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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

4. Okt. 09 - 17. So. nach Trinitatis / Erntedank / 27. Sonntag im Jahreskreis

ev. Reihe I kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Mt 15, 21-28 / Lk 12, (13-14) 15-21
od. Mt 6, 25-34

Gen 2, 18-24

Hebr 2, 9-11

Mk 10, 2-16 oder kurz
Mk 10, 2-12

Die Autorin gibt Impulse zur Auslegung der Warnung vor Habgier und dem reichen Kornbauern (Lk 12) sowie zur Perikope vom Schätzesammeln (Mt 6). Sie weist auf den Familiencharakter des Erntedankgottesdienstes hin und darauf, das Anliegen der Gemeinde, danken zu wollen, nicht mit globalisierungskritischen Analysen zu verstopfen. Gleichwohl gilt es, keine Romantisierung moderner Lebensmittelproduktionen vorzunehmen oder unkritisch mit dem Dank als Ausdruck von Selbstbestätigung umzugehen.


Erntedank: ein Balanceakt zwischen Seelsorge und Politik im Kontext eines Familiengottesdienstes

Erntedankgottesdienst sind Festgottesdienste, für die bereits in vielen Gemeinden eigene wunderbar lebendige Traditionen bestehen. Mancherorts gehört das selbstgebackene Brot, das nachher gemeinsam verzehrt oder mitgegeben wird, dazu. Ganz überwiegend werden die Altäre mit vielen Früchten aus der Region dekoriert. „Wir pflügen und wir streuen“ von Matthias Claudius ist einer der kirchenmusikalischen Schlager des Erntedankgottesdienstes; ich möchte vorschlagen, dass er – wie etwa „O du fröhliche“ am Heiligen Abend – einfach zum festen Bestand des alljährlichen Erntedankgottesdienstes zählt. Oft sind viele Kinder bzw. Familien an diesem Tag im Gottesdienst; dies ist auch für das nachhaltige Predigen von großer Bedeutung. Deshalb schlage ich vor, die Kinder ins Dekorieren des Altars einzubinden, indem sie etwa am Eingang Früchte erhalten, die sie auf dem Altar ablegen können oder die sie im Gottesdienst verzehren können. Ein kleines Äpfelchen oder ein Apfelstück reicht da schon aus. Mit dieser Geste werden die Sinne aufgeschlossen, ein herzliches Willkommen an die Kleinen und vielleicht auch an die Großen.

An diesem Festsonntag wird ein Fest des Dankes gefeiert. Theologisch geht es darum, sich daran zu erinnern, dass wir uns unser Leben nicht selbst geben können. Es ist ein Geschenk, eine gute Gabe. Viele Menschen, die an diesem Tag in die Kirche kommen, wollen aber auch einen Blick auf das werfen, was ihnen gelungen ist, wofür sie dankbar sind, worauf sie stolz sein können. Erntedank ist so gesehen ein Fest, an dem Menschen sich in der Kirche mit ihren Leistungen anerkannt gefühlt wissen möchten. Die Feldfrüchte stehen stellvertretend für das Werk, das sie vorzuweisen haben, von dem sie aber wissen: Es geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott. Der Balanceakt liegt darin, Menschen diese Anerkennung zu geben, aber zugleich das Verständnis von „Haben“ und „Loslassen können“ zu vertiefen.

Wo der Lebenszusammenhang es nahe legt, ist Erntedank auch eine Gelegenheit, einen Gottesdienst mit interkonfessioneller oder auch interreligiöser Beteiligung zu gestalten, z. B. wenn Grundschulklassen in die Gestaltung miteinbezogen werden. Allerdings: Es gibt auch Menschen, denen es nicht möglich ist, dankbar zu sein. Das kann vielfältige Gründe haben, die ernst zu nehmen sind: wenn man krank ist oder es einem in anderer Hinsicht zu schlecht geht; weil man sich sagt, wem sollte ich danken, ich habe mir doch alles selbst erarbeitet; schließlich weil man das Gefühl hat, in seinem Leben eigentlich immer zu kurz gekommen zu sein. Möglicherweise sind Empfindungen dieser Art auch denen vertraut, die den Erntedankgottesdienst besuchen. Aus mehreren Gründen halte ich den Erntedankgottesdienst nun für eine große Herausforderung:

