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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

27. Sep. 09 - 16. Sonntag nach Trinitatis / 26. Sonntag im Jahreskreis

ev. Reihe I kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Joh 11, 1(2)3.17-27.41-45

Num 11, 25-29

Jak 5, 1-6

Mk 9, 38-43.45.47-48

Die Autorin betrachtet die Bibelstelle der kath. 1. Lesung. mangelnde Ausdauer und Geduld, fehlendes Vertrauen in den richtigen Weg, einzelne Menschen entwickeln Visionen und Zukunftsstrategien, Gier und Egozentrik blockieren den schon sichtbaren Weg ins Gelobte Land, Verantwortung und Aufgaben adäquat verteilen, intelligente Selbstbeschränkung, Gier schaufelt Gräber – auch für andere


Nachhaltig predigen – Num 11, 25 – 29

Das Buch Numeri steht im Kontext der bedeutenden Erzählung der Befreiung und des Auszugs der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten. Am Berg Sinai erhält Mose die Gesetzestafeln mit den 10 Geboten, und es erfolgt der Bundesschluss zwischen Gott und dem Volk Israel. Schon hier, nach dem schnellen Erfolg des Aufbruchs aus Ägypten und der gelungenen Flucht durch das Schilfmeer, zeigt das Volk wenig Ausdauer und läuft Gefahr, wieder von fremden Göttern und alten Machthabern in den Bann gezogen zu werden. Moses energisches Handeln und ein hoher persönlicher Preis verhindern dies. Im Buch Numeri richtet sich nun der Blick vom Sinai hin zum Jordan in das „Gelobte Land“, in die Zukunft. Dies geschieht im Vertrauen darauf, dass Gott, der die Israeliten aus Ägypten befreit und durch die Wüste geführt hat, sein Volk auch weiter durch die Geschichte führen wird. Angesichts dieses Vertrauens auf Gott werden auch in schwierigen oder gar ausweglos erscheinenden Situationen Strategien entwickelt. Einzelne Menschen, die in besonderer Weise vom Geist Gottes berührt sind, ergreifen die Initiative und entwickeln Zukunftsstrategien. Sie überlassen sich nicht einfach dem Schicksal oder Zufall. Sie entwickeln Visionen, sind vorausschauend und fordern zu freiem und selbstbestimmten Handeln auf.

Bevor das Volk vom Sinai aufbrechen kann, erfolgt eine Ordnung des Volkes sowohl im Lager als auf dem Marsch, wenig spektakulär und zeitraubend. Noch bevor es zum Aufbruch kommt, zeigt sich erneut die Ungeduld, Unzufriedenheit und Gier des Volkes. Vergessen sind die negativen Folgen der Sklaverei: „… und auch die Israeliten begannen wieder zu weinen und sagten: Wenn uns doch jemand Fleisch zu essen gäbe! Wir denken an die Fische, die wir in Ägypten umsonst zu essen bekamen, an die Gurken und Melonen, an den Lauch, an die Zwiebeln und an den Knoblauch. Doch jetzt vertrocknet uns die Kehle, nichts bekommen wir zu sehen als immer nur Manna.“ (Num 11, 4-6) Aufgrund dieses Geschreis „…entbrannte der Zorn des Herrn“ und …“Mose aber war verstimmt“. Er saß mal wieder zwischen allen Stühlen, der Herr zornig und das Volk unwillig. Man muss sich ernsthaft fragen, hatte Mose das, was wir heute unter einem burn–out–Syndrom verstehen, wenn er sagt: „Ich kann dieses ganze Volk nicht allein tragen, es ist mir zu schwer. Wenn du mich so behandelst, dann bring mich lieber gleich um, wenn ich überhaupt deine Gnade gefunden habe. Ich will mein Elend nicht mehr ansehen.“ Er war erschöpft, ausgebrannt. In dieser Situation wäre er am liebsten gestorben.

Die Unzufriedenheit und Gier der Menschen bedroht das Leben jedes Einzelnen.

Mangelnde Ausdauer, der Wunsch nach schnellem Erfolg, die mangelnde Bereitschaft sich selbst etwas zu erarbeiten, auf Kosten anderer Dinge zu erhalten, das Anspruchsdenken „Mir stehen aber Fleisch und Melonen zu“, der Entfall der Frage nach dem Nächsten: „Wie geht es Dir?“ … Diese und andere Faktoren gefährden die Zukunft des Einzelnen wie der Gesellschaft als Ganzer. Nur solidarisches, nachhaltiges Handeln ermöglicht Leben auch in Zukunft. Gier, immer mehr, immer weiter, immer höher, nie genug, … vielleicht wäre ja doch nur für mich allein ein bisschen mehr drin? verhindert den Blick in die Zukunft, verhindert den Aufbruch ins Gelobte Land. Gier macht den Traum von einer besseren Welt zunichte.

