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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

15. Nov. 09 - vorletzt. Sonntag im Kirchenjahr / 33. Sonntag im Jahreskreis

ev. Reihe I kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Mt 25, 31-46

Dan 12, 1-3

Hebr 10, 11-14.18

Mk 13, 24-32

Der Autor betrachtet keine spezielle Bibelstelle aus den Lese- bzw. Perikopenordnungen dieses Sonntags, sondern gibt Anregungen aus dem Zusammenwirken der biblischen Impulse des Tages: Stichworte: das Reich Gottes bei der Entfaltung unterstützen, Geduld und Leidenschaft, ausreichende und soziale Energieversorgung, unhintergehbare Gesetze des Reichs Gottes: Einsetzen für Frieden und Gerechtigkeit


1. Zugang - Situationsbeschreibung

„Es gibt so viele Orte des Todes.
Von Golgotha bis Auschwitz, von Tschernobyl
Bis zum Platz des Himmlischen Friedens.
Nicht nur im Geschichtsbuch,
auch auf der Landkarte meines Herzens
Zellen der Einsamkeit, Folterkammern
Friedhöfe einer gestorbenen Hoffnung.
Da suche ich nach Orten des Lebens,
baue kleine Biotope der Hoffnung.
Als Gegengewicht gegen all das Bedrohliche,
Giftige, Tödliche in mir und um mich.“

(Hermann Josef Coenenn)

Die Verkündigungssprache in den Gottesdiensten unserer Kirche wird gegen Ende des Kirchenjahres düsterer und bedrohlicher. Die Schriftlesungen führen hinweg aus einem positiven Zukunftsdenken, das eigentlich nur von Erfolg wissen will, hin zu einer krassen und schroffen Betrachtung und Deutung der Weltzusammenhänge. Manchmal so, dass einem angst und bange wird. Zu allen Zeiten gibt es Menschen und Gruppen von Christenmenschen, die das, was wir aus der Gemeinde des Evangelisten Markus hören, sehr wörtlich nehmen und buchstabengetreu deuten, um für sich Verhaltensmaßregeln zu entwerfen. Sie machen sich und ihre Anhänger und Anhängerinnen zu Opfern ihrer Interpretation und setzen sich über Menschenrechte - um Gottes willen - brutal hinweg.

Aber selbst bei nüchternern Betrachtung der Botschaft gerät man als kritischer Menschen doch leicht ins Grübeln, betrachtet man die Ereignisse und Entwicklungen unserer Umwelt. In vielen Bereichen des Zusammenlebens der Menschen mit ihrer Welt stoßen wir an Grenzen, nicht nur des Wachstums, sondern auch der Regelung der nächsten Dinge. Ökonomie und Ökologie geraten immer mehr auf einen Kollisionskurs, betrachtet man z.B. lokale und globale Probleme der ausreichenden und sozial erschwinglichen Energieversorgung. Diese wird zu einem empfindlichen Katalysator oder Bremshebel für die Konjunktur, vorausgesetzt Menschen finden nicht in rascher Zeit zu einer außergewöhnlichen Lösung.

Und welchen Preis sind wir, ist die zivilisierte Menschheit bereit zu zahlen, um all das zu sichern, was wir zum Leben brauchen? Die Energieressourcen dieser Welt, vor allem Öl und Gas, befinden sich mehrheitlich in den Ländern mit überkommenen Herrschafts- und Gerechtigkeitsstrukturen, in Ländern, in denen Armut und Reichtum sich krass voneinander abheben, die über die Hautfarbe und die Rassenzugehörigkeit moderne Sklaven einerseits und über alles erhabene Herrschaften andererseits schafft.

Wir werden uns konfrontieren lassen müssen mit solch unangenehmen Fragen in unserem Fortschrittsdenken, das auch hier an seine Grenzen stößt. Tschernobyl als Ereignis auch unbeherrschbarer Technik mit fast apokalyptischen Ausmaßen und Plätze des Himmlischen Friedens an allen Ecken dieser Welt als Synonyme für den Preis ungebremstes Wachstums des Wohlstandes und des Fortschritts wegen bleiben Wegmarken dieser Welt.

