt gegenüber den „Alten“ in der Bereitschaft, aus der (ihrer) Geschichte zu lernen. – Die Kinder nicht „einzuschüchtern, damit sie nicht mutlos werden“ (V 21), trifft sich mit dem zuvor schon zu 1 Sam 1 Gesagten: In welche ermutigenden oder entmutigenden („einschüchternden“) Perspektiven „entlassen“ wir die kommenden Generationen: Jugendarbeitslosigkeit, Klimakatastrophen, Ressourcenvernichtung, Atommüll... - oder?

1 Joh 3, 1-2.21-24
Wichtige Stichworte: Kinder Gottes sein – in Gott bleiben und Gott in uns bleiben – Gebot. – Wie sieht das praktisch aus? Ein „nachhaltiges Predigen“ zu diesem Text erschließt sich sozusagen aus dem Gesamtkon-Text des 1. Johannesbriefes selbst:

1 Joh 1, 8-10: unsere Sünden er-kennen und be-kennen (kritische Analyse der Ursachen der „strukturellen Sünde“, von Ungerechtigkeiten und Zerstörungen des Menschen und seiner Umwelt).
1 Joh 2, 15-17: Begierde und Habsucht als „Motoren“ von Ungerechtigkeit und Zerstörung er-kennen und be-nennen (nicht nur individuell, sondern auch strukturell!), sich der eigenen Verwicklungen in die „Strukturen der Räuberei“ (Franz Kamphaus) bewusst werden.
1 Joh 2,28 – 3,10: „Gerechtigkeit tun“ und den „Bruder lieben“, nicht nur „im Kleinen“, sondern auch bezogen auf die heutige „globalisierte“ Welt.
1 Joh 3,11-18: „Vermögen teilen“ und „das Herz nicht verschließen“, eine weitere Erläuterung zum bisher schon Gesagten.

1 Joh 3,18: „Nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit.“ – Die Wahrheit ist also nicht der Theorie zugeordnet, sondern der Praxis! – Die praktische Antwort auf die Frage Bertolt Brechts zu geben: „Aber vor allem, immer wieder vor allem andern: Wie handelt man, wenn man euch glaubt, war ihr sagt? Vor allem: Wie handelt man?“ (Bertolt Brecht, Der Zweifler).

Lukas 2, 41 – 52
Vieles von dem bisher schon Gesagten finden wir hier wieder. „Die Eltern“ und „der Sohn“ haben offenbar unterschiedliche (und bis jetzt nicht ausgesprochene oder nicht offenbar gewordene) Vorstellungen von „Familiarität“. „Die Alten“ und „der Junge“ sitzen im Tempel und diskutieren, von „Zuhören“ und „Antworten“ ist die Rede, also von „Dialog“. Argumente werden vorgebracht, geprüft, erwogen, bestätigt oder auch verworfen. Gleichwohl scheint es noch „ruhig“ und „tolerant“ zuzugehen, nicht wie in den späteren Streitgesprächen, in denen nach einem Grund gesucht wird, Jesus anzuklagen. Der ORT ist signifikant: der TEMPEL: Hier und jetzt ein erstes öffentliches Auftreten Jesu in Gespräch und Dialog. – Drei Jahre später, die letzten Tage seines öffentlichen Auftretens: der TEMPEL – der Ort der „Tempelreinigung“, der Ort nicht mehr der Dialoge, sondern eher der „Verhöre“ durch die Schriftgelehrten (Lk 19, 45 – 20, 44), Jesu Worte gegen die Schriftgelehrten (Lk 20, 45-47), schlussendlich der Vernichtungsbeschluss des Hohen Rates gegen Jesus (Lk 22, 1-2). Welch ein Wandel!

