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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

1. Nov. 09 - 21. Sonntag nach Trinitatis / Allerheiligen

ev. Reihe I kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Mt 5, 38-48

Offb 7, 2-4.9-14

1 Joh 3, 1-3

Mt 5, 1-12a

Der Autor betrachtet die Bibeltexte der kath. Leseordnung. Stichworte zur Nachhaltigkeit: biblische Gerechtigkeit hängt zunehmend mit Ökologie zusammen, Allerheiligen – Schrei nach Gerechtigkeit – was dient dem Leben, nicht: der Effizienz


Begegnung und Konflikt zweier Welten

In dem Fest Allerheiligen begegnen sich zwei ‚Welten’: die Welt des Himmels und die Welt der Erde. Sie sind nicht nur harmonisch durch die Hoffnung auf Vollendung, sondern auch konfliktreich durch den Gedanken des Gerichts, der einen Widerspruch zur Erde markiert, miteinander verbunden.

Der Himmel steht für die Welt Gottes. Sie wird sichtbar in den Bildern eines ‚neuen Himmels und einer neuen Erde’ (Offb 21,1 ff.). Diese Bilder flüchten nicht in eine vermeintlich ‚rein geistige’ Welt, sondern bleiben der Erde treu. Sie erzählen nicht einfach vom Himmel, sondern von einem neuen Himmel, der sich mit einer neuen Erde verbindet. So ist es kein Zufall, dass „das Wasser des Lebens“ (Offb 22, 1), heilende „Bäume des Lebens“ (Offb 22, 2) ebenso wie das „Licht“ (Offb 22, 5) in den Bildern vom ‚neuen Himmel und der neuen Erde’ eine zentrale Bedeutung haben. Die Hoffnung auf den ‚neuen Himmel und die neue Erde’ ist die visionäre Antwort auf den Schrei derer, die unter der Ungerechtigkeit des römischen Imperiums und der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen leiden. Sie werden Wirklichkeit, wenn Gott durch sein Gericht über Rom der zerstörenden Macht des Imperiums das Ende setzt.

Dies im Hintergrund mitzuhören, hilft, die Erste Lesung des Festes Offb 7, 2-4.9-14 besser zu verstehen. Die geschilderte Vision setzt den Gedanken des Gerichts als Untergang des Imperiums voraus. Vor diesem Hintergrund fragt der Text: Wer kann das überleben? Wer kann gerettet werden?

Unser Text nennt diejenigen „Knechte unseres Gottes“, die das „Siegel auf der Stirn“ (7, 3) tragen. Das Siegel bezeichnet die Zugehörigkeit zu Gott und dem Lamm. Die zu ihnen gehören, stehen um Gottes Thron und bekennen: „Die Rettung kommt von unserem Gott...“ (7, 10). Die Quelle von Rettung und Wohlergehen war nach der Ideologie des römischen Imperiums der Kaiser. Er war der Repräsentant einer Weltordnung, die vor allem die Armen und Kleinen als zerstörende Macht ihres Lebens und ihrer Lebensgrundlagen erlebten. Sie bekennen sich zu Gott und dem Lamm, dem von der römischen ‚Ordnung’ hingerichteten Messias. In Treue zu Gott und dem Lamm wird eine neue Welt möglich. Der Himmel steht in Konflikt mit der Erde. Dieser Konflikt stellt eine Bekenntnisfrage: Wo gehören wir hin? Zu wem bekennen wir uns?

Auch der Text der zweiten Lesung, 1 Joh 3, 1-3, markiert den Konflikt zwischen zwei Welten. Die Welt erkennt „die Kinder Gottes“ (3, 1) nicht, weil sie die Liebe Gottes, wie sie sich in Jesus gezeigt hat, nicht erkannt hat. Die Aussagen werden deutlicher, wenn wir „Welt“ (griechisch: kosmos) ) mit „Weltordnung“ übersetzen und „Liebe“ (griechisch: agaph)) mit „Solidarität“. Eine „Weltordnung“, die auf Über- und Unterordnung setzt und ihre Macht durch die Zerstörung von Lebensgrundlagen sichert, steht in Konflikt mit der Welt Gottes, die in Gottes Solidarität mit allen Menschengeschwistern gründet und in der Solidarität unter Gleichen Gestalt gewinnt. Solidarität verbindet sich mit dem Tun der Gerechtigkeit. Ihre Grundlage ist das Recht aller Menschen auf Leben im Rahmen einer Schöpfung, die Leben und Lebensraum zugleich ist. Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung werden als zwei Seiten derselben Medaille sichtbar. Heiligkeit heißt dann: Jesus ähnlich werden, „sehen, wie er ist“ (1, 2). Wer Jesus ähnlich ist, dem ist das heilig, was ihm heilig war: das Leben der Menschen in Gottes Schöpfung. Als Gemeinde der „Heiligen“, die ihr ‚Heil’ auf den Weg der Solidarität setzt, wird die Christengemeinde ‚durchsichtig’ für Gottes neue Schöpfung.