Erwachsene und Kinder sollen Gelegenheit erhalten, zusammen und doch je für sich in angemessener Weise diesen Gottesdienst zu feiern. Erntedank kann mit dem Altar voller Früchte des Feldes wie zu einer romantischen Verklärung einer früheren Agrargesellschaft werden. Deshalb sind manche bereits schon so weit gegangen, einen Computer auf den Altar zu stellen oder Sushi oder ein in der Region hergestelltes Industrieprodukt etc., was provokant wirkt oder wirken soll. Heutige Lebensmittelherstellungsmethoden wirken zerstörerisch auf die Schöpfung: Massentierhaltung, Gentechnologie und Export von Nahrungsmitteln sind nur Schlagworte, um die Problematik anzudeuten. Aus diesen Gründen kann es dazu kommen, dass der Erntedankgottesdienst aus gut gemeinten Gründen mit Globalisierungsthemen moralisch aufgeladen wird. Damit werden aber die dankbaren Herzen, die gekommen sind, genau dies auszudrücken, verstopft. Erntedank: ein Balanceakt zwischen Seelsorge und Politik im Kontext eines Familiengottesdienstes.


Impulse zur Predigtvorbereitung

Lk 12, 13-21 Warnung vor Habgier und der reiche Kornbauer

Gerade in der Lebensphase, in der viele Menschen von den Eltern langsam Abschied nehmen müssen, also in den Jahren um fünfzig herum, wird das Thema Erbschaft in vielen Familien bedeutsam. In der von Luther überschriebenen Perikope „Warnung vor Habgier“ weist Jesus es ab, als Erbschlichter beansprucht zu werden. In der folgenden Perikope vom reichen Kornbauern erhält dieser von Gott ein überaus hartes Urteil. Obwohl er ja nicht weiter maßlos ernten wollte, sondern nur diese eine große Ernte gut einfahren wollte und sich um ihre sichere Verwahrung sorgte, wird er von Gott hierfür mit dem Tode bestraft. Der Umgang mit einer Erbschaft, der Umgang mit einer großen Ernte steht hier zur Diskussion. Es ist nicht genug, ein Erbe gut zu verwalten und für eine Ernte dankbar zu sein. Dankbar sein, das heißt der Perikope vom reichen Kornbauern zufolge offensichtlich zu haben als hätte man nicht.

Eine Verbindung von Habgier und der – in der katholischen Theologie interpretierten – Todsünde Geiz führt in eine Aktualisierung des biblischen Textes, für den viele populäre Illustrationen zur Verfügung stehen (siehe Birgit Schönberger, Geiz und die hier genannten). „Geiz ist von der Todsünde zur Tugend avanciert“, so Schönberger und dies mit durchaus ökologisch nachhaltigen Gründen. Neben einer ganzen Kultur des Geizes und ihrer Internetseiten, Handbücher etc. stellt sich heraus, dass Geiz eine vorausschauende Lebensplanung beinhaltet, die wenig Raum für Spontanes oder Überraschungen lässt, die z. B. eine Einladung lieber ausschlägt, weil ihr von dieser Begegnung ja auch eine Gegeneinladung erwartet werden könnte. Bereits an diesem Beispiel wird deutlich, dass man mit Geld, Zeit, Vertrauen und Zuwendung oder – noch intimer – mit Liebe geizen kann. Etwas zu haben, bedeutet auch, etwas zu sein, oder noch prinzipieller: Haben = Sein. Nichts zu haben bedeutet nichts zu sein. So lautet in psychologischer Perspektive die Antwort auf die Frage, was Geiz auslöst, die Angst, sich selbst zu verlieren. Wenn ich dieses oder jenes oder diese Zeit für mich nicht habe, dann bin ich selbst überhaupt nicht mehr richtig vorhanden. „Geiz als verkleidete Angst vor dem Tod oder vor dem Nichts. Paradoxerweise beschleunigt Geiz den Tod […] Übertriebener Geiz dämpft die Lebenslust und tötet die Sinnlichkeit. Er vergiftet Liebesbeziehungen und gefährdet Freundschaften und die harmonische Zusammenarbeit mit Kollegen.“ (Schönberger) Geiz ist ein Ausdruck von Habgier und: sie zeigt, wie sehr ich mich an das klammere, was ich habe, aus Angst mich selbst zu verlieren. Klar ist jetzt aber auch: Nicht Gott hat den Kornbauern zum Tode verurteilt, sondern er stirbt an seiner Angst, ohne die vollen Scheunen nichts zu sein. Nachhaltig predigen heißt, sich zu vergegenwärtigen, wie sehr unser Leben gefördert wird, wenn wir uns von dem Leitbild der überfließenden Gnade Gottes bestimmen lassen.