Von der (kitschig) vorgestellten trauten Dreisamkeit der Heiligen Familie ist nicht mehr viel geblieben: Josef „verdunstet“ im Gang der Geschichten offenbar in der Unwichtigkeit, Maria steht mitfühlend, aber fassungslos und mutmaßlich nicht verstehend abseits (nachdem man noch einmal und sogar mit Gewalt versucht hat, Jesus in den Schoß der „Heiligen Familie“ zurückzuholen, er aber seine „Familie“ völlig neu und geradezu „familienfeindlich“ definiert: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert ...“). Und aus Dialog und weisen Gesprächen sind Tumult und Verhör geworden. Der „Zauber, der allem Anfang innewohnt...“, ist gründlich verflogen. Was bleibt, sind Spekulationen. Hier eine über die „Familienstruktur“ der „Heiligen Familie“ und zur „Rettung“ derselben: Jesus wurde von seinen Eltern so „erzogen“ (zum Beispiel nach den Regeln Kahlil Gibrans, wie historisch nicht möglich, aber vielleicht „fromm zu sinnen“ wäre), dass er genügend Selbst- und Gottvertrauen entwickeln konnte, genügend Mut und Widerständigkeit (die moderne Entwicklungspsychologie hat dafür den Begriff der „Resilienz“ entwickelt), um seinen eigenen und radikalen Weg zu gehen. – Für die Gegenwart wäre hier ganz pragmatisch an Jugendliche zu denken, die ihren Weg in ein Freiwilliges Soziales Jahr, in einen Internationalen Friedensdienst oder sonstige „nachhaltige“ Aktivitäten für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung entwickeln.

Aber auch hier ist nichts einfach mit den Maßen von Input und Output zu berechnen, die Ambivalenz ist nicht aufgehoben, und Verantwortung und „Schuld“ für Friedensdienstler oder Amokläufer sind nicht „einfach“ den Eltern anzuhängen. Es geht auch um eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung für das, was aus jungen Menschen wird und wie deren Zukunft aussieht: Jede Gesellschaft bekommt die Kinder und Jugendlichen, die sie verdient. Eine Gesellschaft, deren Leitkultur „Geiz ist geil“ und „Profitmaximierung“ ist, darf sich nicht wundern, wenn es „den Jungen wie den Alten“ geht. Vielleicht wären in einer solchen Gesellschaft dann wiederum Familien (und damit wären wir wieder bei Leo XIII) doch noch so etwas wie eben nicht „Fluchtinseln“, sondern „Widerstandsnester“ gegen die so herrschende Leitkultur. Aber vereinzelt wären sie ziemlich allein – vielleicht läge eine Aufgabe für Kirche heute darin, diesen „Widerstand“ zu organisieren (ich schreibe diese Zeilen weniger als 24 Stunden nach der Erneuerung des Taufversprechens in der Osternacht 2009), und dann wären wir wiederum bei der Gemeinde (der Kolosserbrief und der Johannesbrief richten sich nicht an Familien, sondern an Gemeinden!). Höre ich da einen Hauch von Kulturkampf? Vielleicht: wer die „Heilige Familie“ heute „retten“ will, der muss auch wollen, dass sich Gesellschaft ändert – analog zu einem Satz von Erich Fried: „Wer will, dass die Welt bleibt, wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt.“


Evangelisch: 1 Joh 1, 1 – 4

Da es sich hier um die Eröffnung des bereits bei den katholischen Lesungstexten bearbeiteten 1. Johannesbriefes handelt, hier nur eine etwas andere Stichwortsammlung.
Kernworte sind: Das Wort des Lebens – Gemeinschaft mit dem Vater und seinem Sohn Jesus Christus – Gemeinschaft mit uns – vollkommene Freude. Die Praxis, die aus dieser Gemeinschaft untereinander sowie mit Gott und seinem Sohn Jesus Christus erwächst und zur Freude führt, ist die zu 1 Joh 3 beschriebene. Die Beispiele füllen die Einleitungsformeln zu diesem Brief mit Leben.

Günter Harmeling, Idstein

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