Welche Strategie bietet Gott in diesem Text an, um sowohl Mose als auch dem Volk wieder neue Kraft, neuen Mut und neuen Weitblick zu geben? Eigentlich ganz einfach: die Last des Mose wird auf mehrere Schultern verteilt. 70 Älteste werden vor dem Offenbarungszelt zusammengerufen und Gott spricht: „Ich nehme etwas von dem Geist, der auf dir ruht, und lege ihn auf sie. So können sie mit dir zusammen die Last des Volkes tragen, und du musst sie nicht mehr allein tragen.“ Geistsendung und Verantwortung werden geteilt. Mose wird entlastet, aber er muss auch von der Geistkraft Gottes abgeben. So ist eine Struktur der Leitung des Volkes geschaffen, die auch in Zukunft verantwortliches Handeln ermöglicht. Sie ist sozusagen nicht an eine bestimmte Person gebunden. Das ganze Unternehmen Aufbruch zum Jordan ist nun nicht mehr einzig und allein an die Person des Mose gebunden. Der Marsch ins gelobte Land kann erfolgen, auch wenn Mose etwas zustößt. Die Ältesten, die die verschiedenen Stämmen und Gruppen repräsentieren, können nun direkter und schneller handeln und sowohl Fürsprecher des Volkes als auch Orientierungspersönlichkeiten sein.

Dies ist eine langfristige, auf Zukunft hin orientierte Entwicklung, die man durchaus als nachhaltig bezeichnen kann. Selbst Eldad und Medad werden von dieser Entwicklung nicht ausgeschlossen. Sie kommen zwar nicht zum Offenbarungszelt, doch Gott will, dass jeder Verantwortung übernimmt und Mose antwortet: „Wenn nur das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde, wenn nur der Herr seinen Geist auf sie alle legte!“ (Num 11, 29)

Ab Vers 33 wird die Rahmenerzählung wieder aufgenommen. Es wird berichtet, wie Gott Wachteln in großer Zahl schickt, wie die Menschen sie gierig aufsammeln und essen, dass Gott aus Zorn das Volk danach sofort mit einer Plage schlägt. „Daher nannte man den Ort Kibrot – Taawa (Giergräber), da man dort die Leute begrub, die von der Gier gepackt worden waren.“ Einige waren wohl von der Gier nach Fleisch so gepackt worden, dass ihr Körper diese Gier nicht verkraftete. Ihre eigene Gier hat sie umgebracht. Hier wird uns in drastischer Weise das Gegenmodell zu nachhaltigem Handeln vor Augen gestellt. Unersättliche Gier, die ausschließlich auf schnelle exzessive Befriedigung unserer Triebe ausgerichtet ist, vernichtet Lebensmöglichkeiten. Ohne Verzicht, ohne sinnvolle Selbstbegrenzung ist nachhaltige Entwicklung nicht möglich. Auch ist hier nicht langfristig dafür gesorgt, dass der Hunger in Zukunft sinnvoll gestillt werden kann. Die Gier gräbt sich ihr eigenes Grab in Kibrot - Taawa (Giergräber).

Diese Tatsache trifft heute noch zu. Mit der Gier der Menschen werden viele Gräber geschaufelt. Aber heute schaufeln wir meist nicht gierig unsere eigenen Gräber, sondern Gräber für andere Menschen, Menschen die wir nicht einmal kennen. Vielleicht weil sie in anderen gesellschaftlichen Schichten, anderen Länder leben oder weil sie noch gar nicht geboren sind. Vielleicht sind wir selbst auch als Opfer diesem Mechanismus der Gier unterworfen. Andere nehmen sich ja nur was ihnen zusteht, und wir gehen leer aus. Unsere Umwelt und Mitgeschöpfe sind wehrlos der Gier des Menschen ausgeliefert. Hier ist Handeln auf der Basis der Prinzipien der Katholischen Soziallehre gefordert. Die Würde und Freiheit einer jeden Person, weitgehendes eigenverantwortliches Handeln, Solidarität mit allen Menschen und der ganzen Schöpfung, das Wohl der ganzen Gemeinschaft und die nachhaltige Sorge für das Leben auf unserer Erde sollten Orientierungsmassstäbe unseres Handelns werden. Wir sollten nicht auf den bequemen Weg der Wachteln, die uns im Halse stecken bleiben könnten, hoffen, sondern Strategien entwickeln, die langfristig Lebensperspektiven eröffnen. Im Vertrauen auf Gott, der die Israeliten aus dem Sklavenhaus Ägypten herausführte und der uns als sein Abbild, als Mann und Frau geschaffen hat, der uns den Auftrag gegeben hat, Leben weiterzugeben, die Erde zu bevölkern und uns um sie zu sorgen und sie nutzbar zu machen. (vgl. Gen 1, 27-28)

Brechen wir auf in das Gelobte Land und gehen wir etappenweise. Brechen wir auf wie das Volk Israel aus Kibrot – Taawa, aus dem Land der Giergräber nach Hazerot und schauen wir, was uns dort erwartet auf dem Weg ins Gelobte Land.

Christine Schardt, Mainz

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