Mt 6, 25-34 Vom Schätze sammeln

Es wäre falsch, aus diesen Zeilen allein ein Lob der Faulheit herauszulesen. Aber dennoch möchte Jesus mit diesen Worten Menschen befreien von der Sorge um ihr tägliches Brot, ihr Auskommen. Das Wort ist an arme Menschen gerichtet. Sie sollen den Reichen den Rücken zukehren, statt weiterhin nur auf deren Leben zu sehen und sich an ihnen zu messen. Sie sollen ihr Leben zentral auf Gott ausrichten. Allerdings dürfte seine Rede ziemlichen Widerspruch provoziert haben. Gerade armen Menschen mitzuteilen, sie sollten sich nicht sorgen, kann leicht überheblich klingen. Jesus geht es darum, dass auch sie einen weiten Horizont zur Deutung ihres Lebens erhalten. Was hat ein Mensch vom Leben, wenn er sich nur noch abrackert und von Sorgen verzehren lässt? Es geht in diesem „Wort an die Armen“ um den Vorrang des Religiösen im Leben. Es hilft, das Leben als Ganzes zu stabilisieren. Gottvertrauen schafft einen Freiraum, dass Sorgen nicht wie Fluten über Köpfen zusammenschlagen.

In einem Kinderfilm zur Bergpredigt wird zu diesem Stück folgende Geschichte erzählt: Ein Mädchen gehört in der Schule zu einer Clique von finanziell gut gestellten Jugendlichen bzw. sie möchte gern zu ihnen gehören, hat aber eben zu wenig Geld zur Verfügung. Sie versucht mit gespartem Geld mitzuhalten, wenn es abends ums Ausgehen geht, oder sie kauft sich ein Markenhandy, muss dafür aber ständig arbeiten. Manchmal wird sie total wütend auf ihre Mutter, die alleinerziehend ist und ihr nicht so viel Taschengeld geben kann. Sie erzählt ihren Schulkameraden Lügen über die Berufstätigkeit ihrer Mutter, erfindet einen erfolgreichen Vater ... Ihr Wunsch, auch gerne mehr Geld zu haben, wird sehr gut verständlich. Aber es ist auch eine Befreiung für sie, als das selbstgebaute Kartenhaus aus Lügen zusammenfällt. In diesem Zusammenbruch kann sie sehen, was an ihrem Leben unverwechselbar gut und schön ist, wer zu ihr hält und worauf sie vertrauen kann. Die Sorge um ein glückliches Leben wird durch den Blick auf das, was sie glücklich macht im eigenen Leben, durchbrochen. Diese Auslegung des „Sorget nicht“ ist tiefgründig, denn sie zeigt, wie verständlich es ist, dass Menschen sich mit Geld die Option auf viele Lebensmöglichkeiten erwirtschaften wollen, und wie diese Sorge doch auch Lebensmöglichkeiten nimmt. Es gilt, die Macht der Sorge im eigenen Leben zu durchbrechen, damit wir wieder zu Gott finden können.

Nachhaltig predigen heißt, Durchblicke durch die menschlichen Systeme des Sorgens zu verschaffen. Falsches Sorgen baut auf der Annahme auf, man könnte – wenn man erfolgreich genug sorgt – eine andere Realität schaffen, sei es nun ein höheres persönliches Wohlbefinden oder sei es eine ökologischer gestaltete Umwelt. Richtiges Sorgen setzt sich voll für beides Genannte ein. Doch dies gelingt kaum ohne den Cantus firmus christlich verstandener Nachhaltigkeit: „Es geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott.“ Und mehr: geht aber zu auf Gott. Nachhaltiges Sorgen heißt loslassen lernen.


Literatur:

Manfred Köhnlein, Die Bergpredigt. Stuttgart 2005
Birgit Schönberger, Der Geiz. In: Klaus Hofmeister / Lothar Bauerochse, Geil & Geizig. Die Todsünden als Gebote der Stunde. Würzburg 2004, S. 26-38
Wilfried Engemann, Aneignung der Freiheit. Essays zur christlichen Lebenskunst. Stuttgart 2007

Dr. Ilona Nord, Frankfurt am Main

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