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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

31. Okt. 09 - Reformationstag

ev. Reihe I kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Mt 5, 2-10 (11-12)

Röm 11, 1-2a.11-12.25-29

 

Lk 14, 1.7-11

Die Autorin betrachtet den Predigttext der ev. Perikopenordnung u.a. unter Bezug auf die Olympischen Spiele, die zum Zeitpunkt der Texterstellung gerade in Peking stattfanden. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Freiheit – wie sie mir und Anderen erscheint und was sie für mich und Andere wirklich ist oder sein könnte (Mt 5)


Die Seligpreisungen als Wegweiser zur Freiheit der Kinder Gottes und der Stellenwert der Freiheit in der Welt

Rechtzeitig zu den olympischen Spielen in Peking 2008 hatte man aufgeräumt – nicht nur den Müll, nicht nur schmutzige Abgase, auch die Zeitungen, das Internet, die Bevölkerung, die Menschen hat man aufgeräumt. Kein schlechtes Bild, kein schlechter Geruch, keine schlechte Nachricht, keine schlechte Kritik sollte das schöne Gesamtkunstwerk Olympia stören. Deshalb waren in Peking die Menschen noch ein bisschen unfreier als sonst. Und das IOC spielte mit. Auch die Athleten gaben auf Anweisung des IOC ihre Freiheit am Flughafen in Peking ab. Protest gegen Menschenrechtsverletzungen – auch stiller – verboten; Protest gegen Tierquälerei (z.B. Pelztiere) verboten; Protest gegen Umweltzerstörung – unerwünscht. Wer es trotzdem tat, riskierte, von den Spielen ausgeschlossen zu werden. Ein englischer Journalist wurde von Polizisten übel zugerichtet als er versuchte, über eine unerwünschte Veranstaltung zu berichten – eine kleine Meldung in der Zeitung – von einem Protest irgendeiner Regierung oder des IOC ist mir nichts bekannt. – Die Freiheit hatte keinen hohen Stellenwert in den Tagen von Olympia – einen noch geringeren als sonst – und die meisten waren zufrieden damit. Sie wollten ungestört eintauchen in die Wettkämpfe, wollten baden in den Emotionen der Athleten, sich mitreißen lassen von den Kommentaren der Sportjournalisten. – Freiheit – was ist das überhaupt? Freiheit – ein dehnbarer Begriff, unter dem vieles verstanden wird; und meistens ist der Blickwinkel auf die Freiheit nicht sehr weit und frei, sondern eng ausgerichtet auf die eigenen Interessen, die eigenen Bedürfnisse. Freiheit – das ist für die meisten Menschen ihre eigene Freiheit.

Wir haben 2008 im Kirchenbezirk Germersheim ein historisches Spiel aus der Zeit der Reformation aufgeführt, in dem es eben darum geht. Da sind die aufständischen Bauern. Freiheit heißt für sie, ihr Land zu besitzen, nicht von Steuern und Abgaben erdrückt zu werden, genug zum Leben zu haben – die Freiheit der anderen haben sie nicht im Blick. Gerne folgen sie üblichen Feindbildern. Ohne mit der Wimper zu zucken, schreiben sie in Forderungskataloge hinein, man solle die Kriegskassen mit Geld füllen, das man den Juden abnehme. Da ist der Reichsritter Franz von Sickingen. Freiheit heißt für ihn, weiterhin frei seinen Geschäften – auch seinen kriegerischen Geschäften – nachgehen zu können. Freiheit ist für ihn relativ und sie ist für ihn käuflich. Er möchte im Machtpoker zwischen Kaiser, Papst und Territorialfürsten möglichst gut wegkommen; und so unterstützt er den, der am besten bezahlt, ihn am wenigsten einengt, ihm die meisten Vorteile zu bringen scheint. Da ist der Universitätsgelehrte Paul Fagius aus dem pfälzischen Rheinzabern – begabter Hebraist, Schüler und Freund Bucers und Capitos– nicht reich, aber doch privilegiert. Freiheit ist für ihn die Freiheit des Denkens, die Freiheit des Forschens, die Freiheit der Bildung. Aber auch sein Blick auf die Freiheit war begrenzt. Dass nicht jeder Zugang zu Bildung hatte, dass Frauen von Schul-, geschweige denn Universitätsbildung völlig ausgeschlossen waren, das war für ihn überhaupt kein Problem, überhaupt keine Frage.

Ich habe das Drehbuch für das Stück geschrieben und hierfür zunächst über die Zeit, über, die Personen, über die Personengruppen recherchiert. Dabei ging mir auf, dass uns die Personen aus einer fernen Zeit so fern gar nicht sind: In jedem von uns ist ein Stück Bauernführer, der nur seine eigene Wut, seine eigene Misere, seine eigene Not sieht; in jedem von uns ist ein Stück Ritter Franz von Sickingen, der sich sein Stück von der Freiheit kauft, in jedem von uns ist ein Stück Paul Fagius, der sich keine Gedanken über ungleiche Bildungschancen macht.

Welche Freiheit meinen WIR?