2. Irritationen

Welche Dünnhäutigkeiten sich bei uns Menschen trotz unseres ungebremsten Fortschrittswahns entwickelt haben, zeigt sich markant, wenn Astronomen und andere wissenschaftlicher Forscher Near-Misses von Sternen und anderen Planeten mit unserer Erde ankündigen, oder wenn Berichte mögliche bevorstehende Kometeneinschläge voraussagen. Besorgnis über das Ende stellt sich ein. Und in einer Art Untergangshumor ergehen sich Menschen freizügig in Untergangspartys. Menschen suchen nach Orten des Lebens, bauen kleine Biotope der Hoffnung als Gegengewicht gegen all das Bedrohliche, Giftige, Tödliche.

Das sind gute und verständliche Schritte, die Menschen in ihrer Verzweiflung machen, um den drohenden Untergang noch ein wenig hinauszuschieben oder gar abzuwenden.

Wie groß war nicht die Hoffnung und Erleichterung, als man nach der Explosion des Kernreaktors mutige Männer und Frauen und eine wirksame Technik gefunden zu haben schien, um durch dicke Betonmauern das Moloch der offenen Kernstrahlung in die Umgebung und in die weite Welt zu besiegen und zu beherrschen. Es kann weitergehen. Wir haben gesiegt! Wie groß aber die Ernüchterung, dass das atomare Feuer dennoch weiter frisst und sich wieder einen Weg nach außen suchen wird, wenn nicht noch dickere Mauern errichtet werden! Und so wird sich dieser Wettlauf fortsetzen. Die kleinen Biotope können auch zu einer Selbsttäuschung geraten, inmitten des Chaos Inseln der Ruhe schaffen zu können.

3. Annäherung

Jesus spricht sehr deutlich und markant vom Ende dieser Welt. Seine Worte könnten Angst machen. Er lässt keinen Zweifel daran, dass noch irgendetwas nach dem Ende dieser Welt beim Alten bleiben könnte. Alles Gewohnte fällt in sich zusammen. Da mögen wir Menschen uns in den Jahrtausenden noch so angestrengt haben, uns diese Welt nach und nach zu erobern und unterwürfig zu machen, damit wir sie bewohnen können. Alles Gewohnte wird in sich zusammenfallen.

Aus? Vorbei?

Genießen wir deswegen alle Lust und alles Vergnügen, das wir hier und heute erreichen können, auf wessen Kosten auch immer!

Aber Gott lässt nicht zu, dass alles vorbei ist. Er sendet seine Engel aus, um die einzusammeln, die ihn, Jesus, als den Sohn Gottes und den Menschensohn erkannt haben. Am Ende der Zeiten wird offenbar werden, dass Jesus, der von den Mächtigen der damaligen Religion Geschmähte, Gottes Sohn, ja Gott selber ist.

Das konnten die Mächtigen nicht begreifen, dass Gott nicht von vornherein auf ihrer Seite steht, sondern als begnadeter Prediger in einer Schärfe und Radikalität von Gott spricht, von seinem Reich der Gerechtigkeit und des Friedens, das hier unter den Menschen angebrochen ist und nicht erst irgendwann beginnen wird. Die Mächtigen im Tempel jedoch beharrten auf ihren Positionen, dass Gott, den sie im Tempel wähnten und zu dem sie nur kontrolliert Zugang gewährten, so groß sei, dass er es gar nicht nötig habe, ganz und gar Mensch zu werden oder gar mit den Menschen durch ihr Leben unterwegs zu sein. Unverständlich und gefährlich war dieser Mann Gottes für sie, der als Gottes Sohn ankündigte, dass selbst der Tempel in Jerusalem keinen Bestand haben werde, wenn Gott als Messias zurückkehre, um endgültig das Reich Gottes zu vollenden. Sie aber glaubten, dass der Messias mit einem „Paukenschlag“ mächtig und majestätisch daherkomme und unter großen Donnerhall mit einem Schlag das Reich Gottes aufbaue. Das haben sie nicht verstanden, diese Männer und Frauen, die sich die religiöse Macht zugeschrieben haben, aber blind geworden sind, den Sohn Gottes und Gott selber zu begreifen. Dieses Reich Gottes entfaltet sich unter den Menschen, es wächst unter den Menschen, wie ein Kind wächst. Da gibt es Gesetze, die nicht von uns Menschen gemacht sind. Wer das erkennt, wie gerade die Armen, wie die Entrechteten, wie die Ausgestoßenen, wie die Kranken, wie die Kinder auf die Botschaft vom Reiche Gottes, die Jesus verkündet, hören, wird zum exponierten Mitarbeiter und zur Mitarbeiterin am Aufbau dieses Reiches, das letztlich durch Gott allein, durch seine Gnade wächst und auf höchste menschliche Anstrengungen baut.