Die Seligpreisungen des Evangelium Mt 5, 1-12a verbinden Verheißungen und Verhaltensweisen, die denen gelten, denen das Himmelreich gehört (5, 1). Sie sind eine Ermutigung für diejenigen, die in der gegenwärtigen Welt unter Armut und Unrecht leiden, die traurig und niedergedrückt sind, weil sie keine Perspektiven, sprich Alternativen mehr sehen. Zugleich eröffnen sie befreiende Horizonte, in denen Wege des Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit (Mt 6, 35) gegangen werden können. Aber auch dazu gehört wieder die Erfahrung des Konflikts in Gestalt von Beschimpfung, Verleumdung und Verfolgung.


‚Nachhaltige’ Zuspitzungen

Es wird immer sichtbarer, wie sehr die Frage nach Gerechtigkeit, die in den biblischen Texten im Vordergrund steht, mit ökologischen Fragen zusammenhängt. Bis zum Jahr 2025 werden zwei Drittel der afrikanischen Agrarfläche verschwunden und weitere 135 Millionen Menschen auf der Flucht sein. Die knapper werdenden Ressourcen für Energie sollen dadurch erweitert werden, dass Energie aus Nahrungsmitteln gewonnen wird. Die erhöhte Nachfrage führt zu ihrer Verteuerung und damit zu Hunger und Verelendung. Die Armen sind die ersten Opfer ökologischer Zerstörungen, z.B. weil ihre Wohngebiete als erstes vernichtet werden, wenn die Meeresspiegel steigen. In den biblischen Texten zu Allerheiligen begegnet uns der Schrei nach Gerechtigkeit und in ihm die Hoffnung auf Gottes neue Welt. Zugleich ermutigen sie dazu, diese neue Welt jetzt schon lebendig werden zu lassen und der Auseinandersetzung mit Strukturen von Unrecht und Gewalt nicht aus dem Weg zu gehen.

In der Begegnung der Welten von „Himmel“ und „Erde“ wird eine unterschiedliche Logik, ein unterschiedlicher Geist deutlich. Unrecht und ökologische Zerstörungen sind Ausdruck eines Denkens, das auf Nützlichkeit und Effektivität ausgerichtet ist. Nützlichkeit ist wirtschaftliche Nützlichkeit. Als nützlich erscheint das Wachstum der Wirtschaft. Sie erscheint heute vielen als Quelle der Rettung und des Wohlergehens. Effektiv ist das, was wirtschaftliche Interessen möglichst schnell verwirklichen hilft. In dieser Logik ist die Schöpfung den Gesetzen wirtschaftlichen Denkens unterworfen. Je schneller und effektiver, je zweck-rationaler dies geschieht, umso deutlicher wird diese Logik als Logik des Todes und der Zerstörung sichtbar.

Der Blick in Gottes neue Welt macht eine andere Logik, einen anderen Geist sichtbar. Vor aller Nützlichkeit und Effektivität steht die Frage, was dem Leben dient. In der Sprache des Festes Allerheiligen: Vor aller Nützlichkeit und Effektivität steht die Frage nach der Heiligkeit allen Lebens. Sie hat nur dann eine Chance, wenn unser Denken und Handeln statt auf private Aneignung und Unterwerfung auf die Anerkennung des anderen in seinem Recht auf Leben ausgerichtet ist. Dann tritt an die Stelle der Privatisierung des Lebens und der Lebensgrundlagen ein Bewusstsein der Zusammengehörigkeit aller Menschengeschwister. Menschwerden ist solidarisches Menschwerden. Statt „Ich denke (und unterwerfe), also bin ich.“ gilt dann: „Ich darf sein, weil der andere und mit ihm die Schöpfung als Lebensraum sein darf.“

Herbert Böttcher, Koblenz

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