  • Die Freiheit, unbegrenzt mobil zu sein, jederzeit jeden fernen Winkel dieser Welt erreichen zu können und in jedem Winkel der Welt erreichbar zu sein; die Freiheit, beruflich und privat, global vernetzt zu sein, global zu leben;
  • die Freiheit, kaufen zu können, was uns gefällt, ohne zu fragen, unter welchen Bedingungen und Begleitumständen es produziert wurde. Ein Beispiel: Immer noch kaufen wir von Möbeln bis zu Toilettenpapier Produkte, die die Wälder dieser Erde und somit Lebensräume unzähliger Lebewesen zerstören. Nicht überall, wo FSC draufsteht ist FSC drin! In Indonesien wird der Lebensraum der Orang-Utans weiterhin so gnadenlos zerstört, dass diese majestätischen Menschenaffen vom Aussterben bedroht sind. Und dabei kommt es am Rande der großen Verbrechen zu unglaublichen Vorfällen, bei denen Opfer zu Gewalttätern werden. In Urwaldcamps vergewaltigen Holzfäller für umgerechnet 50 Cent ganzkörperrasierte, angekettete Orang-Weibchen, weil sie sich menschliche Prostituierte nicht leisten können. Unsere Freiheit, billiges Toilettenpapier und schicke Gartenmöbel kaufen zu können, die Freiheit der Konzerne, Lebensräume zu zerstören, um Milliarden zu verdienen, die Freiheit der kleinen Arbeiter auf billigen Sex mit Menschen- oder Affenfrauen – für die ganz weit unten bleibt von der Freiheit nichts mehr übrig, weil die weiter oben sich alles genommen haben.
  • Wir meinen unsere Freiheit, Kindergärten und Schulen, Universitäten, Fachschulen, Ausbildungsbetriebe zu besuchen, eine Freiheit, die wir für selbstverständlich halten, eine Freiheit, die vielen Jugendlichen eine lästige Pflicht ist; eine Freiheit der Bildung, die manchem in der Wirtschaft zu weit geht. Die Jugendlichen sollen lernen, was die Wirtschaft braucht; Allgemeinbildung – einfach so – halten sie für unrentabel. Deshalb haben Geisteswissenschaften an den Universitäten im Moment einen schweren Stand; deshalb führt man das Abitur nach acht Jahren ein, deshalb hat man Diplom- durch Bachelor-Master-Studiengänge ersetzt; hat man den Handwerksmeister entwertet.

Freiheit – so die vielerorts verfolgte Devise – Freiheit ist das, was MIR nützt, ist MEINE Freiheit und somit für jeden etwas anderes. Der Predigttext spricht von einer anderen Freiheit:

  • Selig sind, die da geistig arm sind: das ist die Freiheit, sich Gott völlig zu öffnen, seinen Willen zu meinem Willen werden zu lassen, seine Liebe zu meiner Liebe.
  • Selig sind, die da Leid tragen: das ist die Freiheit, nicht wegzuschauen, wo andere leiden.
  • Selig sind, die Sanftmütigen: das ist die Freiheit, nicht Ellenbogen und Fäuste, keine scharfen Waffen, keine bösen Blicke, keine verletzenden Worte zu benutzen.
  • Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit: das ist die Freiheit, sich den Geschmack der Gerechtigkeit nicht abgewöhnen zu lassen, sich nicht abspeisen zu lassen mit ideologischem Fastfood und künstlichen Geschmacksverstärkern – Werbung z.B., die dem chinesischen Bauern und uns allen vorspiegelt, Gerechtigkeit sei, wenn wir auf einem noch größeren Flachbildschirm die Olympiade noch größer sehen können.
  • Selig sind die Barmherzigen: das ist die Freiheit, andere mit den Augen der Liebe anstatt mit den Augen einer Castingkommission anzusehen, nicht nach kalten Erwartungen und Leistungen den ganzen Menschen zu beurteilen und zu verurteilen (zu alt, zu jung, zu unerfahren, zu hässlich, zu dick, zu dumm, zu unsportlich...).
  • Selig sind die reinen Herzens sind: das ist die Freiheit, ein offener ehrlicher Mensch zu sein, die Freiheit, Masken und Verkleidungen abzulegen, die Freiheit ICH zu sein und nicht die, als die andere mich sehen möchten.
  • Selig sind, die Frieden stiften: das ist Freiheit, anderen den Frieden zu erklären, ohne zu fragen, ob er ihn verdient hat, die Freiheit, sich zu versöhnen, ohne zu fragen, ob es nützlich ist.

Dies ist die Freiheit, von der Jesus spricht, eine gewaltige Freiheit, die den Mächtigen Angst macht, eine Freiheit, die vielen unrealistisch, unerreichbar erscheint. Dennoch, es ist die Freiheit, die er uns anbietet, die Freiheit, zu der er uns einlädt. Es wäre schön, wenn wir sie annehmen könnten, wenn wir sie spüren könnten, wenn wir sie leben könnten. Eine Lebensaufgabe.

Wer Interesse an einer Aufführung unseres Historienspiels über die Freiheit „Tempora reformanda“ hat, kann sich direkt an mich wenden (Hintere Str. 4, 76756 Bellheim oder Gemeindepädagogischer Dienst, z.H. Herrn Schaaf, Hauptstr. 1, 76726 Germersheim).

Heike Krebs, Bellheim

FSC: Forest Stewardship Council (Zertifikat für Holz aus nachhaltiger Forstbewirtschaftung)

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