Gewiss, Gott hat uns Menschen Fähigkeiten und Fertigkeiten geschenkt, zu denen er uns einlädt, sie tief und mit Liebe für die Menschen und für die Lebenswelt der Menschen und der Kreatur und für vom Herzen her und mit ganzer Akribie zu entfalten. Jedoch müssen wir nicht jeden Erfolg dabei erzielen; denn das Reich Gottes ist nicht einem ungebremsten Wirtschaftswachstum unterworfen oder einer gierigen und ausreichenden Sicherung der Energiequellen für die, die die globale Herrschaft anstreben und sichern wollen; das Wachsen des Reiches Gottes bedarf nicht des vermeintlichen Schutzes durch strategische Raketen-Abwehrsysteme und andere Waffen. Dieses Reich Gottes wächst von einer anderen Seite in unsere Welt hinein, auf die wir Menschen, mögen wir uns auch noch so anstrengen wollen, keinen Einfluss haben. Wir Menschen müssen für das Reich Gottes keinen materiellen Reichtum einsetzen und stehen nicht unter einem Erfolgszwang, alles und jenes sichern und leisten zu müssen. Wir können nicht einmal unser Leben sichern und brauchen es auch nicht. Aber wir sind eingeladen, uns einzusetzen für das, was Zukunft hat, nämlich Frieden und Gerechtigkeit, so wie die Botschaft Gottes sie immer wieder umschreibt, oder, wie es in der Würzburger Synode heißt: „das Reich Gottes ist nicht indifferent gegenüber den Welthandelspreisen.“

4. Verstärkung

„Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gerne die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“ So formulierte es Dietrich Bonhoeffer im Angesicht seines bevorstehenden gewaltsamen Todes 1945.

Wir wissen nicht, wann die bisherigen so vielen Orte des Todes und der Ungerechtigkeit in der Welt, die von Menschen in ihrem Herrschafts- und Anspruchswahn errichtet worden sind, sich so ausbreiten, dass uns die Luft und der Raum zum Atmen und Leben genommen wird. Wir wissen nicht, wann und ob die Szenarien von Pandemien und Verkettungen von Gewalt und Herrschaft sich zum Unheil der Menschen durchsetzen werden. Wenn wir nur darauf warten und darauf stieren würden, wir würden die Möglichkeiten nicht nutzen, mit Ruhe, in Besonnenheit und Klugheit und im Gottvertrauen Hand anzulegen für eine bessere Zukunft, die den Weg weist zum Reich Gottes und zu dessen Wachsen unter den Bedingungen unserer Zeit und Welt. Ferdinand Kerstiens, Pfarrer und Geistlicher Beistand in der Friedensbewegung Pax Christi, nennt in diesem Zusammenhang zwei Qualitäten, in denen wir uns üben und beweisen können, da uns am Geschick der Welt und des Reiches Gottes liegen: die wachsame Geduld, und die gelassene Leidenschaft.

Wie wäre es, wenn wir uns diese Qualitäten zu Eigen machen könnten?

Josef Kolbeck, Gau-Algesheim

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